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Erfinderische Journalisten, Finanzjongleure, falsche Erben – 11 dreiste Schwindler

30.05.2021, 16:0031.05.2021, 16:20

Nicht wenige Leute quält mitunter insgeheim das Gefühl, sie seien für ihre Arbeit gar nicht geeignet, ihre Position sei eigentlich zu anspruchsvoll für sie – und es befällt sie die Furcht, dies könne quasi jederzeit auffliegen. Solche Selbstzweifel sind zwar unangenehm, aber bis zu einem gewissen Ausmass normal und meist unbegründet. Eine Gruppe von Menschen hat hingegen allen Grund für die Befürchtung, ihre wahre Qualifikation oder Identität könnte plötzlich offenbart werden: Hochstapler, Betrüger, Fälscher.

Es sind oft schillernde Figuren, die es schaffen, andere Menschen mit ihrer Ausstrahlung, ihrem Charme und ihren Geschichten hinters Licht zu führen. Für manche besonders geschickte Exemplare empfinden viele Leute sogar so etwas wie Bewunderung. Wir stellen hier eine Reihe von Schwindlern vor, die es in ihrem Metier weit – und damit zu bedenklicher Prominenz – gebracht haben.

Einige illustre Betrüger wie der Vielflieger Frank Abagnale, der Eiffelturm-Verkäufer Viktor Lustig oder die falsche Zarentochter Anna Anderson fehlen auf dieser Liste. Nicht etwa, weil sie darauf keinen Platz finden dürften, sondern weil sie hier schon zu finden sind:

Weitere Perlen aus der schillernden Welt der Hochstapelei folgen in Teil 2: «Gefälschte Titel, gefälschte Gemälde und gefälschte Schicksale».

1. Geschichtenerfinder als Journalisten

Wir fangen gleich dort an, wo es besonders weh tut: bei unserer eigenen Branche.

Claas Relotius

Seine Reportagen heimsten Preise ein, der umjubelte Journalist Claas Relotius galt als Star der Branche. Zuerst freiberuflich tätig, schrieb der heute 35-jährige Deutsche für zahlreiche Publikationen, darunter auch schweizerische, bis er 2017 fest beim Nachrichtenmagazin «Spiegel» anheuerte. Nachdem erste Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Reportagen von seinen Vorgesetzten zunächst abgetan worden waren, kam es Ende 2018 zu einem handfesten Skandal: Der «Spiegel»-Reporter Juan Moreno, der mit Relotius zusammen an einer Reportage arbeitete, meldete Unstimmigkeiten in Relotius' Text, worauf der «Spiegel» seine Texte untersuchte und Relotius mit den Beweisen konfrontierte.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Claas Relotius mit dem Reemtsma Liberty Award, den er 2017 erhielt.
Ein Bild aus besseren Zeiten: Claas Relotius mit dem Reemtsma Liberty Award, den er 2017 erhielt.
Bild: EPA EVENTPRESS

Relotius gab umfangreiche Manipulationen zu – er hatte nicht nur Figuren, Szenen oder Details erfunden, sondern selbst ganze Geschichten. «Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen», sagte er dazu. Der «Spiegel» ging in die Offensive und machte den Fall publik, um seine Glaubwürdigkeit zu retten.

Relotius kündigte umgehend und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Vorgesetzten, Chefredakteur Ulrich Fichtner und Blattmacher Matthias Geyer, kostete das Debakel ihre Position.

Jayson Blair

Seine journalistische Karriere begann im US-Staat Maryland als erst zweiter afroamerikanischer Chefredaktor einer Studentenzeitung und endete bei einer der prestigeträchtigsten Adressen, die es im Journalismus gibt: bei der «New York Times». Jayson Blair machte im Sommer 1998 als 22-Jähriger dort ein Praktikum, das verlängert wurde und schliesslich zu einer Festanstellung führte. Schon damals täuschte Blair seine Vorgesetzten, als er behauptete, er habe sein Studium abgeschlossen.

Blair schrieb mehr Artikel als jeder andere in seinem Ressort, doch sie strotzten vor Fehlern. Die Kritik an seiner Arbeit wurde lauter, doch Blair wurde befördert. Vier Jahre lang schrieb er für die «Times», insgesamt mehr als 600 Artikel. Dann, im April 2003, bekam die Zeitung einen Hinweis, dass ein Artikel von Blair ein Plagiat sei, worauf eine Untersuchung eingeleitet wurde. Sie förderte umfangreiche Unstimmigkeiten zutage: Blair hatte Zitate und Personen erfunden und war manchmal gar nicht am Ort gewesen, von dem er zu schreiben behauptete. Seine Fälschungen führten zu einer Krise der «New York Times», die den Fall an die Öffentlichkeit brachte und sich dafür entschuldigte.

