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«Die Tankstelle gehört mir!» – «His Excellency» von Kambodscha liest uns am Strassenrand auf

27.02.16, 08:53
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler

Wenn mich jemand fragt, wie gut das mit dem Autostöppeln klappt, sage ich immer:

«Autostöppeln funktioniert überall auf der Welt. Die Frage ist nicht, ob man mitgenommen wird, sondern wann.»

Doch gilt dieser Grundsatz auch, wenn nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Männer mit dem Daumen am Strassenrand stehen?

Oder hindern mich meine zwei Freunde am Weiterkommen?

Ich habe zwei Freunde aus der Schweiz zu Besuch, Alex und Christian. Mit ihnen will ich von der Südküste Kambodschas in die thailändische Hauptstadt Bangkok stöppeln, und habe ernsthafte Zweifel, ob das machbar ist, oder ob wir den kambodschanischen Fahrern zu viel zumuten.

Doch ich unterschätze die Grosszügigkeit der Leute: Es dauert keine fünf Minuten, bis uns ein Minibus kostenlos an die Hauptstrasse bringt. Dort angekommen, können wir nicht einmal unsere Rucksäcke absetzen, als bereits ein schicker, weisser Nissan-Geländewagen für uns anhält.

Zuerst ein Minibus, dann ein Geländewagen

Direkt dahinter stoppt ein luxuriöser schwarzer Lexus. Wir denken uns nichts dabei, sondern steigen einfach in das vordere Auto ein. Am Steuer sitzt ein aufgestellter junger Mann namens Nalong, der uns in gebrochenem Englisch sagt:

«Im hinteren Auto sitzt mein Boss. Er hat gesagt, ich solle anhalten und euch mitnehmen.»

Nalong, kambodschanischer Autofahrer

Auf unsere Frage, wer denn sein Boss sei, streckt er uns ein weisses Visitenkärtchen entgegen, auf dem in goldener Schrift steht: «His Excellency Tep Ngorn, 2nd Vice President of the Senate».

Wir können fast nicht glauben, was wir da lesen. Wurden wir wirklich gerade von einem der mächtigsten Männer Kambodschas am Strassenrand aufgelesen? Spätestens als Nalong bei einer Polizeikontrolle einfach das Blaulicht einschaltet, das sich gut getarnt im Kühlergitter befindet, und in vollem Tempo links vorbeifährt, haben wir keine Zweifel mehr.

Zudem sind das Visitenkärtchen, die beiden Autos und Nalong als Chauffeur durchaus standesgemäss für einen Vizepräsidenten des Senats. Ja mehr als das: In einem mausarmen Land wie Kambodscha, in dem das Bruttoinlandprodukt pro Kopf gerade einmal 1140 US-Dollar beträgt, wirkt der Auftritt eher protzig.

Unter den Bildern geht es weiter...

Eine Woche der Gegensätze: Ärmliche Dörfer und schöne Strände in Kambodscha

Nalong errät wohl unsere Gedanken. Ungefragt verteidigt er seinen Vorgesetzten: «Einige Leute sagen, es sei nicht richtig, dass Politiker wie mein Boss so reich sind. Sie vermuten, dass sie sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern. Doch zumindest bei meinem Boss ist das falsch, er hat sich sein Vermögen als Unternehmer erarbeitet – vor seiner Karriere als Politiker.»

Unterdrückung der Opposition? Nein...

Unser Chauffeur kommt auch auf die Kambodschanische Volkspartei (KPK) zu sprechen, der er und sein Boss angehören. Die KPK regiert Kambodscha seit 1981 ununterbrochen. Daran hat auch die Einführung eines Mehrparteiensystems 1991 nichts geändert. Der Partei wird immer wieder Unterdrückung der Opposition und Vetternwirtschaft vorgeworfen. Im Korruptionsindex von Transparency International belegt Kambodscha von 168 untersuchten Staaten den 150. Rang.

Diese Kritik ist offenbar auch Nalong bekannt. Umso feuriger sind seine Lobeshymnen auf die Partei. Auf die Bildungsproblematik in Kambodscha angesprochen, gibt er eine Parteiparole zum Besten: «Wir bringen die Leute nicht zu den Schulen, sondern die Schulen zu den Leuten.»

Die Regierung macht was für die Elefanten!

Bei einem Strassenschild, das vor Elefanten warnt, sagt er: «Früher war diese Strasse ein Problem für die Elefanten. Nun wurden sie von der Regierung umgesiedelt.»

