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«Bring!» statt «schreib!»: Sandro Strebel, Marco Cerqui und Dominic Mehr (v.l.).
«Bring!» statt «schreib!»: Sandro Strebel, Marco Cerqui und Dominic Mehr (v.l.).bild: bring!
Interview

Wie eine geniale Schweizer App ansetzt, die Welt zu erobern

Die Erfolgsgeschichte des Zürcher Start-ups begann 2012 im App Store von Apple. Heute erleichtert die Bring!-App Millionen von iPhone- und Android-Nutzern in vielen Ländern den Alltag und hilft, Papier, Zeit und Nerven zu sparen.
08.04.2016, 12:2526.03.2018, 15:57

Einkaufslisten-Apps gibt es wie Sand am Meer, aber keine ist so benutzerfreundlich und attraktiv gemacht wie Bring!. Wer mehr darüber wissen möchte, wird in diesem älteren watson-Artikel fündig.

Die App erschien erstmals im Dezember 2012 fürs iPhone und kostete damals 2 Franken (heute ist sie gratis, dazu gleich mehr). 

Im Interview spricht einer der drei Gründer, der Schweizer Software-Unternehmer Marco Cerqui, über Einkaufsgewohnheiten und wie es mit dem erfolgreichen Exportprodukt weitergehen soll.

Marco, wie sieht deine aktuelle «Poschti»-Liste aus?
Marco Cerqui:
Auf der Einkaufsliste für Zuhause hat es nicht viel: Milch, Zwiebeln. Safran, Weisswein, Erbsen und Windeln. Da wir aber gerade ein neues Büro bezogen haben, ist unsere Office-Liste ordentlich gefüllt. Von Olivenöl und Balsamico über diverse Putzmittel bis hin zu Farbe und Kabelbinder. Ohne Bring! wären wir verloren.

Wie viele Papier-Einkaufszettel konnten letztes Jahr dank eurer App gespart werden?
Im 2015 wurden mit Bring! gut 35 Millionen Artikel eingekauft, was in etwa 3 Millionen Einkaufszetteln aus Papier entspricht – oder etwa 100 Bäumen.

Führt ihr eigentlich Statistiken zu den populärsten Produkten?
Die populärsten Artikel sind immer etwa die selben. Milch, Brot, Bananen und Co. Nicht mal der Schokohase schafft es vor Ostern in die Top 30 und das, obwohl er einige tausend Mal eingekauft wurde.

Die Nutzerdaten dürften bei anderen Unternehmen sehr begehrt sein. Gibt es diesbezüglich Pläne für Kooperationen?
Wir sprechen in der Tat bereits mit einem Marktforschungsinstitut über eine Kooperation. Dank Cumulus und Co. werden heute ja schon viele Einkaufsdaten ausgewertet und ein Retailer weiss sehr genau, was eingekauft wird. Plandaten, wie wir sie auf dem Einkaufszettel finden, sind aber noch rar und auch der Retailer weiss nicht, mit welcher Absicht ein Kunde in den Laden läuft. Hier möchten wir Licht ins Dunkel bringen. Der Datenschutz ist für uns aber sehr wichtig. Wir geben keine Personendaten weiter, sondern wir sprechen hier nur über anonymisierte Plandaten.

Jede App, und jedes Update beginnt mit einer Idee, die skizziert wird.
Jede App, und jedes Update beginnt mit einer Idee, die skizziert wird.bild: bring!
«Wir verwenden Crowdsourcing, um die länderspezifischen Anpassungen am Katalog vorzunehmen.»

Eure App ist weltweit verfügbar – welche Länder haben euch bezüglich Downloads überrascht?
Wir waren von Anfang an der Überzeugung, dass Bring! auf der ganzen Welt funktioniert. Um das zu bestätigen, haben wir im letzten Herbst die App für Brasilien lokalisiert. Innerhalb kurzer Zeit konnten wir dort die «Active User Base» (Zahl der regelmässigen Nutzer) verzehnfachen. Dieses Wachstum hat uns etwas überrascht.

Seit 2015 gibt es die App auch mit regionalen Produkten für den wichtigen US-­Markt. Wie ist dort die Resonanz?
Das Feedback von den Benutzern ist sehr gut und auch unsere User-Zahlen in diesem Markt steigen stetig. Regionale Anpassungen sind sehr wichtig. Bring! muss sich anfühlen, als wäre die App genau für dich gemacht. Wir verwenden Crowdsourcing, um die länderspezifischen Anpassungen am Katalog vorzunehmen.