Blair schrieb nach seiner Entlassung ein Buch, das 2004 veröffentlicht wurde.
Blair schrieb nach seiner Entlassung ein Buch, das 2004 veröffentlicht wurde.

Der geschasste Journalist schrieb danach ein Buch über seine Erfahrungen: «Burning down my masters' house» (etwa: «Wie ich das Haus meiner Herren niederbrannte»). Der damalige Chefredaktor der «New York Times», Howell Raines, musste die Zeitung nach einer internen Untersuchung verlassen, die ergeben hatte, dass er eine frühzeitige Warnung vor Blair in den Wind geschlagen hatte.

Tom Kummer

Seine erfundenen Interviews mit Prominenten wie Brad Pitt oder Sharon Stone waren besser als die echten. Aber der Schweizer Autor und Journalist Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, verheimlichte den begeisterten Abnehmern seiner Interviews, dass diese gar nie stattgefunden hatten. Besonders das «SZ-Magazin» druckte in den Neunzigerjahren bereitwillig die Erzeugnisse des selbsterklärten «Boderline-Journalisten». Doch dann, im Jahr 2000, enthüllte der «Focus» die unorthodoxe Arbeitsweise von Kummer, und der Strom von hochwertigen, aber gefälschten Interviews aus der US-Promiszene versiegte. Die beiden Chefredaktoren des SZ-Magazins mussten über die Klinge springen.

Kummer im März 2020 in Bern. Er wurde in diesem Jahr für den Schweizer Buchpreis 2020 nominiert, ging jedoch leer aus.
Kummer im März 2020 in Bern. Er wurde in diesem Jahr für den Schweizer Buchpreis 2020 nominiert, ging jedoch leer aus.
Bild: keystone

Kummer, der seine Methode als «postmodern» verklärte, erwies sich indes als Wiederholungstäter. Als er 2005 von der «Berliner Zeitung» eine zweite Chance erhielt, lieferte er prompt einen Artikel ab, den er aus zwei zuvor publizierten eigenen Beiträgen zusammengestellt hatte – ohne die Redaktion darüber zu informieren. Die Zeitung beendete die Zusammenarbeit umgehend. Später kam Kummer aber wieder zu Aufträgen, etwa für die WOZ, die teilweise wegen Unstimmigkeiten oder Plagiaten kritisiert wurden. Kummers Karriere bot Stoff für den Dokumentarfilm «Bad Boy Kummer», der 2010 erschien.

Trailer zu «Bad Boy Kummer».

2. Finanzjongleure

Hier wird es richtig lukrativ. Diese Leute hantierten mit Millionen wie unsereiner mit Zwanzigernoten.

Bernard Madoff

Im April 2021 starb «Bernie» Madoff kurz vor seinem 83. Geburtstag. Der einst hoch angesehene Wertpapierhändler und Vorsitzender der Technologiebörse Nasdaq tat seinen letzten Atemzug im Gefängnis, in dem er seit seiner Verurteilung zu 150 Jahren Haft 2009 sass. Madoff war der vielleicht grösste Betrüger aller Zeiten – sein Investmentfonds, den er jahrzehntelang nach dem Ponzi-Schema (ein nach dem Betrüger Charles Ponzi benanntes Schneeballsystem, siehe unten) betrieb, hinterliess rund drei Millionen direkt oder indirekt Geschädigte, auch in der Schweiz. Der Schaden belief sich auf mindestens 65 Milliarden Dollar.

Madoff 2009 vor dem Gerichtsgebäude in New York.
Madoff 2009 vor dem Gerichtsgebäude in New York.
Bild: keystone

In seinen guten Zeiten betätigte sich Madoff, der gern Pantoffel mit seinen in Gold gestickten Initialen trug, als Philanthrop und Mäzen. Im Zuge der Finanzkrise geriet sein Betrugssystem jedoch in zunehmende Probleme, weil immer mehr Kunden ihre Gelder abziehen wollten. Als einer von ihnen mehrere Milliarden an Einlagen zurückforderte, brach das Kartenhaus 2008 zusammen; Madoff wurde verhaftet.

