Schweiz
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In den USA müssen die Globuli mit einem Warnhinweis gekennzeichnet sein, in der Schweiz wird Homöopathie von der Grundversicherung übernommen.  bild: shutterstock

«Placebo-Effekt kann 40% ausmachen» – warum auch skeptische Ärzte Globuli verordnen  

Eine neue Studie zeigt: Viele Ärzte, die Globuli verschreiben, zweifeln an deren Wirksamkeit. Zwei Mediziner erklären, warum sie trotzdem Stift und Rezept zücken.



Für die einen bewirken die Globuli wahre Wunder, für andere handelt es sich um puren Hokuspokus: Homöopathie ist umstritten. Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt nun: Schweizer Ärzte verschreiben Globuli, glauben aber nicht an deren Wirkung. Vor allem Kinder-, Allgemein- und Frauenärzte setzen auf die alternative Behandlungsmethode. 

Stefan Markun ist Leiter der soeben erschienenen Studie. Er und seine Co-Autoren ziehen folgendes Fazit: «Die Ergebnisse spiegeln wahrscheinlich eine gewisse Offenheit der meisten Ärzte, Homöopathie als Placebo-Intervention zu akzeptieren.»

«Was heisst ‹nur› der Placebo-Effekt? Der kann je nach Krankheitsbild und Therapie bis zu 40 Prozent ausmachen.»

Philippe Luchsinger, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz

Manche Ärzte geben ihren Patienten also homöopathische Kügelchen oder Tropfen mit nach Hause, ohne daran zu glauben, dass sie wirken. Sie setzen dabei scheinbar auf den Placebo-Effekt. Ist das nicht eine Täuschung des Patienten? «Nein», meint Philippe Luchsinger, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz. «Es ist keine Täuschung, wenn ich dem Patient erkläre, dass ich da eine Therapie habe, die nicht wissenschaftlich belegt ist, aber von der schon einige Patienten profitiert haben. Und was heisst ‹nur› den Placebo-Effekt? Der kann je nach Krankheitsbild und Therapie bis zu 40 Prozent ausmachen.» Dies hingegen sei wissenschaftlich belegt.

Tatsächlich: Ein Forscherteam der Universität Basel fand bei einem Schmerz-Versuch heraus, dass selbst Patienten, die wussten, dass sie ein Placebo einnahmen, von einer Schmerzlinderung berichteten.

Gisela Etter Kalberer, Präsidentin des Schweizer Vereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte, kann sich hingegen gar nicht vorstellen, dass Ärzte homöopathische Mittel verschreiben ohne an deren Wirkung zu glauben. Sie stellt die Fragestellung der Studie an den Pranger, die laut ihr die Ergebnisse verfälscht haben könnte: «Die Fragestellung war zum Teil verfänglich und nicht dem neusten Wissenstand angepasst.» Ausserdem wirke Homöopathie, das würden Studien belegen und Ärzte in der täglichen Praxis erleben. 

Die Resultate der neuen Studie der Uni Zürich sorgte in amerikanischen Wissenschaftspublikationen für Kritik. «What’s worse? Doctors who believe homeopathy or just use it for placebo effect?», fragte etwa eine Journalistin des Wissenschaftsportals Ars Technica in einem Kommentar. Doch in der Schweiz geniesst die Homöopathie regen Zuspruch. Im Gegensatz zu Ländern wie den Vereinigten Staaten schwören hierzulande viele auf die Kügelchen, die Teils abenteuerliche Inhaltsstoffe in sich haben.

Globuli für Tiere auf dem Vormarsch

Fast drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer haben schon homöopathische Medikamente benutzt, rund ein Drittel tut es regelmässig. Und auch Tierhomöopathie erlebt zurzeit einen regelrechten Boom, schrieb die «Schweiz am Wochenende» kürzlich. 

Die Patienten lassen sich von der harschen Kritik an der Homöopathie also nicht beeindrucken. Und Experten, die die Patienten in diesem Belangen beraten können, sind einfach zu finden: Laut der SDA gibt es hierzulande 20'000 Therapeuten und fast 3000 Ärzte, die alternative Methoden einsetzen.

Und jetzt: Medikamente neu interpretiert von Zukkihund

Ganz anders in den USA. Das Land führte 2016 gar Warnhinweise für homöopathische Mittel ein. Die Globuli oder Tinkturen müssen nun mit dem Satz «Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass dieses Produkt wirkt» gekennzeichnet werden, oder mit der Aussage: «Die Wirkungsbehauptungen des Produkts basieren einzig auf homöopathischen Theorien aus dem 18. Jahrhundert, die von den meisten modernen Medizinexperten nicht anerkannt werden.»

