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Afrika-Cup 2017

Stadion-Fehlbau für 220 Millionen Franken: Strasse gesperrt und Ziegen suchen nach Essbarem.  Bild: Sunday Alamba/AP/KEYSTONE

Afrika-Cup 2017: Ziegen, nicht fertige Stadien, Fehlplanungen und Messis Respektlosigkeit 

In vier Stadien wird der Afrika-Cup 2017 ausgetragen. Zwei der Arenen wurden neu erbaut – und dürften nach vier Spielabenden nie mehr gebraucht werden. Interessant dabei: Selbst Lionel Messi liess sich für die Propaganda-Bauten einspannen.

reto fehr, gabun



Juli 2015: Der Grundstein für das neue Stadion in Port-Gentil wird gesetzt. Von wem? Kein Geringerer als der mehrfache Weltfussballer Lionel Messi gibt sich die Ehre. Er lässt dabei auch seinen Handabdruck auf einen Stein pressen, welcher beim Stadion platziert wurde.

Soccer star Lionel Messi lays the first stone at the construction site of a new soccer stadium in Port-Gentil, Gabon, July 18, 2015. REUTERS/Gérauds Wilfried Obangome

Lionel Messi betätigt sich unter Beobachtung von Gabuns Präsident Ali Bongo (braunes Jacket) als Stadionbauer. Bild: STRINGER/REUTERS

Afrika-Cup, Halbfinals

Burkina Faso – Ägypten 3:4 nP
Ghana – Kamerun 2.2., 20 Uhr

Lionel Messi in Gabun. Wie kam es dazu? «France Football» behauptete, der Argentinier habe für seine Aktion – für die er mit dem Privatjet einflog, den Grundstein legte, bei einer Restaurant-Eröffnung von Bongos Familie erschien und an einem kurzen Charity-Kick teilnahm – rund 3,5 Millionen Franken kassiert. Gabuns Sportminister Blaise Louembé widersprach sogleich: «Wir mussten ihm nichts bezahlen.» Gemäss der offiziellen Version habe Messi Präsident Ali Bongo nach der Copa America versprochen, ihn zu besuchen. Präsident Bongo fuhr den Gaucho höchstpersönlich zur Baustelle.

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Messi in Gabun. Hier wird ihm in Libreville und Port-Gentil zugejubelt, aber viele konnten den Besuch nicht verstehen. Video: YouTube/Afrik-Foot

Doch der Auftritt des Weltstars hinterliess vor allem einen zwiespältigen Eindruck. Kritik wurde laut, dass er mit seinem Besuch einen Diktator unterstützt. Auch Messis Erscheinung stiess böse auf: Er kam unrasiert, im T-Shirt und in verrissenen Shorts. Die Opposition polterte danach: «Er sah aus, als ob er in den Zoo ging. So darfst du als Multimillionär nicht bei einem Besuch mit Staatsvertretern erscheinen, selbst wenn es sich nur um eine Bananenrepublik handelt.» Auch auf Twitter ärgerten sich die User. Messi sei respektlos, in anderen Gegenden der Welt habe er sich auch entsprechend gekleidet.

Andere witzelten aufgrund der «Kutschenfahrt des Präsidenten» in Anspielung auf «Tim und Struppi im Kongo»: «Tim Messi in Gabun»:

Kaum war Messi wieder weg, machten sich die Chinesen an den Bau des 20'000-Zuschauer-Stadions. In nur 18 Monaten knallten sie eine wunderschöne Arena hin. Ein Hotel mit 26 Zimmern (und teilweise direktem Blick aufs Spielfeld) ist ebenso integriert, wie Trainingsfelder und ein Basketballcourt. Zudem wurde die Strasse vom Flughafen zum Stadion geteert. Die Chinesen lebten in einem «eigenen Dorf» gleich neben der Baustelle, Arbeit für die lokale Bevölkerung brachte das Grossprojekt praktisch keine.

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Sieht grossartig aus: Das Stadion von Port-Gentil. Rechts hinter dem Tor die Fenster des Hotels. Video: streamable

Drei Gruppenspiele, ein Viertelfinal und das Spiel um Rang 3 werden in Port-Gentil ausgetragen. Und dann? Das fragen sich alle. Vermutlich überlässt man das Stadion seinem Schicksal. Denn der lokale Verein in der kriselnden Wirtschaftsmetropole des Landes spielt höchstens vor ein paar Dutzend Zuschauern. Und sowieso: Seit der Öl-Krise verloren rund zwei Drittel der Leute ihren Job. Kein Wunder ärgern sich viele Gabuner in den ärmeren Vierteln der Stadt und sagen: Das Geld hätte sinnvoller eingesetzt werden können. Für Schulen, Spitäler und Infrastruktur.

Port-Gentil

Auch von aussen ein Hingucker: Das Stadion in Port-Gentil. bild: twitter

watson am Afrika-Cup

Reto Fehr besucht für watson seinen dritten Afrika-Cup. Bis am 5. Februar wird es in unregelmässigen Abständen Berichte aus Gabun geben. Dabei soll der Fussball nicht immer im Vordergrund stehen. Hier geht es zur gesamten Story-Sammlung aus Gabun.

Sehr ähnlich sieht es im abgelegenen Spielort Oyem aus. Im 60'000-Einwohner-Nest bauten die Chinesen ebenfalls ein 20'000er-Stadion. Wobei: Während in Port-Gentil zwar noch etwas Baustaub in den Räumen liegt, wurde die Arena in Oyem wirklich nicht fertig. Hinter einer Türe mit der Aufschrift «WC» befindet sich beispielsweise ein leerer Raum. Auch das 28-Zimmer-Hotel, die Tennis- und Basketball-Courts waren noch nicht ganz bereit.