Charles Ponzi

Nur 2 Dollar und 50 Cent hatte Carlo Ponzi bei sich, als er 1903 in die USA einwanderte und sich fortan Charles Ponzi nannte. Der Italiener aus Parma schlug sich mit kleineren Betrügereien durch und landete mehrmals im Gefängnis. Doch dann, im Jahr 1920, entwickelte er sein System, mit dem er in kurzer Zeit sehr reich wurde und das nach seinem Fall in den USA sprichwörtlich für diese Art von Schneeball-Systemen wurde: das «Ponzi scheme» («Ponzi-Schema»).

Ponzi lockte Kunden an, die in sein Geschäft – es ging um internationale Postgutscheine – investierten, indem er ihnen eine Rendite von 50 Prozent in 45 Tagen versprach. Wenn jemand sich seinen Gewinn auszahlen lassen wollte, deckte er diese Auslagen mit investiertem Geld anderer Kunden. Die meisten Kunden waren aber von der traumhaften Rendite so geblendet, dass sie ihre «Gewinne» reinvestierten. Einige der Opfer verpfändeten selbst ihr Haus, um genug Kapital investieren zu können. Der Anfang vom Ende dieses finanztechnischen Perpetuum mobiles kam, als ein Anleger sein Geld vergeblich zurückforderte und das Finanzamt und die Presse auf Ponzi aufmerksam wurden. 40'000 Kunden hatten insgesamt 15 Millionen Dollar eingezahlt; gefunden wurden noch 1,5 Millionen.

Ponzi war Namensgeber für ein betrügerisches Finanzsystem.
Ponzi war Namensgeber für ein betrügerisches Finanzsystem.
Bild: Wikimedia

Ponzi wanderte erneut hinter Gitter, wurde 1925 aber vorzeitig entlassen und versuchte sich mit weiteren Betrügereien über Wasser zu halten. Nach erneuter Haft schob man ihn 1934 nach Italien ab, wo er als Held galt. Schliesslich landete er in Brasilien, wo er 1949 verarmt starb.

3. Falsche Erben

Reichtum blendet viele Leute, und das gilt sogar für künftigen Reichtum. Manche Schwindler profitieren davon und geben sich als Erben von steinreichen Leuten aus.

Christian Gerhartsreiter

Rockefeller – dieser Name war vor nicht allzu langer Zeit das amerikanische Synonym schlechthin für Reichtum. Das wird wohl auch den jungen Deutschen Christian Gerhartsreiter beeindruckt haben, der 1978 als 17-Jähriger in die USA einreiste. Vorerst aber schlich er sich als falscher Austauschstudent in Familien ein, bevor er 1981 eine Amerikanerin ehelichte, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Er flunkerte ihr vor, er werde sonst in die Bundeswehr eingezogen und müsse gegen die Russen an die Front. Am Tag nach der Hochzeit liess er sie stehen und zog nach Los Angeles, um Schauspieler zu werden. Dies wurde er auch, allerdings nicht beim Film.

Gerhartsreiter vor Gericht, 2013.
Gerhartsreiter vor Gericht, 2013.
Bild: EPA

Unter dem Namen Clark Rockefeller lebte er dann in New York und legte sich eine Kunstsammlung aus Fälschungen zu. Dann heiratete er 1994 erneut, diesmal eine reiche Harvard-Absolventin. Bis 2007 kam er als Rockefeller-Erbe durch, dann schöpfte seine Frau Verdacht und liess sich scheiden. Er verlor das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter, worauf er sie 2009 entführte. Dafür erhielt er eine mehrjährige Gefängnisstrafe, und während des Prozesses flogen seine diversen Aliase auf. Und nun richtete sich das Interesse der Polizei auf einen alten ungelösten Mordfall in Los Angeles – dort war die Leiche eines Vermieters von Gerhartsreiter gefunden worden. Nun konnten die Ermittler den vermeintlichen Rockefeller mit dem Mord in Verbindung bringen und Gerhartsreiter wurde 2013 zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt. Dort sitzt er immer noch.

Anna Sorokin

Die 1991 in Domodedowo bei Moskau geborene Anna Sorokin kam mit ihrer Familie nach Deutschland, als sie 16 Jahre alt war. Nach Aufenthalten in London und Paris, wo sie als Praktikantin bei einem Mode-, Kunst- und Kulturmagazin arbeitete, kam sie 2013 als Anna Delvey nach New York, wo ihre Karriere als Millionärserbin begann. Sie erzählte, ihr Vater sei Diplomat oder Öl-Magnat und sie sei im Besitz eines Treuhandfonds in der Höhe von 66 Millionen Dollar.

