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Roger Schawinski enerviert sich in seinem Büro bei Radio 1 über die Versäumnisse der SRG, der Politik und der Verlage. 
Roger Schawinski enerviert sich in seinem Büro bei Radio 1 über die Versäumnisse der SRG, der Politik und der Verlage. 
Bild: KEYSTONE

Roger Schawinski im grossen No-Billag-Interview: «Das ist völlig durchgeknallt»

Der Schweizer Medienpionier und Radio-Unternehmer Roger Schawinski meldet sich in der No-Billag-Debatte mit dem in Rekordzeit geschriebenen Buch «No Billag? Die Gründe und die Folgen» zu Wort. Ein Gespräch über die Vernebelungstaktiken der Initianten, die Chancen der Initiative und «Morning Joe».  
05.01.2018, 20:3007.01.2018, 11:36
philipp löpfe, maurice thiriet 

Ihr Buch ist flott geschrieben und es bietet eine verständliche Einordnung der Problematik. Aber kann ein Schnellschuss auch seriös sein?
Roger Schawinski:
Dies ist mein Fachgebiet, in dem ich mich seit Jahrzehnten auskenne. Und ich habe wohl mehr praktische Erfahrungen im In- und Ausland als andere.

Sie tragen aber ziemlich dick auf. Man hat den Eindruck, die Schweiz werde bei einem Ja zur No-Billag-Initiative untergehen. 
So ein Quatsch. Haben Sie das Buch überhaupt gelesen? Das schreibe ich überhaupt mit keinem einzigen Satz. 

Aber Sie schreiben wörtlich von der «wichtigsten Abstimmung seit Generationen».
Das bedeutet etwas anderes als «die Schweiz geht unter». Das ist SVP-Terminologie. Ich begründe meine These auch. Die Masseneinwanderungs-Initiative hat die Schweiz nicht gross verändert. Das Nein zum EWR de facto ebenfalls nicht.

Aber?
Aber die No-Billag-Initiative zertrümmert einen Pfeiler unseres Staatswesens. Sie lässt unser bisheriges Radio- und TV-System zusammenbrechen, von dem der öffentlich-rechtliche Sektor ein wichtiger Teil ist, und zwar mit Leistungen, die die Privaten in einem kleinen Land wie der Schweiz nicht finanzieren können.

«Keine einzige Person in diesem Initiativ-Komitee hat auch nur die geringste Erfahrung im Radio- oder TV-Bereich.»

Sie vergleichen die Initiative aber mit dem Brexit und damit mit einer geopolitischen Grundsatz-Entscheidung. Da tun Sie sowohl den Initianten als auch unserer SRG ein bisschen viel der Ehre an.  
Es geht bei der No-Billag-Initiative bei vielen ebenfalls um einen Reflex: «Denen dort oben zeigen wir es!» Die Elite der arbeitsscheuen und überbezahlten SRG-Journalisten muss weggefegt werden. Was das für Konsequenzen haben wird, spielt dabei kaum eine Rolle. Das ist völlig durchgeknallt. Darin sehe ich schon eine Parallele zum Brexit. Grossbritannien hat sich damit ein epochales Ei gelegt.

No-Billag als einziges grosses Intellektuellen-Straflager? Das ist ein bisschen elitär, nicht? Die Initiative hat schon auch einen Inhalt ...
... der formuliert wurde von Leuten, die keine Ahnung von der Materie haben! Die Initiative ist reine Ideologie. Das halte ich für verantwortungslos. Ja, unschweizerisch. Und ich brauche diesen Begriff hier ganz bewusst.

Es ist die erklärte Absicht der Initianten, das «Staatsfernsehen» – oder was sie dafür halten – zu zerschlagen.
Mit Verlaub: Erstens hat keine einzige Person in diesem Initiativ-Komitee auch nur die geringste Erfahrung im Radio- oder TV-Bereich. Und jetzt haben sie zweitens auch noch Angst vor ihrem eigenen Mut bekommen und behaupten, es werde ja alles nicht so schlimm.

