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Am Wochenende verwandeln sie sich in Helden

Sascha Staubli und Jennifer Widmer sind leidenschaftliche Live-Rollenspieler.
Bild: Barbara Scherer
Sascha Staubli und Jennifer Widmer sind manchmal Ritter, Zauberer oder Schurken. Für ihr Hobby schlüpfen sie mit Leib und Seele in einen anderen Charakter. Ein Einblick in die etwas ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung des Live Action Role Playing (LARP). 
07.01.2018, 10:2707.01.2019, 10:27
Barbara Scherer

Stimmengewirr erfüllt den Raum. Im Kamin knistert das Feuer: Der Duft von Rauch und Fleisch verbreitet sich in der Luft. Zwei Männer in Rüstungen sitzen in einer Ecke und plaudern. Neben ihnen nimmt eine Frau mit Pelzkragen und Federschmuck im Haar Platz. Wer an diesem Abend die Waldhütte «Römerstein» im aargauischen Lenzburg betritt, könnte meinen, er sei auf einem Fantasy-Filmset gelandet.

Als Zwerge, Elfen und Ritter haben sich die Leute im Raum verkleidet. Doch Zuschauer und Kameras gibt es keine. Das Ganze ist weder Film noch Theater – sondern die Mittelalter-Fantasy-Taverne «Fux und Haas», ein Live-Rollenspiel.

Vor Ort sind auch Sascha Staubli (35) und seine Freundin Jennifer Widmer (31). Sie sind heute in die Rollen des avalonischen Archäologen Edmund Leland Ward und der montaignischen Musketierin Jeanne Renard geschlüpft.

Zusammen mit einem Freund hat Sascha die Taverne vor gut zwei Jahren ins Leben gerufen. Seither treffen sich hier jeden Monat Rollenspieler aus der ganzen Schweiz. «Die Idee dazu ist uns nachts nach einem Live-Rollenspiel beim Trinken gekommen und hat sich zu einem echten Hit entwickelt», sagt Sascha und lacht. Regelmässig ist der LARP-Anlass innerhalb von wenigen Stunden ausgebucht.

Samstagmorgen: In einigen Stunden wird die Taverne «Fux und Haas» ihre Türen für die Besucher öffnen. Bei Sascha und Jennifer zu Hause in der Blockwohnung in Lenzburg geht es noch recht gemütlich zu und her. Bereits hat Sascha die Kisten mit dem Material gepackt und vor die Haustür gestellt. Jennifer verstaut noch die restlichen Bestandteile ihrer Verkleidung in einen Beutel.

«Wir haben inzwischen den Keller und die Wohnung voller Gewandungen und Accessoires für unsere verschiedenen Charaktere», sagt Sascha. Unter der Woche arbeitet der gebürtige Aargauer als technischer Kundenbetreuer in einer Softwarefirma. An den Wochenenden verwandelt er sich seit fast zehn Jahren in verschiedene LARP-Figuren.

Entdeckt hat Sascha seine Faszination am Rollenspiel bereits als Kind. «Im Internat habe ich mit meinem besten Freund ‹Pen and Paper›-Rollenspiele gespielt.» Doch Abenteuer nur auf Papier und am Tisch erleben, das reichte Sascha bald nicht mehr. So entdeckte er das «Vampire-Live»-Rollenspiel. Auch dort verkleiden sich die Teilnehmer, aber: «Es wird nach fixen Regeln gespielt.»

