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#metoo zwischen Ideologie und Pragmatik – ein Versuch der Vermittlung

Bild: shutterstock

Was brauchen wir voneinander, wenn's uns besser gehen soll?



Ich weiss, ich weiss, Sie haben die Schnauze voll. Ich auch. Aber, ganz ehrlich, nur von der Rhetorik. Immer wieder wurde mir gesagt, man könne mit sanften Tönen in diesem Belang nichts erreichen. Vielleicht stimmt das. Ich beobachte jedoch, dass eine immer ruppiger werdende Tonart auf beiden Seiten diese immer mehr entzweit. Jetzt mag man sagen, die Diskussion gehe ja (eben genau) nicht um die Zusammenführung – ich glaube doch. Und zwar nicht einmal primär um die Zusammenführung der Geschlechter, sondern um diejenige von Menschen, die so viele Opfer wie möglich verhindern wollen. Ob männlich oder weiblich.  

Sechs Monate nach #metoo hatte ich auf Facebook eine Liste der Dinge erstellt, die sich für mich noch einmal anzuschauen, zu erklären lohnten. So «gemässigt» wie möglich, wenn das überhaupt geht, versuchte ich darzulegen, wie sich die Diskussion für mich anfühlt. Jetzt, noch einmal mehr als ein halbes Jahr später, habe ich sie erneut durchgeschaut, erweitert und ergänzt – vor allem auch durch ein «Was nun?».  

Vor etwas mehr als einem Jahr postete ich auf Pony M. eine Aufzählung dreier Begegnungen mit sexuell übergriffigem Inhalt. #metoo war in meinen Augen genau dafür gedacht: Reines Berichten darüber, dass man betroffen ist und in welcher Form (wobei Letzteres nicht einmal zwingend notwendig war). Die reine Häufigkeit des Begriffs sollte aufzeigen, wie oft sexuell Übergriffiges passiert.

Nun, ich postete also diese Aufzählung. Ich wusste, dass ich mich damit exponiere. Ich wusste, dass die eine oder andere negative Reaktion kommen würde. Ich wurde jedoch innert Minuten mit folgenden Reaktionen konfrontiert: «Du lügst!», «Du willst nur Aufmerksamkeit!», «Als ob DICH jemals jemand anfassen würde!», «Diesen Arsch MUSS man halt anfassen!», «Muesch di halt wehre!».

Ich kenne, weeeeeiss Gott, den Reflex, bei gewissen Themen einfach mal in die Opposition zu gehen. Ich mache das manchmal auch – und wenn ich mich bei der Nase nehme: oft bei Mann/Frau-Themen. Aber dabei handelt es sich meist um Meinungsdifferenzen, nicht um Erlebtes.

1. Bei Erfahrungsdiskussionen wird aus «Ich find nöd» «Du lügst!» und das ist, gerade bei traumatischen Erlebnissen, verheerend. Ich sage nicht, dass noch nie ein sexueller Übergriff erfunden wurde, und das ist ein Thema, das unbedingt weiter beleuchtet werden muss, aber wenn Millionen von Betroffenen (weiblichen und männlichen Geschlechts) ihre Stimme erheben, dann besteht ein Problem, unabhängig davon, dass da das eine oder andere faule Ei drunter sein könnte.

Eine weitere Reaktion, die ich im Laufe der Zeit immer wieder gelesen habe, wenn kleinere Übergriffe geschildert wurden, war: «Du verhöhnst damit alle Opfer tatsächlicher sexueller Gewalt.»

2. Ich finde es tatsächlich sehr wichtig, dass man zwischen sexuellen Übergriffen und sexueller Gewalt unterscheidet. Aber: Einerseits habe ich keinen einzigen Post gesehen, der diese beiden Dinge tatsächlich 1:1 gleichsetzt, und andererseits: Ein Erlebnis muss nicht dein Leben zerstören, um ein Übergriff zu sein. Ich setze auch nicht eine Ohrfeige mit einem Mord gleich – trotzdem habe ich ein Anrecht auf ein ohrfeigenfreies Leben und darf mich dagegen wehren, wenn ich immer wieder geohrfeigt werde. Damit zeige ich keinen Mangel an Respekt gegenüber Mordopfern.

