Schweiz

Von Bern über Altdorf nach Bellinzona: Ignazio Cassis fährt mit dem Sonderzug ins Tessin. Bild: KEYSTONE

Warum eine Reise ins Tessin dazu führt, dass alte Ängste endlich verschwinden

Warum ist die Euphorie der Tessiner über die Wahl von Ignazio Cassis so gross? Die Reise nach Bellinzona an die Feierlichkeiten zu Ehren des neuen Bundesrates gibt Antworten. 

29.09.17, 06:28 29.09.17, 14:57

Die Kinder am Bahnhof Altdorf kreischen, als sei es Justin Bieber, der da aus dem Sonderzug steigt. Frenetisch wedeln sie mit ihren Tessiner, Urner und Schweizer Fähnchen und rufen: «Cassis!, Cassis!» Als sich der Neu-Bundesrat ihnen zuwendet, wollen alle seine Hand schütteln. Sie schubsen und quetschen. Die Lehrer müssen ihre Schüler zurück auf ihre Plätze weisen. Ein Mädchen im Primarschulalter sagt, das sei halt schon aufregend, mal einen Bundesrat live zu sehen, statt immer nur im Fernsehen.

Auch Beat Jörg, Landammann von Uri ist sichtlich bewegt. Die Urner seien die Brüder und Schwestern des Tessins, sagt er. «Hier in Altdorf, am Fusse des massiven Gotthards gelegen, durch dessen Tunnel wir mit den Tessinern verbunden sind, sagen wir: Auch wir sind Bundesrat geworden!» 

Ist es Justin Bieber, der da kommt? Nein, Ignazio Cassis. Bild: KEYSTONE

Zwanzig Minuten dauert der Boxenstopp in Altdorf, dann werden die Herrschaften wieder in den Sonderzug gelotst. Ausgewählte Freunde von Cassis, Nationalräte, Ständeräte und Noch-Bundesrat Didier Burkhalter bewegen sich zurück zu ihren Plätzen. Ein paar wenige durften im festlich geschmückten Ehrenwagen neben Cassis Platz nehmen. Dann rollte der Zug weiter Richtung Süden. 

Eine Woche ist es her, seit klar ist, dass mit Ignazio Cassis ein Tessiner in den Bundesrat einziehen wird. Nach der Verkündung seines Sieges gingen im Saal des Restaurants zum Äusseren Stand in Bern die Emotionen hoch. Dort feierte die Tessiner Fraktion. Spontane Ständchen wurden gesungen, der ehemalige FDP-Präsident Fulvio Pelli, so erzählt man sich, habe vor Freude Tränen in den Augen gehabt.

Aber was ist es, das die Tessiner derart euphorisiert? Denn politisch wird Cassis die Welt nicht neu erfinden können. Er wird den Fokus seiner Politik nicht auf das Tessin lenken können. Das machte er schon in seiner ersten Pressekonferenz kurz nach seiner Wahl zum Bundesrat einem Journalisten klar, der ihn fragte, welche Themen er denn nun als Tessiner Bundesrat neu einbringen werde. Cassis antworte daraufhin beinahe etwas unwirsch: «Eine solche Frage würden Sie mir nicht stellen, wenn es um Ueli Maurer ginge. Sie würden nicht fragen, welche Deutschschweizer Sicht er in den Bundesrat bringt.»

Und doch ist die Freude der italienischsprachigen Schweizer riesig. Fast scheint es, als seien sie von einer alten Bürde befreit worden, die ihnen in den letzten 18 Jahren auf den Schultern lastete. So lange ist es her, seit es mit Flavio Cotti zum letzten Mal einen Tessiner Bundesrat gab.

Die Spurensuche nach den Gründen für die Tessiner Begeisterung führt am Donnerstag nach Bellinzona. Der Sonderzug mit der Festgemeinschaft an Bord kommt langsam zum Stehen. Schon durch die geschlossenen Türen hört man es von draussen her klatschen und pfeifen. Als Cassis nach langem Händeschütteln mit Tessiner Lokalpolitikern endlich aus dem Bahnhofsgebäude tritt, bricht frenetischer Jubel aus. 

Bewohner von Bellinzona begrüssen Cassis. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Sie wolle sich diesen Event nicht entgehen lassen, sagt eine Bewohnerin von Bellinzona, die sich ganz zuvorderst am Absperrgitter einen Platz gesichert hat. Schliesslich sei das heute ein glücklicher Tag für sie. Nicht weil sie politisch mit Cassis auf einer Linie stehe, sondern weil sie sich als Tessinerin endlich wieder repräsentiert fühle. «Es ist nicht so, dass ich mich in den letzten Jahren im Stich gelassen gefühlt habe. Aber vielleicht ein wenig vergessen.» 

Ein Umzug formiert sich durch die Strassen von Bellinzona. Überall Fähnchen, Geschrei, Cassis, der mit ausgestreckten Armen in alle Richtungen winkt. Wieder sind es die Kinder, die Cassis wie ein Rockstar feiern. Auf der Treppe vor dem Palazzo Civico stehen sie und rufen: «Viva Cassis!»