«Pen and Paper»-Rollenspiel
«Pen and Paper»-Rollenspiele sind eine Mischung aus Gesellschaftsspiel, Erzählung und Improvisationstheater. Jeder Teilnehmer übernimmt die Rolle einer fiktiven Figur; eine Person ist der Spielleiter. Dieser beschreibt die Spielwelt und führt durch das Abenteuer. Spielutensilien sind Stift und Papier (pen and paper). Damit werden die Rollen auf Charakterbögen beschrieben und Notizen zum Spielverlauf gemacht. Wie das Spiel weitergeht, wird durch Würfeln ermittelt. Dabei geben Regelwerke vor, ob die  Handlungen der Spielcharaktere funktionieren. Kostüme tragen die Spieler beim «Pen and Paper»-Rollenspiel nicht.
«Tor Online» beschäftigt sich mit Fantasy-Filmen, -Büchern und -Hobbys.
www.tor-online.de/feature/games

Auf der Suche nach einer freieren Form des Rollenspiels fand Sascha schliesslich zum Live Action Role Playing (LARP). «Mich fasziniert am LARP, dass ich Dinge erleben kann, die ich im normalen Leben nie erleben würde», sagt er. Seine Augen glänzen, die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus; er spricht gerne über sein Hobby.

Auch Jennifer nimmt regelmässig an Rollenspielen teil. Anfang zwanzig hat die gelernte Archivarin LARP über PC-Spiele entdeckt. «Mir gefällt, dass ich die Rolle physisch darstellen kann und dabei einen Held oder auch einen Bösewicht spielen kann», sagt Jennifer. Sie schliesst den Deckel der letzten Kiste. Schon klingelt es an der Haustür: Die Mitorganisatoren sind hier.

So wird aus einer Waldhütte eine mittelalterliche Taverne

Gemeinsam werden die Kisten mit Fellen, Kerzen und vorgekochtem Essen in die Autos geladen. Alles muss in die Waldhütte. Diese soll authentisch dekoriert sein: Kein Kunstlicht, kein Plastik darf ab Spielbeginn zu sehen sein. Neben mittelalterlichem Flair bietet die LARP-Taverne auch Getränke und Essen an.

Der Wirt und die Serviertöchter, im Live-Rollenspiel «Schankmaiden» genannt, werden von den Mitorganisatoren verkörpert. Sascha und Jennifer übernehmen die Rollen von Tavernen-Gästen während des Spiels. «Meine Mitorganisatoren und ich haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Sie übernehmen am Event die anfallenden Aufgaben in der Taverne», erklärt Sascha und fügt an: 

«Ich verwalte alles ausserhalb des Events, was mit der Taverne ‹Fux und Haas› zu tun hat.»

Kaum ist die Gruppe bei der Waldhütte angelangt, geht alles schnell vorwärts – jeder weiss, was zu tun ist; das Team ist eingespielt. Rasch sind die Kisten vom Auto ins Haus getragen. Dort werden Felle über die Sitze gelegt, Kerzen auf die Tische und den Kamin gestellt, ein paar selbstgemalte Bilder an die Wände gehängt und schon hat sich das kahle Holzhaus in eine mittelalterliche Taverne verwandelt. Nur in der Küche verraten Petflaschen und Bierdosen, welches Jahrhundert es wirklich ist.

«Viele Spieler können mit ihrem Charakter nur zwei bis drei Mal im Jahr an einem grossen Live-Rollenspiel teilnehmen. Unsere Taverne bietet eine regelmässige Plattform, um den Charakter zu spielen und weiterzuentwickeln», erklärt Sascha. Auch neue Charakterkonzepte können die Rollenspieler in der Taverne ausprobieren.

«Conventions»: Der Höhepunkt der Live-Rollenspiele

Das Highlight der LARP-Welt stellen jedoch die sogenannten «Conventions» dar: grosse Live-Rollenspiele, die mehrere Tage dauern. Die meisten finden im Ausland statt. «Viele Schweizer Larper reisen dafür nach Deutschland», sagt Sascha.

So finden sich jedes Jahr mehrere tausend Spieler aus der ganzen Welt am «Conquest of Mythodea» in Niedersachsen ein: Fünf Tage dauert dieses Fantasy-Live-Rollenspiel. Die Teilnehmer schlafen in Zeltstädten und bleiben fast durchgehend in ihrer Rolle. Schluss des Anlasses bildet eine grosse Schlacht. Gekämpft wird dort mit sogenannten Polsterwaffen: Diese sehen realistisch aus, sind aber fast ungefährlich.

