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Dicht gedrängt im Hörsaal: Künftig dürfen auch die besten Mittelschüler in Vorlesungen der Universität Zürich sitzen keystone

Mittelschüler dürfen künftig schon mit dem Studium beginnen

Die Universität Zürich lässt künftig die besten Gymischüler in ihre Kurse. Doch wie gut fördert die Schweiz ihre Hochbegabten wirklich?

01.02.18, 06:41 01.02.18, 07:52

Yannick Nock / Nordwestschweiz



Die grösste Hochschule des Landes geht neue Wege. Die Universität Zürich fördert künftig die begabtesten Jugendlichen der Deutschschweiz. Ab Herbst dürfen die besten Zürcher Mittelschüler schon während ihrer Gymizeit Vorlesungen an der Universität besuchen, Punkte sammeln und Arbeiten schreiben. Ist das Pilotprojekt erfolgreich, sollen Jugendliche aus den Nachbarkantonen etwa aus dem Aargau oder von Schwyz folgen.

Wie die Universität gestern bekannt gab, werden 60 bis 70 Mittelschüler am Pilotprojekt teilnehmen. Das sind die besten ein bis zwei Prozent aller Jahrgänge. Berücksichtigt werden nur die 5. und 6. Klasse des Langzeitgymnasiums sowie die 3. und 4. Klasse des Kurzzeitgymis. Die Idee: Jugendliche zwischen 17 und 19 Jahren besuchen je nach Talent eine Vorlesung pro Woche. Das kann in der Biologie, Physik, Theologie oder der Philosophie sein. Mehrere Fakultäten bieten ab Herbst Programme an.

Das ist doppelt nützlich: Die Mittelschüler werden nicht nur gefordert, sie können auch Vorarbeit leisten. Sollten sich die Jugendlichen nach der Matura an der Universität Zürich einschreiben, werden ihre erarbeiteten Punkte gutgeschrieben. So starten sie mit einigen Credits ins Studium, können früher Seminare besuchen und schneller ihren Abschluss machen.

Michael Hengartner, Rektor Universitatt Zuerich, an einer Medienkonferenz der Universtaet Zuerich in Zuerich am Dienstag, 6. Mai 2014. Im Zuge der Affaere Moergeli ordnet die Universitaet Zuerich zwei Bereiche der medizinischen Fakultaet neu: Sie verbindet das Institut fuer Biomedizinische Ethik und den Lehrstuhl fuer Medizingeschichte zu einem Zentrum für Medical Humanities. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Michael Hengartner, Rektor Uni Zürich.  Bild: KEYSTONE

Einige Schweizer Universitäten bieten bereits ein Schülerstudium an, zum Beispiel in Bern, Luzern oder Basel, die auch Schüler aus Nachbarkantonen aufnehmen. Die Programme sind beliebt, erfreuen sich steigender Teilnehmerzahlen. Mit der Universität Zürich erreicht die Hochbegabtenförderung in der Schweiz nun allerdings ein neues Level: Nirgends wird das Angebot grösser sein als in Zürich. Ist die Testphase bis 2020 erfolgreich, wird weiter ausgebaut.

Als Wettkampf will Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und Vater des Projekts, das Schülerstudium aber nicht verstanden wissen. «Wir stehen nicht in Konkurrenz zu den Gymnasien oder anderen Universitäten», sagt er. Ihm ging es darum, junge Menschen bestmöglich zu fördern. Anstoss war dann auch nicht eine andere Hochschule, sondern ein Wunderkind. Maximilian Janisch (14), ein Mathe-Genie mit einer Begabung, wie es sie in der Schweiz kein zweites Mal gibt, offenbarte in den vergangenen Jahren die Grenzen des Schulsystems.

«Maximilian soll es besser haben, deshalb helfe ich.»

Camillo De Lellis

In der 1. Klasse sollte Maximilian als Hausaufgabe bis 20 zählen, dabei wusste er, was eine Billion ist. Innert weniger Wochen übersprang er mehrere Klassen. Mit acht landete er am Gymnasium Immensee. Nur ein Jahr später – als 9-Jähriger – legte er die Mathematik-Matura mit Bestnoten ab. Doch dann kamen die Grenzen. Nicht seine eigenen, aber jene des Systems.

Kein 9-Jähriger im Hörsaal

Maximilian wollte an die ETH Zürich, die Schweizer Elite-Uni schlechthin. Doch kein Neunjähriger darf hierzulande Student sein. Die besten amerikanischen Hochschulen meldeten sich, Harvard kämpfte um das Mathematik-Talent, doch umziehen kam für die Familie nicht infrage. Maximilian sollte nicht aus seinem Umfeld gerissen werden.

