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ESC 2026 in Wien: Das fällt bei den Songs auf

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Alle ESC-Songs sind da. Das fällt auf

Inzwischen sind sämtliche Teilnehmersongs für den Eurovision Song Contest 2026 bekannt. Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen.
21.03.2026, 18:5521.03.2026, 18:55

Yay. Sie sind da. Alle 35 Songs, die uns, dem erlauchten Publikum, dieses Jahr am Eurovision Song Contest in Wien zur Beurteilung präsentiert werden. 30 davon während der beiden Halbfinals am 12. und am 14. Mai, wobei deren 20 ins Finale am 16. Mai kommen, wo sie dann auch noch gegen die Beiträge vom Vorjahressieger Österreich antreten müssen, sowie den Big Five Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und ... nein, halt! Spanien nicht. Aber dazu unten mehr.

Nun gut. Wer ein krasser ESC-Superfan ist, hat bestimmt bereits alle 35 YouTube-Videos durchgesuchtet (um ein Wort aus dem Vokabular meiner Teenager-Tochter zu bemühen). Und wer dahingehend Ambitionen hegt, kann hier alle Songs auschecken:

Für den Rest von uns eher gelegentlichen Eurovision-Zuschauern gibt es hier einen Versuch, die Beiträge etwas einzuordnen. Wie jedes Jahr lassen sich nämlich Songs nach Kriterien kategorisieren. Nach Musikgenre, etwa. Oder nach Absicht. Und stets lassen sich jeweils Trends und Vibes ausmachen. Heuer, 2026, also? Nun, Folgendes ist aufgefallen:

Wow. Die Europäer lieben aber ihren 4/4-Stampf-Beat!

Ach, ihr wisst schon: 90s-Eurotrance-NZ-NZ-Beats und Artverwandtes. Die Elektro-Basspauke immer schön nach vorn gemixt, die Betonung fett auf dem 1-2-3-4. Wie bei Marschmusik.

Bereits 2024 wurde dieser Trend beim Song Contest bemerkbar – man taufte es Retro-Rave. Und im darauffolgenden Jahr waren es bereits jenste Songs, welche diesen Stil verfolgten. Und 2026 … gefühlt ALLE.

Nein, natürlich nicht *alle*. Aber weitaus mehr als die Hälfte – geschlagene 19 Songs – lassen sich musikalisch in dieser Schublade versorgen. Gewiss, kleinere Stilunterschiede können festgestellt werden: Mal ist's etwas poppiger, mal etwas mehr EDM, öfter als nicht verziert mit etwas Power-Gesang von der Sorte, die sich perfekt dazu eignet, während des Auftritts in eine Windmaschine hineinzubrüllen.

Mal ist's schnellerer Trance, mal etwas mehr House, mal Italo-Disco ... aber stets NZ-NZ. Die Armenier, die Briten und die Griechen versuchen es mit Klamauk, ...

... Zypern will uns partout den nächsten mediterranen Sommerhit den Rachen runterstopfen, ...

... Bulgarien schmeisst noch etwas Bhangra rein, ...

… während Litauen einen auf Blue Man Group macht. Aber in Silber.

Aber sie alle (und etliche andere auch) setzen auf jenen Halli-Galli-Beat, der vor ein paar Jahren noch als frischer Wind gewertet worden wäre. Dieses Jahr ist er allgegenwärtig.

Wer weiss? Vielleicht finden sich Soziologen und Musikethnologinnen, die dies mit der unsicheren, bedrohlichen Weltlage verbinden – ein Ausdruck von Sehnsucht nach einer Zeit, als man sich sorgenfrei ein Ecstasy schmeissen und bis zum Vormittag durchraven konnte. Wie dem auch sei, Fakt ist, dass sich nach dem x-ten Beitrag im Rave-Stil alles zu einem Einheitsbrei vermust.

Aber keine Angst – die üppigen ESC-Balladen fehlen auch heuer nicht

Bloss sind sie nicht besonders gut.

Australien, Aserbaidschan und Lettland bringen die klassischen Big Voice Power Ballads. Albanien und die Ukraine schmeissen noch etwas Folklore und zusätzlichen Bombast obendrauf – nicht komplett ununterhaltsam. Tschechien und Malta machen den Sad Boi, wie es Gion's Tears bereits anno 2021 machte ... bloss weniger gut (aber vielleicht sind sie schon wieder voll im Trend dank «yearning men»).