«Conquest of Mythodea»

Am mehrtägigen LARP «Conquest of Mythodea» in Deutschland nehmen pro Jahr über 6000 Rollenspieler aus der ganzen Welt teil.  

Auch Sascha und Jennifer haben solche Waffen-Attrappen eingepackt für das Tavernen-Spiel. Wird in der Waldhütte also bald wild aufeinander eingeprügelt? «Nein. Es gibt klare Grenzen. Niemand soll verletzt werden», sagt Jennifer. Wenn etwas zu weit geht, könne ein Teilnehmer «Stopp» sagen. Zudem sei es in der Schweiz besonders einfach zu erkennen, ob ein Spieler sich in seiner Rolle befindet oder nicht: 

«Im Spiel sprechen wir Hochdeutsch und ausserhalb Schweizerdeutsch.»

Doch dieser Trick funktioniert natürlich nicht in allen Sprachräumen. So signalisieren manche Spieler, dass sie nicht in ihrer Rolle stecken, indem sie ihre Arme vor der Brust kreuzen.

Mittelalterliche Fantasy-Rollenspiele wie die Taverne «Fux und Haas» sind nur ein Genre des Live Action Role Playing: Es gibt Zombie-, Endzeit-, Western- und historische Rollenspiele. Der Vorstellungskraft sind keine Grenzen gesetzt.

Sascha und Jennifer schlüpfen daher nicht immer in die Rollen von mittelalterlichen Heldenfiguren – einmal im Jahr verwandeln sie sich auch in Zauberschüler für das mehrtägige Rollenspiel «College of Wizardry» in Polen. «Das ist eigentlich eine Art Harry-Potter-LARP», erklärt Sascha.

Fantasy ist das beliebteste Thema für Live-Rollenspiele

Das deutsche Online-Magazin «Teilzeithelden.de» befasst sich mit den verschiedenen Arten des Rollenspiels sowie Cosplay, Comics und weiteren fantastischen Hobbys im deutschsprachigen Raum.

Gemäss einer ihrer Umfragen (mit 2028 Rollenspieler aus der Schweiz, Liechtenstein, Deutschland und Österreich) ist «Low-Fantasy» das beliebteste Setting, gefolgt von «High-Fantasy», wobei Mehrfachantworten möglich waren.

Umfrage zum beliebtesten LARP-Setting

Die beiden beliebtesten Rollenspiel-Settings unterscheiden sich darin, dass Magie in «Low-Fantasy»-Geschichten etwas Besonderes ist. «Bei ‹High-Fantasy› sind andere Wesen als Menschen eher Regel als Ausnahme, Magie ist nahezu allgegenwärtig», erklärt Michael Engelhardt, stellvertretener Chefredakteur von «Teilzeithelden.de».

Für etwas mehr Nervenkitzel reisen Sascha und Jennifer auch gerne einmal an ein Endzeit- oder Zombie-Spiel: Als Überlebende einer Apokalypse müssen die Spieler dort mehrere Tage vor Räuberbanden oder Untoten flüchten.

«Ich war einmal an einem Zombie-LARP, an dem ich eigentlich nie mehr als zwei bis drei Stunden am Stück geschlafen habe – und wenn, dann nur im Sitzen», sagt Jennifer und schmunzelt. Eine Grenzerfahrung, auch für eine geübte Rollenspielerin wie sie. Genau darin lag für sie der Reiz:  

«Ich wollte meine eigenen Grenzen austesten und merken, was ich kann und was nicht.»

Wer sich wirklich fürchtet, kann doch nicht in seiner Rolle bleiben? Jennifer schüttelt den Kopf. «Bleeding» nennen Live-Rollenspieler die Verschmelzung der echten Gefühlswelt mit derjenigen der Rolle.

«Aber mir passiert das eigentlich fast nie», so Jennifer. Sie könne auch mit Menschen, die sie im realen Leben nicht möge, zusammenspielen. «Ich habe das Gefühl, dass Spieler, die ihre Gefühle stark vermischen, etwas aus dem echten Leben durch LARP kompensieren.»

