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epa05156299 A picture made available on 12 February 2016 of one-month-old Manuelly Araujo da Cruz, who was born with microcephaly after being exposed to the zika virus during her mother's pregnancy, in Rio de Janeiro, Brazil, 11 February 2016. The mother Leticia de Araujo, who caught the Zika virus during her third month of pregnancy, says that it is possible to raise her daughter in a completely normal way. 'The only difference is that Manuelly has a time when she cries a lot and gets very nervous waving her arms' but 'beyond that is normal'.  EPA/ANTONIO LACERDA

Die kleine Manuelly wurde mit einem missgebildeten Schädel geboren. Ihre Mutter hatte sich während der Schwangerschaft mit dem Zika-Virus infiziert. 
Bild: EPA/EFE

Unheimlicher Verdacht: Ist das Zika-Virus gar nicht schuld an Missbildungen bei brasilianischen Kindern?



Ende Oktober 2015 wurden in Nordost-Brasilien plötzlich mehr Neugeborene mit viel zu kleinen Köpfen geboren als sonst. Bis Mitte Januar registrierte das brasilianische Gesundheitsministerium rund 3900 Verdachtsfälle. Als mögliche Ursache für diese Häufung von Mikrozephalie-Fällen wurde das Zika-Virus ausgemacht. Seither grassiert die Angst vor dem Erreger. Am 1. Februar erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO den globalen «Öffentlichen Gesundheitsnotstand». 

Die schockierenden Bilder der Kinder mit Schädelfehlbildungen erinnern an den Contergan-Skandal: In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kamen viele Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft das rezeptfreie Beruhigungsmittel Contergan eingenommen hatten, mit schweren Missbildungen zur Welt. Der im Medikament enthaltene Wirkstoff Thalidomid hatte die Entwicklung der Föten gestört. 

So bekämpft Südamerika das Zika-Virus

Ein Insektizid am Pranger

Möglicherweise findet deshalb in den sozialen Medien ein Bericht von argentinischen Medizinern weite Verbreitung, der den Anstieg von Mikrozephalie-Fällen nicht mit dem Zika-Virus in Verbindung bringt, sondern mit einem Pestizid. Die Ärzte, deren Website Red universitaria de ambiente y salud als Plattform gegen die Ausbringung von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln dient, nennen sich «Medicos de pueblos fumigados» (etwa: Ärzte der chemisch besprühten Dörfer). 

Die chemie-kritischen Mediziner haben das Insektengift Pyriproxyfen – ein künstliches Juvenilhormon – als Schuldigen ausgemacht. Die brasilianische Regierung hatte das Insektizid der Firma Sumitomo Chemicals 2014 dem Trinkwasser zur Mückenbekämpfung beigemischt. Die argentinischen Ärzte behaupten, dies sei in jenen Gebieten geschehen, die nun am stärksten von Mikrozephalie betroffen seien.

Sie weisen zudem darauf hin, dass Pyriproxyfen das Wachstum von Insektenlarven hemmt, indem es in deren Hormonhaushalt eingreift. Ihre Vermutung: Das Larvizid beeinflusst auch die Gehirn-Entwicklung eines menschlichen Fötus. Als weiteres Indiz führen die Ärzte schliesslich an, dass es bereits früher Zika-Epidemien gegeben habe, ohne dass es dabei zu Fällen von Mikrozephalie gekommen sei. Derzeit gebe es auch in Kolumbien zahlreiche Zika-Infektionen, aber keine Zunahme von Mikrozephalie-Fällen. 

Eine Verschwörungstheorie?

Ein verschwörungstheoretisches Aroma erhält der am 9. Februar publizierte Bericht allerdings, wenn die Ärzte den brasilianischen Behörden unterstellen, diese hätten das Zika-Virus als Ursache für die Missbildungen nur vorgeschoben. Man versuche damit vom verantwortungslosen Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln ablenken. Die Strategie der chemischen Bekämpfung der Mücken sei «ein kommerzielles Manöver» der «Chemiegift-Industrie», die mit den lateinamerikanischen Gesundheitsministerien und der WHO verbandelt sei. 

«Die Bekämpfung der Mücken hat oberste Priorität.»

Tropenmediziner Christoph Hatz

Im Bericht wird der Hersteller des Larvizids, die japanische Firma Sumitomo Chemicals, als Tochterfirma des US-Chemiekonzerns Monsanto bezeichnet, der bei Umweltschützern einen eher schlechten Ruf geniesst. Monsanto beeilte sich denn auch darauf hinzuweisen, dass der Konzern Pyriproxyfen weder herstelle noch verkaufe und dass Sumitomo Chemicals keine Tochterfirma von Monsanto sei. 

