Seit 300 Jahren kommen Flüchtlinge in die Schweiz: Wirklich willkommen war bislang vor allem eine Gruppe

Publiziert: 23.09.16, 13:02

kian ramezani

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland und das schon seit geraumer Zeit. Aus allen Herren Ländern flohen über die Jahrhunderte Menschen vor Verfolgung und hofften, hier Aufnahme und Schutz zu finden. Ein Blick zurück zeigt: Ob sie wohlwollend oder mit Argwohn oder gar nicht aufgenommen wurden, hatte und hat nur beschränkt mit ihnen selbst zu tun. Aber viel mit der politischen Grosswetterlage. Und wer nach ihnen kam.

Hugenotten – erwünscht

Bartholomäusnacht des Jahres 1572, gemalt von François Dubois (1529–1584). bild via wikimedia

Ende des 17. Jahrhunderts flohen rund 200'000 protestantische Hugenotten und Waldenser in die Schweiz, um der Verfolgung durch die katholischen Machthaber in ihrer französischen und italienischen Heimat zu entgehen. Eine geradezu gewaltige Zahl, denn die Schweiz zählte damals nur rund 1,2 Millionen Einwohner. In manchen Städten übertrafen die Flüchtlinge die Einwohner zahlenmässig. Obwohl die reformierten Kantone an ihre Grenzen stiessen, war die Solidarität mit den Glaubensbrüdern und -schwestern gross. Man einigte sich gar auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik – die erste in der Geschichte der Schweiz.

Juden – unerwünscht

Der berüchtigte Judenstempel diente den Schweizer Behörden dazu, jüdische von nicht-jüdischen Flüchtlingen zu unterscheiden. Bild: AP

Wurden die Hugenotten aus konfessionellen Gründen mit offenen Armen empfangen, stiessen die Juden aus demselben Grund auf Ablehnung, als sie ab 1920 von den Pogromen in Osteuropa und später im Zweiten Weltkrieg vor der Vernichtung durch die Nazis flohen. Bis 1938 gelangten noch rund 10'000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich in die Schweiz, dann schloss der Bundesrat die Grenze. Mindestens 30'000, darunter viele Juden, wurden in den Kriegsjahren abgewiesen. Dazu heisst es im sogenannten Bergier-Bericht über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg: «Es ist bekannt, dass im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) starke fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen herrschten und die Polizeiabteilung ihre Kräfte auf die Abwehr der Flüchtlinge konzentrierte.»

Ungarn – erwünscht

Eine ungarische Flüchtlingsfamilie an der Schweizer Grenze in Buchs (SG), aufgenommen am 8. November 1956.  Bild: KEYSTONE

1956 schlug die Sowjetunion den Volksaufstand in Ungarn nieder, Hunderttausende ergriffen die Flucht nach Westeuropa. Nicht zuletzt in Erinnerung an das Versagen im Zweiten Weltkrieg brach die Schweiz radikal mit ihrer bisherigen Asylpolitik und nahm bis 1957 insgesamt 14'000 ungarische Flüchtlinge auf. Die grosse Anteilnahme in der Schweizer Bevölkerung begünstigte den Kurswechsel. «Die mit Sonderzügen eintreffenden Flüchtlinge wurden auf den Bahnhöfen von grossen Menschenmengen empfangen. Wohltätigkeitskonzerte und Theateraufführungen wurden veranstaltet, Kerzenaktionen durchgeführt, Geld wurde gesammelt», schrieb der ehemalige stellvertretende Chefreadaktor der NZZ, Alfred Cattani.

Tibeter – erwünscht

Eingangsschild zum Tibet-Institut in Rikon im Tösstal.  Bild: KEYSTONE

Wenig später, im März 1959, kam es in Tibet zu einem Volksaufstand, der von den chinesischen Machthabern blutig niedergeschlagen wurde. Der Dalai Lama floh ins nahe Ausland, Zehntausende seiner Anhänger folgten ihm. Indien, Nepal und Bhutan waren überfordert und baten die UNO, neue Aufnahmeländer zu finden. In der Schweiz wurden zunächst vor allem Private aktiv und nahmen tibetische Kinder auf. 1961 gewährte der Bundesrat ein Kontingent von 1000 tibetischen Flüchtlingen. Die antikommunistische Stimmung, die schon den Ungarn zugute gekommen war, half auch den Tibetern. Zudem wurden sie als «Bergvolk wie wir Schweizer» romantisiert. Interessant: Behördlichen Integrationsdruck gab es keinen, im Gegenteil: Die Tibeter lebten unter sich, 1968 durften sie in Rikon im Tösstal sogar ein Kloster bauen.

Tschecheslowaken – erwünscht

Russische Panzer fahren auf dem Prager Wenzels-Platz auf (21.08.1968).  Bild: AP

Zum Zeitpunkt der Niederschlagung des Prager Frühlings befanden sich bereits zahlreiche Touristen aus der CSSR in der Schweiz. Sie machten von der Reisefreiheit Gebrauch, welche die Reformer um Alexander Dubcek eingeführt hatten. Als die Truppen des Warschauer Pakts Prag besetzten, bot die Schweiz diesen Menschen unkompliziert Asyl an. Insgesamt kamen 12'000 Tschechoslowaken. Zwar war die Euphorie in der Bevölkerung nicht ganz so gross wie bei den Ungarn, doch auch diesmal war klar, dass den Opfern sowjetischer Aggression geholfen werden musste.

