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PR-Sprache, Manipulationen, subjektive Einträge: Wie glaubhaft ist Wikipedia?

Firmen und PR-Leute haben das Online-Nachschlagewerk längst für sich entdeckt. Für die Leser heisst das: Aufpassen.

10.02.16, 05:16 10.02.16, 07:56

fabian hock / Aargauer Zeitung

Der 3. Januar 2006 war der Tag, an dem Bertrand Meyer unter die Lebenden zurückkehrte. Am Heiligen Abend des Vorjahres soll er gestorben sein, so stand es ab dem 28.12.2005 in seinem Wikipedia-Eintrag. Es stimmte aber nicht. Als der Fehler fünf Tage später gefunden und behoben wurde, war klar: Ein paar Studenten der ETH Zürich hatten sich einen üblen Scherz mit ihrem Informatikprofessor erlaubt, indem sie seinen Eintrag im Online-Nachschlagewerk manipulierten.

In Wikipedia-Artikeln tauchen immer wieder Fehler auf. Normale Fehler, wie sie jedem von uns passieren. Solche, die bewusst eingebaut, aber doch eher harmlos sind. Und auch solche Manipulationen, wie sie die Zürcher Kantonalbank (ZKB) im vergangenen Sommer versuchte: Angestellte der Bank löschten unliebsame Passagen über die Rolle der ZKB bei der Übernahme des Industriekonzerns Sulzer durch den russischen Milliardär Viktor Vekselberg.

Selbstheilungsprinzip

Fälle wie jener der ZKB werden oft binnen kurzer Zeit korrigiert. Dafür zuständig ist die Wikipedia-Community, also alle, die aktiv an der Plattform mitarbeiten. Für Micha L. Rieser ein Prinzip, das funktioniert. Er selbst ist seit über zehn Jahren bei Wikipedia aktiv. Als einer von aktuell 227 Administratoren im deutschsprachigen Bereich – eine gute Handvoll davon kommt aus der Schweiz – kann er Konten temporär oder dauerhaft sperren, wenn ein Nutzer es mit fehlerhaften Posts oder ungerechtfertigten Löschungen übertreibt.

Bei den Anschlüssen der Bundesverwaltung liesse sich auch gar nicht feststellen, wer denn nun eine bestimmte Änderung vorgenommen hat. «Vom Geheimdienst-Agenten bis zum Lehrling, der in der Pause kurz eine Änderung anbringen will, kann das jeder sein.»

Micha L. Rieser, Wikipedia-Administrator

Der Grundsatz von Wikipedia heisst Neutralität. «Die meist plumpen Versuche Einzelner, sich über diese Richtlinie hinwegzusetzen, werden rasch aufgedeckt und korrigiert», sagt Rieser. Notfalls werde eine IP-Adresse für ein paar Stunden gesperrt, wenn sich die Fälle häufen, auch für einen längeren Zeitraum. Das widerfuhr auch schon der Bundesverwaltung. Alle Internetanschlüsse der Verwaltung haben dieselbe IP-Adresse und hinterlassen damit den gleichen Fussabdruck. Wenn von einem solchen Anschluss ein Wikipedia-Eintrag geändert wird, lässt sich dies der Bundesverwaltung zuordnen, nicht aber dem jeweiligen Anschluss. Recherchen der «Nordwestschweiz» haben gezeigt, dass von Anschlüssen der Bundesverwaltung aus denn auch fleissig Wikipedia-Artikel geändert werden.

Schon gewusst? Das sind die meist-editierten Wikipedia-Seiten

Rieser, selbst Angestellter beim Bundesarchiv, weiss das. Aber: «Für mich und die Community ist das kein Problem», sagt er. Bei den Anschlüssen der Bundesverwaltung liesse sich auch gar nicht feststellen, wer denn nun eine bestimmte Änderung vorgenommen hat. «Vom Geheimdienst-Agenten bis zum Lehrling, der in der Pause kurz eine Änderung anbringen will, kann das jeder sein.» Für Rieser ist auch nicht wichtig, wer bearbeitet. Entscheidend sei, «dass der Grundsatz der Neutralität eingehalten wird.» Auch die Anzahl der Eingriffe hält er für unproblematisch: «Verglichen mit der Anzahl der dahinterstehenden Anschlüsse der rund 37000 Bundesangestellten, bewegen sich die Änderungen im Promillebereich.»

Wikipedia steht jedem offen

«Die Fälle, in denen PR, die in Wikipedia eingebaut wurde, ans Tageslicht kam, sind womöglich nur die Spitze des Eisberges; die Dunkelziffer lässt sich nicht ermitteln.»