Jahrelanges Tauziehen

Um die Anerkennung der Komplementärmedizin (dazu gehört auch die Homöopathie) als kassenpflichtige Leistung, wurde in der Schweiz lange gerungen. Im Jahr 2005 hatte der damalige Gesundheitsminister Pascal Couchepin die Fachrichtungen aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung gekippt.

Vier Jahre später hiess das Stimmvolk jedoch mit deutlichem Mehr einen Verfassungsartikel gut, der eine bessere Berücksichtigung der Komplementärmedizin verlangt.

Couchepins Nachfolger Didier Burkhalter führte daraufhin eine befristete Regelung bis Ende 2017 ein, nach der die obligatorische Krankenversicherung ärztliche Leistungen der Homöopathie, der anthroposophischen Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin und der Pflanzenheilkunde bezahlt. 

Diese Behandlungsmethoden werden nun seit dem 1. August 2017 definitiv von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen. Voraussetzung ist, dass die Methoden von einem Schulmediziner praktiziert werden, der in einer der vier Methoden einen FMH-anerkannten Fähigkeitsausweis erworben hat. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Jens Behnke 22.11.2017 15:20
    Highlight Highlight 3) Die meisten der über 2.000 Experimente aus der Grundlagenforschung zur Homöopathie beobachteten Effekte potenzierter Präparate über Placebo hinaus, auch in methodisch hochwertigen Versuchen sowie unabhängigen Replikationen:
    http://bit.ly/2iJ9LSv
  • Jens Behnke 22.11.2017 15:19
    Highlight Highlight 2) 4 von 5 Meta-Analysen randomisierter. placebokontrollierter Doppelblindstudien beobachteten spezifische Effekte potenzierter Arzneimittel über Placebo hinaus, auch jeweils in der Gruppe der methodisch hochwertigen Studien. Die eine Arbeit mit anderslautendem Ergebnis wertete aus wissenschaftlich nicht nachvollziehbaren Gründen lediglich 8 von 110 eingeschlossenen Studien aus:
    http://bit.ly/2iBRLK2
  • Jens Behnke 22.11.2017 15:19
    Highlight Highlight Ich halte die Prämisse dieser Studie, dass wie Wirksamkeit der Homöopathie nicht wissenschaftlich belegt sei, für nicht sachgerecht.

    1) Viele Beobachtungsstudien belegen konsistent, dass Homöopathie bei vielen Erkrankungen mindestens genauso gut wirkt wie konventionelle Therapieformen. Die Patienten nehmen aber ca. 50% weniger synthetische Arzenimittel, z.B. Antibiotika, nicht-steroidale Antirheumatika oder Psychopharmaka ein und berichten über signifkant weniger Nebenwirkungen: http://bit.ly/2zSc1By
  • Dr Barista 22.11.2017 06:43
    Highlight Highlight Ohne Worte
    Benutzer Bild
  • Skip Bo 22.11.2017 06:22
    Highlight Highlight Bin skeptisch gegenüber Heilmitteln welche kaum Wirkstoffe enthalten. Aber ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Drei meiner Weiderinder hatten Feigwarzen. Diese z.T. Faustgrossen Dinger können nur opetativ entfernt werden, oder mit einer homöpatischen Injektionslösung behandelt werden. Das Ergebnis war, dass die Feigen austrockneten und abgingen. Es ging aber unterschiedlich lang. Ob das Mittel am Ergebnis schuld war, kann ich nicht beweisen.
    Es ist unwahrscheinlich, dass die Tiere einen Placeboeffekt entwickelten.
  • Regas 21.11.2017 15:30
    Highlight Highlight Hier noch ein besseres Video über Homöopathie:
    Play Icon

