DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Roger Köppel, Mimi Jäger, Sandro Brotz und die Unfähigkeit, über Rassismus und Sexismus zu sprechen.
Roger Köppel, Mimi Jäger, Sandro Brotz und die Unfähigkeit, über Rassismus und Sexismus zu sprechen.
Bild: watson/keystone/dubler/instagram
Kommentar

Warum die Schweiz nicht über Rassismus diskutieren kann

Es herrscht grosse Verwirrung in der Schweiz. Darüber, wer was sagen und darüber, wer was machen darf. Kein Wunder. Wir sind gesellschaftlich relevanten Diskussionen jahrhundertelang aus dem Weg gegangen.
17.06.2020, 19:1218.06.2020, 18:10

Zuerst zieht die Migros Dubler-«Mohrenköpfe» wegen Rassismusverdachts aus dem Verkauf. Wenige Tage später vernichtet sie tausende Papiertragtaschen, weil sie befürchtet, diese könnten sexistisch sein. Die SRF-«Arena» scheitert mit ihrer Rassismus-Sendung so katastrophal, dass sie sie wiederholen muss. Der SVP-Politiker Roger Köppel wird in eine SRF-Radiosendung eingeladen – und wieder ausgeladen. Die Post kündigt der Influencerin Mimi Jäger die Zusammenarbeit, nachdem sie sich über eine «Black Lives Matter»-Demonstration ärgerte. Ikea hingegen findet den Auftritt ihres Testimonials unproblematisch. Was ist momentan eigentlich los in der Schweiz?

Die Beispiele zeigen: Wir haben ein Problem. Oder besser gesagt: Die institutionellen Player in diesem Land haben eines. Sie scheitern gerade auf ganzer Linie daran, auf gesellschaftlich relevante Themen zu reagieren. Wie aufgescheuchte Hühner treten die Migros, das SRF, die Post und Co. von einem Fettnäpfchen ins nächste. Es herrscht grosse Verwirrung und noch grössere Verunsicherung. Wie über Rassismus sprechen, wie über Sexismus? Wen zu Wort kommen lassen, wen nicht?

Völlig ratlos sind die Schweizer Grossunternehmen einer neuen, breit abgestützten Protestbewegung ausgesetzt. Seit den Unruhen in den 1980er-Jahren brachte die Schweizer Jugend nicht mehr so viele Menschen auf die Strasse wie jetzt. Sei es die Klimabewegung, die Frauenbewegung oder die «Black Lives Matter»-Demonstrationen: Die Jugend formiert sich zu einer neuen Kraft mit enormem Mobilisierungspotenzial. Über Social-Media-Kanäle ist sie fähig, innerhalb kurzer Zeit Informationen zu verbreiten, den eigenen Inhalten Reichweite zu verschaffen oder Shitstorms zu generieren. Das setzt Druck auf.

Sowohl die Sexismusdebatte als auch die Rassismusdebatte sind ausgehend von so verstörenden wie gut dokumentierten Einzelfällen wie Harvey Weinstein und George Floyd aus den USA übernommen worden – und treffen die grossen Player in der Schweiz unvorbereitet und mit voller Wucht. Unvorbereitet deshalb, weil diesen Diskussionen jahrhundertelang aus dem Weg gegangen wurde. Dies, obwohl die Faktenlage eigentlich klar ist: Es besteht weder eine Forschungslücke zur kolonialen Geschichte der Schweiz, noch mangelt es an Daten zu sexualisierten Gewaltakten gegen Frauen. Nein, die Ausgangslage ist eigentlich klar. Aber im öffentlichen Diskurs kam sie bisher nie richtig auf den Tisch.

Im Angesicht einer neuen Debattendynamik verfallen die institutionellen Player einer bisweilen panisch anmutenden Nervosität. Dann wird fälschlicherweise angenommen, zu einer Diskussion über Rassismus gehören auch Exponenten, die ihrerseits abstreiten, dass das Problem in der Schweiz überhaupt besteht. Dann fürchtet man sich vor einem Reputationsschaden, wirft sich vor den Wütenden in den Staub aus Angst vor einem Fauxpas – und leistet sich damit schon den nächsten. Die Schlagzeilen der letzten Wochen sind Symptome der grossen Hilflosigkeit gegenüber diesen Themen.

Die Protestbewegungen mit ihren Anliegen und ihrer Reichweite auf den Sozialen Medien werden so schnell nicht wieder verschwinden. Sie werden die Grossunternehmen und institutionellen Player weiterhin vor sich hertreiben, die ihrerseits solche Kontroversen eher weiter anheizen, als sie aus der Welt schaffen. Und das ist gut so, denn diese Themen gehören diskutiert. Wünschenswert wäre einfach, das geschähe auf etwas übersichtlicherer, unaufgeregtere und weniger gehässige Weise.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So nennt man die Schokoküsse in anderen Ländern

1 / 11
So nennt man die Schokoküsse in anderen Ländern
quelle: keystone / gaetan bally
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So fühlen sich Rassismus-Betroffene in der Schweiz

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Kommentar

Ja, Herrgott nochmal, man darf fürs Klima streiken und in die Ferien fliegen!

Liebe Klima- und Umweltaktivisten-Kritiker, dieser Text ist für euch. Denn man kann sehr wohl für Klimaschutz kämpfen, ein Smartphone besitzen und in ein Flugzeug steigen.

Liebe User, wir müssen reden. Es gibt da etwas, das macht mich richtig wütend.

Da ist zum Beispiel die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die mit ihrem Schulstreik gegen den Klimawandel Schüler auf der ganzen Welt inspiriert und politisiert. Thunberg reiste im Februar 65 Stunden von Schweden nach Davos, um das World Economic Forum zu besuchen. Während die schwedische Aktivistin Stunden auf Schienen durch vier Länder fuhr, wurde sie in den sozialen Medien kübelweise mit Häme überschüttet. …

Artikel lesen
Link zum Artikel