Sascha blickt seine Freundin an und lächelt. Bei ihm sei das ein bisschen anders. Allgemein falle es ihm schwerer, sich so tief in einen Charakter hineinzuleben, dass er Spiel und Realität nicht mehr trennen könne. Trotzdem habe er leichtes «Bleeding» auch schon erlebt und nach einem besonders guten Spiel im Alltag Mühe gehabt, loszulassen. 

«Negative Gefühle gegenüber einem Mitspieler sollten den Charakter im Spiel aber nicht beeinflussen.»

Wer dies trotzdem tue, gelte in LARP-Kreisen als schlechter Rollenspieler, so Sascha. Denn ein solches Verhalten ruiniere den anderen Teilnehmern das Abenteuer.

Im Urlaub an einem Live-Rollenspiel teilnehmen

Im Zentrum des LARP steht schliesslich der Spass. Das bestätigt auch Michael Engelhardt von «Teilzeithelden.de»: «Aus vielen Gesprächen, die ich geführt habe, wiederholt sich oftmals der Wunsch, sich kreativ ausleben zu können, gemeinsam Abenteuer und Geschichten zu erleben oder auch kurz Urlaub vom stressigen Alltag zu machen.» Denn Live-Rollenspiele eignen sich laut Engelhardt besser als andere Urlaubsformen, um einmal ganz abzuschalten.

Abschalten und eine andere Person werden: Das ist auch bald in der Waldhütte in Lenzburg der Fall. In der Küche liegen schon Wurst, Speck und Datteln für die ersten hungrigen Gäste bereit, die Kerzen brennen und die Plastikkisten sind im Auto oder hinter dem Haus verstaut: Nichts soll die Szenerie trüben.

«Klar, ab und zu kommen Spaziergänger an der Waldhütte vorbei. Dann erklären wir gerne, was wir hier machen, und sie dürfen auch ein bisschen zuschauen», sagt Sascha. Grundsätzlich gilt jedoch: Wer keine Gewandung trägt und nicht mitspielt, hat nichts in der LARP-Taverne verloren.

Es ist Zeit: Sascha und Jennifer müssen sich in ihre Charaktere verwandeln. Die Brillen werden gegen Kontaktlinsen getauscht, statt Turnschuhen werden Lederstiefel übergestreift und weite Leinenhosen ersetzen die Jeans. Fast alle Bestandteile der Gewandungen sind gekauft, ein paar Accessoires hat Jennifer selbst hergestellt.

Kaum tragen alle Mitglieder des Organisationsteams ihre Gewänder, stapfen bereits die ersten Teilnehmer durch das Laub zur Waldhütte. Manche sind gleich in ihrem Charakter angereist, andere müssen sich vor Ort noch umziehen. Zwei Männer mit falschen gezwirbelten Bärten und Lederrüstungen lassen sich das erste Bier ausschenken.

Eine Gruppe von Beduinen in Pumphosen und mit Turbanen auf dem Kopf rollt draussen neben der Feuerstelle Teppiche aus. Nebenan macht es sich ein Mann in Rüstung und Helm auf einer Holzbank bequem. Jeder Neuankömmling schlüpft sofort in seinen Charakter: Begrüsst wird im Spiel.

Die LARP-Taverne

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Die LARP-Taverne
quelle: barbara scherer
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Langsam dunkelt es draussen ein und immer mehr Spieler finden ihren Weg in die Holzhütte. Einige erzählen von ihren Abenteuern und Heldentaten, während andere gemeinsam böse Pläne aushecken.

Männer und Frauen mit schwerem Fell auf den Schultern, Federschmuck im Haar und schwarzer Farbe im Gesicht betreten den Raum, ein Pirat in dunkler Kleidung und Kopftuch prostet ihnen zu. Die Mittelalter-Fantasy-Taverne «Fux und Haas» ist in vollem Gange – und mittendrin Sascha und Jennifer als avalonischer Archäologe und montaignische Musketierin.

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