«Ja, und die Kantone könnten ihren Teil zur Finanzierung dieses Fernsehens beitragen ... das ist mehr als Blödsinn.»

Wie meinen Sie das?
Die wollen uns doch nun ernsthaft weismachen, ihre eigene Initiative werde dann schon nicht so strikt umgesetzt, wie sie sie selbst formuliert haben. Dabei haben sie den Text ihrer Initiative bewusst glasklar gehalten. Das ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Schweizer Demokratie, dass die Initianten vor dem Urnengang versprechen, ihre Initiative werde nur teilweise umgesetzt, um so zu punkten. Für mich ist dies eine krasse Form von Vernebelungstaktik.

Sie sagen nur, es werde ein privates Pay-TV als Ersatz für das SRF geben. Jeder, der die Sendungen sehen will, werde dafür bezahlen, sei es die «Tagesschau» oder «sportaktuell».
Ja, und die Kantone könnten ihren Teil zur Finanzierung dieses Fernsehens beitragen ... das ist mehr als Blödsinn. Mit solchen Argumenten werden die Menschen hinters Licht geführt. Was nützt es, wenn einzelne Sendungen finanziert werden? Es geht beim Medium Fernsehen in jedem Fall um ein 24-Stunden-Programm. Solche Ideen können nie umgesetzt werden, das ist blosse Publikumsverwirrung.

Was? 
Dass die Zeitachse das Entscheidende ist in diesem Initiativtext. Bei der Masseneinwanderungs-Initiative hatte der Bundesrat drei Jahre Zeit für die Umsetzung. Bei der No-Billag-Initiative sprechen wir nur von Monaten. Schon einen Tag nach Annahme müsste die SRG Liquidationspläne erstellen.

Die Initianten bestreiten das vehement. 
Wer das bestreitet, hat halt nicht nur vom Radio- und TV-Geschäft, sondern auch von basischer Betriebswirtschaft nicht die leiseste Ahnung. Es blieben nur Monate, bis die SRG den Betrieb einstellen müsste. 

Es blieben immer noch mehrere hundert Millionen Werbeeinnahmen, nicht?
Nicht lange. Die Liquidität nähme schnell drastisch ab. Die Lieferanten würden sofort Vorkasse verlangen, die SRG könnte keine Jahresdeals im Werbemarkt mehr abschliessen – und die Zuschauer würden per sofort ihre Gebühren nicht mehr bezahlen, das Inkasso würde weitgehend wirkungslos. Gleichzeitig müsste die SRG hunderte von Millionen Franken für einen Sozialplan ihrer Mitarbeiter zurückstellen. Kurz: Innert kürzester Zeit würde ein Liquiditäts-Engpass entstehen, der nach jeder betriebswirtschaftlichen Logik sehr rasch zu Konkurs und Liquidation der SRG führen würde.

«Beim Radio gibt es Sparmöglichkeiten. SRF2 könnte man billiger machen, SRF1 und SRF3 könnte man zusammenlegen.»

Der neue Generaldirektor Gilles Marchand seinerseits verspricht, bei einem Nein zur Initiative werde die SRG eine neue Firma sein.
Aber er hat es bisher verpasst, zu erläutern, wie diese Firma aussehen wird. Marchand hat eine riesige Chance vergeben. Er ist jetzt seit genau 100 Tagen im Amt. Dies wäre der ideale Zeitpunkt für eine grundsätzliche Rede. 

Sie wären der bessere SRG-Generaldirektor. We get it. Also: No Billag wird abgelehnt, aber sogleich folgt die 200-Franken-Initiative. Was würden Sie an Marchands Stelle tun?
Ich würde für einen Gegenvorschlag von 300 Franken plädieren und ein Konzept dafür ausarbeiten. Damit wäre man im Parlament und bei einer eventuellen Abstimmung gut gerüstet.

