Die USA nähern sich laut dem US-Notenbankchef Jerome Powell dem Zeitpunkt, an dem die Notenbank Fed ihre Zinsen senken muss. Dies, um die Beschäftigung zu stützen, sagte Powell am Freitag in einer mit Spannung erwarteten Rede.
Ein «rascher» Einbruch am amerikanischen Arbeitsmarkt sei nicht auszuschliessen und könnte eine Lockerung der Geldpolitik – und damit Zinssenkungen – rechtfertigen, sagte der Notenbankchef bei den Treffen in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming.
Zugleich befinde sich das Fed in einer «heiklen Lage», da die von der US-Regierung neu verhängten Zölle bereits begännen, die Verbraucherpreise zu belasten und damit das Risiko einer wiederaufflammenden Inflation zu erhöhen. «Die Auswirkungen der Zölle auf die Konsumentenpreise sind nun klar sichtbar», betonte Powell.
Theoretisch würde das Risiko steigender Inflation die Zentralbanker dazu veranlassen, ihre Leitzinsen zu erhöhen oder zumindest unverändert zu belassen. Sollten sie jedoch der Ansicht sein, dass eine Stützung der Konjunktur nötig sei, um Entlassungen zu vermeiden, tendierten sie im Gegenteil zu Zinssenkungen, die die Kreditkosten für Unternehmen und Privatpersonen steuern.
«Die Risiken für den Arbeitsmarkt nehmen zu. Und wenn sich diese Risiken realisieren, können sie rasch in steigende Entlassungen und Arbeitslosigkeit umschlagen», sagte Powell.
An den Finanzmärkten werteten Investoren die Rede sofort als Signal für mögliche Zinssenkungen bereits an der nächsten Sitzung der US-Notenbank im September. Dies liess die Renditen von US-Staatsanleihen abrupt sinken: Die zweijährigen Papiere, die besonders empfindlich auf geldpolitische Veränderungen reagieren, fielen innerhalb weniger Sekunden von 3,78 auf 3,71 Prozent.
Auch der Dollar verlor deutlich an Wert, da tiefere Zinsen den Kurs einer Währung in der Regel belasten. Die Wall Street hingegen reagierte positiv auf die Äusserungen des Fed-Präsidenten: Die wichtigsten US-Börsenindizes lagen zunächst deutlich im Plus.
Der Schweizer Aktienmarkt hat sich nach Beginn der Rede des Fed-Chefs um die Marke von 12'300 Punkten eingependelt. Der Leitindex SMI war bereits vor Beginn der Rede Powells über die Marke gesprungen, hatte zuletzt aber wieder etwas an Terrain eingebüsst.
Der SMI stand um 16.30 Uhr 0,44 Prozent höher bei 12'295 Punkten und damit etwa 30 Punkte unter dem Tageshoch kurz nach 16.00 Uhr. In ersten Reaktionen wurde zumindest der Beginn der Rede als «dovish» gelesen, also in Richtung bald sinkender Zinsen.
Die Aussagen Powells beflügelten die Spekulationen, dass eine Lockerung der Geldpolitik auf der nächsten Sitzung am 17. September auf der Agenda steht, heisst es in einer Ersteinschätzung der Bank LBBW. Laut der Bank ist eine Senkung bereits im September allerdings trotz der Beeinflussungsversuche des US-Präsidenten noch keineswegs sicher. Denn das Fed stecke bei der Abwägung der Risiken durch eine steigende Inflation und eines sich abschwächenden Arbeitsmarkts in einem «veritablen Dilemma».
Der US-Dollar hat gleichzeitig stark auf die Rede reagiert. Gegenüber dem Franken sackte er auf rund 0.8020 Franken ab, nachdem er vor der Rede noch zu rund 0.8090 Franken gehandelt wurde. Der Euro legte zum Dollar von knapp unter 1.1600 Dollar auf rund 1.1700 Dollar einen ganzen Cent zu.
US-Präsident Donald Trump hat US-Notenbank-Gouverneurin Lisa Cook am Freitag mit der Entlassung gedroht. Er sei bereit, die Gouverneurin ihres Amtes zu entheben, falls sie nicht von selbst zurücktrete, sagte Trump bei einer Pressekonferenz in Washington.
Ein Vertrauter des Republikaners hatte Cook beschuldigt, Dokumente gefälscht zu haben, um einen Immobilienkredit zu erhalten. «Was sie getan hat, ist sehr schlecht, also werde ich sie feuern, wenn sie nicht zurücktritt», sagte Trump. In den vergangenen Tagen hatte er Cook, die als erste afroamerikanische Frau in dieses Amt berufen wurde, bereits öffentlich zum Rücktritt aufgefordert und damit den Druck auf die Notenbank weiter erhöht. (rbu/awp/sda/afp)
Vielleicht merkt es die MAGA-Meute auch irgendwann.