Jetzt wird der eine oder die andere sagen: «Setzt du gerade ein Kompliment, das du nicht annehmen kannst, einer Ohrfeige gleich?» Und da sind wir beim nächsten Punkt:

3. Nur weil du etwas lässig finden würdest, müssen es nicht alle lässig finden. Eine Reaktion, die ich mehrfach selbst erhalten und zu Hunderten in Kommentarspalten gelesen habe, war: «Ich würde mich freuen, wenn mir jemand mal so ein Kompliment machen (und/oder an meinen Po fassen) würde.» Nur: Es geht nicht darum, was DU gut finden würdest. Das meine ich absolut nicht respektlos, aber SenderIn und EmpfängerIn sind zwei unterschiedliche Entitäten und sobald sich Letztere/r angegriffen fühlt, ist das ein Übergriff. Ja, wir sind unterschiedlich empfindlich. Und ja, das ist eine Art von Gratwanderung. Ich wünschte mir, man könnte eine einfachere Sprache dafür finden, um zu vermitteln, dass man sich gerade unwohl fühlt. «Ohrfeige und gut is’!», habe ich immer wieder gelesen. Das ist aber nicht ganz so einfach. «Wehr di halt!»/«Schlah zue!» gibt dem Opfer die Verantwortung, jemandem, von dem es sich sowieso schon bedroht fühlt, auch noch eine narzisstische Kränkung zu verpassen. Jemandem, der dem Opfer eventuell körperlich überlegen ist, der eventuell betrunken ist, der offensichtlich eh schon keine Mühe mit dem Überschreiten von Grenzen hat. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Es gab schon mehrere Situationen, in denen ich mich schämte, mich nicht gewehrt zu haben. Im Nachhinein. In der Situation selbst ist das nicht ganz so einfach, wie sich das einige Leute vorstellen.

Eine weitere Reaktion, die ich sehr oft gelesen habe, war: «Sind denn jetzt alle Männer Vergewaltiger?»

4. Nein. Nein, nein, nein. Das tut mir richtig weh, wenn sich das Männer nun ernsthaft denken. Das ist eine Frage, die ich während meiner Forschungszeit auf der Justiz auch öfter bei Diskussionen gestellt bekommen habe. Der Grossteil sexueller Gewalt wird von Männern verübt. Auch von derjenigen an Männern/Buben. Aber ganz, ganz wichtig: Das bedeutet, dass die Grosszahl der sexuell Gewalttätigen männlich ist, und explizit nicht, dass der Grossteil der Männer gewalttätig ist. Das ist ein unheimlich wichtiger Unterschied, für den kein unbescholtener Mann etwas kann.

Das war denn auch meine Kritik am Hashtag #menaretrash. Man müsste im Bereich sexueller Gewalt sagen: «Trash is oftentimes male.» Da verstand ich auch, warum sich viele Männer pauschal verdächtigt fühlten, und auch wenn solche Hashtags wohl vor dem Hintergrund entstanden, die Diskussion aufrecht zu erhalten, sind sie in meinen (persönlichen) Augen kontraproduktiv, wenn wir als Gesellschaft irgendwie heil aus dieser Geschichte rauskommen wollen (im Bewusstsein, dass viele Menschen im Vorfeld versehrt wurden).

Lieber Mann: Es verlangt niemand, dass du dich von deinem Geschlecht distanzierst, sondern von sexuell Übergriffigen. Das sollten wir alle tun. Als Menschen, egal welchen Geschlechts. Darum ging in meinen Augen #metoo. Vielleicht müsste man das öfter und klarer differenzieren. Da nehme ich mich auch bei der eigenen Nase.

Hier kam auch immer wieder das Argument ins Spiel, Männer seien viel öfter Opfer von Gewalt. Das ist korrekt. Aber auch hier ist die Täterschaft im absoluten Grossteil aller Fälle männlich. Sexueller Gewalt jedoch fallen weitaus mehr Frauen zum Opfer. Und das wäre ja noch nicht einmal der Punkt – generell könnte man sagen: Wie oft passieren sexuelle Übergriffe? Zu oft. Okay, tun wir etwas dagegen, egal, an wem sie verübt werden.