Die GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser sagt es so: «Es ist vielleicht dasselbe wie mit der Frauenfrage. Gäbe es im Bundesrat keine Frauen, würde ich mich nicht vertreten fühlen.» Das Tessin habe diesen Komplex, dass es irgendwie nicht so richtig zur Schweiz gehöre, schon lange. Mit einem eigenen Mann in Bern löse sich das. «Die Tessiner fühlen sich wieder miteinbezogen.»

Auf der Piazza Governo kommt der Tross zum Stehen. Gespannt wartet man jetzt auf die Rede von Cassis. UBS-Chef Sergio Ermotti sagt, es sei nicht nur die Sprache, die es ausmache. Die sicherlich auch, gerade wenn es um Verhandlungen mit dem Nachbarland Italien gehe. «Aber es ist auch das Verständnis für unsere Kultur, die Cassis nach Bern mitbringt.» Im Tessin sei diese halt schon ein wenig anders. 

Sergio Ermotti mit Ignazio Cassis. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Auch für CVP-Ständerat Filippo Lombardi ist es der kleine aber feine Kulturunterschied, der es eben ausmache: «Unsere Weltanschauung ist anders. Nicht so schwarz-weiss, wie weiter oben im Norden.» Man halte sich vielleicht nicht immer ganz genau an das vorgegebene Format, um Probleme zu lösen, sondern sei flexibler, das aber in einem gesunden Mass. Und genau das brauche es: «Funktionierende Verwaltungen und Behörden, wo auch mal mit innovativen Ideen Problemstellungen beantwortet werden. Mit Cassis haben wir das jetzt.»

Weiter hinten ragt ein Graubündner-Fähnchen über die Köpfe der Schaulustigen. Es gehört zu Aldo Bianchi, der für den Bundesratsempfang eigens vom Misox angereist. Es gehört zu den vier Südtälern Graubündens, in denen Italienisch gesprochen wird. Er sei gekommen, weil er ein Fan sei, sagt er. Zum ersten Mal habe er Cassis in der SRF-Sendung «Rundschau» gesehen. Da seien ihm die Tränen gekommen. «Ich bin überglücklich, dass einer wie er jetzt da in Bern sitzt. Ich weiss, dass er uns nicht vergisst.» 

Aldo Bianchi aus dem Misox. bild: watson

Il nuovo consigliere federale si chiama Ignazio Cassis!

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Video: srf

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Sir Konterbier 29.09.2017 20:05
    Highlight Ich bin mehr den je überzeugt, dass Cassis die richtige Wahl war. Von mir aus könnte man abgesehen von kleineren Übergabgsphasen ständig einen Tessiner im Bundesrat haben. Es wäre unseren italienischsprachigen Brüdern und Schwestern zu gönnen!
    6 1 Melden
    • Spooky 29.09.2017 23:27
      Highlight Ganz meine Meinung! Ich gehe noch ein wenig weiter: Ohne das Tessin ist die Schweiz nichts.

      Auf Zürich können wir getrost verzichten. Aber auf das Tessin? Never!
      3 7 Melden
  • Sophia 29.09.2017 16:39
    Highlight Eigentlich ja ein Italiener, die ja vom Blochervorbild Schwarzenbach wie eine Pest empfunden und bekämpft wurden! Ich bin glücklich, dass diese italienische Kultur nun auch im Bundeshaus vertreten ist. Inzwischen lieben die Schweizer ja die italienischen Mitbürger, woran man sehen kann, wie vergänglich die SVP-Politik ist. Schön fand ich das Zitat von Rosa Luxemburg: "Die Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderen." Der Ignatio weiss sicher, dass nichts, was ein(e) Rote(r) sagt, von der SVP goutiert werden kann, und sei es noch so einleuchtend. Geraune rechts im Saal! Super gemacht!
    7 2 Melden
  • Phrosch 29.09.2017 09:11
    Highlight Das mit den Kinder darf man nicht überbewerten. Ich war in der Primarschule, als Hans Hürlimann Bundesrat würde. Wir bekamen "schulfrei", mussten aber mit Fähnchen an den Strassenrand stehen und laut jubeln. Immerhin gab es danach eine Wurst...
    18 2 Melden
    • Sophia 29.09.2017 16:41
      Highlight Oh? Darauf hätte man kommen sollen!
      5 0 Melden
    • Phrosch 29.09.2017 19:43
      Highlight Wäre nicht so schwierig. Welch Kinder kämen denn von sich aus auf die Idee, einem Politiker zuzujubeln? Und woher nähmen sie die Fähnchen?
      4 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 29.09.2017 08:26
    Highlight Ignazio Cassis ist der sympathische Beweis dafür, dass Tessiner auch Menschen, ja sogar Schweizer sind. Er kann manchen Deutschweizern ihre Ängste nehmen.
    14 11 Melden

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