Im Designerkleid vor Gericht: Anna Sorokin.
Im Designerkleid vor Gericht: Anna Sorokin.
Bild: keystone

Damit schaffte sie es während mehrerer Monate, in New York über die Runden zu kommen. Sie residierte in Luxushotels, dinierte in angesagten Restaurants und feierte Partys mit der High Society. Fotos von diesem Jet-Set-Leben auf fremde Kosten postete sie auf ihrem Instagram-Account. 2017 war Schluss damit: Wegen zwei unbezahlter Hotel- und Restaurantrechnungen wurde sie verhaftet und vor Gericht gestellt. Wo sie – standesgemäss – im Designerkleid auftrat. Im Februar 2021 wurde sie auf Bewährung entlassen.

Arthur Orton

Die Tichbornes waren eine alte Adelsfamilie aus dem Süden Englands, deren ältester Sohn nach einer unglücklichen Liebesaffäre 1854 nach Südamerika auswanderte. Doch das Schiff kam nie an, der 25-jährige Roger Tichborne hatte vermutlich ein nasses Grab in den Fluten des Atlantiks gefunden. Lady Tichborne, seine Mutter, konnte den Verlust nicht akzeptieren, sie klammerte sich an die von Gerüchten genährte Hoffnung, ein anderes Schiff habe Überlebende aufgenommen und nach Australien gebracht. Mehr als zehn Jahre nach dem Verschwinden ihres inzwischen gesetzlich für tot erklärten Sohns kam sie in Kontakt mit einer australischen Agentur, die vermisste Personen aufzuspüren versuchte. Lady Tichborne erteilte der Agentur den Auftrag, nach ihrem verschollenen Sohn zu suchen.

Bild: Wikimedia

Und die wurde fündig. Vielleicht kein Wunder, wenn man bedenkt, dass dem verlorenen Sohn ein Jahreseinkommen von 20'000 Pfund winkte – damals ein Vermögen. Auf die Inserate der Agentur meldete sich 1865 ein gewisser Thomas Castro, Metzger aus Wagga Wagga in New South Wales. Ein alter Bediensteter von Lady Tichborne traf ihn in Sydney und bestätigte, es handle sich in der Tat um Roger. Auf Lady Tichbornes Einladung reiste der «Anwärter», wie er nun genannt wurde, mitsamt seiner Familie nach Europa. Als er auf Lady Tichborne traf, erkannte sie in ihm ihren Sohn, und auch einige ihrer Diener taten dies.

Das Bild links zeigt Roger Tichborne, jenes rechts Arthur Orton. Das übereinandergelegte Bild in der Mitte sollte gemäss den Unterstützern von Orton beweisen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte.
Das Bild links zeigt Roger Tichborne, jenes rechts Arthur Orton. Das übereinandergelegte Bild in der Mitte sollte gemäss den Unterstützern von Orton beweisen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte.
Bild: Wikimedia

Die restliche Familie aber sah die Sache anders. Zum einen fürchteten sie um ihr Erbe, zum andern aber konnten sie tatsächlich nicht glauben, dass sich der gebildete, schlanke und elegante Roger in diesen korpulenten, ungebildeten und ungehobelten Mann verwandelt haben sollte. Nachdem Lady Tichborne 1867 gestorben war, kam es zum Prozess, der grosses Aufsehen erregte. Das Gericht wies Castros Anspruch zurück und stellte nach Untersuchungen fest, es handle sich bei ihm in Wahrheit um Richard Orton, einen nach Australien ausgewanderten Metzgersohn aus London. Castro/Orton wurde wegen doppelten Meineids verurteilt und sass zehn Jahre im Gefängnis. In dieser Zeit verlor das Publikum das Interesse an seinem Fall und er seine Anhänger, die ihn und seinen Anspruch unterstützt hatten. Er starb verarmt 1898.

Cassie Chadwick

Geboren wurde sie als Elizabeth Bigley, doch bekannt war sie als Cassie Chadwick. Die 1857 in Kanada geborene Hochstaplerin, die sich zeitweise als Wahrsagerin und Bordellmutter durchschlug, erleichterte mehrere Banken im US-Bundesstaat Ohio, indem sie sich als illegitime Tochter und Erbin des schwerreichen Stahl-Tycoons Andrew Carnegie ausgab.

