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Kafi, was ist, wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt?

Sinnbildlicher geht nicht mehr.
Sinnbildlicher geht nicht mehr.kafi freitag
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Liebe Frau Freitag, Sie schreiben ja gerne über Kinder und wie sie das Leben mit Freude erfüllen. Aber was, wenn es nicht klappt?

Welche Lebensziele sehen Sie für eine Frau, die sich Kinder wünscht, aber selber nicht zur fruchtbarsten Sorte gehört und erfährt, dass ihr Partner unfruchtbar ist? Kann sie jemals ohne Kinder glücklich werden? Wie weit darf man gehen in einer Welt, in welcher medizinisch alles möglich scheint? Samenspende? Sein Körper mit Hormonen voll pumpen, Versuch um Versuch? Herzlichst.  Deine Ann, 33
19.08.2016, 14:2519.08.2016, 14:46
Kafi Freitag
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Liebe Ann 

Ja, das stimmt. Ich schreibe immer mal wieder darüber, dass man sich im Zweifelsfall für ein Kind entscheiden soll, weil ich tatsächlich noch nie eine Frau gesehen habe, die ihre Mutterschaft bereut, während ich schon sehr viele Frauen kenne, die es bereuen, kein Kind bekommen zu haben. (Ich weiss dass diese Regretting-Motherhood-Sache immer mal wieder durch die Presse geistert, aber ich weiss auch, dass es sie nicht wirklich gibt. Jede Mutter möchte ihr Kind von Zeit zu Zeit an eine Wand tackern, das ist Part of the Game, der Rest ist eine schöne fette Geschichte, die sich wunderbar mit grossen Titel vermarkten lässt). Und gleichzeitig ist mir bewusst, dass es eine Aussage ist, die vom privilegierten Standpunkt des Könnens gemacht wird. Was aber, wenn es nicht klappt? Was aber, wenn man möchte und die Natur nicht mitspielt?

Wir sind es gewohnt, alles zu steuern und zu kontrollieren. Und dann ist da die Kinderfrage, die so elementar und existenziell ist und stellt sich einfach dagegen!

Ich selbst musste mich dieser Frage nie stellen, aber ich habe schon einige Frauen in meiner Praxis begleitet, die es mussten. Und daher kann ich den Schmerz und die vielen Fragen sehr gut nachvollziehen, liebe Ann. Die Medizin kann heute schon sehr viel und dennoch sind ihr – gerade in diesem Thema – noch oft die Hände gebunden. Man kann teure Hormonbehandlungen über sich ergehen lassen und man kann sich künstlich befruchten lassen. Ob der Körper mitmacht und das Kindli kommt oder nicht, kann man trotzdem nicht beeinflussen. Und das macht es uns so schwer. Wir leben in einer Welt in der wir sehr selbstbestimmt entscheiden können und beinahe alles in der Hand haben. Wir sind es gewohnt, alles zu steuern und zu kontrollieren. Und dann ist da die Kinderfrage, die so elementar und existenziell ist und stellt sich einfach dagegen!

Das ist sehr schwer auszuhalten, das kann ich sehr gut nachfühlen. Frauen die sich in dieser Situation befinden, fühlen sich sehr ohnmächtig und hilflos. Aus diesem Gefühl heraus ist man zu vielem bereit. Die sehr kostspieligen Behandlungen gaukeln einem vor, man könnte es beeinflussen. Man probiert alles und zahlt einen sehr hohen Preis dafür, nicht nur finanziell. Hormonbehandlungen sind eine grosse Belastung für die Frau, aber auch für die Paarbeziehung. Eine Schwangerschaft ist per se schon eine einseitige Belastung, wenn man dafür noch den Weg der Spitzenmedizin geht, kann das Ganze noch viel strapaziöser und einseitiger werden. Und gleichzeitig ist es richtig, dass es diese Möglichkeiten gibt. Eine Frau (ein Paar), die einen starken Kinderwunsch hegt soll die Möglichkeiten erhalten, dem Glück auf die Sprünge zu helfen. Und einer alleinstehenden Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Kind durchs Leben zu begleiten, rate ich unter Umständen gern zur Samenspende. (Die Adoption ist natürlich auch eine Möglichkeit, aber ich habe meine ganz eigene Meinung dazu, die den Rahmen dieser Antwort sprengen würde.)

