Schweiz

Lina Selmani aus unserer Chefredaktion sinnt über ihre Führungsaufgaben, den nächsten Picdump oder den Weltfrieden nach. Bild: fair & ugly

Können diese Augen lügen? watson kommt ins Kino und rettet (vielleicht) die Medien

Ja, es gibt jetzt einen Film über watson! Und über drei weitere Schweizer Medien. Im Dokfilm «Die vierte Gewalt». Aber der Star, liebe andere Medien, ist klar.

25.01.18, 15:37 26.01.18, 05:52

Natürlich sind wir frivole Vögel. Aber auch wir haben ein Herz, einen Kopf und einen Job. Den Journalismus. Trotzdem staunten wir, als eines Tages ein Herr namens Dieter Fahrer in unserer Redaktion stand und sagte, er wolle einen Film über die Medienszene Schweiz machen und uns als eine von vier Redaktionen porträtieren.

Der Dieter ist nämlich a) ein Berner, b) ein ernsthafter Berner und c) ein medial total altmodisch sozialisierter Berner. Und auch die Mitarbeiter, die der Dieter mitbrachte, waren allesamt Männer mit träumenden Augen, die aussahen, als würden sie lieber im Emmental Schafe beobachten als mit uns die Welt ins Internet zu bringen.

Wir so. Bild: fair & ugly

Die Berner standen uns ein gefühltes halbes Jahr lang im Weg, schauten uns über die Schulter, sagten: «Jetz fiumeni mau eifach dini Händ.» Sie fiumten Computer, Hände und Tattoos, die Madeleine, die Rafaela (die jetzt nicht mehr bei uns ist), den Maurice, den Peter und ein paar andere und irgendwann zogen sie wieder ab, die Kameras, an die wir uns inzwischen gewöhnt hatten, waren nicht mehr da, wir fühlten uns leer und unwichtig und fragten uns: Wie werden sie uns darstellen? Werden sie uns verspotten, wie es andere schon getan haben? Als Büsiportal, Schülerzeitung, Clicksau und Native-Ad-Bomber?

Jetzt gibt's den Film. Er heisst «Die vierte Gewalt». Es kommen vor: Der «Bund», das «Echo der Zeit», watson und die «Republik», die zum Zeitpunkt des Drehs noch nicht viel mehr war als das vollmundige Pathos der Verkündigung. Seit dem 14. Januar 2018 ist auch sie ein existierendes Medium. Es stehen also im Film – der selbst ein elektronisches Medium ist – drei elektronische Produkte gegen ein gedrucktes. Der Verlierer steht irgendwie schon fest.

Trailer zu «Die vierte Gewalt»

Video: YouTube/FAIR & UGLY

Der Film beginnt denn auch mit einem Blick in die «Bund»-Druckerei – man meint sich in den Innereien eines Sauriers, es ist von anachronistischer Majestät. Der «Bund» ist das Leibblatt von Dieter Fahrers Eltern, der Vater besitzt ein riesiges Album, auf die linken Seiten klebt er ausgeschnittene Zeitungsartikel, rechts zeichnet er, wozu ihn der Artikel inspiriert, meist irgendwas mit Natur, was Meditatives.

Die Mutter entsorgt Kartoffelschalen in Zeitungspapier. Die Eltern ziehen ins Alterszentrum, ihre leergeräumte Wohnung gleicht einer letzten, für immer leeren Zeitungsseite und den Büros, die der «Bund» räumen muss, in der Hoffnung, sie teuer weitervermieten zu können. Die Zeit im Alterszentrum und beim «Bund», sie steht nicht still, aber sie wird traurig gedehnt. Wobei das vielleicht aber auch nur der Effekt von so viel Berndeutsch ist.

Der «Bund» so. Bild: fair & ugly

Beim «Echo der Zeit» dagegen die hochprofessionelle, schnelle, blitzkompetente Nachrichtenverarbeitung. Die Leute dahinter: abgebrüht, cool, gelegentlich zynisch. Wieso stellt man die sich immer so nett, warmherzig und um die Welt besorgt vor, wenn man sie im Radio hört? Weil sie verdammte Profis sind.

Und dann also watson. Und schnell ist klar: Der Dieter, der als neugieriger Skeptiker zu uns kam, hat sich in uns verliebt. Täuscht es, oder gehört uns die meiste Filmzeit? Täuscht es, oder sind wir – neben ein paar Szenen, in denen wir wie eine sexy Sekte für Unterhaltungsexpertise erscheinen – nicht auch Leute, die schwer und klassisch journalistisch schuften? Die dauernd in die Welt hinausgehen, Flüchtlinge besuchen, die Trump-Wahl live aus New York kommentieren? Während der Wahlnacht ist Dieter bei uns, filmt, wie unser Videoteam (Emily!) alle Artikel durch den Schredder lässt, die wir schon über Präsidentin Hillary Clinton geschrieben haben.

