Interview
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Interview

«Hätte eine Maskenpflicht im ÖV eingeführt»: Das sagt die Epidemiologin zur aktuellen Lage

Die Fallzahl ist in der Schweiz erneut angestiegen, gleichzeitig wurde die Sperrstunde aufgehoben und ab nächstem Wochenende strömen Partywilde wieder in die Clubs. Kann das gut gehen? Die Epidemiologin Olivia Keiser sagt, was jetzt eminent wichtig wird.



Bei diesem schönen Wetter strömen die Leute in die Badis, am Wochenende werden wieder Tausende in den Clubs feiern, die Sperrstunde ist gefallen. Schlittern wir da nicht auf direktem Weg in eine zweite Welle hinein?
Olivia Keiser: Vieles hängt vom Verhalten der Bevölkerung ab. Innenräume sind sicher problematischer als Badis und sonstige Aussenbereiche. Aber natürlich sollte man überall vorsichtig bleiben: Es besteht immer ein Risiko für einen lokalen Ausbruch, wenn viele Leute eng zusammen sind. Leider hört man immer wieder von solchen Fällen.

Spätestens am Wochenende werden sich in Clubs auf engstem Raum wieder sehr viele Menschen über einen längeren Zeitrahmen sehr nah kommen. Finden Sie das problematisch?
Das ist es. Falls Fälle auftreten, ist es wichtig, schnell reagieren zu können und möglichst viele Kontakte von infizierten Personen zu erreichen.

«Die internationale Lage ist sehr ernst.»

Es fragt sich, was Schutzkonzepte in Restaurants oder beim Coiffeur überhaupt noch bringen, wenn der Sicherheitsabstand im ÖV oder eben auch im Club nicht eingehalten wird.
Die Schutzkonzepte sind weiterhin wichtig. Jede Massnahme, welche hilft, Übertragungen zu verhindern, kann Leben retten.

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Zur Person

Olivia Keiser ist Epidemiologie-Professorin und wissenschaftliche Gruppenleiterin am Institut für globale Gesundheit an der Universität Genf. Sie ist zudem Mitglied der wissenschaftlichen Task Force des Bundesrates.

In der Schweiz sind die Covid-19-Ansteckungen tief, global gesehen auf einem Rekordhoch. Vor allem in Südamerika und den USA stecken sich noch immer viele Menschen mit dem Coronavirus an. Wie beurteilen Sie die epidemiologische Weltlage?
Die internationale Lage ist sehr ernst. Global wurden über neun Millionen Fälle und über 470'000 Todesfälle gemeldet. Jede Woche kommen zurzeit ungefähr eine Million neue Fälle hinzu. Neben den USA und Südamerika sind auch andere Orte stark betroffen. So gibt es zum Beispiel in Indien und einigen Ländern Afrikas einen exponentiellen Anstieg der Fälle. Andererseits ist auch die Covid-Testkapazität in vielen Ländern weiterhin tief, und es ist schwierig, abzuschätzen wo wie viele Fälle verpasst werden. Die Weltgesundheitsorganisation hat in einer der letzten Pressekonferenzen auch betont, dass die Versorgung mit Sauerstoff oft schwierig ist. Andererseits werden Restriktionen nun vielerorts gelockert – leider zum Teil selbst dann, wenn die Zahl der Fälle weiterhin relativ hoch ist.

«Diese neuen Ausbrüche wie in Korea oder Israel zeigen, wie anspruchsvoll es ist, die Epidemie längerfristig unter Kontrolle zu halten.»

In einigen Ländern, die das Virus im Griff zu haben schienen, breitet sich eine zweite Welle aus. Darunter in Südkorea und Israel. Was ist passiert?
In Korea würde ich eher nicht von einer zweiten Welle reden, sondern von einem regionalen Ausbruch in und um Seoul (während früher Daegu am schwersten betroffen war). In Israel ist die tägliche Zunahme jetzt fast gleich gross wie bei der ersten «Welle». Es kann jedoch sein, dass die relativ hohen Zahlen teilweise auch auf die höhere Testkapazität zurückzuführen ist. Zurzeit werden ca. doppelt so viele Tests pro bestätigtem Covid-Fall gemacht als noch im März. Korea und Israel sind Länder, welche die Situation zuvor relativ gut im Griff hatten. Diese neuen Ausbrüche zeigen jedoch, wie anspruchsvoll es ist, die Epidemie längerfristig unter Kontrolle zu halten und grössere lokale Ausbrüche zu verhindern.