Erst ein Anruf von Michael Hengartner erlöste die Familie. Er fand für Maximilian einen Mentor, einen 41-jährigen Mathematik-Professor, der selbst ein hochbegabtes Kind war. «Ich konnte damals an keinem Förderprogramm teilnehmen», sagt Camillo De Lellis. «Maximilian soll es besser haben, deshalb helfe ich.» Alle zwei Wochen unterrichtet er den 14-Jährigen am Mathematischen Institut der Universität Zürich. Daneben holt Maximilian die Matura in allen anderen Fächern nach, sodass er im Herbst offiziell als Student starten kann.

Die Maennerskulptur vor dem Haupteingang der Universitaet Zuerich, aufgenommen im Oktober 1997. (KEYSTONE/Str)

Maximilian darf nun die Uni Zürich besuchen. Bild: KEYSTONE

Zwar sei der 14-Jährige ein Sonderfall, sagt Hengartner. «Die Erfahrungen mit Maximilian haben uns aber dazu bewogen, mehr für begabte Mittelschüler zu tun.» Das freut den Mathematik-Genius. «Ich bin glücklich, wenn meine Erlebnisse dazu geführt haben, dass andere junge Talente nun besser gefördert werden», sagt er im Interview mit der «Nordwestschweiz».

Sein Vater Thomas Drisch, ein pensionierter Mathematikprofessor mit grauem Bart, ärgert sich seit Jahren über mangelnde Begabtenförderung. Drisch kritisiert, dass es in der Schweiz zwei Dutzend Sportgymnasien und viele Mittelschulen mit Schwerpunkt Musik gibt, doch kein einziges Gymnasium für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (MINT). «Dabei hängt die Zukunft der Schweiz nicht von der Zahl der Goldmedaillen ab, sondern von der Entwicklung ihrer MINT-Talente.»

«Die Schweiz könnte in der akademischen Förderung sicher mehr tun», glaubt auch Hengartner. Mit dem Schülerstudium ist ein erster Schritt getan. Drisch sieht allerdings nicht alle Studiengänge geeignet. Je nach Fachbereich zeigten sich Talent und Leistungsfähigkeit unterschiedlich früh, sagt er. «Wenn Sie Philosophie studieren, benötigen Sie eine gewisse Lebenserfahrung», sagt er.

Dann sei es von Vorteil, über 30 Jahre alt zu sein. Anders in der Mathematik. «Die braucht keine Lebenserfahrung, sie ist eine abstrakte Aktivität.» Viele der angesehensten Mathematiker hätten ihre berühmtesten Arbeiten vor dem dreissigsten Lebensjahr verfasst.

Kampf um begehrte Plätze

So weit sind die künftigen Mittelschul-Studenten noch nicht. Erst startet der Kampf um die begehrten Plätze. Wer künftig an die Universität darf, entscheidet aber nicht die Hochschule. Die Gymnasien wählen in Absprache mit den Lehrern und Schülern die geeigneten Kandidaten. «Sie wissen am besten, wer geeignet ist», sagt Hengartner. «Ich will nicht, dass 20 000 Eltern an meine Tür klopfen und mir erklären, warum gerade ihr Sprössling an die Universität sollte», sagt er und schmunzelt.

Wie viel das Programm tatsächlich nützt, wurde nicht erforscht. Die meisten Universitäten geben aber ein positives Feedback. Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbandes und selbst Gymnasiallehrer, ist überzeugt vom Programm: «Ich habe in Basel selbst erlebt, wie Hochbegabte davon profitieren», sagt er. Die Universitätsvorlesung sei eine zusätzliche Motivation, besonders für Schüler, die sich ansonsten wegen ihrer Begabung im Unterricht langweilen würden.

Trotzdem warnt Maximilian: «Die Leistung am Gymnasium kann darunter leiden.» Das Hin und Her sei nicht einfach. Er hebt aber auch die positiven Seiten hervor: «Es ist eine Investition in die eigene Zukunft. Wer sich der Doppelbelastung gewachsen fühlt, sollte es wagen.»

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • Ökonometriker 01.02.2018 14:00
    Highlight Ich durfte selbst an so einem Programm teilnehmen und fand es super. Zwar habe ich nachher nicht in dem Feld studiert wo ich während dem Gymi Vorlesungen besucht habe, aber die damals erlangten Fähigkeiten nutze ich heute noch täglich. Hoffentlich werden solche Programme noch viel breiter Verfügbar.
    2 0 Melden
  • Lindaa 01.02.2018 11:19
    Highlight Finde es schade, dass man nur die „Besseren“ fördert.
    Jeder hat Potenzial, es braucht nur das richtige Umfeld und die richtige Unterstützung. Aber vielen bleibt diese ja verwehrt...
    8 24 Melden
    • raphe qwe 01.02.2018 12:22
      Highlight Es geht hier aber um Akademische Überflieger. Dies hat nichts damit zu tun wie „gut“ ein Mensch ist. Die Gesellschaft hat ein interesse daran, dass talentierte Leute früh im Fachgebiet gefördert werden.