Rafaela Roth hat es geschafft, dass dank eines Artikels von ihr, eine Flüchtlingsfamilie wieder zueinander fand. Bild: fair & ugly

Bei uns entdeckt er auch die Poesie dieser verborgenen Winkel im Internet, die Webcams, die irgendeine Strassenkreuzung in Jackson Hole filmen, oder den Flughafen von Hokkaido, über den sich ein Vogelschwarm erhebt. Die Live-Feeds werden für Dieter, was das Artikel-Album für seinen Vater ist: ein Teppich aus ruhiger Alltäglichkeit, auf den er seinen Film legt, wenn die Nachrichtenlage gerade explodiert. Die allgemeine und die persönliche. Wenn Trump gewinnt. Wenn Dieters Vater stirbt. Der Timecode unter den Vögeln über Hokkaido zeigt den Todeszeitpunkt.

So viel Leben und Zukunft wie der Dieter hat noch selten einer in uns gesehen. Da darf er zwischendurch auch klingen wie ein moralisierender Vater, der einen Pedro Lenz gefrühstückt hat: «I bin e User und wirde gused.»

Partylaune bei der «Republik». Bild: fair & ugly

Wann im Film kommen eigentlich die Kollegen von der «Republik»? Ah, nach einer Stunde und neun Minuten! Sie haben da noch den charmanten Vorteil, nicht von der Routine des Büroalltags geschlagen zu sein. Constantin Seibt, der immerzu hüpfend durch die Welt geht, als sei er auf einem lebenslangen Kindergeburtstag, und Christof Moser in seinem Graf-Dracula-Mantel haben noch nichts anderes zu tun, als zu erzählen, wie geil die «Republik» einmal wird.

Aber gut, das haben wir von watson vor fünf Jahren auch nicht anders gemacht. Seit genau vier Jahren sind wir online. Dass uns der Dieter seinen Film zum Geburtstag schenkt, macht uns gerade ganz mürbe vor Rührung. Danke!

«Die vierte Gewalt» ist am 27. und 30. Januar an den Solothurner Filmtagen zu sehen und ab 8. Februar im Kino.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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31
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31Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • edelpunk 26.01.2018 14:49
    Highlight gruss an lina ned so aktiv uf twitter!
    0 0 Melden
  • JackMac 25.01.2018 20:54
    Highlight Hoiligs Blechle. Sind das schöne Augen!
    6 3 Melden
  • Harald Günterth 25.01.2018 18:35
    Highlight Ich will die Euphorie nicht dämpfen, aber gerade heute gab es einen Artikel über den qualitativ hochstehenden Schweizer Dokumentarfilm, der im Schnitt aber nicht mal 1000 Zuschauer ins Kino bringt. Also lieber das Megaphon nehmen und unter der Hardbrücke die Botschaft rausschreien. Erreicht mehr Leute.
    11 5 Melden
    • Simone M. 25.01.2018 19:06
      Highlight Lieber Harald, sobald der Film am Fernsehen läuft, werden ihn enorm viele Leute sehen. Das ist immer so ;-)
      22 6 Melden
    • Silent Speaker サイレントスピーカー 25.01.2018 22:36
      Highlight Kino ist zu teuer, dafür, dass es nach Popcorn stinkt und raschelt. Auch ist Kino zu teuer, weil man fast immer die Tritte vom Sitznachbar dahinter dulden muss. Oder gar noch den Käsefüssegeruch dazu. Und die unpassenden Lacher anderer, mir unbekannter Menschen. Oder das Gehuste und Geniese inkl. bazillenverseuchtem Spray. Oder im Extremfall hast du noch über die ganze Zeitspanne weg einen nach Rauch stinkenden Zeitgenossen neben dir. Eventuell auch noch plus Schweissgeruch. Dafür zahle ich nur ungerne einen Betrag über vier Franken.

      Kino ist für mich gestorben.
      2 10 Melden
  • Candy Queen 25.01.2018 18:27
    Highlight Hä, jetzt hab ich gemeint, ohne staatliche Alimentierung sei keine Qualität möglich in eurer Branche? Seid ihr jetzt alimentiert oder qualitätsarm?
    6 20 Melden
  • TanookiStormtrooper 25.01.2018 17:22
    Highlight ich glaube Lina sinniert noch immer über das Bild nach, welches ich ihr vor ein paar Tagen geschickt habe...
    30 6 Melden
    • Darth Unicorn 25.01.2018 18:24
      Highlight 😂 ich finds lustig
      9 3 Melden
    • Lina Selmani 25.01.2018 19:32
      Highlight 😂🤦🏼‍♀️
      13 4 Melden
    • TanookiStormtrooper 25.01.2018 22:55
      Highlight Ich frage mich, woher die vielen Herzen bei mir kommen? Hast du das Bild etwa überall rumgezeigt, Lina? 😜
      2 3 Melden
  • R. Peter 25.01.2018 17:15
    Highlight Gratulation! Werd ich mir sicher anschauen 👍👏😁
    14 8 Melden
  • Entenmann 25.01.2018 17:12
    Highlight Die Film-Besprechung im Bund ist zu einem ähnlichen Schluss gekommen bezüglich Verlierer und Dinosaurier und so.

