Frauen wollen einen «Yearner» – das steckt hinter dem Phänomen
Eine junge Prinzessin im Mittelalter soll den Sohn eines mächtigen Königs heiraten. Doch ihr Herz gehört ihrem Leibwächter, den sie seit Jahren kennt. Aber ihre Liebe wurde vom König verboten. Trotzdem können sie einander nicht loslassen. Während sie versucht, sich mit der bevorstehenden Hochzeit zu arrangieren, bleibt er ihr stiller Schatten. Er würde alles für sie geben. Obwohl ihm jede Frau im Schloss ihr Herz schenken würde, gehört seines nur ihr – und so wartet er, auf eine gemeinsame Zukunft, die vielleicht nie kommen darf. Ein Mann voller Sehnsucht.
Ein Yearner, wie er heute genannt wird.
«Yearning» ist englisch und bedeutet so viel wie «sich verzehren nach» oder «schmachten». Das Nomen «Yearner» bedeutet also «Schmachter». Solche Yearner kommen besonders viel in Romanen vor, die hauptsächlich von Frauen gelesen werden – und sind gerade heute wieder besonders beliebt. Es ist meist die Figur, die dem weiblichen Hauptcharakter zwar nahe ist, aber nicht (mehr) im romantischen Sinn. Zum Beispiel der beste Freund, die erste Liebe, mit der es nicht geklappt hat, oder auch der Rivale, dem es verboten ist, sich zu verlieben.
Die Figur des Yearners gibt es seit Hunderten von Jahren. Bereits 1813 beschrieb Jane Austen in ihrem Buch «Stolz und Vorurteil» den ultimativen Yearner Mr. Darcy. Durch das Aufkommen von Buchreviews auf TikTok und die erneute Obsession mit romantische Romanen wurden die Yearner in den letzten Jahren zu einem immer beliebteren Phänomen. Gerade auf Social Media. Beispiele sind etwa Noah aus «The Notebook», Laurie aus «Little Women» oder Conrad Fisher aus «The Summer I Turned Pretty». Aber auch Frauen können Yearner sein. In «Twilight» verzehrt sich etwa die Hauptfigur Bella monatelang nach ihrem Vampirfreund Edward.
Aus wissenschaftlicher Sicht kommt der Wunsch nach einem Yearner nicht überraschen. Die Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan sagt gegenüber watson, dass sie den den Wunsch nach einem Schmachter total verständlich findet: «Ich glaube, hinter dem Yearning steckt etwas, wonach sich viele Menschen sehnen: echtes Begehren. Nicht im Sinn von Besitz oder Drama, sondern im Sinn von emotionaler Beteiligung.» So würden solche Figuren zeigen, dass Nähe nicht peinlich sei und dass Sehnsucht keineswegs eine Schwäche sein müsse.
«Frauen wünschen sich jemanden, der beziehungsfähig ist»
Auffällig bei der Figur des Yearners ist, dass sie fast allesamt von Frauen für Frauen geschrieben wurden. Es scheint also so, dass vor allem weibliche Leserinnen sich nach Yearnern sehnen. Auch das macht für Schiftan Sinn: «Viele Frauen wünschen sich nicht einfach einen Mann, der schmachtet, sondern einen Mann, der emotional zugänglich ist.» Dahinter stecke die Sehnsucht nach einem Gegenüber, das präsent sei, Interesse zeige und die Autonomie der Frau respektiere. Also kurz gesagt: jemanden, der beziehungsfähig ist.
Genau darum ist es auch keine Überraschung, dass Yearner gerade in der heutigen Datingwelt wieder so beliebt sind. In einer Zeit von Tinder und Co. ist emotionale Zugänglichkeit und Beziehungsfähigkeit zur Rarität geworden. Das erlebt auch die Sexologin so:
Das ist auch der Grund, dass sich viele Frauen einen sogenannten Book-Boyfriend wünschen. Also ein Partner, der so ist, wie ihr Lieblings-Yearner in ihren Büchern.
Besonders auf Social Media hat der Book-Boyfriend die Runde gemacht. Frauen erzählen etwa davon, dass sie durch das Lesen von Büchern endlich begriffen hätten, was ihnen in Beziehungen fehlt oder was sie sich wirklich wünschen. Auf Reddit hat eine Frau sogar erzählt, dass sie sich durch das Schauen der Serie «Heated Rivalry» von ihrem Freund getrennt habe. «Heated Rivalry» ist geprägt von yearning. Es geht um zwei Hockeyspieler aus konkurrierenden Teams, die nicht zusammen sein dürfen. Durch diese Liebesgeschichte hat die Frau dann gemerkt, dass ihr in ihrer Beziehung etwas fehlt.
«‹Yearning› ist nicht dasselbe wie Selbstaufgabe»
Die Gefahr, dass nun durch perfekt geschriebene fiktive Männer alle Frauen entscheiden, sich von ihrem Freund zu trennen, sieht Schiftan jedoch nicht: «Ich glaube nicht, dass Serien oder Bücher gute Beziehungen zerstören. Häufig machen sie eher sichtbar, was schon länger fehlt.» Die Psychologin findet viel mehr, dass solche Phänomene Männern helfen können: «Interessanter ist der ehrliche und genaue Blick darauf, was die Fantasie des Yearners eigentlich sichtbar macht: nämlich die klaren Bedürfnisse vieler Frauen.»
So könne man sich als Mann durch die Figur des Yearners auch inspirieren lassen. Das raten etwa einige User auf TikTok. Sie zeigen sich dabei, wie sie die Lieblingsbücher ihrer Freundinnen lesen und so besser verstehen, was ihre Partnerin wirklich braucht.
@thomasnottom01 Reading your partner’s favorite books might be the most underrated relationship hack ever ❤️📚 Just a few example books - ACOTAR, Fourth Wing, Quicksilver. Romantasy, Dark Fantasy or a comfort reread…sharing stories builds connection, communication, attraction, and emotional intimacy. Fall in love with their world & watch how it brings you closer 🥳🥹 #Booktok #Romantasy #DarkRomance #emotionalintelligence #bookishthoughts ♬ original sound - tasticcontent
Doch bedeutet das nun, dass alle Männer Yearner werden müssen? Stehen Frauen auch in der Realität auf Männer, die alles für sie tun? «Ich finde, man muss da sehr klar unterscheiden: ‹Yearning› ist nicht dasselbe wie Selbstaufgabe. Attraktiv ist in der Realität meist nicht der Mann, der alles tut und sich selbst dabei verliert, sondern der Mann, der klar in seinem Begehren ist und gleichzeitig bei sich bleibt», erklärt Schiftan dazu. So sei es wichtig, dass emotionale Offenheit, Präsenz und Selbstwert zusammenkommen. Sobald Hingabe in Bedürftigkeit kippe, verliere sie nämlich oft an Spannung.