Dann ist da noch das Thema der psychischen Gewalt, gerade in Beziehungen, und da bin ich mit vielen anderen einig: Dort sind die Verhältnisse bestimmt ausgeglichen(er). Ob ich sagen würde, Frauen seien öfter psychisch gewalttätig, weiss ich nicht, denn ich kenne dazu keine zuverlässigen, replizierten Studien. Gelesen habe ich das jedoch sehr oft. Dass über dieses Thema öfter geredet werden sollte, damit auch Männern die Hemmungen genommen würden, sich in solchen Fällen zu wehren, steht meines Erachtens ausser Frage. Entgegen der Argumentation vieler Männer, geht es hier ja nicht um ein «Entweder-oder» («Aber was ist mit den Männern, die unter psychischer Gewalt leiden?»), sondern um ein «Und».

Immer wieder überlegte ich mir im vergangenen Jahr, wie man vermitteln kann. #metoo war eine Lawine. In meinen Augen nach wie vor eine mehr als nötige. Aber sie wurde instrumentalisiert, weil Klicks, weil Streit, weil zwei Seiten, sie sich wunderbar gegeneinander aufwiegeln lassen. Wie oft habe ich hier und anderswo Titel gelesen, bei denen mir das Blut hochkochte und die mich direkt in die Kommentarspalte beförderten. Man kann sich so wunderbar aufregen und ja, das tun viele von uns gerne (ich eingeschlossen), sonst gäbe es wohl auch den Bachelor nicht. Dabei geht es doch genau darum, für uns und für unsere Kinder (Buben und Mädchen) eine gewaltfreie(re)/übergriffsfreie(re) Welt zu kreieren und das passiert nicht durch Rumgeschreie und gegenseitiges Fertigmachen. Und ich meine damit den undifferenzierten Umgang mit dem Thema auf beiden Seiten.

Aber: Ich habe mit vielen Männern und auch Frauen Diskussionen geführt, die tatsächlich aus allen Wolken fielen, weil sie mit solchen Geschichten einfach nie konfrontiert waren. Sie waren sich nicht bewusst, wie alltäglich die sexuellen Ohrfeigen stattfinden. Sie haben selbst keine bekommen und keine verteilt. Und sie sind heute anders aufmerksam, sie sind sich bewusster, was um sie herum passiert. Und das ist grossartig. #metoo war in meinen Augen grösstenteils für sie.

Ich verstehe, dass dieses Thema verunsichert, gerade in seiner Wucht. Es hat eine Verschiebung stattgefunden, nach der sehr viele Menschen nicht gefragt haben. Da ist Lärm, der vorher nicht da war, ohrenbetäubender Lärm. Aber wenn da so viele Stimmen sind, die nach Veränderung schreien, dass man kaum noch etwas anderes hört, dann sollte man vielleicht anfangen zuzuhören.  

Okay, alles klar. Und jetzt?  

Ich beobachte an mir selbst und an vielen anderen, dass wir uns seit über einem Jahr mehr damit beschäftigen, wer recht hat, wer die ärmere Sau ist und wessen Sorgen mehr Daseinsberechtigung haben (siehe auch mein Text oben) und viel weniger damit, dass wir mal die Stirn runzeln und sagen: «Und jetzt?»   

Das Ganze läuft bei mir auf zwei Ebenen ab: auf der ideologischen und der pragmatischen. Rein prinzipiell würde ich sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gerne aus der Welt schaffen und ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass es so weit kommt. Nur passiert das nicht von jetzt auf gleich und einen Teil meiner Energie sollte ich vielleicht für die Pragmatik aufsparen und sagen: «Noch besteht das Problem – was kann ich jetzt und hier im Umgang damit tun? Für mich und für andere?» 

Ich kann meine Klappe auftun, wenn ich etwas Unangemessenes beobachte. Ich kann meinerseits versuchen, zu kommunizieren, wenn ich mich unwohl fühle, obwohl das, wie oben geschildert, nicht immer einfach ist. Ich kann Männern erklären, wie es für mich ist, mich sexuell bedroht zu fühlen, ohne vorwurfsvoll zu sein. Ich kann ihnen zuhören, wenn sie mir erklären, warum sie handeln, wie sie handeln – und ihnen dann sagen, warum ich das gut oder problematisch finde. Ich kann Tipps, die ich bei mir selbst anwende, weitergeben, z.B., dass man jemanden, der einem zu nahe kommt, immer siezen soll, damit Umstehende verstehen, dass man sich nicht kennt, und so vielleicht eher eingreifen. Oder dass man immer andere Menschen mit einbinden soll, wenn man Angst hat, bis zu dem Punkt, auf jemand Fremdes zuzugehen und zu sagen: «Lisa/Alex, so schön, scho lang nüme gseh.»   