Hey, die kenne ich doch!

2026 ist das Jahr des Wiedersehens mit alten Bekannten. Etwa Delta Goodrem – memba her?

Die hatte anno 2003 einen Megahit mit «Innocent Eyes». Und nun tritt sie am Eurovision Song Contest für Australien an.

Vanilla Ninja? Jap, das war jene estnische Girlgroup, die 205 für die Schweiz antrat. Heuer vertreten sie ihr Heimatland.

Die Deutsche – Sarah Engels? Richtig – die DSDS-Zweite von anno schlagmichtot, die dann den DSDS-Ersten Pietro Lombardi heiratete!

Oder Senhit? Klingelt doch irgendwo, nicht?

Genau! Sie trat bereits 2011 für San Marino an. Und dann 2021 nochmals. Und heuer zum dritten Mal. Und zwar zusammen mit – Trommelwirbel – Boy George, der Stimme von Culture Club.

Okay, hier eine eher nischenhafte Beobachtung:

Die Rückkehr der TEUFELSGEIGE!

Mögt ihr euch noch an den nervigen norwegischen Geiger erinnern, der 2009 den Song Contest gewann? Alexander Rybak – richtig! Oder an die legendären «Switzerland – zero points» von Gunvor im 1998? Dort auch: Geiger.

Geigen in Eurovision! Alexander Rybak, 2009 - Gunvor Guggisberg, 1998.
Mal hui, mal pfui – und stets ui: die Geige.Bild: AP

Und so befanden die Götter des ESC im Jahr 2026, es sei dringend wieder mal Zeit für ein Geigen-Revival! Bitte sehr – die aktuellen Wettfavoriten Finnland, etwa:

Guckt, wie die Dame dort abgeht! Aber auch Luxemburg fährt 2026 auf der Teufelsgeigerin-Schiene – hier in einen verträumten Alternative-Pop-Song eingepasst.

(Hey, es gibt sogar eine wissenschaftliche Studie zum Thema. Just sayin'.)

Die Quoten-Rockbands fehlen auch heuer nicht

Auch dies ein Fixpunkt eines klassischen Eurovision-Abends: Die Rockband, die antritt, in der Meinung, dies sei die perfekte Plattform, um ihre Karriere voranzutreiben. Hey, lasst euch vom Kommerz nicht ablenken, wir sind voll harte Rocker imfall.

Heuer gibt es zwei davon: Obige Screamo-Serben – und Rumänien, ...

... welche die Antwort auf die Frage liefern, «Wie würde sich Rock'n'Roll anhören, wenn man auch das aller-allerletzte Quäntchen afroamerikanischen Einflusses entfernt?»

Einmal mehr: Frankreich klotzt, kleckert nicht

Meist ist es Frankreich, das mit etwas aufwartet, das niemanden ausser Frankreich interessiert. Nicht, dass dies schlecht wäre – jener Zigaretten-zum-Frühstück-Vibe, den nur die Franzosen glaubwürdig hinbekommen. Bloss geht dies mehrheitlich am Geschmack von Resteuropa vorbei.

frankreich eurovision france
screenshot: twotter

Was Frankreich aber unbestritten besser macht als alle anderen (abgesehen vom Französischsein): mit schierer Wucht und Grösse klotzen. Louanes letztjähriger Premierenauftritt vor 80'000 Menschen im Stade de France, mit Feuerwerk und Trommlern in Massen, etwa. Oder auch heuer:

Orchester! Paris! Oper! Ballett! Drama! Pomp! Und immer ganz viel amour. Waouh.

Und nochmals einmal mehr: Portugal just hits different

Wenn es ein Land gibt, das sich konsequent einen feuchten Dreck um Konventionen und Kommerzialität schert, dann Portugal. Letztes Jahr ging es mit einer seltsam intimen Jazz-Fusion-Kuriosität ins Rennen. Anno 2017 wurde es gar Sieger mit der zart-filigranen Jazz-Ballade «Amar Pelos Dois», die alle Bombast-Feuerwerk-Auftritte der Konkurrenz in die Schranken wies. Und was macht wohl Portugal dieses Jahr, während Gesamteuropa einen auf Rave-Krawall macht?

