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Gute Frage: Weshalb werden französisch sprechende Muslime öfter radikal als alle anderen?



Seit Jahren rätseln Eltern, Behörden und Wissenschaftler, warum sich junge Menschen radikalisieren, nach Syrien reisen und dem «IS» anschliessen. Zwei Experten des US-Thinktanks Brookings Institution probieren etwas Neues: Sie untersuchen die biografischen Daten ausländischer Kämpfer auf Auffälligkeiten. Nach etwa 1000 Tests spuckte der Computer ein erstaunliches Resultat aus: 

«Der beste Radikalisierungs-Indikator war nicht etwa der Reichtum eines Landes. Oder der Bildungsgrad seiner Bürger, ihre Gesundheit oder die Verfügbarkeit von Internet-Anschlüssen. Der beste Indikator war, ob es sich um ein frankophones Land handelt; das heisst, ob es Französisch als Landessprache führt oder früher führte.»

William McCants, Christopher Meserole
quelle: foreignaffairs

Bei vier der fünf Länder mit der höchsten Radikalisierungsquote (gemessen an der jeweiligen muslimischen Bevölkerung) handelt es sich laut der beiden Forscher um frankophone Länder:

McCants und Meserole wagen eine Erklärung für diese seltsame «French Connection»: Im Kern gehe es gar nicht um die Sprache, sondern um die politische Kultur Frankreichs, die hochgradig laizistisch ist, sich also durch eine strenge Trennung von Kirche und Staat auszeichnet. Seit der französischen Revolution ist die Religion aus dem öffentlichen und politischen Diskurs Frankreichs komplett verbannt. Das tangiert auch Bürger nicht-christlichen Glaubens, in diesem Fall Muslime: Frankreich und Belgien kennen etwa die strengsten Verhüllungsverbote Europas. Je aggressiver der Laizismus, desto heftiger die Gegenreaktion, so die Lesart.

Besonders signifikant erachten die amerikanischen Forscher den Frankophonie-Faktor in Verbindung mit zwei weiteren Variablen: Jugendarbeitslosigkeit und Urbanisierung – was einen schnell in das Brüsseler Problemquartier Molenbeek sowie in die Banlieus um Paris führt.

Selbst in den ehemaligen französischen Kolonien Algerien und Tunesien soll der Laizismus eine gewisse Rolle zu spielen: Beide Länder verfolgen seit der Unabhängigkeit einen ausgesprochen säkularen Kurs. Einzige Ausnahme bildet das dreijährige Ennahda-Intermezzo in Tunesien nach dem Arabischen Frühling.

Kritik aus Frankreich

Der französische Botschafter in Washington ist über die implizierte Korrelation zwischen französischer Kultur und islamistischer Radikalisierung alles andere als erfreut: «Dieser Text ergibt methodisch gesehen keinen Sinn. Eine Beleidigung der Intelligenz. Von Proust zu Daesh?», twitterte Gérard Araud, nachdem er McCants und Meseroles Beitrag auf «Foreign Affairs» gelesen hatte.

Araud weist darauf hin, dass 90 Prozent der «IS»-Kämpfer aus Belgien aus der Region Flandern stammen, die niederländisch geprägt sei. Zudem stamme ein Grossteil der muslimischen Einwanderer in Frankreich aus arabischen Staaten, was die Reise nach Syrien oder in den Irak vereinfache. Die Autoren erwidern auf den letzten Einwand, dass sie den Datensatz auf die «Araber-Variable» geprüft und keine signifikante Korrelation gefunden hätten. 

Einfluss auf die Schweiz?

Es wäre interessant, die Frankophonie-These auch in der Schweiz zu prüfen, denn in der Romandie ist ein gewisser Einfluss des Laizismus französischer Prägung vorhanden. So steht der Kanton Genf vor der Einführung des sogenannten Laizitätsgesetzes, wonach Staatsangestellte beim Kontakt mit der Bevölkerung auf religiöse Symbole verzichten sollen.

Wie viele der bis dato registrierten 72 Dschihad-Reisenden aus der Westschweiz stammen, will der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) auf Anfrage nicht sagen. Einzelne Romands haben in den Reihen des «IS» Karriere gemacht, darunter ein Waadtländer mit dem Kampfnamen «Abu Suleiman al-Suisseri».

Die beiden Autoren betonen, dass ihre Untersuchung noch in den Kinderschuhen steckt und mehr Forschung nötig sei. «Falls unsere Daten falsch und unsere Interpretationen daneben sind, wird das hoffentlich zu fundierteren Erklärungen führen, was hinter der Radikalisierung steckt», so McCants und Meserole.

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