Wo würden Sie schneiden?
Beim Radio gibt es Sparmöglichkeiten. SRF2 könnte man billiger machen, SRF1 und SRF3 könnte man zusammenlegen. Die beiden unterscheiden sich kaum noch. Für die Nachrichtensendungen arbeiten beim Radio SRF rund 200 Leute, ich muss mit neun auskommen. Vielleicht würde es bei der SRG in der Deutschschweiz auch mit 150 gehen.

«No Billag – Die Gründe und die Folgen»
Am Sonntag, 7. Januar findet im Restaurant Metropol Zürich die Buchpremiere inklusive Radio-1-Live-Talk statt. Filippo Leutenegger wird Buchautor Roger Schawinski interviewen, das Gespräch wird live auf Radio 1 übertragen. Türöffnung ist um 10 Uhr, die Sendung beginnt um 11 Uhr. Der Eintritt ist frei, Anmeldungen auf der Webseite von Radio 1 erwünscht.

Und falls die Initiative angenommen würde, gäbe es vielleicht doch ein Schlupfloch! 
Welches?

Man könnte das gesamte SRG-Programm zu einer amtlichen Mitteilung erklären. Dann könnte der Bund die SRG weiter finanzieren!
Vom ehemaligen «Tagi»-Chefredaktor und dem watson-Chefredaktor hab' ich eigentlich etwas mehr Sachverstand erwartet ... «Glanz & Gloria» als amtliche Meldung. Ernsthaft? Das ist zwar ein origineller Vorschlag, aber es wäre eine solche Verar... des Volkswillens, dass es nie im Leben durchsetzbar wäre. Können wir jetzt wieder seriös werden, bitte?

Entschuldigung. Ist es nicht ein bisschen schizophren, wenn Sie gegen die No-Billag-Initiative kämpfen und gleichzeitig der SRG an den Karren fahren?
Ich habe immer gegen das SRG-Monopol gekämpft, und auch während Jahren gegen das SRG-Topmanagement, aber nie gegen die Existenz der SRG. Ich habe im Bereich des privaten Radios und Fernsehens wohl mehr geleistet als jeder andere im Land, auch mehr als die SVP oder die No-Billag-Initianten. Es braucht ein duales System von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern.

Kann man denn der No-Billag-Initiative überhaupt keine positive Seite abgewinnen?
Überhaupt nicht. Sie ist radikal, unsinnig und nicht durchdacht. Die SRG hat mit ihrem Verhalten dazu beigetragen, dass sie überhaupt möglich wurde, zusammen mit den Politikern und den Verlegern.

«Eric Gujers Wortmeldung war mehr als verwirrlich.»

Die Hauptschuld der SRG zuzuschieben ist ein bisschen einfach. Seit rund zehn Jahren gibt es doch eine konzertierte Aktion von «Weltwoche», Aktion Medienfreiheit, Goldbach und rechten Kreisen gegen die SRG.
Nicht viel schlimmer als zuvor. Die SVP hat die SRG schon immer kritisiert, aber bisher nur versucht, sie zu kontrollieren. An die Abschaffung dachten diese Leute eigentlich nie ernsthaft. Selbst Natalie Rickli hat ursprünglich erklärt, sie werde Nein zu No Billag stimmen.

Warum hat dann ein politischer Nonvaleur wie Olivier Kessler plötzlich diesen Erfolg?
Wenn es um Gebühren geht, haben wir selbst in der reichen Schweiz neuerdings grosse Probleme. Auch die Erhöhung der Vignetten-Gebühr wurde hochkant verworfen. Diesen Effekt habe ich anfänglich unterschätzt. Zuerst hatte ich geglaubt, dass eine so offensichtlich unsinnige Initiative keine Chancen hätte. Die ersten Umfragen haben jedoch gezeigt, dass dies nicht so ist.