«Es gibt einen Zusammenhang von Zika und Mikrozephalie»

«Das ist verantwortungslos», sagt Professor Christoph Hatz von der Universität Basel zu den Behauptungen des Berichts, wonach die Missbildungen nichts mit dem Zika-Virus zu tun hätten und der Einsatz von Insektiziden gegen die Mücken einzig aus kommerziellen Gründen erfolge.

FILE - In this Thursday, Feb. 11, 2016, file photo, Aedes aegypti mosquitoes float in a mosquito cage at a laboratory in Cucuta, Colombia. The Aedes aegypti mosquito is the vector that transmits the Zika virus, and also dengue and chikunguna. The Food and Drug Administration is recommending U.S. blood banks refuse donations from people who have traveled to countries where the Zika virus is active in the prior four weeks, part of guidelines meant to protect the blood supply from the mosquito-borne virus.  (AP Photo/Ricardo Mazalan, File)

Überträger des Zika-Virus: Stechmücken der Art Aedes aegypti. 
Bild: Ricardo Mazalan/AP/KEYSTONE

«Was wir sicher wissen: Das Zika-Virus kann von Schwangeren an den Fötus weitergegeben werden.»

Christoph Hatz

«Die Bekämpfung der Mücken hat oberste Priorität», stellt der Tropenmediziner fest. Dies nicht nur wegen der aktuellen Zika-Epidemie. Auch andere gefährliche Viren wie der Erreger des Dengue-Fiebers würden schliesslich durch Mücken übertragen. 

Davon abgesehen dürfe man allerdings den Bericht der Ärzte nicht einfach als Unsinn abtun. «So lange wir nicht genau wissen, was für diese Häufung von Mikrozephalie-Fällen verantwortlich ist, sollten wir allen möglichen Ursachen nachgehen», sagt Hatz. «Was wir sicher wissen: Das Zika-Virus kann von Schwangeren an den Fötus weitergegeben werden.» Und: «Es gibt bestimmt irgendeinen Zusammenhang von Zika und Mikrozephalie.»

Darauf weisen auch Forschungsergebnisse hin, die erst diese Woche publiziert wurden: Brasilianische Wissenschaftler entdeckten das Zika-Virus im Hirngewebe mehrerer Neugeborener. Noch ist aber unklar, wie der Erreger wirkt. 

«In den meisten Fällen verläuft das Zikafieber ziemlich harmlos.»

Chriszoph Hatz

Mögliche andere Ursachen

Ob aber das Zika-Virus tatsächlich die Mikrozephalie auslöst oder ob diese andere Ursachen hat, könne derzeit nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, betont Hatz. Der letzte Beleg dafür fehlt derzeit noch. Tatsächlich können verschiedene Ursachen dazu führen, dass Neugeborene einen zu kleinen Kopf haben: beispielsweise Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, eine Ansteckung mit Röteln oder Fehler bei der Zellteilung (Trisomien). 

Das Zika-Virus ist schon länger bekannt. Warum es bei den früheren Epidemien keine Häufung von Schädel-Missbildungen gab, erklärt Hatz damit, dass die Fallzahlen damals vermutlich zu klein waren. Aus diesem Grund sei der Zusammenhang gar nicht aufgefallen. Hatz relativiert: «Es ist ja keinesfalls so, dass jede Schwangere, die sich infiziert hat, ein missgebildetes Kind zur Welt bringt. In den meisten Fällen verläuft das Zikafieber ziemlich harmlos.»

Keine Missbildungen in anderen Ländern

Das brasilianische Gesundheitsministerium hat inzwischen den Bericht der argentinischen Mediziner zurückgewiesen. «Es gibt keine epidemiologische Studie, die eine Verbindung zwischen dem Einsatz von Pyriproxyfen und Mikrozephalie beweist», teilte die Behörde am Montag mit. Sie wies darauf hin, dass nur von der WHO empfohlene Larvizide – zu denen auch Pyriproxifen zählt – eingesetzt würden. 

