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In Luzern haben die Wassermassen zwei Wohnetagen eines Mehrfamilienhauses überflutet.
In Luzern haben die Wassermassen zwei Wohnetagen eines Mehrfamilienhauses überflutet.Bild: keystone

Meteorologe Reto Vögeli: «Eine Schönwetterphase sehe ich mittelfristig eher weniger»

09.07.2021, 14:59

Das Wetter spielt verrückt, seit Wochen regnet es – so lautet die gängige Meinung. Doch ist der Sommer bislang so viel verregneter als seine Vorgänger? Und wie geht es weiter? Meteorologe Reto Vögeli schätzt die Lage ein.

Was ist die Grosswetterlage?

«Die Grosswetterlage gibt vor, wie das Wetter bei uns letztendlich aussieht, es handelt sich bei ihr um das, was in unseren Breitengraden gerade vorherrscht, wie Tief- und Hochdruckgebiete verteilt sind und wie der Jetstream entsprechend verläuft. Relevant hierbei ist also nicht nur, wie es in der Schweiz aussieht, sondern die Lage von Amerika bis Asien, natürlich nur in unseren Breitengraden.»

So läuft das mit dem Jetstream.Video: YouTube/Planet Schule

Wie steht es derzeit um die Grosswetterlage?

«Momentan liegen wir meistens in einer flachen Tiefdruckzone, es ist weniger warm und es hat mehr Feuchtigkeit, die Luft ist labil und daraus resultiert das Wetter, das wir derzeit haben. Aber es ist ja nicht so, dass es immer nur durchregnet, im Juni gab es einige Tage, an denen die Sonne schien. Das Problem ist, dass wir uns nicht in einem Hoch befinden, deshalb kam es zwischen sonnigen Abschnitten immer auch wieder zu Gewittern, das Wetter ist nicht so stabil. Dazwischen gibt es Fronten wie gestern Nacht, die bringen dann richtig viel Regen.

«Dass es wirklich schön werden kann, dafür müsste sich die Grosswetterlage umstellen, das Azorenhoch müsste sich ein paar tausend Kilometer Richtung Mitteleuropa verschieben und sich hier wohl fühlen.»

Wir sind momentan einfach nicht in einem Hoch, wie zum Beispiel in Hitzesommern, wo es dann nur wenig bis keine Gewitter gibt. Jetzt ist das Hoch nicht bei uns, sondern bei den Azoren über dem Atlantik, durch den Jetstream rutschen kleine Tiefdruckgebiete über die britischen Inseln und Frankreich zu uns.

Es ist nicht unüblich, dass Grosswetterlagen etwas blockiert sind über mehrere Wochen, wie das momentan der Fall ist. Nur halt nicht in einem Hoch, und klar, diese Lage ist schon sehr mühsam.»

Zur Person
Reto Vögeli ist Meteorologe und CEO von MeteoNews.
Reto Vögeli.
Reto Vögeli.bild: zvg

Wie steht es um die Wetteraussichten?

«Was diesen Sommer bislang gefehlt hat, sind die stabilen Lagen, dass es mal einige Tage am Stück mehrheitlich sonnig ist. Dies gab es diesen Sommer nie, es war immer wechselhaft und das drückt in der Bevölkerung etwas die Stimmung, weil sich so draussen nie etwas planen lässt.

Eine solche Schönwetterphase sehe ich in den nächsten zehn bis vierzehn Tagen ebenfalls weniger. Heute kommt eine Wetterbesserung und das Wochenende ist dann gar nicht so schlecht, am Samstag und Sonntag zeigt sich durch den Tag die Sonne, regnen tut es am Samstagabend und in der Nacht auf den Sonntag. Und trotzdem redet man dann wieder von einem ‹verregneten Wochenende›, dabei bringt es 20 Sonnenstunden.

Die nächste Woche ist dann zum vergessen, unbeständig. Am Montag warm bis heiss und recht sonnig, dann gibt es heftige Gewitter und dann kommen auch wieder Bilder von Hagelkörnern. Der Dienstag ist regnerisch, Mittwoch bis Freitag wechselhaft, Potenzial für Überschwemmungen ist vorhanden.

«Heute hat man oft das Gefühl, dass das Wetter dauernd verrückt spielt, das stimmt aber gar nicht. Das hat damit zu tun, dass zum einen vieles medial aufgebauscht wird, zum anderen jeder sein Smartphone hat und so viel mehr dokumentiert wird als früher.»

Dass es wirklich schön werden kann, dafür müsste sich die Grosswetterlage umstellen, das Azorenhoch müsste sich ein paar tausend Kilometer Richtung Mitteleuropa verschieben und sich hier wohl fühlen.»

Wie ist der Sommer 2021 einzuordnen?

«Das erste Problem ist, dass wir vom Sommer erst ein Drittel hinter uns haben, der Juni war der erste Sommermonat, den können wir abrechnen, den Juli noch nicht. Wenn es dann in der zweiten Juli-Hälfte plötzlich keinen Niederschlag mehr gibt, ist der Juli gar nicht mehr zu nass, geht es so weiter bis jetzt, wird dann kommuniziert, dass es dreimal so viel Regen gab wie normalerweise. Geht es mit dem Regen jetzt tatsächlich so weiter, schaut man irgendwann nach, wie der Sommer 2021 historisch einzuordnen ist, mit so viel Regen. Dafür ist es jetzt aber noch zu früh. Ich ziehe nicht gerne nach einem Drittel des Sommers bereits Bilanz.

Auffallend ist sicher, dass der Juni speziell warm war, auch wenn es sich nicht so anfühlte. Je nach Messstation war es der dritt-, viert- oder fünftwärmste Juni seit Messbeginn, die wenigsten Leute würden vermutlich sagen, dass der Juni massiv zu warm war. Das ist aber, weil es dazwischen immer wieder viel regnete, zudem gab es keine extremen Temperaturen, man muss bei der Berechnung aber auch die Nächte berücksichtigen. Bislang war der Juni zu warm, zwei bis drei Grad, ansonsten war es ein stinknormaler Schweizer Sommermonat – einfach mit ein paar Ausreissern.

Klar, in Aarau als Beispiel hat es zu viel geregnet, aber es gibt ganz viele Orte, an denen es zu trocken war. Chur, Lugano, auf dem Säntis, Sion, Samedan oder auch Vaduz.

Heute hat man oft das Gefühl, dass das Wetter dauernd verrückt spielt, das stimmt aber gar nicht. Das hat damit zu tun, dass zum einen vieles medial aufgebauscht wird, zum anderen jeder sein Smartphone hat und so viel mehr dokumentiert wird als früher, jeder fotografiert noch sein Hagelkorn, da muss man schon aufpassen, dass man Ereignisse nicht überdramatisiert.»

Es regnet derzeit oft – wie sieht es aus mit Rekordwerten?

«Man findet Stationen wie zum Beispiel gestern Faido, mit einer Top-3-Regenmenge pro Stunde, aber das ist letztlich auch etwas Glücksache und hängt davon ab, ob sich das Gewitter genau über der Messstation befindet oder zwei Kilometer verschoben. Ich finde es immer schwierig, solche Werte dann historisch einzuschätzen. Ganz viele Gebiete haben zum Beispiel gar keine Messstation, die sind dann gar nicht erfassbar.

Was man aber sagen muss: Die Sommermonate sind in der Schweiz die nasseren Monate, dies kann man in den Klima-Normwerten nachschauen, das ist kein Geheimnis, das war schon immer so, obwohl es sich nicht so anfühlt. Im Winter ist es trockener.»

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