Die Vignette war klar zu teuer. Bessere Beispiele?
Wenn wir etwa darüber abstimmen müssten, ob wir alle 2000 Franken im Jahr für die Landwirtschaft bezahlen wollen, hätte dies wohl nicht den Hauch einer Chance. Aber diese Leistungen werden über Steuern erhoben. 

Die Gebührenverdrossenheit mag in Teilen der Bevölkerung vorhanden sein. Aber ein Sparpotential von rund 400 Franken dürfte NZZ-Chefredaktor Eric Gujer nicht locken. Der macht sich aus staatspolitischen Gründen für die Initiative stark.
Ja, seine Wortmeldung war mehr als verwirrlich. 

Aber der ist ja nicht dumm, der Eric Gujer.
Gujer schreibt sinngemäss: Unseren Privatmedien geht es schlecht, weil es der SRG gut geht. Das ist etwas gar kurz gesprungen. Zeitungen haben weltweit riesige Probleme, auch in den USA, wo es bekanntlich kein bedeutendes «Staatsfernsehen» gibt. Damit fällt die These von der SRG als Sündenbock in sich zusammen.

«Schon heute ist SRF1 eigentlich ein ‹Arme-Leute-TV›.»

Der ehemalige Generaldirektor Roger de Weck wird gelegentlich mitverantwortlich für den Erfolg der No-Billag-Initiative gemacht. Was hat er falsch gemacht?
Nicht viel, aber er konnte auch nicht viel machen. Aus meiner Sicht hat sein Vorgänger Armin Walpen es zwischen 1996 und 2011 verpasst, die SRG zu reformieren. Als de Weck sein Amt antrat, war der Zug schon abgefahren, die Monopolstellung der SRG zementiert. De Weck hat wenig veranlasst, ausser, dass er den Online-Bereich etwas gar rasant ausgebaut hat. Aber das haben alle getan. Wem sag' ich das? 

Richtig. Sprechen wir vom Service public. Bei der No-Billag-Diskussion erhält man gelegentlich den Eindruck, das Schicksal der SRG und damit der Schweiz hänge von «Glanz & Gloria» ab. Warum eigentlich?
Es gibt einzelne Sendungen, die ganz klar Service public sind, Wissenschaftssendungen beispielsweise oder Hintergrunddokumentationen. Das können sich Private in der Schweiz nicht leisten. Umgekehrt gibt es Sendungen, die ganz klar nicht Service public sind.

Welche?
Reality-TV-Sendungen wie der «Bachelor» beispielsweise. Das können nur Private machen. Dazwischen gibt es ein breites Feld, das beide beackern können. Allerdings spielt dabei die Grösse des Marktes eine Rolle. Anders als in Deutschland und Grossbritannien könnten sich in der kleinen Deutschschweiz Private einen «Bestatter» jedenfalls nicht leisten.

Was verschwände bei No Billag?
Das meiste aus dem mittleren Bereich fällt weg. Darum ist es unsinnig, wenn SVP-Nationalrat Adrian Amstutz im Parlament wettert: «‹Kommissar Rex›, was soll dieser Quatsch?» SRF braucht solche Sendungen, um die Programmlücken zu füllen. Schon heute ist SRF 1 eigentlich ein «Arme-Leute-TV».

«Zu glauben, man würde für die ‹Tagesschau› bezahlen, ist kompletter Unsinn.»

Die reiche SRG mit einem «Arme-Leute-TV»?
Ja. Es hat kein Vollprogramm, wie es immer wieder heisst. Die Eigenproduktionen beginnen erst ab 18 Uhr. Wer der SRG daher vorwirft, sie habe zu viele ausländische Serien und Wiederholungen, der weiss nicht, wovon er spricht. Wenn wir zwei Kanäle wollen, dann brauchen wir das. SRF2 kann ja nicht rund um die Uhr Live-Fussball bringen, wie es Adrian Amstutz wohl gerne hätte.