Ab wann spricht man eigentlich von einer zweiten Welle?
Soweit ich weiss, gibt es nicht wirklich eine klare wissenschaftliche Definition einer Welle. Wenn es jedoch zu mehreren Infektionsausbrüchen kommt und die Fallzahlen wieder klar ansteigen, wird oft von einer Welle gesprochen. Während der spanischen Grippe vor gut 100 Jahren gab es zum Beispiel drei Wellen. Die zweite Welle, die Mitte 1918 begonnen hat, führte zu den meisten Todesfällen. An anderen Orten sehen wir keine klaren Wellen mit Höhepunkten; so haben sich zum Beispiel in den USA die Fallzahlen zuerst auf hohem Niveau stabilisiert, und nun steigen sie seit ca. zehn Tagen wieder recht stark an. In einzelnen Staaten in den USA sehen wir dramatische Zunahmen, während in anderen die erste Welle der Epidemie erfolgreich dezimiert werden konnte.

In Südkorea gab es gestern 51 neue Fälle. Das BAG meldete für die Schweiz 44 neue Fälle, bei einer Population, die sechsmal kleiner ist. Wie könnte man unsere Lage bezeichnen?
Ich würde eher sagen dass wir in der Schweiz am Ende einer «ersten Welle» sind, und wir nun trotz der stark gelockerten Massnahmen unbedingt schauen müssen, dass die Fallzahlen weiterhin tief bleiben. Es geht nun vor allem darum, mögliche lokale Ausbrüche sofort zu identifizieren und eine weitere Ausbreitung zu unterbinden. Dass der Bund nun die gesamten Kosten für einen COVID-19 Test übernimmt, ist ein sehr wichtiger Schritt. Ab heute ist nun ja auch die SwissCovid-App fürs digitale Contact Tracing bereit für den Download.

«Ein möglicher Anstieg in den Hospitalisierungen und Todesfällen kann immer erst mit einer deutlichen Verzögerung von etwa zwei bis drei Wochen nach Infektion festgestellt werden.»

Müsste man nicht einfach von einer zweiten Welle sprechen, sobald die Hospitalisierungsrate eine bestimmte Zahl überschritten hat?
Es gibt keine Dichotomie «Welle vs. keine Welle». Wir sollten vielleicht besser davon reden, ob die Epidemie unter Kontrolle ist oder nicht. Dazu gibt es Indikatoren wie zum Beispiel die effektive Reproduktionszahl, die ja auch auf der Webseite der Swiss Science Taskforce zu sehen ist. Diese Zahl ist jedoch nicht so einfach zu interpretieren bei relativ tiefen Fallzahlen, die wir zur Zeit haben. Es sind auch noch andere Indikatoren sehr wichtig.

Welche?
Zum Beispiel die täglichen Fallzahlen, der Prozentsatz positiver Tests, wo die Fälle auftreten, wie viele Fälle von einem bekannten Fall abstammen, ob die infizierte Person isoliert werden kann. Hospitalisierungen (und auch Todesfälle) sind natürlich auch wichtige Indikatoren, da sie viel weniger von der Testhäufigkeit abhängen als die Fallzahlen. Der grosse Nachteil dort ist jedoch, dass ein möglicher Anstieg in den Hospitalisierungen und Todesfällen immer erst mit einer deutlichen Verzögerung von etwa zwei bis drei Wochen nach Infektion festgestellt werden kann. Als Frühwarnsystem sind diese Indikatoren deshalb weniger geeignet.

Frau Keiser, Hand aufs Herz: Wenn Sie am Hebel sässen, was würden Sie anders machen?
Das ist schwierig zu sagen. Ich hätte wohl nicht so viele Lockerungen gleichzeitig eingeführt, und ich wäre auch für eine Maskenpflicht im ÖV. Ich denke aber, dass vieles sehr gut gemacht worden ist in der Schweiz und ich möchte mich für den grossen Einsatz von allen bedanken.

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