      Zudem wird auch extrem viel Zeit für die schwächeren in unseren Schulen investiert.
      7 1 Melden
    • FensterAuf 01.02.2018 13:39
      Highlight Für die meisten Normalos wäre es doch eher eine zusätzliche Belastung, an die Uni zu gehen und den verpassten Schulstoff nachholen zu müssen. Darum glaube ich eher nicht, dass sie sich benachteiligt fühlen, wenn sie nicht ausgewählt werden...
      6 0 Melden
  • ATHENA 01.02.2018 09:44
    Highlight Förderung ist ja prinzipiell nichts Schlechtes. Aber man muss sich immer vergegenwärtigen, dass man den jeweiligen Personen auch sehr viel raubt. Die Zeit, die man in der Schulzeit nicht mit Aufgaben und Lernen verbringt, sollte dazu genutzt werden, bspw. mit anderen Schülern Freundschaften zu schliessen. Sozialkompetenz ist in der heutigen Gesellschaft ein sehr wichtiges Gut, das durch Noten nicht bewiesen werden kann.
    41 7 Melden
  • kleiner_Schurke 01.02.2018 07:27
    Highlight Wir hatten in unserem Jahrgang an der Uni 3 Genies. Für sie waren wir Normalos ein Rätsel. Sie verstanden oft nicht, warum wir schwierige Dinge einfach nicht schon lange, wie sie, einfach konnten. Machten abfällige Bemerkungen wie trivial einfach und langweilig doch alles sei. Diese Typen hüpften nur so durch die Quantenmechanik II, das erstaunte auch die Profs. Was wurde aus den 3en? einer ging nach dem Diplom von der Uni und fand keinen Job und von den anderen beiden haben wir nie wieder etwas gehört. Hochbegabung ist also noch lange kein Garant für Erfolg....
    27 8 Melden
    • Amboss 01.02.2018 12:15
      Highlight 1. Also eigentlich weisst du gar nicht, was aus den drei geworden ist. Vielleicht haben sie jetzt ja Job, Erfolg, Karriere

      2. Dass Hochbegabung ein Erfolgsgarant ist, hat ja niemand gesagt. Man hört ja oft, dass es da zB an Sozialkompetenz mangelt, was ja im Job auch wichtig ist.

      3. All dies kann doch kein Grund, Begabte nicht zu fördern. Gerade Unis, die in der Spitzenforschung weit vorne sind, sollten doch Interesse haben, deren Potenzial zB für ihre Forschung nutzen zu können... Auch wenn sie in den Vorlesungen negativ auffallen...
      0 0 Melden
    • FensterAuf 01.02.2018 13:34
      Highlight Klar, aber die berufliche Integration ist ja nicht das Ziel. Genauso, wie Leute mit grossem Bewegungsdrang genug Bewegung brauchen, brauchen Leute mit grossem Wissensdrang genug Futter fürs Gehirn. Die Frage ist, wie man das in den vollgepackten Alltag dieser Teenies reinstopfen kann - der verpasste Schulstoff muss ja noch nachgeholt werden... Sie müssen schnell und effizient lernen können und/oder von den Hausaufgaben dispensiert werden. Oder vielleicht können sie das, was sie an der Uni gemacht haben, gleich für ihre Maturarbeit verwenden?
      0 0 Melden
    • kleiner_Schurke 01.02.2018 14:47
      Highlight Nein ich weiss nicht was aus diesen Leuten geworden ist, genau da liegt der Hund begraben. Die müssten ja längst habilitiert sein, oder ein Unternehmen leiten, oder eine bahnbrechende Erfindung gemacht haben, oder den Nobelpreis geholt haben, oder sonst einfach irgendwie toll aufgefallen sein, aber - nix! Was also nutz es wenn einer Quantenmechanik aus dem Ärmel schüttelt und dann... tja dann kann er das einfach?

      Der Zweck der Uni ist nicht die Lieferung von "Futter fürs Gehirn" sondern Lehre und Forschung. Die Uni ist ausserdem keine Schule. Da wird nicht an Anleitung gebüffelt.
      3 0 Melden
    • Amboss 02.02.2018 08:05
      Highlight Na, jetzt nimm dich mal nicht so wichtig, kleiner Schurke.
      Weltweit gibt es sicher 100 Unis, die Jahr für Jahr solche Anfängervorlesungen in Physik durchführen. Und in jeder davon gibt es wohl zwei bis drei solcher ultraklugen Typen.
      Es sind also auch nur drei Typen von vielen.

      Die Chance, dass genau aus DEINEM Jahrgang , an DEINER Uni, drei Typen irgendwo so wahnsinnig auffallen in Richtung Nobelpreis oder so würde ich mal als sehr klein bezeichnen.
      2 0 Melden

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