Was für Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?
Am meisten ärgere ich mich darüber, dass bei der No-Billag-Initiative so viele Leute mitreden, die keine Ahnung haben. Die Lösungen sind absurd: Pay-TV für die «Tagesschau» beispielsweise. Wer würde dafür bezahlen? Die «Tagesschau» hat nur deswegen so viele Zuschauer, weil man sich seit 50 Jahren an sie gewöhnt hat.

Die Zeit, wo ältere Frauen das Wohnzimmer zu Ehren des «Tagesschau»-Sprechers aufgeräumt haben, sind aber vorbei.
Trotzdem hat die «Tagesschau» in einer total atomisierten TV-Landschaft heute noch einen Marktanteil von gegen 50 Prozent. Sie gehört nach wie vor zu unserem Tagesablauf, obwohl wir heute von «Breaking News» und Push-Meldungen aller Art zugeschüttet werden. Aber zu glauben, man würde für die «Tagesschau» auch bezahlen, ist kompletter Unsinn.

Wie würden Sie «Digital Natives», die Jungen, die kaum TV schauen, davon überzeugen, gegen die No-Billag-Initiative zu stimmen?
Ich habe kürzlich eine Sendung mit Initiant Andri Silberschmidt, Chef der Jungfreisinnigen gemacht. Als ich ihn gefragt habe, was dann nach Annahme der Initiative passieren würde, hat er gesagt: «Ich habe doch keine Kristallkugel.» Das ist schlicht unverantwortlich und hilflos. 

Das war nicht die Frage.
Stimmt. Sorry. Als ich ihn dann gefragt hatte, was er im Falle einer Annahme machen würde, antwortete er: «Wir brauchen keine Programme, was uns interessiert, holen wir uns aus dem Internet.» Dass diese Programme zuerst von jemandem produziert werden müssen, bevor sie ins Netz gestellt werden können, wird dabei geflissentlich übersehen. Doch ob man ein Programm linear vor dem TV-Apparat verfolgt oder zeitverschoben auf dem Smartphone: Die Kosten sind exakt gleich hoch. Diese Botschaft muss man auch den Jungen vermitteln, um zu verhindern, dass sie blind handeln, wie das beim Brexit der Fall war.

«Wenn wir den Marktleader SRG ausschalten, dann wird die ausländische Übermacht noch grösser.»

Erreicht man die?
In den USA gibt es rund 30 Prozent Trump-Wähler, die sind nicht offen für Argumente. Das sind Gläubige. Bei uns sind dies die SRG-Hasser und die Kessler-Fans. Solche Leute zu überzeugen, ist unmöglich. Aber es gibt viele, die sich in den nächsten Wochen informieren wollen, obwohl die Materie sehr komplex ist. Für diese habe ich mein Buch geschrieben, das einfach zu lesen ist. In höchstens drei Stunden erhält man alle Argumente von allen Seiten. Damit ist man optimal gerüstet für Diskussionen, die zurzeit überall stattfinden.

Was treibt Sie an, die SRG zu unterstützen?
Niemand weiss besser als ich, dass gewisse Aufgaben in der kleinen Deutschschweiz nicht von Privaten allein übernommen werden können. Das zeigt sich an konkreten Beispielen: TeleZüri hat sich, seit ich es 1994 gegründet habe, kaum weiterentwickeln können. Dominik Kaiser stösst mit seinem 3+ auch an Grenzen. Er wiederholt jedes Jahr die gleichen, von deutschen Vorbildern kopierten Sendungen. Mehr liegt nicht drin, weil er mit seinen Paradesendungen nach eigenen Angaben viel Geld verliert.

Aber diese Sender erhielten doch ein wenig mehr Luft, um zu wachsen, wenn es die SRG nicht mehr gäbe?
In der Schweiz werden 60 Prozent des TV-Marktes von Ausländern beherrscht, die privaten TV-Stationen liegen im einstelligen Bereich. Das ist eine beinahe koloniale Situation. Wenn wir den Marktleader SRG ausschalten, dann wird die ausländische Übermacht noch grösser. Denn profitieren werden vor allem die etablierten Player wie RTL, ProSieben und Sat1.