Und er versichert sichtlich erregt: «Selbst wenn mich jemand mit einer Pistole dazu zwingen wollte, zuzugeben, dass die KPK nur sich selbst helfe und nicht der kambodschanischen Bevölkerung, würde ich sagen: Nein, nein, nein!»

Als wir nach etwas mehr als zwei Stunden unseren Zielort erreichen, halten wir an einer Tankstelle. Dort lernen wir Narongs Boss, den Vizepräsidenten des Senats, persönlich kennen. Mit weissem Hemd, glänzenden Lackschuhen, Sonnenbrille und schicker Armbanduhr steigt er aus dem Fonds seines schwarzen Lexus, in dem auch ein Flachbildschirm nicht fehlt.

Die Tankstelle gehört uns – sozusagen

Wir bedanken uns höflich, dass er uns mitgenommen hat, er schüttelt uns jovial die Hände, ein Mitarbeiter nimmt die Szene mit seinem Handy auf. Er bittet uns, mit ihm in den Tankstellenshop namens Tela zu kommen, eine Kette, die im ganzen Land weit verbreitet ist. Dort sagt er: «Bitte, bedient euch, ich bezahle.» Wir lehnen dankend ab. Doch er besteht darauf: 

«Keine Widerrede. Nehmt, soviel ihr wollt – die Tankstellenkette gehört mir.»

His Excellency Tep Ngorn, 2nd Vice President of the Senate in Kambodscha

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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13
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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luca Brasi 27.02.2016 13:49
    Highlight Ich habe mich gerade gefragt, ob es Zufall war, dass Sie diesen Politiker getroffen haben oder eventuell jemand in Kambodscha zwecks intendierter Imageaufbesserung Ihre Reiseroute studiert hat. Ach, was bin ich wieder paranoid heute. ;)
    36 1 Melden
    • Mia_san_mia 28.02.2016 08:58
      Highlight Einfach Zufall würde ich sagen...
      8 0 Melden
    • Thomas Schlittler 05.03.2016 08:02
      Highlight @Luca Brasi: Wenn ich ein weltberühmter Reporter der New York Times wäre, würde ich das nicht ausschliessen. Da ich aber ein unbekannter Journalist aus der kleinen Schweiz bin, halte ich das für sehr, sehr unwahrscheinlich. Ich sehe es deshalb so wie Mia_san_mia. LG
      6 0 Melden
    • Luca Brasi 05.03.2016 10:14
      Highlight Das mit der New York Times kommt noch. ;)
      2 0 Melden
    • Thomas Schlittler 05.03.2016 10:41
      Highlight Ich fühle mich in der kleinen Schweiz eigentlich ziemlich wohl ... ;-)
      4 0 Melden
  • mister_michael 27.02.2016 09:12
    Highlight Unglaubliche Gastfreundschaft. Ich bin sicher ein Schweizer Politiker, jedenfalls mit diesem Rang hätte nie angehalten. Sehr interessanter Artikel! Ein Foto mt dem Fahrer und dem Senat wäre cool gewesen. :)
    46 1 Melden
    • exeswiss 27.02.2016 13:01
      Highlight hat er doch! bild nummer 5 in der foto-strecke.
      16 1 Melden
    • buhuch 29.02.2016 11:38
      Highlight Wurde in Schweden mal von einem Parlamentsmitglied der äusserst konservativen Dansk Folkeparti bis nach Kopenhagen mitgenommen. Inkl. Fähre & Vip-Loung & Verpflegung. Die Bewohner von Christiania haben dann nicht schlecht gestaunt, galt der Politiker praktisch als Blocher Dänemarks. Tja, war ganz nett. :)
      2 0 Melden
    • Ophelia Sky 01.03.2016 22:12
      Highlight Der wollte dich nur möglichst schnell aus dem Land schaffen..😉
      6 0 Melden
    • mister_michael 02.03.2016 05:57
      Highlight @exeswiss: hab ich gerade auch gesehen :)
      1 0 Melden
    • Thomas Schlittler 05.03.2016 07:59
      Highlight @mister_michael: Ich bin überzeugt, dass auch der eine oder andere Schweizer Politiker Autostöppler mitnehmen würde. Das Problem könnte aber sein, dass der Vizepräsident des Ständerats (oder noch wichtigere Leute, siehe Foto) nicht die ganze Zeit mit zwei schicken Staatskarossen und einem Chauffeur unterwegs ist ...

      @buhuch: Coole Story! Ein Hoch auf das Trampen! ;-)

      @Catbear: Ich wäre sehr, sehr froh gewesen, wenn das der Grund gewesen wäre! Wieso? Das kannst schon bald in meiner neuesten Kolumne nachlesen ...
      0 0 Melden

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