    Als jahrzehntelanger Bund-Abonnent werde ich mir den Film wohl nicht antun...
    11 2 Melden
  • Spooky 25.01.2018 17:09
    Highlight Falls Anna Rothenfluh drin vorkommt, schaue ich ihn. Sonst nicht.
    14 4 Melden
  • Luca Brasi 25.01.2018 16:27
    Highlight Wenn Frau Meier drin vorkommt, schaue ich ihn. Vielleicht. 😉
    21 12 Melden
    • Simone M. 25.01.2018 16:33
      Highlight Haha. Der Auftritt von Frau Meier geht so: Sie sitzt vor einem «Bachelor»-Artikel, ruft: «Toggi! Komm her und hilf!» Und dann diskutieren Frau Meier und Herr Toggweiler, wo man im Text das Zitat «ein schönes Stück Fleisch» möglichst wirkungsvoll platzieren soll. Ist jetzt nicht wirklich die ruhmreichste Tat von der Frau Meier.
      88 2 Melden
    • Luca Brasi 25.01.2018 16:41
      Highlight Das muss ich sehen! 😉
      47 4 Melden
    • Walter Sahli 25.01.2018 21:50
      Highlight Sie sind eine Spoilerin Frau Meier, das ist nicht normal! ;-)
      6 0 Melden
  • just sayin' 25.01.2018 16:24
    Highlight wow! der trailer macht "lust auf mehr"

    wandel der medien
    skepsis gegenüber den medien
    macht der medien

    alles wichtige und interessante themen
    31 6 Melden
  • Statler 25.01.2018 16:21
    Highlight Ich freu mich für Euch!

    Aber noch viel mehr freue ich mich, dass es die Republik geschafft hat und mittlerweile online ist. Die Artikel sind gut. Meistens lang. Aber gut. Fast wäre ich geneigt zu sagen, dass sich Watson eine Scheibe davon abschneiden könnte...
    50 7 Melden
    • Gelöschter Benutzer 25.01.2018 16:37
      Highlight Kann ich bestätigen. Go Republik. Lange Artikel sind auch gut. Die Leute haben fast schon verlernt etwas zu lesen für das man länger als 1 Minute braucht.
      35 7 Melden
    • Statler 25.01.2018 17:34
      Highlight Ausnahmsweise mal mit Dir einer Meinung, J.S. ;)
      17 1 Melden
    • äti 25.01.2018 17:41
      Highlight #12 App
      7 0 Melden
  • maljian 25.01.2018 15:56
    Highlight Wie wäre es mit einem Kinobesuch, wo ein paar Leute von Watson mit da wären und man sich nach dem Film noch austauschen könnte 😉
    70 8 Melden
    • maljian 25.01.2018 16:01
      Highlight Am besten ist Lina mit anwesend und im Anschluss gibt es ein #weindoch mit Lina 😁
      53 9 Melden
    • Monsieur Cringeadism 25.01.2018 18:38
      Highlight Schade geht das Wortspiel nur mit Wein #Spirituosendoch tönt blöd, oder habt ihr schon mal gespirituost?
      4 3 Melden
    • HannahMontana 25.01.2018 19:04
      Highlight & gratiseintritt wenn man loro mit popcorn bewirft
      11 5 Melden
  • Raphael Stein 25.01.2018 15:53
    Highlight Im Trailer,
    ...und der Donald Trump gewinnt, das beste was uns passieren kann.

    Soso.
    28 6 Melden
    • Armadillo 25.01.2018 16:06
      Highlight Naja, nüchtern betrachtet stimmt das nunmal.
      32 3 Melden
    • just sayin' 25.01.2018 16:23
      Highlight leider ist das halt schon so
      15 2 Melden
    • Dingsda 25.01.2018 16:45
      Highlight Sonst wäre u.a. Löpfe ja praktisch arbeitslos. ;)
      34 2 Melden
    • Luca Brasi 25.01.2018 20:55
      Highlight @Dingsda: Keine Sorge. Der Herr Löpfe hat ja noch die Wahl in Russland, jede Menge Elon Musk, Buchbesprechung von Leuten, die den Dritten Weltkrieg voraussehen und ab und zu Wirtschaftsthemen. 😜
      13 1 Melden

Eigentlich wollte Zukkihund über Bettler motzen, aber dann kam ihm was dazwischen

«Wein doch!» – das Format, in dem sich watson-Mitarbeiter betrinken und sich über irgendetwas beklagen. Diese Woche: Rafi über Gratiskultur.

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