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Passagiere und Flugpersonal der entführten Swissair-Maschine auf dem Flugfeld «Dawson's Field» nahe Zerqa in Jordanien (09.09.1970).
Bild: KEYSTONE

Bundesrat verhandelte mit der PLO: Geheimdeal schützte die Schweiz vor Terroranschlägen

20.01.16, 08:38 21.01.16, 11:33

Mit Terroristen verhandelt man nicht. Wer es dennoch tut, macht sich erpressbar. Und wenn dadurch das Leben von Geiseln gerettet werden kann? Ein moralisch unlösbares Dilemma, in dem sich auch die Schweiz im Herbst 1970 befand, nachdem sie ins Visier palästinensischer Terroristen geraten war. In seinen neuen Buch «Schweizer Terrorjahre» enthüllt NZZ-Reporter Marcel Gyr brisante Details über jene dramatische Zeit: Um das Land vor weiterem Terror zu verschonen, schloss ein SP-Bundesrat mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ein geheimes Stillhalteabkommen, für das die Schweiz einen hohen Preis bezahlte. Mittendrin der damals noch wenig bekannte Nationalrat Jean Ziegler, der dazu über 40 Jahre geschwiegen hat.

«Als Folge der Serie von Terroranschlägen war damals die Stimmung in der Öffentlichkeit recht aufgeheizt. Die Attentäter wurden damals in den Medien nicht als Palästinenser bezeichnet, sondern als Araber. Das führte zu Ressentiments gegen alle Araber, der Bundesrat musste einmal zur Mässigung aufrufen. Generell war es für die Bevölkerung wohl schon ein Schock, aus ziemlich heiterem Himmel plötzlich im Fokus des Terrorismus zu stehen, vielleicht so wie heute Paris.»

Marcel Gyr

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Am 18. Februar 1969 verübt ein Kommando der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» (PFLP) auf dem Flughafen Zürich-Kloten einen Terroranschlag auf eine Maschine der israelischen Airline El Al. Drei der vier Attentäter werden gefasst und zu je zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Jahr später explodiert im Frachtraum von Swissair-Flug 330 nach Tel Aviv eine Paketbombe. Die Coronado stürzt bei Würenlingen ab, alle 47 Insassen kommen ums Leben. Am 6. September schlägt die PFLP erneut zu: Sie entführt drei Maschinen, darunter eine der Swissair, und zwingt sie zur Landung auf einem verlassenen Flugfeld in der jordanischen Wüste. Die Schweizer Geiseln kommen frei, im Gegenzug lässt Bern die inhaftierten Kloten-Attentäter laufen.

So weit, so bekannt. Hinter den Kulissen spielte sich derweil Unglaubliches ab, wie Gyr enthüllt:

Der doppelte Verrat

Bundesrat und Aussenminister Pierre Graber führte während der Geiselkrise in Jordanien geheime Verhandlungen mit seinem «Amtskollegen» von der PLO, Farouk Kaddoumi. Seine Kollegen im Bundesrat liess Graber darüber ebenso im Dunkeln wie die Regierungen Deutschlands, Grossbritanniens und der USA. Deren Flugzeuge, bzw. Bürger waren ebenfalls von der Geiselkrise betroffen und hatten zusammen mit der Schweiz einen Sonderstab gebildet. Es war abgemacht worden, dass niemand separat mit den Terroristen verhandelt, sondern immer gemeinsam aufzutreten.

«Von daher ist das Vorgehen von Bundesrat Pierre Graber schon als sehr frech zu bezeichnen. Eine Husarenstück, mit dem er bewusst die Abmachungen mit den übrigen Nationen des Sonderstabs brach.»

Marcel Gyr

Ausschnitt aus dem Radio-Interview Gregor Hengers mit dem mutmasslichen Attentäter von Swissair-Flug 330, Sufian Kaddoumi (Amman, 11.03.1970).
quelle: marcel gyr/nzz

Der Genfer Emissär

Während die Palästinensische Autonomiebehörde heute als anerkannter Partner gilt, waren offizielle Kontakte mit der PLO damals für eine westliche Regierung völlig undenkbar. Nicht zuletzt wegen der zahlreichen Anschläge und Entführungen wären diese der Öffentlichkeit auch kaum zu vermitteln gewesen. Das wusste auch Graber und so suchte er die Dienste eines Emissärs und fand sie im 36-jährigen Jean Ziegler, der damals in seiner ersten Session für die SP im Nationalrat sass. Er war mit einer Ägypterin verheiratet und die gemeinsame Wohnung im Genfer Vorort Choulex so etwas wie eine vorübergehende Ersatzheimat für einige im Untergrund lebende PLO-Funktionäre.

Ziegler hat über seine damalige Rolle lange geschwiegen, will im Vorgehen seines Parteigenossen Graber aber nichts Verwerfliches erkennen, im Gegenteil: 

«Als die PLO in der öffentlichen Wahrnehmung noch weitgehend als Terrororganisation verteufelt wurde, hat er die Leute um Kaddoumi bereits als Mitglieder einer legitimen Befreiungsbewegung wahrgenommen – diesbezüglich war Graber seiner Zeit voraus.»