Ta-daa: fünf pummelige Kerlchen, die ein sanftes Liedchen im Cante-Alentejano-Stil zum Besten geben. Can't hate it.

Und nun zum Elefanten im Raum:

Egal, was die EBU sagt: Der diesjährige Song Contest wird politisch.

Es ist ein technischer Fakt: Solange der Gaza-Krieg andauert und solange Israel Mitglied der Europäischen Rundfunkunion EBU bleibt, wird der Song Contest weiterhin politisches Kampfgebiet sein. Keine noch so streng formulierte Mahnung der EBU bezüglich der strikten Regeln zum unpolitischen Charakter des Song Contest wird daran etwas ändern.

Gibts Pfiffe? Jubel? Auf jeden Fall wird der israelische Auftritt in Wien spannend. Video: YouTube/Eurovision Song Contest

Abgesehen von der – theoretischen – Option, dass sich Israel freiwillig aus dem Wettbewerb zurückzieht (nope, won't happen), wird jedes andere mögliche Szenario stets unbefriedigend bleiben und erhebliche politische Spannungen mit sich bringen. Würde die EBU beschliessen, Israel vom ESC auszuschliessen, wäre die Hölle los. Sollte sie sich dafür entscheiden, Israel weiterhin teilnehmen zu lassen (wie in diesem Jahr), wird es ebenfalls zu heftigsten Protesten kommen (wie in diesem Jahr).

Seit die Mitglieder der EBU sich im letzten Dezember auf eine erneute Teilnahme Israels einigten, haben zwei bisherige Eurovision-Gewinner ihren ESC-Pokal zurückgegeben: Nemo, Winner für die Schweiz 2024, sowie Charlie McGettigan, der 1994 für Irland gewann.

Nemos Statement zur Rückgabe seines Eurovision-Trophys.
«Musik verbindet uns immer noch» – Nemos Statement zur Pokalrückgabe.Bild: instagram

Irland, Slowenien, Island und die Niederlande reagierten mit einem Boykott und verzichten heuer auf eine Teilnahme. Ebenso Spanien – und damit einer der Big Five, was der Kontroverse noch zusätzliches Gewicht verschafft. «Eurovision is a contest. human rights are not» – «Eurovision ist ein Wettbewerb – Menschenrechte sind es nicht», so das Statement des spanischen Rundfunks RTVE. Ein Steilpass für die EBU, denn inhaltlich gibt es an dieser Aussage nichts zu rütteln.

Was erwartet uns diesbezüglich also in Wien? «Wir werden zeigen, was ist», so das Versprechen von ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz. Man sei als öffentlich-rechtlicher Sender dem Journalismus auch bei einem Unterhaltungs-Event verpflichtet, weshalb grössere Israel-Gaza-Proteste gezeigt würden. Eine akustische Verfälschung werde es nicht geben. «Wir werden keinen künstlichen Applaus irgendwo drüberlegen», ergänzte Groiss-Horowitz.

Pro Palestine demonstration at the 69th Eurovision Song Contest at the Barfuesserplatz in Basel, Switzerland, on Saturday, May 17, 2025. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Demo in Basel während des Song Contest 2025.Bild: keystone

Ob es der EBU passt oder nicht: Der Song Contest 2026 dürfte der politisch brisanteste sein, den es je gab.

Sodeli. Und nun lassen wir alles sich etwas setzen. Und demnächst schauen wir mal, was die Wettquoten da so hergeben, okay?

PS: Ach ja, die Schweiz ...

Hey, «Alice» von Veronica Fusaro ist ...

... ziemlich okay, oder? Eigentlich alles gut gemacht. Ordentlich. Schweizerisch, halt. Unsere Chefredaktorin und Eurovision-Superfan Nadine bringt es auf den Punkt:

Alles gut, ... bloss nicht besonders speziell. Und ob so was inmitten des schrillen Halli-Galli-Tableaus des heurigen Song Contest nicht untergehen wird, ist fraglich.

Aber hey, vielleicht hat «Alice» als einziger nicht-aufsässiger Track des Contests gar einen Startvorteil?

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quelle: hulton archive / keystone
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