Tatsächlich ist das Insektizid ausführlich getestet worden. Die WHO empfiehlt eine Dosierung von Pyriproxyfen im Trinkwasser, die 0,01 mg/L nicht überschreitet. Die amerikanische Immunologin Tirumalai Kamala weist überdies darauf hin, dass Pyriproxyfen schon länger und an verschiedenen Orten – beispielsweise in Spanien, Italien und Israel – eingesetzt wird, ohne dass es dort zu einer Häufung von Mikrozephalie gekommen ist. Auch gebe es keinerlei Belege für entsprechende Anomalien bei Säugetieren in solchen Gebieten. 

Was steckt hinter dem Zika-Virus?

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Interview zum Zika-Virus.
YouTube/spiegeltv

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    Alle Leser-Kommentare
  • karl_e 18.02.2016 22:58
    Highlight Highlight Insektizid im Trinkwasser? Na dann, prost!
  • _kokolorix 18.02.2016 18:10
    Highlight Highlight erstaunlich für mich ist, dass es immer auf massnahmen hinausläuft von welchen grosskonzerne massiv profitieren. so auch im vorliegenden fall. es werden sofort mio von steuergelder für die forschung verteilt, die heilsbringende impfung wird dann für weitere mio von steuergeldern gekauft etc.
    als sofortmassnahme werden 500t chemikalien eingesetzt...
    die eindämmung der mücken gelingt nur wenn man in den armenvierteln eine geschlossene wasser ver- und entsorgung aufbaut. aber diese investitonen gehen vor allem ans lokale gewerbe und das geht ja nun gar nicht
    • lipangalala 19.02.2016 01:35
      Highlight Highlight Und den Regen abstellen. Und allen Müll wegräumen. Und alles zubetonieren. Und das führt garantiert nicht dazu, dass grosse Konzerne massiv profitieren. Es ist halt nunmal so, dass grossangelegte Massnahmen Geld kosten und jemand das Geld verdienen wird.
    • _kokolorix 19.02.2016 05:52
      Highlight Highlight @ilpangalaya
      manchmal wäre es besser einfach zu schweigen, wenn man keine argumente hat
  • pun 18.02.2016 15:47
    Highlight Highlight Wow! Danke für den ausführlichen Bericht.
  • Einstein56 18.02.2016 11:53
    Highlight Highlight Wie so oft: All das können die reichen, klugen, kritischen Watsonjournis vom Schreibtisch aus selber sehr gut beurteilen. Zumindest kann man ja die Stimmung befeuern.
  • Tilia 18.02.2016 10:28
    Highlight Highlight also so verschwörerisch find ich die theorie nicht, mücken vorzuschieben um den pestizidgebrauch nicht zu gefährden. im gegenteil um noch mehr pestizide zu verwenden. und dass die chemiebomben in diesen ländern gröbere schäden anrichten weiss man schon länger aber wer gegen monsanto und co kämpft steht einer milliardenschweren weltmacht gegenüber.....
  • Ramira 18.02.2016 09:10
    Highlight Highlight Die Regierung hat das Insektizied dem Trinkwasser beigemischt? Ich war 2014 in Brasilien und die meisten benutzen das Wasser aus dem Hahnen nur um sich die Zähne zu putzen oder un sich zu Duschen. Trinken darf man dies nicht. Oder haben sie das Insektizied in die abgefüllten Wasserflaschen getan?
    • Mietzekatze 18.02.2016 10:03
      Highlight Highlight Haha... Ja klar, wer sich das Trinkwasser in Flaschen leisten kann, wird dies wohl auch tun. Ich schätze mal, das ist in Brasilien etwa 30% der Bevölkerung. Wasser in Indien bringt uns um, die Inder trinken es ohne Probleme. Aus dem Hahn (wenn es denn einen gibt), direkt aus dem Ganges oder wo sie es auch bekommen... Wer durst hat, trinkt! Egal was die Empfehlung dazu wäre...
    • Ramira 18.02.2016 10:28
      Highlight Highlight Die Familie meines Partners kommt von da und sie sind nicht reich nicht ein mal im Mittelstand, nein sie sind arm. Sie leben in kleinen selbst gebauten "Häuschen" zapfen den Strom vom Staat ab, aber selbst Sie Kaufen das Wasser zum Trinken.
  • MasterPain 18.02.2016 08:49
    Highlight Highlight «Seither grassiert die Angst vor dem Erreger» soll heissen «Seither versuchen wir mit aller Macht die Angst vor dem Virus zu schüren»

    😒
  • zoobee1980 18.02.2016 08:25
    Highlight Highlight «Es gibt bestimmt irgendeinen Zusammenhang von Zika und Mikrozephalie.» - frei nach dem Motto "I WANT TO BELIEVE!" ??? lol...

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