  • Spina_iliaca 21.11.2017 14:14
    Highlight Highlight Ist doch gut wenns wirkt.
    Was ist an Ärzten zu kritisieren, die bewusst Placebo verabreichen?
    Ev müssten die Plscebos (hohomöopathische Mittel) gekennzeichnet werden, aber laut den erwähnten Studien wirken sie ja sogar dann.
    • Rabbi Jussuf 21.11.2017 15:52
      Highlight Highlight Ohne Wissen des Patienten Placebo zu verschreiben, ist medizin-ethisch nicht haltbar.
      Da kommen die neueren Studien grade recht, die aufzeigen, dass Placebo auch mit Wissen des Patienten funktionieren kann.
  • Rabbi Jussuf 21.11.2017 13:56
    Highlight Highlight Eine neue Studie?
    Ich dachte, das sei ein ganz alter Hut.
    Niemand hier bestreitet den Placeboeffekt von Globuli. Wenn das bewusst als Placebo abgegeben wird, ist das kein Problem.
    Andererseits schneidet die Kassenzulassung der Globuli sich selber ins Fleisch:
    1. Weil der Patient das nicht bezahlen muss. Wie wir wissen, ist der Preis erheblich für die Wirkung eines Placebos.
    2. haben die Ärzte nach wie vor keine Zeit sich mit dem Patienten abzugeben. Die Zeit aber ist ein weiterer wichtiger Faktor für die Placebowirkung. U.a. dadurch ist der Effekt bei Homöopathie relativ hoch.
    • saukaibli 21.11.2017 15:27
      Highlight Highlight Absolut richtig. Ich finde einfach, der Arzt könnte dem Patienten ganz einfach Zuckerkügelchen verkaufen und ihm sagen es seien Globuli. Das käme viel billiger und hätte die gleiche Wirkung. Es ist ja völlig bescheuert wie viel diese Globuli kosten, dafür dass sie nur aus Zucker bestehen.
  • tipsi 21.11.2017 13:39
    Highlight Highlight Besser die Leute gehen zum Hausarzt der weiss, wann man eine Krankheit richtig behandeln muss und wann nur Placebo reicht, als dass sie sich nur Kügeli holen und eine behandelbare Krankheit nicht therapiert wird.
    Übrigens haben auch normale Medikamente einen Placeboeffekt, dazu kommt noch der Effekt des Wirkstoffs.
  • Wilhelm Dingo 21.11.2017 13:27
    Highlight Highlight Könnte man nicht billige Zuckerkügelchen produzieren mit den verschiedenen Aufschriften von Heilungsversprechen? Das würde meine Krankenkassenprämie entlasten.
    • saukaibli 21.11.2017 15:24
      Highlight Highlight Ich habe eine bessere Idee. Wir tun uns zusammen und verkaufen selber diese heislversprechenden Zuckerkügelchen und lassen uns von den Krankenkassen dafür bezahlen. Da lässt sich sicher gut verdienen, dann müssen wir uns keine Sorgen mehr über KK-Prämien machen ;-)
    • Jan. 21.11.2017 16:10
      Highlight Highlight Ich nehme an, dass der Preis eines Produktes sich auch auf dessen placebo Effekt auswirkt. so nach "wenns so viel kostet, wirkts wohl auch"..
    • Wilhelm Dingo 22.11.2017 05:49
      Highlight Highlight @Dharma Bum&Schurke: schön formuliert!
    Weitere Antworten anzeigen
  • saukaibli 21.11.2017 12:52
    Highlight Highlight Hier noch ein gutes Video zur Homöopathie:
    Play Icon

  • Dirk Leinher 21.11.2017 12:33
    Highlight Highlight Zieht man den Placebo Effekt bei den chemisch hergestellten Medikamenten ab, bleibt zwar nicht mehr viel an Heilwirkung übrig, dafür hat man fast eine Garantie auf die Nebenwirkungen.
    Dann lieber globuli ohne Nebenwirkungen.
    • Wilhelm Dingo 21.11.2017 15:42
      Highlight Highlight @Dirk Leinher: ja, dann würde ich in Deinem Fall einfach zu 100% auf Medikamente verzichten.
    • Rabbi Jussuf 21.11.2017 15:48
      Highlight Highlight Quatsch
      Das mag für einige Medikamente stimmen, aber ganz sicher nicht für die wichtigen!
      Zudem gibt es nicht für alle Krankheiten einen Placeboeffekt, oder nur stark vermindert.
    • saukaibli 21.11.2017 18:19
      Highlight Highlight Teilweise hast du leider recht, vor allem bei Psychopharmaka spielt der Placeboeffekt eine grosse Rolle. Bei Vergleichsstudien wird damit auch häufig Unfug getrieben. So wird beispielsweise dem Patienten gesagt, dass das Medikament gewisse Nebenwirkungen hat und wenn er diese dann spürt, geht er davon aus, das richtige Medikament erhalten zu haben. Bei guten Studien wird ein Placebo genommen, das die gleichen Nebenwirkungen hat, aber das liegt natürlich nicht im Interesse des Herstellers, weshalb das oft nicht gemacht wird.
  • Duscholux 21.11.2017 12:20
    Highlight Highlight "Skeptische Ärzte"

    Warum nennt man die skeptisch? Es sind eher Ärzte die WISSEN dass Globuli nur Placebo ist. Darum verwenden sie es auch so.
  • Karl Müller 21.11.2017 12:03
    Highlight Highlight Ich habe kein Problem mit Globuli. Solange ich sie mit Zuckerkügelchen bezahlen darf, die Geld im "Wassergedächtnis" gespeichert haben ...

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