Da hinten thront das Stadion von Oyem rund 15 Kilometer ausserhalb der Stadt.

Man werde dies nach dem Afrika-Cup abschliessen, hiess es. Das Stadion, das rund 15 Kilometer ausserhalb der Stadt im Dschungel liegt, soll ein Sportzentrum werden. Die Frage ist nur: für wen? Denn in der Stadt selbst existieren zwei Fussballteams, die beide eigene Spielstätten besitzen. Die Rasenplätze dort dienten als Trainingsgelände, sind einwandfrei und man hätte sie sicher billiger und sinnvoller ausbauen können, statt für 200 Millionen ein neues Stadion für vier Spieltage zu errichten. So gilt auch in Oyem: Die «Weisse-Elefanten-Population» (verlassene Fussballstadien) wird Zuwachs erhalten. Artenverwandte leben ja bereits in Brasilien und Südafrika.

So verlottert ist das legendäre Maracanã in Rio de Janeiro

Immerhin war man in der Hauptstadt Libreville schlauer. Zumindest vorerst. Als Gabun und Äquatorialguinea den Afrika-Cup 2012 austrugen, wollte man das Stade Omar Bongo im Stadtzentrum dafür nutzen. Irgendwann entschied man damals dann aber: Es muss ein neuer Bau ausserhalb der Stadt her – und so wurde das Stade de l'Amitié (40'000 Zuschauer) erstellt und für das Turnier 2012 genutzt. Das Stadion in der Innenstadt diente lediglich als Trainingsgelände.

Für 2017 war der Plan erneut, das alte Stadion aufzupolieren und zu nutzen. Ein Dach sollte her und die Tribüne bisschen modernisiert werden. Doch im Sommer 2016 stellte man fest: Das reicht nicht. Rund 200 Millionen Franken gingen so für nichts drauf – und die Partien in Libreville finden nur im anderen Stadion im Norden der Metropole statt.

Afrika-Cup 2017

Ein eigentlich cooles Stadion, das Stade de l'Amitié in Libreville. Hier dürfte Gabun auch in Zukunft die Länderspiele austragen. bild: watson

Das macht grundsätzlich Sinn, denn Parkplätze hätte es im Stadtzentrum keine gehabt. Das Chaos wäre in der Innenstadt endlos geworden. Schade nur, bemerkte man dies so spät. Ich besuche das Omar-Bongo-Stadion trotzdem. Die Strasse um den Bau ist für den Verkehr gesperrt, vor der Arena suchen Ziegen nach Essbarem.

Afrika-Cup 2017

Ziegen statt Fussballfans: das Stade Omar Bongo in Libreville. bild: watson

Einige Gerüste sind noch zu sehen, näher als bis zum Wellblech-Zaun kommt man nicht ans Stadion heran. Beim Wächter der Baustelle frage ich, ob er mich kurz herumführen könne. Nach zehnminütiger Abklärung (ich bin nicht sicher, ob er tatsächlich jemanden fragte oder mich einfach warten liess) heisst es dann aber: «Geht leider nicht.» Von aussen sind sonst keine Arbeiter zu sehen, Lärm ist auch nicht zu hören. Vielleicht wurden die Arbeiten auch eingestellt, ich finde es nicht heraus.

Afrika-Cup 2017

Da wird noch gebaut. Vermutlich. bild: Watson

Als viertes Stadion dient die für den Afrika-Cup 2012 gebaute Arena in Franceville. Immerhin wird dieses jetzt schon zum zweiten Mal für einen Grossanlass genutzt. Klar ist aber einmal mehr: Die Staatspräsidenten setzen bei den Stadien auf Prestige, statt auf Nachhaltigkeit. Die Welt soll sehen, dass man schöne und grosse Stadien bauen kann.

Dabei wären Arenen für 10'000 bis 15'000 Zuschauer und ein grosses Stadion für den Gastgeber und die wichtigen Spiele viel sinnvoller. Aber eben: Das würde ja einen jämmerlichen Eindruck machen. Es geht ums Prestige. Darum auch Messi beim Stein mit Messis Handabdruck. Obwohl: Dieser wurde kurz nach dem Besuch des Argentiniers geklaut.

Soccer star Lionel Messi leaves his hand print in cement at the construction site of a new soccer stadium in Port-Gentil, Gabon, July 18, 2015. REUTERS/Gérauds Wilfried Obangome

Sollte beim Stadion in Port-Gentil ausgestellt werden: Der Handabruck von Lionel Messi. Bild: STRINGER/REUTERS

Afrika-Cup 2017 in Gabun

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    Alle Leser-Kommentare
  • c_meier 02.02.2017 00:13
    Highlight Highlight Danke für den sehr interessanten Bericht. Eigentlich sollte die Fifa über ihre Kontinentalverbände das "danach" viel besser abklären lassen bevor wild drauflosgebaut wird... Oder sonst auf ein Nüssli-Stadion wie beim Schwingfest zurückgreifen.
    Aber ich bin da wohl leidee viel zu naiv.. ;)
  • Pius C. Bünzli 01.02.2017 19:11
    Highlight Highlight Charitykick für 3Mio...

    Spass beiseite, langsam wissen wir ja dass Messi raffgierig ist
  • Bijouxly 01.02.2017 18:27
    Highlight Highlight Erdogan wird wohl mit Freude einen Besuch abstatten. Hihi.
  • Hoppla! 01.02.2017 18:27
    Highlight Highlight Danke für den Bericht! Sehr interessant.

    Schade, dass sich Länder aus Prestigegründen bei Anlässen häufig übernehmen und auch keinen Plan für das Danach haben. Das sieht man z.B. auch wunderbar in Turin.

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