Jean Ziegler
quelle: schweizer terrorjahre

Das stille Abkommen

In den geheimen Verhandlungen zwischen Bundesrat Graber und der PLO in einem Genfer Hotel wurde schnell klar, dass es mit der Freilassung der drei in der Schweiz inhaftierten Terroristen nicht getan sein würde. Während die «Brüder» von der PFLP Flugzeuge entführten und in die Luft jagten, waren Figuren wie Farouk Kaddoumi mehr an einer diplomatischen Anerkennung der Palästinenser interessiert. Sein konkreter Wunsch: Eröffnung eines PLO-Büros am UNO-Sitz in Genf. Als Gegenleistung bot er eine Sicherheitsgarantie an: Die Schweiz würde fortan vom Terror verschont bleiben. Graber nahm an.

«Beim Abschied habe ich zur Schweizer Delegation gesagt: Wenn es wieder ein Problem gegen sollte, könnt ihr mich gerne nochmals kontaktieren. Aber wie Sie wissen, hat es danach kein Problem mehr gegeben.»

Farouk Kaddoumi über das geheime Treffen in Genf 1970.
quelle: schweizer terrorjahre

Flugzeugentführung in der jordanischen Wüste.
YouTube/AP Archive

Der hohe Preis

Schon die Eröffnung des Büros war von Misstönen begleitet. Vor dem Parlament versuchte Graber tiefzustapeln und nannte es «un bureau avec un petit b». Dem Leiter Daoud Barakat wurden zudem Verbindungen zu Terrorgruppen innerhalb der PLO nachgesagt. Wenn er nicht bekam, was er wollte, drohte er unverhohlen, nicht mehr länger für die Sicherheit der Schweiz garantieren zu können. Die Schweiz hatte sich erpressbar gemacht. Über die Gründe für Grabers riskantes Vorgehen, kann man heute nur noch spekulieren. Um die Schweiz vor weiterem Schaden zu bewahren, waren ihm offenbar auch unkonventionelle Wege recht. Die Konsequenzen hingegen waren aus Sicht von Gyr klar:

«Graber und die Schweiz zahlten dafür jedoch einen hohen Preis. Der Aussenminister machte sich den Palästinensern gegenüber erpressbar. Mit einer gezielten Indiskretion hätten sie seine politische Karriere jederzeit beenden können. Und auch die Schweiz begab dich damit in eine fatale Abhängigkeit. Wenn über palästinensische Fragen entschieden werden sollte, verlor die Schweizer Diplomatie ihre Autonomie.»

Marcel Gyr
quelle: schweizer terrorjahre

Daoud Barakat, Leiter des PLO-Büros in Genf, in einem Interview. (30.07.1982)
YouTube/Dutchbatt Unifil

Gyrs Enthüllungen basieren auf Interviews mit den letzten lebenden Protagonisten aus jener Zeit: Vize-Bundeskanzler Walter Buser, der damals die Protokolle der Bundesratssitzungen schrieb. Farouk Kaddoumi, der im tunesischen Exil lebt. Und Jean Ziegler, dem damaligen Emissär.

«Schweizer Terrorjahre, das geheime Abkommen mit der PLO» ist im Verlag Neue Zürcher Zeitung erschienen. Autor Marcel Gyr (*1961) ist seit 2001 bei der NZZ, zuletzt als leitender Reporter. 2014 gewann er den Swiss Press Award.