Journalist Marvin Oppong

Dass sich Angestellte der Bundesverwaltung auf den Wikipedia-Seiten auffällig verhalten, will Rieser nicht gelten lassen. Bundesangestellten stehe Wikipedia genauso offen wie allen anderen auch. Ausserdem lasse sich häufig feststellen, «dass Unternehmen ihre Wikipedia-Einträge selbst erstellen», sagt er. Diese würden allerdings laufend kontrolliert. Es gebe immer die Möglichkeit, in der Rubrik «Kritik» Problematisches anzusprechen. Die Eingriffe lasse man zu, «weil der Nutzen der Offenheit unserer Plattform höher ist als der Schaden, den professionelle Schreiber anrichten können». Dennoch, gibt Rieser zu bedenken, sollten die Autoren auf Dauer unabhängig schreiben. Momentan habe Wikipedia «die Sache im Griff».

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Dass die Plattform jedoch mehr und mehr von professionellen Schreibern, etwa PR-Agenturen, beackert wird, sehen andere durchaus als Problem: «PR (Public Relations) und Manipulation sind in Wikipedia allgegenwärtig», schreibt etwa der Journalist Marvin Oppong in einer Studie für die deutsche Otto Brenner Stiftung. Unternehmen, Parteien und Einzelpersonen versuchten «auf die verschiedensten Arten und Wege, ihr Bild in der Öffentlichkeit durch Eingreifen in die Artikel der Online-Enzyklopädie zu schönen».

Hinsichtlich der Selbstreinigungskräfte der Community ist Oppong skeptisch: «Die Fälle, in denen PR, die in Wikipedia eingebaut wurde, ans Tageslicht kam, sind womöglich nur die Spitze des Eisberges; die Dunkelziffer lässt sich nicht ermitteln.» Die Wikipedianer vermochten es nicht, dieses Problems selbst Herr zu werden, schreibt Oppong. Unternehmen und Parteiapparate seien «personell zu gut bestückt und finanziell zu gut aufgestellt, als dass die Wikipedia-Community mit ihren Freiwilligen gegen die zahlreichen Manipulationsversuche ankommen könnte».

Nicht für bare Münze nehmen

Dass Fehler wie jener im Eintrag des Zürcher Informatikers Meyer schnell korrigiert werden, sei erfreulich. Das Problem der Wikipedia löse dies allerdings nicht. Davon ist Falk Laue von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder überzeugt. Die Uni betreibt die Plattform Wiki-Watch, die ein Auge auf Wikipedia hat. Kritisch sieht Laue besonders «die grosse Subjektivität vieler Einträge». Dies äussere sich etwa darin, «dass bei Personen, die gesellschaftlich geachtet sind, Kritik nahezu ausbleibt, während andere regelrecht an den Pranger gestellt werden». Zudem würden alternative Sichtweisen auf bestimmte Themen oft nicht ausreichend dargestellt.

Laues Fazit klingt daher so ernüchternd wie wichtig: Für eine erste Orientierung zu einem Thema oder einem Begriff sei Wikipedia nicht schlecht. «Die Leser sollten sich aber davor hüten, alles für bare Münze zu nehmen.»