Sie wissen, ich bin wirklich Fan der Verkopfung. Ich mache mir gerne zu allem Möglichen Gedanken. Ich bin gerne kritisch. Kürzlich bezeichnete mich ein sehr aufgebrachter Herr als «durchgeknallte Feministin» – das kann ich nicht einmal abstreiten, aber ich glaube, ich bin einerseits durchgeknallt und andererseits Feministin, ich bin nicht in durchgeknallter Weise feministisch. Behaupte ich jetzt mal. Ich nehme an, es gibt viele, die mir da widersprechen. Von Frauenseite wurde mir hingegen immer wieder, wie am Anfang erwähnt, gesagt, ich sei zu sanft. Zu vermittelnd. «Man muss aufhören, denen zuzuhören!» Ich denke aber, dass sexuelle Übergriffe und Gewalt ein gesellschaftliches Problem sind, das weit über schleimige Komplimente, Hände am Po und tatsächliche Gewalt hinaus geht – und diese Gesellschaft besteht zur Hälfte aus Männern.

Und wenn ich verlange, dass sie mir zuhören, mich ernst nehmen und mir glauben, dann sollte ich das auch.  

Das wünsche ich mir: Zuhören.  

Drum meine Frage ins Plenum: Was wünscht ihr euch im Umgang mit sexuellen Übergriffen (abgesehen von deren Verschwinden/dass sie nicht erfunden werden)? In der Diskussion, aber auch, wenn eine Situation von einer Seite als unangenehm empfunden wird? Von Männern, von Frauen? Was bräuchte es für euch (egal ob Mann oder Frau), damit es besser wird?

Yonni Meyer

Yonni Meyer (36) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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29Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 15.12.2018 21:03
    Highlight Highlight Habe den ganzen Artikel gelesen. Weil ich eine Leseratte bin, ist mir sofort ein Buch von Ernest Hemingway in den Sinn gekommen mit dem Titel "Men Without Women" (Männer ohne Frauen).

    Guter Artikel! Gute Schreibe! Frisch von der Leber weg! Gefällt mir. Ich gratuliere der Autorin! (ohne Ironie).

    Kann aber nichts damit anfangen, weil: andere Wellenlänge. Aber das ist mein Problem, nicht das von Frau Meyer.
  • Zeit_Genosse 15.12.2018 12:57
    Highlight Highlight Chopfleeret. Ok, es ist draussen. Du wirst dafür guten Zuspruch erhalten. Nur erreichen deine Zeilen weniger die Zielgruppe der „Übergreifer“ als jene die dich bejahen. Hashtags sind so schnell geschrieben. Da sind Übergriffe im Hollywood-Milieu auf einmal in Roggenhausen, wo man sich am Stammtisch fragt, was den „metoo“ heisst, während man der Serviertochter lüsterne komplimente beim holen der nächsten Stange nachruft und ein tiefergelegtes laut röhrendes Auto mit lauter bum-bum-Musik vorbeifährt und jemand aus dem offenen Fenster ruft, wotsch figge milf. Und niemand ruft „metoo“.
    • Zeit_Genosse 15.12.2018 13:25
      Highlight Highlight Mein Wunsch wäre im realen Leben mehr Zivilcourage zu zeigen, Stop zu sagen wenn Stop gemeint ist und weniger auf Sozialen Medien etwas hinterhereifern. Mehr im Jetzt und bei uns bleiben, da wo es auch passiert, jedoch weniger Likes bringt.
    • Yonni Meyer 15.12.2018 13:40
      Highlight Highlight Vielleicht müssen sie auch einfach diejenigen erreichen, die bisher geschwiegen haben, wenn das Servierpersonal belästigt wurde... Ich verstehe deine Aussagen. Ich nehme an, du bist ein Mann, ja? Was bist du bereit zu unternehmen, damit es Frauen leichter fällt, Stop und Nein zu sagen? Wie oben beschrieben, ist das nicht immer einfach. Es macht Angst. Den Vorwurf des Like-Nacheiferns finde ich in diesem Kontext ziemlich verunglimpfend - es geht (meines Erachtens) um einen Zusammenschluss. Um das Gefühl, nicht allein zu sein. Und das kann helfen, auch was Zivilcourage angeht.
    • R. Peter 16.12.2018 11:00
      Highlight Highlight Es müssen nicht anwesee Männer Stopp sagen lernen,sondern die von der Belästigung Betroffenen. Wenn mir eine(r) ein lüsternes Kompliment macht entscheide ich allein,ob ich das angebracht finde. Eine Twitterdebatte, die universal festlegt,was geht oder nicht ist weder sinnvoll noch wünschenswert. Dieses Delegieren von Verantwortung an vermeintlich Stärkere zementiert nur das den Belästigungen zugrundeliegende (gefühlte) Machtgefälle.