Chilenen – zuerst unerwünscht

Anhänger des gestürzten chilenischen Präsidenten Salvador Allende gefangen im Nationalstadion von Santiago (September 1973). Bild: AP

Als 1973 General Pinochet die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende stürzte und dessen Anhänger systematisch einsperren und ermorden liess, flohen Tausende. Als Allende-Anhänger galten sie als Marxisten und standen in der Kalter-Krieg-Optik der Schweiz somit auf der falschen Seite der Geschichte. Gemäss dem Historischen Wörterbuch der Schweiz entschied sich der Bundesrat zuerst einzig zur Aufnahme von 200 chilenischen Flüchtlingen. Nach heftigen Protesten lockerte er die restriktive Praxis. In den folgenden 10 Jahren sollen 1600 Chilenen als politische Flüchtlinge anerkannt worden sein.

Vietnamesen – erwünscht

Vietnamesische Boat People erreichen die britische Kolonie Hongkong (03.12.1978).  Bild: KEYSTONE

1975 marschierte das kommunistische Nordvietnam in Saigon ein. Hunderttausende flohen über das Meer. Die Schweiz nahm zwischen 1975 und 1983 rund 8200 dieser «Boat People» auf. Wieder war die Anteilnahme an Opfern des Kommunismus in der Schweizer Bevölkerung gross: «Bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe gingen damals zahlreiche Telefonanrufe von Schweizer Bürgern ein, die wissen wollten, wann diese Flüchtlinge denn endlich kommen würden», sagte Beat Meiner, früher Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, in einem Interview.

Tamilen – unerwünscht

Plakat gegen rassistische Vorurteile (2003). Bild: GRA - STIFTUNG GEGEN RASSISMUS

Die meisten der heute rund 50'000 Menschen sri-lankischer Abstammung in der Schweiz waren in den 1980er und 1990er-Jahren vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen. Sie stiessen zunächst auf Ablehnung, in der Boulevard-Presse wurden sie als «Heroin-Tamilen in Lederjacken» karikiert. Dann erwiesen sie sich als «mustergültige» Einwanderer, die hart arbeiten und nicht auffallen. Zwischenzeitlich fiel die Beurteilung wieder etwas weniger euphorisch aus, weil Tamilen auffallend oft in der Kriminalstatistik auftauchten.

Jugoslawen – unerwünscht

Serbische Flüchtlinge in Bosnien (08.08.1995). Bild: AP

Der Bürgerkrieg nach dem Zerfall Jugoslawiens und anschliessend der Kosovokrieg trieben Zehntausende Flüchtlinge in die Schweiz. Heute leben hier über 300'000 Menschen aus Ex-Jugoslwaien. Auch diese Einwanderergruppe hatte (und hat) es bisweilen schwer. Raser und Schläger unter ihnen brachten den gesamten Balkan in Verruf. Noch heute gelten Nachnamen, die auf -ic enden, als Nachteil auf dem Arbeitsmarkt. Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt.

Eritreer – unerwünscht

Eine Flüchtlingsfamilie aus Eritrea in der Schweiz erhält gespendete Lebensmittel (01.05.2015). Bild: KEYSTONE

Die aktuellen Buhmenschen im Schweizer Asylwesen. Der Bundesrat und sämtliche Regierungen Westeuropas vertreten die Ansicht, dass in Eritrea ein Unrechtsregime herrscht und den Flüchtlingen deshalb politisches Asyl oder zumindest vorläufige Aufnahme gewährt werden muss. Rechtskonservative Kreise in Medien und Politik hingegen bezeichnen Eritreer als «Wirtschaftsflüchtlinge», die zurückgeschafft gehören.

Syrer – erwünscht, aber ...

Syrische Flüchtlinge am Bahnhof Keleti (03.09.2015). Bild: LASZLO BALOGH/REUTERS

3500 Flüchtlinge aus dem syrischen Kriegsgebiet will der Bundesrat über drei Jahre verteilt aufnehmen und gezielt integrieren. Alle anderen, die es bis hierher schaffen, werden vorläufig aufgenommen. Gemäss Angaben des Staatssekretariats für Migration hat die Schweiz seit Ausbruch des Krieges im März 2011 etwa 8450 Asylgesuche von syrischen Staatsbürgern entgegengenommen (Stand Ende Mai 2015). Angesichts des Ausmasses der humanitären Tragödie – im Libanon, in Jordanien und in der Türkei fristen Millionen Flüchtlinge ein trauriges Dasein in unterfinanzierten Lagern, Tausende ertrinken auf der Flucht über das Mittelmeer – ein bescheidener Beitrag.

Update: Aufgrund mehrerer Leserrückmeldungen ist zu präzisieren, dass mit der «Gruppe» im Titel keine spezifische Volksgruppe gemeint ist, sondern die Kategorie jener, die vor kommunistischer Aggression flohen.

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