Und was ist mit Christoph Blocher? Alle sagen doch, er würde noch so gerne in die Lücke springen.
Vielleicht. Aber hat er noch die Kraft dazu? Tatsächlich wäre ein vielfacher Milliardär und rechtspopulistischer Ideologe, wie es Blocher ist, die einzige inländische Option.

Was ist mit den Verlagen Ringier, Tamedia, NZZ und AZ?
Die haben sich mehrheitlich schon vor Jahren von der SRG kaufen lassen. Das mache ich ihnen zum Vorwurf. Und die meisten ihrer regionalen TV-Stationen wären nach Annahme von No Billag ohne Gebühren klinisch tot.

«Ohne SRG wäre der Schweizer TV-Markt bis zu 90 Prozent unter ausländischer Kontrolle.»

Wir haben jetzt lange über das Fernsehen gesprochen. Was aber würde ein Ja zu No Billag für die Radios bedeuten?
Heute werden auch viele Regionalsender massiv von Splitting-Gebühren finanziert. Wenn es die SRG nicht mehr gibt, dann fallen auch diese Gebühren weg. Die meisten dieser Regionalradios würden daher verschwinden. Der einzige Medienunternehmer im Land, der nie subventioniert worden ist, bin ich. Und ich bin seit beinahe 40 Jahren im Geschäft.

Das ist wirklich sehr beeindruckend! Und jetzt könnten Sie dann eine nationale Konzession ersteigern, beispielsweise diejenige von SRF3.
Keine gute Idee. Der Betrieb der vielen SRG-UKW-Sender ist extrem teuer, und sie werden nur noch ein paar Jahre in Betrieb sein, dann gibt es nur noch DAB+. Ich würde so gesehen das Recht ersteigern, die enormen Liquidationskosten dieser Sende-Anlagen zu übernehmen. Im Initiativtext heisst es wörtlich, dass Radio- und Fernsehkonzessionen versteigert werden sollen. Das ist Unsinn. TV-Sender brauchen keine Konzession. Und bei Radiosendern wären es allein die UKW-Konzessionen, die niemand refinanzieren kann. Auch dies zeigt, wie realitätsfremd diese Initiative ist.

Ein Stichwort taucht in der No-Billag-Diskussion regelmässig auf: die «Berlusconisierung». Was halten Sie davon?
In der Schweiz wäre es noch viel schlimmer. Berlusconi hat zwar drei TV-Stationen gehabt, es ist ihm jedoch nie gelungen, die Rai zu kontrollieren. Zudem ist der italienische TV-Markt immer in einheimischen Händen geblieben. Ohne SRG wäre der Schweizer TV-Markt bis zu 90 Prozent unter ausländischer Kontrolle.

Ein zweites Stichwort sind die «amerikanischen Zustände».
Es gibt US-Sender, die super sind. Ich schaue beispielsweise jeden Morgen «Morning Joe» auf MSNBC. Dazu informiere ich mich bei CNN und hie und da sogar bei Fox News. In einem 350-Millionen-Land können solche Sender existieren. Aber in einem Fünf-Millionen-Markt? Vergessen Sie es einfach.

Warum schliessen wir den Schweizer TV-Werbemarkt nicht für Ausländer?
Geht nicht, das würde gegen die Diskriminierungsverbote in den bilateralen Verträgen mit der EU verstossen. Die Chance für eine private journalistische Schweizer Konkurrenz zur SRG ist vor vielen Jahren vertan worden, die ausländischen Player sind inzwischen übermächtig. Und darum heisst es bei dieser Abstimmung allein: «Eins oder keins.» 

So wird «Wilder» aussehen, wenn dem SRF das Geld ausgeht

Video: watson/Emily Engkent, Lya Saxer, Angelina Graf

No Billag: Diese Promis kämpfen gegen die Initiative

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No Billag: Diese Promis kämpfen gegen die Initiative
quelle: thomas schlittler
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