      Ich entscheide ob ich stopp, danke oder nichts sage und ob ich mich unterordne oder nicht.Wen das andere für mich tun sind wir am exakt gleichen Punkt wie vorher.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Grohenloh 15.12.2018 11:30
    Highlight Highlight Das sind gut relektierte Gedankengänge. Danke, dass du dich wirklich fundiert und fair mit diesem Thema auseinandersetzt!

    Nur, für die Männer ist es noch viel komplizierter als man es sich als Frau vorstellen kann.

    Es braucht Selbstbewusstsein und eine gewisse Intensität, wenn man die Aufmerksamkeit einer Frau erreichen will (ausser für die 1% Superbeaus). Und dort beginnt das Problem. Das gleiche Verhalten wird von einer Frau, die einem attraktiv findet als willkommenes Werben, von einer, die einem nicht attraktiv findet als Belästigung ausgelegt.
    • who cares? 15.12.2018 15:19
      Highlight Highlight Chabis. Ein freundliches Ansprechen im richtigen Kontext wird von fast niemanden als Belästigung ausgelegt. Ich bin auch schon von aus meiner Sicht unattraktiven Männer angesprochen worden und das war überhaupt kein Problem.
      Wer keine anderen Methoden findet, als solche die gemeinhin als Belästigung wahrgenommen werden, ist wohl selbst das Problem.
    • Grohenloh 15.12.2018 16:20
      Highlight Highlight Ja, natürlich meine ich nicht die unkomplizierten Situationen. Vielleicht veranschaulicht diese Tatsache, was ich meine:
      Wenn Frauen sich sexy anziehen, dann wirkt das auch auf Männer anziehend, auf die die Frauen mitnichten anziehend wirken wollen. Da können die Frauen nichts dafür. Aber die nicht gemeinten Männer auch nicht.

      Ich will einfach sagen, dass das Verhältnis zw. den Geschlechtern viel komplizierter ist als (inbesondere die Frauen) man meint. Dies war bisher immer damit gelöst, dass die Frauen entmachtet waren. Das ist nicht mehr so. Zu Recht. Aber es wird nicht einfach werden.
    • who cares? 15.12.2018 18:38
      Highlight Highlight @Grohenloh: Damit implizierst du, dass Männer per se gar nicht anders können, als sich unangemessen gegenüber attraktiv angezogenen Frauen zu verhalten. Das sehe ich anders. Ich kenne ganz viele Männer, die ganz gut durchs Leben kommen, ohne jemanden zu belästigen.