Bevor es so weit war, musste Chadwick durch eine harte Schule. Schon mit 22 Jahren wurde sie zum ersten Mal verhaftet, und nach ihrer zweiten Ehe sass sie wegen Fälschereien vier Jahre im Gefängnis. Danach eröffnete sie in Cleveland ein Bordell und traf schliesslich auf einen gut situierten Herren, Dr. Leroy Chadwick, den sie 1897 heiratete, ohne ihn über ihre Vergangenheit zu informieren.

Elizabeth Bigley alias Cassie Chadwick, die falsche illegitime Tochter des Stahlmagnaten Carnegie.
Elizabeth Bigley alias Cassie Chadwick, die falsche illegitime Tochter des Stahlmagnaten Carnegie.
Bild: Wikimedia

Das gutbürgerliche Leben an der Seite ihres Gatten vermochte Chadwick offenbar nicht zufriedenzustellen – sie ging nun ihr kühnstes Schwindel-Projekt an, die Rolle als Carnegies uneheliche Tochter. Zu diesem Zweck suchte sie in New York einen Bekannten ihres Mannes auf und bat ihn, sie zum Haus des Millionärs zu begleiten. Dort fand sie unter einem Vorwand Einlass, liess aber beim Herauskommen ein Papier fallen, das ihr Begleiter aufhob. Es handelte sich um einen Wechsel über zwei Millionen Dollar. Chadwick offenbarte dem Mann nun unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass sie Carnegies illegitime Tochter und Erbin sei und dass dieser ihr bereits Wechsel im Wert von mehreren Millionen gegeben habe. Überdies werde sie nach Carnegies Tod 400 Millionen Dollar erben.

Carnegie nahm am Prozess gegen Chadwick teil – er wollte die Frau sehen, die sich als seine illegitime Tochter ausgegeben hatte.
Carnegie nahm am Prozess gegen Chadwick teil – er wollte die Frau sehen, die sich als seine illegitime Tochter ausgegeben hatte.
Bild: Wikimedia

Natürlich blieb das Geheimnis nicht lange geheim, und bald boten Banken Chadwick ihre Dienste an. Sie erhielt gigantische Darlehen gegen Schuldscheine, wobei ihr zugutekam, dass niemand wagen würde, Carnegie auf eine illegitime Tochter anzusprechen. Chadwick badete nun im Luxus – in acht Jahren lieh sie sich zwischen zehn und zwanzig Millionen Dollar und war alsbald als «Königin von Ohio» bekannt. Bis Ende 1904 ein Kreditgeber kalte Füsse bekam und sein Geld zurück wollte. Chadwick floh, wurde aber in New York verhaftet und vor Gericht gestellt. Carnegie wohnte dem Prozess bei. Chadwick erhielt 14 Jahre Gefängnis und starb hinter Gittern – an ihrem 50. Geburtstag.

4. Falsche Ärzte

Dieser Kategorie von Schwindlern möchte man vielleicht noch weniger zum Opfer fallen als allen anderen: Wenn falsche Ärzte am Werk sind, wird es gefährlich.

Ferdinand Demara

Mit 16 Jahren rannte er von zu Hause weg, um Mönch zu werden. Von da an führte der 1921 geborene Amerikaner Ferdinand Waldo Demara, dem hohe Intelligenz und ein fotografisches Gedächtnis nachgesagt wurden, ein unstetes, wechselvolles Leben. Zunächst verbrachte er mehrere Jahre bei Zisterzienser-Mönchen in Rhode Island, bevor er 1941 zur Armee ging. Dort desertierte er nach einem Jahr wieder und versuchte unter einem neuen Namen zweimal erneut, ein Leben als Ordensbruder zu führen. Dann liess er sich von der US-Navy rekrutieren – nur um auch dort wieder zu desertieren, diesmal, in dem er seinen Selbstmord vortäuschte und sich einen neuen Namen zulegte. Doch nun schnappte ihn das FBI und er verschwand für 18 Monate im Gefängnis.

Vom falschen Mönch zum falschen Arzt: Ferdinand Demara.
Vom falschen Mönch zum falschen Arzt: Ferdinand Demara.
Bild: Wikimedia

Nach seiner Freilassung machte er die Bekanntschaft eines kanadischen Arztes, dessen Namen und Titel er sich lieh, um während des Koreakrieges auf einem Zerstörer der kanadischen Marine als Chirurg tätig zu werden. Als 16 Verwundete auf das Schiff gebracht wurden, operierte er alle erfolgreich, wobei er in einem Fall selbst ein Projektil entfernte, das sich direkt neben dem Herzen eines Patienten befand. Er habe medizinische Fachbücher konsultiert, sagte er später dazu.