Auszug aus dem US-Katalog
(«Convenience»-Produkte)

screenshot: watson

Bring!­ gibt es mittlerweile auf sechs Sprachen, darunter Spanisch und Portugiesisch: Welche habt ihr als nächstes geplant?
Wir erhalten aktuell viele Anfragen aus nordischen Ländern, Holland und Russland. Wir überlegen uns aber zur Zeit, ob wir einen Test ähnlich wie Brasilien mit einen asiatischen Land machen. Japan oder Südkorea wären spannend.

«Ich finde es sehr gut, dass Apple in Europa noch aktiver wird und die Ausbildung von iOS-Entwicklern antreiben möchte. Ich hoffe, dass wir bald davon profitieren können.»

Ihr habt euch personell und finanziell verstärkt, um international zu wachsen. Wie weit seit ihr mit dem Plan, die Welt zu erobern?
Wir sind gerade dabei, eine grössere Finanzierungsrunde abzuschliessen. Mit dem frischen Kapital können wir unser Team gezielt aufbauen und die App weiterentwickeln. Das gilt sowohl für neue Features wie auch für Kooperationen mit Partnern. Ein Ziel ist natürlich das weitere User-Wachstum, sowohl in der Schweiz aber auch in Europa und den USA. Daher suchen wir zur Zeit auch talentierte Entwickler.

Apple realisiert in Süditalien das erste Ausbildungszentrum für App ­Entwickler. Was hältst du davon?
Ich finde es sehr gut, dass Apple in Europa noch aktiver wird und die Ausbildung von iOS-Entwicklern antreiben möchte. Ich hoffe, dass wir bald davon profitieren können. Ob Neapel der ideale Standort ist, kann ich nicht beurteilen.

Apple & Apps
Mit dem 2008 lancierten App Store hat Apple ein milliardenschweres Ökosystem geschaffen, Google zog mit dem Android Market, der heute Google Play Store heisst, nach. Laut Angaben des iPhone-Herstellers hängen mittlerweile mehr als 1,4 Millionen Arbeitsplätze in Europa mit Apps zusammen. Die Zahl beinhalte die 1,2 Millionen Arbeitsplätze, die der Community der App-Entwickler, Software-Ingenieure und Unternehmern, die Apps für iOS herausbringen, zugeordnet werden können. Ebenso wie die Nicht-IT-Jobs, die direkt und indirekt durch die App Economy entstanden seien.

Einschränkung: Es handelt sich um Schätzungen, die auf der Studie«App Economy Jobs in Europe» von Michael Mandel (Januar 2016) basieren. Apple spricht von einem «beispiellosen Wachstum des App Store», das Entwicklern dabei geholfen habe, bis dato weltweit 36,5 Milliarden Euro und in Europa über 10,2 Milliarden Euro zu verdienen. In der Schweiz sind 103’000 Entwickler im iOS-Developer-Programm registriert. Weitere Informationen gibt es auf dieser Apple-Webseite.

Ihr konzentriert euch auf das iPhone (iOS) und auf Android. Welche Plattform macht aus Entwickler­-Sicht mehr Spass?
Beide Plattformen bieten heute einen sehr guten Entwickler-Support und haben sich in den letzten Jahren stark angeglichen. Am Ende des Tages kommt es auf die Vorliebe des Entwicklers an. Das es in der Schweiz viele Java-Entwickler gibt, gibt es auch mehr Android-Entwickler. Einen guten iOS-Entwickler zu finden, ist schwieriger. Aktuell haben wir eine offene Stelle.

Für Couch-Potatos: Den virtuellen Einkaufszettel gibts seit Ende 2015 als iPad-Version. 
Für Couch-Potatos: Den virtuellen Einkaufszettel gibts seit Ende 2015 als iPad-Version. bild: bring!

Die folgende Frage stelle ich allen Schweizer Software-Entwicklern, die ich im Rahmen dieser Serie interviewe: Was sollte Apple beim App Store unbedingt verbessern?
Der Review-Prozess im App Store dauert unserer Meinung nach viel zu lange. Wenn wir ein Update veröffentlichen möchten, ist die neue Version ca. eine Woche bei Apple, bevor sie veröffentlicht wird. Im Play Store dauert das Review nur 2 bis 4 Stunden.