      Man kann natürlich schon das Risiko nehmen und Frauen mit potenziell belästigenden Sprüchen versuchen anzumachen, aber dann ist man selbst schuld, wenn sie es falsch aufnimmt. Es geht aber auch anders. Höflich, respektvoll und auf Augenhöhe. Wie gesagt ist mir das durchaus bei mir für mich nicht attraktiven Männer so passiert.
  • Mi531 15.12.2018 07:48
    Highlight Highlight Liebe Pony
    Vielen Dank für diesen großartigen Artikel. Ich hoffe auch, dass ihn ganz viele lesen.
    Ich suche heute viel öfter die Diskussion, ob im Freundeskreis oder auch im Büro, ob nach einem "blöden" Witz oder auch nach der Aussage "metoo brauche es nicht". Das man auch gemeinsam diskutieren kann,was den noch ok sei, und in welchen Situationen. Das man auch die unterschiedlichen Sichtweisen sieht und etwas sensibilisieren kann. Mein Chef z.b. Viel aus allen Wolken, als ich ihm erklärte,dass ich kaum eine Kollegin habe, die nicht schon unerwünschte Hände auf dem Po hatte.
    • Remo85 16.12.2018 08:05
      Highlight Highlight Ich fiel auch aus allen Wolken...
      Ich denke z.B bei komplimenten gibt es eine gewisse Grenze, die sieht villeicht nicht jeder. ABER: Wer fremden mit Absicht an den Po fasst, der weiss, dass er Grenzen überschreitet. Unter aller Sau...
  • Avalon 15.12.2018 07:48
    Highlight Highlight Toller Artikel, differenziert und einfühlsam! Danke!
    Was es meiner Ansicht nach braucht: Zuhören und ernst nehmen, ohne zu werten.
  • Treumerin 14.12.2018 22:53
    Highlight Highlight 2/2 Schmerzgrenze höher ist, als die von Kolleginnen. Daraus schliesse ich, dass es für Mitmenschen schwierig ist, abzuschätzen, welche Interaktionen individuell angemessen sind. Ich wünsche mir in erster Linie von allen Gelassenheit bei diesem Thema und eine anständige Diskussionskultur.
  • AnnenMay 14.12.2018 22:51
    Highlight Highlight Ich wünsche mir von Personen, die konstant sagen "dann wehr Dich doch!", dass sie kurz überlegen, sich einfühlen und begreifen, dass "sich wehren" einfach ist, wenn man etwa gleich stark ist, aber zu totaler Angst und Lähmung führen kann, wenn man unterlegen ist (ob physisch, psychisch oder hierarchisch).

    PS: Danke für den guten Artikel :)
  • Treumerin 14.12.2018 22:47
    Highlight Highlight 1/2 Vielen Dank für diesen Artikel. Ich befürworte deine Haltung und vertete eine ähnliche. Meiner Erfahrung nach, hilft es oft, wenn man sein Unwohlsein kommuniziert wie konstruktive Kritik. Keinenfalls möchte ich Täter schützen. Allerdings habe ich die Vermutung, dass übergriffiges Verhalten nicht immer absichtlich geschieht. Man gibt dem Gegenüber so die Möglichkeit, sich höflich und ohne Gesichtsverlust zu entschuldigen und mit etwas Glück lernt er etwas dabei. Nachdem ich einige Zeit in der Gastro tätig war, musste ich erkennen, dass meine
  • Hagane no Kagakusha 14.12.2018 21:01
    Highlight Highlight Super Artikel! Hmm: Was wünsche ich mir? Ich sehe um mich herum viele Männer, die immer wieder sexistisch oder übergriffig handeln, aber von den meisten glaube ich nicht, dass sie sich bewusst sind, dass sie das zu sehr tun.

    So wünschte ich mir, dass Menschen offen darüber sprechen, was sicher geht, was sicher nicht geht, und vor allem was in der Grauzone ist.

