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Interview

«Aus Gewissensgründen» – Diese Apothekerin verbannt Homöopathie aus Regalen

Saskia Gerhard / watson.de



Wer die Bahnhof-Apotheke in bayerischen Weilheim betritt und nach homöopathischen Mitteln fragt, wird erstmal vertröstet. Iris Hundertmark, der die Apotheke gehört, hat sich zu einem drastischen Schritt entschieden. Sie hat Homöopathie aus ihren Regalen verbannt.

Frau Hundertmark, warum haben Sie sich dazu entschieden, homöopathische Medikamente nicht mehr anzubieten?
Iris Hundertmark:
Aus Gewissensgründen – ich möchte absolut ehrlich zu meinen Kunden sein. Ich habe Pharmazie studiert, bin Pharmazeutin und habe die Aufgabe, die Bevölkerung zu informieren nach dem Stand der Wissenschaft. Über homöopathische Mittel kann ich meine Kunden aber nicht umfassend beraten, weil ich keine Beweise habe, dass sie überhaupt wirken.

Iris Hundertmark

Bye-bye Globuli: Iris Hundertmark. Bild: zvg

Worin sehen Sie Probleme mit homöopathischen Mitteln?
Ich stelle sie infrage. Wir sind von unserer Apothekerkammer dazu angehalten, leitliniengerecht zu beraten. Die Hersteller müssen Beweise über die Wirkung ihres Medikamentes erbringen und die nutze ich dann, um meine Kunden zu beraten. 

Wenn Sie zum Beispiel in meine Apotheke kommen und Sie wollen eine Packung Aspirin, werde ich Ihnen gezielt Fragen stellen und Sie darüber aufklären, was passieren kann, wenn Sie das Medikament einnehmen, wofür das Mittel ist oder ob Sie einen Arzt aufsuchen müssen. Ich schiebe die Tabletten nicht einfach über die Theke. 

Im Fall der Homöopathie sieht das anders aus, Leitlinien gibt es in dem Sinne nicht. Würden Sie mich um eine Flasche Arnika bitten, müsste ich sie abgeben, ohne etwas dazu sagen zu können. Denn uns fehlen wissenschaftliche, evidenzbasierte Beweise, dass homöopathische Mittel wirklich wirken.

Christian Lübbers hat die Bahnhof-Apotheke bei ihrem Schritt beraten. Der Arzt klärt seit Längerem über Homöopathie auf:

«Wirkt Homöopathie? Nein/Nein, aber in gelb»

Was machen Sie, wenn Kunden kommen, die nach homöopathischen Mitteln fragen?
Ich frage sie, was sie haben – das ist sowieso meine Pflicht. Dann schlage ich ihnen schulmedizinische Medikamente vor und merke an, dass wir die homöopathischen Mittel nicht vorrätig haben.

Wenn jemand trotzdem unbedingt eine homöopathische Arznei haben möchte, bestelle ich die. Ich schreibe niemandem vor, was er tun oder lassen soll. Ich sage den Kunden dann, dass es einen Tag oder länger dauern kann, bis die Mittel ankommen. Oder sie müssen es eben bei anderen Kollegen versuchen, die das Mittel vielleicht in der Schublade haben. 

Ich kann dem Kunden nur sagen: Ich bestelle Ihnen das Medikament, wenn Sie es wollen, aber Sie sollten wissen, dass es keine nachgewiesene Wirksamkeit hat. Dann hat er die Wahl. Er kann sich etwas anderes empfehlen lassen oder er sagt: «Das weiss ich, aber mir hilft das trotzdem.» Das ist dann okay für mich, aber ich will wenigstens auf den Stand der Wissenschaft hingewiesen haben.

«Ich sage niemandem: Kaufen Sie das nicht. Ich möchte nur vernünftig aufklären, dass Homöopathie ein Risiko darstellen kann, wenn man akut krank ist.»

Was ist Homöopathie?