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  • Jonas Schärer 10.02.2016 11:08
    Highlight sorry aber wer sich auf Wikipedia verlässt ist falsch gewickelt... als erstinfo-quelle super, meist auch mit entsprechenden Nachweisen... aber als info-grundlage gänzlich ungeeignet!!!
    3 0 Melden
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  • FelixE 10.02.2016 09:26
    Highlight Natürlich wird auf Wikipedia nicht immer alles 1 zu 1 der "objektiven Wahrheit" entsprechen. Doch wer bestimmt schon was Wahr ist? Jede Information, ob im Internet, aus einem Buch oder ä., alles ist aus einer gewissen Sicht geschrieben. Der grösste Vorteil von Wikipedia sehe ich in der aktuallität. Da jeder immer alles bearbeiten kann bleibt das Thema immer auf dem neusten Stand. In der Sekundarschule hatten wir immer Disskussionen mit Lehrer die uns Wikipedia verbieteten, weil nicht alles wahr ist und gleichzeitig mussten wir mit Lehrmittel lernen, die 20 Jahre alt sind, was ist nun besser?
    12 1 Melden
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  • P. Swiss 10.02.2016 08:43
    Highlight Um die Qualität eines Wikipedia-Eintrages zu beurteilen (zumindest anhand objektiv messbarer Kriterien) kann www.wikibu.ch hilfreich sein. Die in diesem Artikel erwähnten schlechten Beispiele schneiden auch bei wikibu nicht besonders gut ab.
    2 1 Melden
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  • dracului 10.02.2016 08:02
    Highlight Heute ist die sogenannte digitale Aura immer wichtiger d.h. wie sich Firmen und Personen digital repräsentieren. Zu dieser Darstellung gehört neben einem Internet-Auftritt, Facebook, Xing, Linkedin auch Wikipedia. Die digitale Aura entscheidet immer mehr über den Erfolg von Unternehmen und Personen. Ohne digitale Aura werden wir selber und Firmen wohl bald nicht mehr wahrnehmbar sein ...
    3 6 Melden
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  • Gilbert Schiess 10.02.2016 08:02
    Highlight Die Wahrheit stirbt immer zuerst, das ist auf Wikipedia nicht anders als in den Geschichtsbüchern.
    Wenigstens hat man bei Wikipedia "etwas" transparenz, deshalb werden solche Ferkeleien auch immer wieder aufgedeckt.
    8 1 Melden
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  • Gelöschter Benutzer 10.02.2016 07:46
    Highlight Wikipedia ist nützlich, um einen schnellen Überblick über ein Thema zu erhalten. Weiter ist es sehr nützlich, um Quellen zu einem Thema zu finden. Klar entspricht der Zitierstil keinen wissenschaftlichen Standards, aber genau deshalb tragen auch so viele Leute dazu bei. Es ist ein auf Userinput basierender Service, das ist das nicht fehlerfrei, aber dem geschenkten Gaul schaut man
    halt nicht ins Maul. Wenn man das Ganze mit etwas gesundem Menschenverstand angeht und die Grenzen Wikipedias im Hinterkopf behält ist Wikipedia super.
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  • Knuddl 10.02.2016 06:50
    Highlight Aber... Ist es denn nicht klar, dass man vorsichtig sein muss, bei Artikeln, Seiten die jeder bearbeiten kann? Eigentlich ist das doch sogar bei allem so. Zeitungen, TV Beiträge, Magazine, Bücher... Am Schluss stecken immer Menschen dahinter. Jeder Mensch tickt anders und denkt anders. Und bei Sachen wo jeder was beitragen kann ist es klar, finde ich, dass sich da jemand mal nen Scherz erlauben könnte.
    16 2 Melden
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  • Tilia 10.02.2016 06:20
    Highlight wiki ist doch einfach ein nachschlagewerk wenn man mal was oberflächliches nachlesen will. für alles andere ist literaturstudium immer noch unumgänglich. wer sich eine historische oder politische meinung alleine aus einem wiki artikel bildet ist naiv. bei mir ist wiki für die lehrlinge tabu. die müssen lernen andere quellen zu entdecken und zu nutzen. wissen ist macht. macht ist auch wissen zu manipulieren. und sie wollen alle mächtig sein.
    9 2 Melden
    • Berner 10.02.2016 09:12
      Highlight versteh jetzt nicht ganz, weshalb Wikipedia tabu ist für die Lernenden. Sollten Sie nicht viel mehr lernen, mit deren Eigenheiten (Stärken und Schwächen) umzugehen? Das kann ja durchaus beinhalten, dass man den WP-Artikel als Einstieg in ein unbekanntes Thema verwendet und dann - über die Einzelnachweise und Literaturangaben - zu den "echten" Primärquellen kommt.
      Viele WP-Artikel sind tatsächlich einseitig und/oder oberflächlich, aber es gibt auch sehr ausführliche und hochstehende (und aktuelle!) - gerade im Bereich der Naturwissenschaften.
      1 0 Melden
    • demokrit 10.02.2016 09:44
      Highlight Wieder einmal so ein überforderter Pseudoberufsschullehrer. Wikipedia schlägt in seriösen Studien jedes andere Lexika um Längen. Das mit oberflächlich beruht auch höchstens auf Zweithandwissen. Viele Lemmata (zum Beispiel in Philosophie oder Informationswissenschaften) sind für Laien kaum verständlich, weil sie so tief gehen.
      2 2 Melden
    • Tilia 10.02.2016 14:21
      Highlight mit tabu mein ich daraus abzuschreiben. sie müssen andere quellen auch nutzen. viele wissen gar nicht wie man sonst noch recherchieren kann. aber wiki ist auch nur ne zusammenfassung. manchmal super und manchmal mit vorsicht zu geniessen. die buben und mädels wachsen aber heute so auf dass sie den ersten drei googleresultaten glauben und wiki ist da dabei. eigene recherchen betreiben können, das find ich wichtig.
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  • 20Cent 10.02.2016 05:47
    Highlight Die dunkle Seite der Wikipedia
    (einfach mal youtubeln)
    7 14 Melden
    • Bastian Zuberbuehler 10.02.2016 06:44
      Highlight merci für den input!
      "die dunkle seite der wikipedia" ist ein meiner meinung nach sehr gut recherchierter dokumentarfilm, der anhand der wikipedia-seite über den schweizer historiker daniele ganser die userbasierte qulitätssicherung der wikipedia, deren grenzen und missbrauchsmöglichkeiten aufzeigt.
      einziger haken für mich: die produzenten des films sind alles andere als unumstritten.
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Erdogan blockiert Wikipedia – so reagiert das Internet

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