    Ich glaube die meisten Männer in der Grauzone würde das in Richtung „OK“ führen. Wenn das Thema immer nur ist was sicher nicht geht, können sie aber nichts über die Grenzen lernen und fühlen sich eben unter Generalverdacht.
  • Pinga 14.12.2018 19:19
    Highlight Highlight Ich kann allen Männern (und Frauen!) die die Problematik/ die Häufigkeit nicht sehen nur raten, mal mit Frauen zu sprechen und nachzufragen. Ich persönlich kenne kaum Frauen (zwischen 18 und 25), die nicht solche Geschichten selbst erzählen können. Selbst solche, die eher selten im Audgang anzutreffen sind. Ich glaube, man sieht die Tragweite am Besten, wenn man sich bewusst wird wie nah und oft das passiert.
  • Ylene 14.12.2018 18:54
    Highlight Highlight Danke Pony!!! ❤️❤️❤️ Du hast das perfekt auf den Punkt gebracht! Ich hoffe nur, dass das hier von ganz vielen gelesen wird.
    • Yonni Meyer 14.12.2018 19:07
      Highlight Highlight Es ist glaubs bitzli zu lang geraten, aber herzlichen Dank für deinen Kommentar.
  • reamiado 14.12.2018 17:45
    Highlight Highlight Danke für diesen Artikel! Danke, dass du das in Worte fasst, wo ich nur denke "ja genau". Als junger Mann hat mir die ganze Diskussion ein Bewusstsein gegeben, dass es zu viele Übergriffe und Gewalt gibt. Ich habe mir viele Gedanken gemacht und bin nun sensibler, schaue mehr hin. Etwas zu sagen bei unklaren Situationen ist schwierig, sich raushalten ("geht mich nichts an") ist leichter. Ich nehm mir vor zu helfen. Gleichzeitig musste ich meine Unsicherheiten selbst überwinden und mir sagen, dass ich nicht das Problem bin & mich schlecht fühlen muss als Mann, aber dem Problem bewusst sein muss.
    • Yonni Meyer 14.12.2018 17:58
      Highlight Highlight Genau diese Unterscheidung ist wahnsinnig wichtig. Danke, dass du sie machst.
    • reamiado 15.12.2018 09:37
      Highlight Highlight Selten hab ich bislang ein Danke gehört dafür, dass man sich Mühe gibt ein aufgeklärter Mensch/kein Sexist zu sein. Eigentlich sollte es ja auch selbstverständlich sein, tut aber dennoch gut zu hören.:)

      Texte wie diese sind ein entscheidender Grund, weshalb ich noch auf Watson (und auf Facebook) bin.
  • rodolofo 14.12.2018 17:43
    Highlight Highlight Liebe Yonni,
    Du kannst nur mit Leuten diskutieren, die auch diskutieren WOLLEN, denen es also um "die Sache" geht und darum, diese Sache möglichst von allen Seiten zu beleuchten!
    Dann gibt es aber Leute, denen es nur um sich selbst geht und um das, was sie von einer Sache, oder von Menschen wollen.
    Solche Menschen degradieren Dinge, Lebewesen und Menschen zu Objekten, die als Apparate, als untergebenes Dienstpersonal und als SklavInnen zur Befriedigung ihrer Gelüste jederzeit (be-)dienend zur Verfügung stehen müssen.
    Das sind eben "Führungspersönlichkeiten", ErzieherInnen und HerrInnen...
    • sonico 15.12.2018 08:19
      Highlight Highlight Um das Problem in seiner ganzen Komplexität zu verstehen, muss man sich auch bewusst sein, dass sexuelle Signale von Frauen wahnsinnig oft als Werkzeug für die Verfolgung kleiner oder grosser Ziele benutzt werden. Es ist auf gesellschaftlicher Ebene nicht nur ein Problem der zwanglichen Machtausnutzung, sondern viel mehr ein Problem des Umgangs mit der Sexualität an und für sich. Da ist vieles zu verkrampft und vor allem zu wenig ehrlich. Könnten wir alle offen über unsere Sexualität umd unsere diesbezüglichen Bedürfnisse kommunizieren, wäre manches einfacher und weniger agressionsschwanger.
    • Dr. Proton 15.12.2018 11:37
      Highlight Highlight 1/2
      Danke für den Beitrag. Mit meinen über 40 Jahren sehe ich das auch so, dass schon gewisse Verhaltensweisen in bestimmten Situationen beim Gegenüber Ängste auslösen können. Da reicht oft schon ein Blick in einer leeren S-Bahn.

      Ich bin froh Heute eine respektvolle Einstellung zu haben und Frauen nicht mehr nur als Sexobjekt zu sehen.

      Dies war nicht immer so. In jungen Jahren, vor 20 Jahren, fand ich es normal Frauen anzumachen, körperlich Nahe zu kommen und auch an Po und zwischen die Beine zu fassen.
    • Dr. Proton 15.12.2018 11:40
      Highlight Highlight 2/2 Richtig bewusst wurde mir mein erniedrigendes Verhalten gegenüber Frauen mit 23 auf Grund der Reaktion und Reflexion meiner damaligen Freundin beim Sex. Einmal hatte ich sie einfach anal genommen obwohl sie das nicht wollte.

      Ihre Reaktion, ihr Schmerz und ihre Verletzung haben damals zu einem Umdenken bei mir geführt.

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