Liegt das daran, dass bei Apple der Zugang zum Store strenger kontrolliert wird?
Wir wissen nicht genau, wie die Review-Zeit zustande kommt. Wir gehen davon aus, dass der manuelle Aufwand bei Apple grösser ist und Google einen grossen Teil automatisch testet. Allerdings werden auch bei Android die Apps mittlerweile von Personen überprüft.

«In Zukunft wird es möglich sein, die Artikel auf dem Einkaufszettel direkt bei einem Händler zu bestellen.»

Eure App gibt's gratis, gleichzeitig verzichtet ihr auf Werbeeinblendungen. Wie geht die Rechnung auf?
Als wir uns entschieden haben, Bring! komplett kostenlos zu machen, mussten wir uns ein neues Geschäftsmodell überlegen. Für uns kam nicht in Frage, auf klassische Mobile-Werbung mit Bannern zu setzen. Wir haben aber von unseren Benutzer gelernt, dass sie gerne konkrete Artikel in der App hätten, wie z.B. Red Bull, Zweifel-Chips oder den Lindt-Goldhasen zu Ostern anstelle von bloss Energy Drink, Chips und Schokohasen. Wir bieten darum Marken und Retailern die Möglichkeit, Produkte zu sponsern. Diese werden dann im selben Look & Feel in die App integriert und bieten dem Benutzer so einen Mehrwert. In Zukunft wird es ausserdem möglich sein, die Artikel auf dem Einkaufszettel direkt bei einem Händler zu bestellen.

Wie verteilen sich die Bring!­-Nutzer auf die beiden Plattformen?
Die Statistik ist stark länderabhängig. In der Schweiz hat es überproportional viele iOS-Geräte, darum haben wir hier auch mehr iOS-Nutzer. Global gesehen ist es 50/50.

Bring! gehört zu den wenigen Apps, die ich regelmässig auf der Apple Watch verwende. Und es gibt sie auch für Android­-Smartwatches. Wie sind eure Erfahrungen?
Die Smartwatches sind für uns sehr wichtig, weil der Einkaufszettel am Handgelenk beim Einkaufen wirklich sehr nützlich ist. Dementsprechend haben wir die Plattformen sehr früh unterstützt und wurden von Apple wie auch Google dafür ausgezeichnet.

Es sind immer wieder kritische Stimmen zu hören, dass sich die Apple Watch nicht durchsetze. Wie beurteilt ihr das?
Ja, diese Kritik gibt es für beide Plattformen – für die Apple Watch und für Geräte, die mit Android Wear laufen. Ich bin überzeugt, dass sich die Smartwatches durchsetzen werden. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, bis die richtigen Anwendungen vorhanden sind und die Hardware ausgereift ist. Stichwort: Batterie, GPS, 4G etc.

Es gibt zahlreiche Android­-Versionen und unzählige Android­-Geräte. Wie handhabt ihr das Problem der Fragmentierung?
Ich finde, das Problem wir generell überschätzt. Google bietet heute sehr gute Entwickler-Werkzeuge, so dass wir uns nur sehr wenig mit dem Problem auseinandersetzen müssen.

«Ein Teil unserer Vision ist es, dass du irgendwann mal mit unserer App im Laden stehst und sagen kannst ‹Hey Bring!, was vergesse ich einzukaufen?›»

Eure App überzeugt durch hohe Benutzerfreundlichkeit. Wie sieht es mit neuen Features aus? Es soll eine Web­-Version geben?
Das letzte grössere Feature, das wir veröffentlicht haben, war die iPad-Version mit «Split View» im Dezember. Wir arbeiten aktuell an verschiedenen Ecken der App. Neben Verbesserungen am Listen-Management ist auch eine Web-Version geplant. Ausserdem beschäftigen wir uns mit dem Thema «Machine Learning».

Ein Teil unserer Vision ist es, dass du irgendwann mal mit unserer App im Laden stehst und sagen kannst «Hey Bring!, was vergesse ich einzukaufen?» Die App ergänzt dann automatisch deine Liste und erspart dir Ärger zuhause.

In einem früheren Interview sagtest du, es werde auch eine Version für Windows-Phones geben. Was ist daraus geworden?
Die Windows-Phone-Version ist nach wie vor in unserem Backlog. Allerdings scheint sich die Plattform nicht wie gewünscht zu entwickeln und die Marktanteile sind eher rückläufig.

Bring! sucht motivierte und talentierte Leute. Wenn du iOS oder Java entwickeln kannst, bewirb dich hier: http://getbring.com/#!/jobs.

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