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Adolf Hitler, hier in München im Frühling 1932.
Adolf Hitler, hier in München im Frühling 1932.
Bild: Archive Photos

Die wilde Affäre von zwei Astrologen mit Hitler, der Schweiz und dem MI5

Dies ist die schier unglaubliche Geschichte eines Baslers und eines Wahlluzerners. Beide schauten im Zweiten Weltkrieg in die Sterne. Und kamen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen.
24.04.2017, 19:5625.04.2017, 15:12

Ein Mann sitzt in Luzern und blickt für die «Weltwoche» auf sein persönliches Jahr 1955 zurück: Seine grössten Erfolge seien, dass er an Gewicht nicht zu- und an Geisteskraft nicht abgenommen habe.

Das interessiert die Schweiz, denn der Mann ist prominent. Er schreibt christliche Bestsellerromane. Über Heilige, Märtyrer, Kreuzritter. Er erzählt allen, Papst Pius XII. habe ihn persönlich dazu ermutigt. Louis de Wohl, so heisst der Mann, erzählt gerne grossartige Dinge über sich selbst.

Die Silvesterumfrage der «Weltwoche» 1955: Auch Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ist dabei.

Bild: Weltwoche

Wenige Jahre zuvor war er noch Pfeife rauchend durch London spaziert und hatte erzählt, er würde für den britischen Geheimdienst als Astrologe gegen Hitler arbeiten. Was tatsächlich stimmte. Nur wäre es dem Geheimdienst viel lieber gewesen, wenn Louis de Wohl dies geheim gehalten hätte. Der Geheimdienst überlegte sich kurz, ob er den unbequemen Astrologen ermorden sollte, liess es dann aber sein.

Dafür musste ein anderer Astrologe sterben. Der Basler Karl Ernst Krafft, der für Hitler Horoskope schrieb und einen für Nazi-Deutschland möglichst günstigen Fortgang des Zweiten Weltkriegs prognostizierte. 

Louis de Wohl (1903–1961).
Louis de Wohl (1903–1961).
Bild: AP
Karl Ernst Krafft (1900–1945).
Karl Ernst Krafft (1900–1945).
Bild: YouTube/David Perkins

Louis de Wohl, der eigentlich Ludwig von Wohl heisst, ist mitschuldig am Tod von Krafft. Denn de Wohl wurde vom britischen Geheimdienst als Gegenspieler, als Neutralisator von Krafft aufgebaut.

Die Geschichte des Baslers Krafft, der im KZ Buchenwald an Typhus starb, und des Berliners de Wohl mit ungarisch-jüdischen Wurzeln, der in Luzern sein Leben ruhig und erfolgreich zu Ende brachte, ist eine der kuriosesten Randnotizen aus dem Bereich der psychologischen Kriegsführung. Eine Geschichte wie aus einem Roman von de Wohl. 

Die Bestseller von Louis de Wohl

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Die Historien-Bestseller von Louis de Wohl
quelle: amazon
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Bevor die beiden beginnen, sich mit ihrer «Kunst» aktiv für beziehungsweise gegen Nazideutschland einzusetzen, sind sie in der Schweiz bestens bekannt. De Wohl veröffentlicht regelmässig Fortsetzungsromane in der «Schweizer Illustrierten Zeitung»: Sie heissen «Der Rajah von Strassburg» oder «Der Yoghi von Bombay».

De Wohls Romane führen einfache, aber abenteuerlustige Männer aus Europa nach Asien. Dort kommen sie zu unendlichem Reichtum, Einfluss und schönen Frauen.

«In der gewaltigen Stimmungskraft seelischer Erschütterungen, in der bravourösen Zeichnung einer uns wesensfremden, unheimlichen Geisteshaltung liegt die Bedeutung des fesselnd und interessant geschriebenen Romans», preist die «Schweizer Illustrierte» den «Yoghi von Bombay».

Werbung für de Wohls Fortsetzungsroman im September 1938

Bild: Schweizer Illustrierte Zeitung

Karl Ernst Krafft ist drei Jahre älter als von Wohl und ein Spross der Basler Kraffts: Sein Grossvater ist Direktor des feinen Hotel Krafft am Rhein, sein Onkel Chef der Cardinal Brauerei. Und Karl Ernst selbst? Er spinnt.

Als Karl Ernst 19 ist, stirbt seine Schwester, und die ganze Familie veranstaltet Séancen, um mit der Toten in Kontakt zu treten.

Astrologie und Yoga sind ab da Karls Hobbys. Zwar studiert er Naturwissenschaften, aber die Esoterik ist stärker: In Zürich wird er astrologischer Personalberater für die Unternehmen Globus und Orell Füssli. Und: Sein Herz gehört Hitler. 1937 zieht er mit seiner Frau nach Deutschland und schreibt Prognosen für Hitler, ohne dass dieser etwas davon erfährt.

Hier in Basel liegt quasi der Kraftort der Kraffts.
Hier in Basel liegt quasi der Kraftort der Kraffts.
Bild: Mark Niedermann/ wikipedia

Bis im November 1939: Da scheitert in München ein Attentat auf den Führer im Bürgerbräukeller. Die Behörden finden einen älteren Brief von Krafft, in dem dieser das Attentat vorhergesehen hat. Zuerst halten sie ihn für einen Mittäter und verhaften ihn.