Der Begriff bedeutet übersetzt «ähnliches Leiden». Anhänger dieser alternativen Medizin glauben: Wenn ein Stoff bei Gesunden zum Beispiel Übelkeit hervorruft, kann er bei Kranken Übelkeit heilen.
Deshalb verwenden Homöopathen diesen Stoff, sie verdünnen ihn allerdings extrem stark mit Alkohol und Wasser, um die schlechten Nebenwirkungen zu unterbinden. Die guten Wirkungen bleiben dabei angeblich erhalten.

Die Mittel werden in Potenzen klassifiziert.
Die Potenz D23 entspricht einer 23-fachen Verdünnung im Verhältnis 1:10. In einer Zahl: 1:100'000'000'000'000'000'000'000.

Um es etwas anschaulicher zu machen: Gib einen Tropfen Apfelsaft ins Mittelmeer, dann enthält das Mittelmeer genauso viel Apfelsaft, wie ein D23-Homöopatikum nach der ganzen Verdünnerei noch von seinem Urstoff enthält. Da kann nichts mehr wirken, Homöopathen glauben aber, dass die Energie des Stoffes erhalten bleibt und heilt.

Wer Homöopatika nimmt und eine Linderung bei sich feststellt, profitiert vom Placebo-Effekt: Der Körper «denkt», er hat ein wirksames Medikament bekommen und setzt darunter sowas wie Selbstheilungskräfte frei. Dieser Effekt wurde in Studien nachgewiesen. Bei ernsten Erkrankungen sollte man sich darauf aber nicht verlassen.

Ist das nicht schlecht fürs Geschäft?
Ich riskiere Verluste. Aber meine Kunden wissen, dass sie von mir Ehrlichkeit erwarten können. Das ist mir wichtig.

So sehen die Regale ohne homöopathische Mittel aus:

Wie finden die Kunden das?
Die Kunden reagieren positiv, weil ich ihnen ja die Wahl lasse. Ich sage niemandem: Kaufen Sie das nicht. Ich möchte nur vernünftig aufklären, dass Homöopathie ein Risiko darstellen kann, wenn man akut krank ist. Wenn Sie sich zum Beispiel in den Finger schneiden und Sie behandeln die Wunde nur mit Arnika-Globuli, ist die Gefahr für Infektionen höher als mit einer schulmedizinischen Behandlung. Ich kann Ihnen nicht die Globuli geben und mit Sicherheit behaupten, dass sie wirken.

Homöopathie ist sehr umstritten, die Diskussion darum wird hitzig geführt. Da ist es erstaunlich ist, dass sich noch keine andere Apotheke dazu entschieden hat, die Mittel aus dem Regal zu nehmen. Warum glauben Sie, ist das so?
Als Apothekerin bin ich ja nicht nur Pharmazeutin, sondern auch Kauffrau. Ich muss meine Angestellten bezahlen und das Geschäft muss laufen. Eine solche Entscheidung muss gut überlegt sein. Ich persönlich habe den Entschluss als Naturwissenschaftlerin gefasst und es war für mich eine ethische Entscheidung. Ich beziehe damit eine ehrliche Haltung und ich bin überzeugt, dass Ehrlichkeit am Längsten währt. Aber damit geht man natürlich ein Risiko ein.

Menschen, die sagen, dass Homoöpathie ihnen hilft, profitieren aus wissenschaftlicher Sicht vom Placeboeffekt. Das ist ja schon eine erstaunliche Sache und teils sogar wünschenswert, bei harmlosen Erkältungen zum Beispiel. Wie denken Sie darüber?
Der Placebo-Effekt ist unbestritten und anerkannt. Er ist Teil klinischer Studien, in denen Patienten nicht wissen, ob sie ein echtes Medikament oder ein Placebo bekommen. Und wir sehen, dass sich auch unter wirkungslosen Tabletten eine Wirkung zeigen kann.

Ich finde das grossartig und freue mich, wenn es funktioniert. Deshalb will ich die Homöopathie auch nicht grundsätzlich verteufeln. Aber im echten Krankheitsfall kann es riskant sein, sich nur darauf zu verlassen. Ich will das Gespräch darüber führen, sonst unterscheide ich mich nicht von irgendeiner Online-Apotheke, die nur eine Plattform für Bestellungen ist.

Bestimmt hast auch DU einen dieser kranken Typen im Büro

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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