bild: nzz-libro

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 21.01.2016 10:08
    Highlight Das klingt alles nach 007. Als Schweizer Staatsbürger finde ich aber, dass unsere Regierung alles tun muss, um die Schweizer und die Schweiz zu schützen, alles!! Gestern, heute und Morgen! Das ist die einzige Aufgabe der Regierung. Rahmenbedingungen schaffen, damit "wir" ruhig schlafen können!
    4 1 Melden
  • Warbi 20.01.2016 15:47
    Highlight Hatte von einem Palästinenser gehört, dass palastinenische Truppen in Deutschland, zur Zeit der Regierung Willy Brandts, in der Nähe von Heidelberg am Neckar (ich hoffe er hat es nicht mit einer beiden gleichnamigen Siedlungen Heidelberg in den neuen Bundesländern verwechselt, militärisches Training erhalten haben. Vielleicht hat die BRD auch Geheimverhandlungen mit der PLO geführt? Wäre mal interessant dies zu recherchieren. Das Beispiel Palästina zeigt wie leicht die westliche Politik westliche Werte verkauft und die PLO war ein Blueprint für alle nachfolgenden Terrorgruppen im Orient.
    6 4 Melden
    • AdiB 20.01.2016 16:07
      Highlight die plo ist keine einfache terrorgruppe. damals war die plo komplex gestrickt. sie hatten in vielen regierungen v-männer.
      auch in geheimdiensten hatten sie leute. das ist mit heutigen terrorgruppen nicht zu vergleichen. wer was machte weiss man bis heute nicht genau.
      die plo ist wie die geheimdienste. keiner weis alles. doch das ziel ist bei allen das gleiche.
      4 0 Melden
  • Monti_Gh 20.01.2016 13:20
    Highlight Die Schweiz würde auch mit dem Teufel persönlich einen Pakt schliessen.
    23 4 Melden
    • Caturix 20.01.2016 13:45
      Highlight Oder mit Daesh.
      11 5 Melden
  • Bowell 20.01.2016 12:45
    Highlight Gibts bicht noch die Theorie, dass doch das in Würenlingen abgestürzte Flugzeug der Swissair Ziel des Bombenanschlags war?
    8 0 Melden
  • Palatino 20.01.2016 09:58
    Highlight Gibt es einen Zusammenhang zwischen den im Artikel geschilderten Ereignissen und dem zur gleichen Zeit vollzogenen Positionswechsel der Schweizer Linken gegenüber Israel?
    25 9 Melden
    • Kian 20.01.2016 10:18
      Highlight Zu jener Zeit überwog trotz Überschneidungen mit den globalen Befreiungsbewegungen noch die israelfreundliche Strömung in der Linken, was wohl auch mit dem palästninensischen Terror gegen die Schweiz zusammenhing. Der eigentliche Stimmungswandel, nicht nur in der Schweiz, sondern überall in Europa, wurde 1982 mit dem Angriffskrieg Israels gegen den Libanon vollzogen. Damals wandelte sich Israel in der öffentlichen Wahrnehmung vom David zum Goliath. Seit 1977 stellte zudem die Likud die Regierung, was die romantische Verklärung Israels als sozialistische Gesellschaft erheblich erschwerte.
      48 5 Melden
    • Palatino 20.01.2016 10:31
      Highlight Es gibt auch die These, dass die Verschiebung bereits nach 1967 eingeleitet wurde.

      http://www.tageswoche.ch/de/2012_16/schweiz/415761/

      8 7 Melden
  • AdiB 20.01.2016 09:00
    Highlight ich hoffe das in dem buch erwähnt wird das der chef der PLO christ war und der informant für die PLO ein jüdischer palästinenser der beim mossad war. die meisten aufträge erledigte carlos der schackal.
    ausserdem stand die PLO dem RAF sehr nahe und somit auch der DDR.
    die PLO war keine religiöse "partei" sondern rein palästinensisch.
    49 8 Melden
    • Hayek1902 20.01.2016 10:26
      Highlight behauptet ja auch keiner. keine islamistische organisation würde mit dem t-shirt eines atheistischen, kommunistischen guerillakämpfers ein flugzeug entführen.
      20 3 Melden
    • Kian 20.01.2016 10:45
      Highlight Der Chef der PLO war Jassir Arafat, und der war nominell Muslim. George Habash und Wadie Haddad, die beiden Anführer der marxistisch-leninistischen PFLP (Mitglied der PLO), stammten aus christlichen Familien, waren aber vermutlich Atheisten.
      30 2 Melden
    • AdiB 20.01.2016 12:16
      Highlight ich dachte gelesen zu haben dass, in den 70ern arafat nur mitglied war.
      ich habe diese info von wikipedia.
      was die PLO betrifft habe ich mich mehr mit carlos dem schakalen befasst.
      4 1 Melden
    • AdiB 20.01.2016 12:34
      Highlight @hayek ich wollte das nur vorneweg klarstellen, bevor wieder all die antiislam komentare anfangen.
      3 3 Melden
    • Kian 20.01.2016 12:53
      Highlight Arafat wurde Anfang 1969 zum PLO-Vorsitzenden gewählt, wobei seine Fatah schon seit 1967 dabei war und stets die grösste Fraktion stellte.
      6 0 Melden
    • poga 20.01.2016 13:04
      Highlight @AdiB deine Klarstellung in Ehren. Sie kling ein wenig nach whattabouttism. Die Wirkung hat es aber nicht verfehlt. Schade finde ich dass bis jetzt hier nicht über den Sachverhalt des "Verrats" diskutiert wird. Oder auch über die Frage ob Vorwürfe wie "die linken verkaufen die Schweiz". Wenn man das so liest fühlt es sich zumindest ein wenig so an.
      7 3 Melden
    • AdiB 20.01.2016 14:33
      Highlight @kian. nihm ich mal so zur kenntnis. wikepedia hat ja nicht immer recht. das wiessen wir alle.
      @pogda ob die schweiz verkauft wurde oder nicht, finden wir nur heraus wenn wir das bich lesen. hier lese ich eher das die schweizer politiker der PLO gleichgesinnt waren.
      aber zu dieser zeit war die politische lage anders. die regeln und rechte waren ja auch nicht wie heute. bei solchen geschichten sollte man sich in die damalige politische lage auf der welt versetzen.
      0 4 Melden

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