Er redet sich frei. Und wird vom Reichssicherheitsamt angeworben, um im Rahmen der psychologischen Kriegsführung möglichst vorteilhafte Vorhersagen zu schreiben. Er wird zum wichtigsten Astrologen des Dritten Reichs. Angeleitet von Magda Goebbels interpretiert er die Prophezeiungen des Nostradamus zu Gunsten von Deutschland neu. Die Frau von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels ist nämlich davon überzeugt, dass der französische Arzt und Astrologe Nostradamus Hitlers Herrschaft bereits um 1550 verkündet habe.

Der Münchner Bürgerbräukeller am 10. November 1939, zwei Tage nach dem Attentat auf Hitler durch Georg Elser.
Der Münchner Bürgerbräukeller am 10. November 1939, zwei Tage nach dem Attentat auf Hitler durch Georg Elser.
Bild: AP GESTAPO

Unterdessen wird in London gegengerüstet. Der MI5 engagiert Louis de Wohl, der bereits 1935 nach London emigriert ist und dort für viel Geld Horoskope für Zeitungen und die High Society schreibt. Der MI5 füttert de Wohl mit Material, aus denen er falsche Horoskope bastelt.

De Wohl sieht den baldigen Tod mehrerer Nazigrössen und den allgemeinen Untergang des Dritten Reichs voraus.

Der Geheimdienst schickt ihn nach Amerika. Er tritt in grossen Nachrichtensendungen und auf Tagungen auf, gibt Interviews, und hat den Job, der breiten, beeinflussbaren amerikanischen Bevölkerung klar zu machen, dass Hitler zwar bald sterben, aber vorher noch einen Grossangriff auf Amerika unternehmen werde. Innerhalb eines Jahres, so sagt er im Sommer 1941, sei es möglich, Hitler auszuschalten. Die amerikanischen Medien sind von ihm begeistert.

Magda Goebbels glaubte an vieles, auch an die Sterne.
Magda Goebbels glaubte an vieles, auch an die Sterne.
Bild: wikipedia/ Bundesarchiv

Zu diesem Zeitpunkt hat de Wohl im Krieg der britischen gegen die deutschen Astrologen bereits gesiegt. Denn kurz vor seiner spektakulären – wenn auch wirkungslos bleibenden – Amerikatour war den Deutschen die Peinlichkeit mit Reichsminister Rudolf Hess passiert: Krafft und seine Kollegen hatten vorhergesagt, dass der 10. Mai 1941 ein «erfolgversprechender Tag für eine Reise im Interesse des Friedens» sei. Hess wollte deshalb heimlich mit den britischen Gegnern von Churchill verhandeln. Er flog am 10. Mai nach England – und wurde verhaftet.

Nach diesem Eklat lässt Hitler Krafft und viele weitere deutsche Astrologen verhaften.* Okkulte Praktiken werden verboten. Im Gefängnis erleidet Krafft einen Nervenzusammenbruch. Später erkrankt er an Typhus, kommt zuerst ins KZ Sachsenhausen, dann nach Buchenwald, wo er stirbt. 

Das Motto des Konzentrationslagers Buchenwald.
Das Motto des Konzentrationslagers Buchenwald.
Bild: EPA

Nach Kraffts Entmachtung ist de Wohl der mächtigste Astrologe seiner Tage. Der MI5 schleust ihn jetzt gelegentlich auch in die deutschen Medien ein, wo er sorgenvolle Prognosen macht. Sein Selbstbewusstsein kennt jetzt keine Grenzen mehr. Er erschwatzt sich sogar den Rang eines Army Captain und läuft am liebsten in seiner neuen Uniform herum.

«Louis war wie ein Kind, das sein Weihnachtsgeschenk erhalten hat. Er stand auf, setzte sich, stand wieder auf, ging herum und schaute in stiller Bewunderung in einen grossen Spiegel.»
Ein Freund über Louis de Wohl.

De Wohls Liebe zur Verkleidung soll sich auch auf Frauenkleider erstreckt haben, hiess es. 1943 beschloss der MI5, den flamboyanten Selbstdarsteller aus dem Verkehr zu ziehen, ihn mit einer ansehnlichen Pension in die Provinz zu versetzen und ihm keine Auftritte mehr zu ermöglichen. 

1935 war de Wohl mit den Worten «Ich hatte genug von Hitler» nach London gekommen. Zehn Jahre später hatten die Briten genug von ihm und er von ihnen und er zog nach Luzern. Und konvertierte zum Katholizismus.

Annoncenseite aus der NZZ vom 3. Dezember 1947

Bild: NZZ

Es waren jetzt nicht mehr die astrologischen Konstellationen, die ihn am Himmel interessierten, sondern die Schicksale grosser Christen. Statt über den Yoghi von Bombay schrieb er jetzt über Franz von Assisi. In den Zeitungsinseraten zu seinen Vorträgen heisst er «psychologischer Berater der engl. Armee während des Krieges» oder «astrologischer Berater der Westmächte im letzten Weltkrieg». Im Kino läuft Hitchcocks «Strangers on a Train», und in Luzern wird das Verkehrshaus eröffnet.

Louis de Wohl sagte sich selbst vorher, dass er mit 61 Jahren sterben würde. Er lag knapp daneben. Der Tod erwischte ihn zwar 1961, doch da war er erst 58.

* In einer früheren Version dieses Textes hiess es irrtümlich, Hess habe nach seiner Freilassung Krafft und viele weitere deutsche Astrologen verhaften lassen. Hess wurde jedoch nie freigelassen, sondern starb 1987 im Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau. 

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