Dieser Exploit lenkte mediale Aufmerksamkeit auf ihn, was zu seiner Entlarvung führte, doch die Kanadier liessen ihn laufen. Demara kehrte in die USA zurück und arbeitete als Gefängnis-Seelsorger in Kalifornien. Als er auch dort aufflog, durfte er bleiben, weil er bei Insassen und Wärtern beliebt war. Er starb 1982. Noch zu seinen Lebzeiten kam eine Verfilmung seiner Geschichte in die Kinos: «The Great Impostor» (1961) mit Tony Curtis in der Hauptrolle.

Trailer zu «The Great Impostor».

Gert Postel

Schon als Jugendlicher machte sich Gert Uwe Postel einen Spass daraus, den regionalen «Weser-Kurier» mit kleinen Falschmeldungen zu füttern. Auf die schiefe Bahn geriet er nach dem Tod seiner Mutter, von dem er behauptet, es habe sich um einen Suizid wegen psychiatrischer Falschbehandlung gehandelt. Erste Versuche im Metier des Hochstaplers brachten den 1958 geborenen Postel schnell in Konflikt mit der Rechtspflege, aber er liess sich in seinem Drang nach Höherem nicht bremsen. Der Postbeamte, der sich anfänglich im juristischen Bereich Positionen erschleichen wollte, spezialisierte sich zunehmend auf medizinische Berufe, wobei er sich auf Disziplinen wie Psychotherapie und Psychiatrie beschränkte, in denen seine mangelnde Ausbildung – wie er annahm – weniger auffiel. Er las zudem Fachbücher und besuchte Vorlesungen.

1982 gelang es Postel, als «Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy» die Stelle als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg zu erhalten. Hilfreich war dabei, dass er das Vertrauen des Amtsleiters Wolfgang Wodarg gewinnen konnte – ebenjener Wodarg, der 2020 mit der Behauptung, die Corona-Krise sei Panikmache, Schlagzeilen machen sollte. Postel reduzierte die Zahl der psychiatrischen Unterbringungen auf Antrag massiv und beging einige Fehlleistungen, was dazu führte, dass sein Aufgabenbereich beschränkt wurde. Noch bevor er seine Stelle wechseln konnte, verlor er Unterlagen, in denen sich zwei Ausweise mit unterschiedlichen Namen befanden. Er flog auf und kassierte ein Jahr auf Bewährung.

Postel 1999 während seines Prozesses in Leipzig.
Postel 1999 während seines Prozesses in Leipzig.
Bild: KEYSTONE

Seine grosse Zeit begann nach der deutschen Wiedervereinigung im Osten des Landes, wo sein Name keinen Argwohn weckte. Im sächsischen Zschadrass erhielt Postel 1995 eine Stelle als Oberarzt im Fachkrankenhaus für Psychiatrie – unter seinem eigenen Namen. Dort flog er erst 1997 auf, als eine Ärztin von ihren Eltern aus Schleswig-Holstein besucht wurde, die den Namen Postel kannten. Postel tauchte ab, wobei er von einer Richterin unterstützt wurde, mit der er eine Affäre gehabt haben soll. 1998 wurde er verhaftet und erhielt vier Jahre Gefängnis. Nach seiner Entlassung veröffentlichte er seine Lebensgeschichte «Doktorspiele – Geständnisse eines Hochstaplers», die ein Bestseller wurden.

Nicht zuletzt dadurch gelang es Postel, für manche Leute zu einer Kultfigur zu werden. Die Blossstellung der Psychiatrie – dass ein Laie so lange unentdeckt in einer solchen Position wirken konnte – begeisterte psychiatriekritische Kreise. Bei anderen verschaffte ihm seine dreiste Geschicklichkeit Anerkennung – etwa, als er in einem kleineren Verfahren gegen ihn die Ermittler anrief, sich als Richter ausgab und ihnen sagte, es stehe bereits ein grösseres Verfahren an, da müsse man in diesem Fall gar nicht mehr aktiv werden. Postel war aber nicht einfach harmlos; er verordnete psychisch kranken Patienten Medikamente oder liess bei Facharztprüfungen Kandidaten durchfallen. Und bereits 1986 war er verurteilt worden, weil er eine Staatsanwältin, die seine Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte, so lange gestalkt hatte, bis sie psychisch am Ende war.

Interview mit Gert Postel.

Telefonbetrüge nehmen rasant zu

Video: srf/Roberto Krone
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