Es gibt hier kein richtig und kein falsch. Jeder Mensch muss für sich selber entscheiden, wie weit er gehen will und kann. Und jedes Paar muss für sich selber eine Antwort finden auf die Frage, wann Schluss ist mit den Versuchen. Der Moment, wenn man vom Kinderwunsch Abschied nehmen muss, ist ein schmerzhafter. Wie wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, geht man auch hier durch den Prozess der Trauerbewältigung. Schliesslich verabschiedet man sich ja auch von einem geliebten Menschen, den man gerne in seinem Leben begrüsst hätte. Und man muss lernen damit zu leben, dass andere spielend leicht, oder manchmal sogar ungewollt und unpassend schwanger werden und man selber nicht. Man muss aushalten können, dass Kinder abgetrieben werden, während man sich selber nichts sehnlicher wünschen würde, eines zu bekommen.

Das Leben ist oft nicht fair, liebe Ann. Menschen sterben allzu früh oder werden an einen Ort geboren, wo sie in Not und Hunger aufwachsen müssen. Wir haben es nicht in der Hand und müssen mit dem leben, was man uns zuteilt. Das zu akzeptieren ist ein Prozess, der Zeit und Geduld kostet. Ob man ohne Kind glücklich sein kann, hängt davon ab, was man daraus macht. Wenn man sich auf das leibliche Kind fixiert, dann wird es schwierig. Wenn man aber den grösseren Sinn der Sache erkennt, dann gelingt es. Die Elternschaft lehrt uns die bedingungslose Liebe und die Relativierung. Es dreht sich nicht mehr nur immer um uns selber. Diese Lernaufgaben kann man auch anderswo finden. Finden Sie einen Menschen oder ein Projekt, die sie mit dieser Liebe begleiten können. Die Aufgabe von uns Menschen ist zu lieben und diese Liebe ist nicht nur innerhalb der eigenen DNA möglich.

Mit einem Gruss von Herzen. Ihre Kafi.


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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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pamayer
20.08.2016 00:57registriert Januar 2016
Grosse frage und sehr achtsame antwort.
Ja, das leben ist nicht fair.
Und damit umzugehen ist manchmal ein sehr schwerer job. Manchmal tödlich schwer.

Und wenn's dich plagt, dann plagt's dich. Ob nun kinderwunsch oder diese oder jenen als partner/in oder wasauchimmer.

Manchmal wird dir dein wunsch erfüllt, manchmal nicht. Dem Leben ist das scheissegal, ob's dir passt oder nicht.

Akzeptieren was ist, ist nicht selten die grösste Aufgabe von dat ganze.
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Madison Pierce
19.08.2016 15:25registriert September 2015
Persönlich würde ich mich nach ein paar erfolglosen medizinischen Versuchen für eine Adoption entscheiden. Wie Kafi schön geschrieben hat, gibt man wesentlich mehr weiter als die DNS. Von meinen Schulkameraden waren mehrere adoptiert, und sie wussten es auch schon früh (wegen ihrer Hautfarbe). So weit ich weiss haben alle noch heute eine gute Beziehung zu ihren (Adoptiv-)Eltern.
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dracului
19.08.2016 16:14registriert November 2014
Durch unseren Wohlstand können wir uns eine medizinische Beihilfe leisten, welche die natürlich Empfängnismöglichkeit in der Masse und auf die länger Zeit schwächt und es entstehen Menschen, die es ohne Medizin auf "natürliche" Weise niemals geben würde. Für den Einzelfall ist diese Medizin vermutlich ein Segen, aber für die Entwicklung einer Gesellschaft sind die Konsequenzen dieser Eingriffe der Mediziner letztlich unabsehbar. Aber freuen wir uns an jeder intakten Familie und jedem neugeborenen Kind und hinterfragen das "Recht" auf eine Kind für jeden nicht (am Freitagnachmittag).
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Darf ich den Baum des Nachbars zurückschneiden?
«My home is my castle, my garden is my paradise». In den helvetischen Gärten Eden setzt das Nachbarrecht der Gestaltungsfreiheit jedoch die eine oder andere Grenze.

Während sich in Australien 3.4 Personen einen Quadratkilometer teilen, leben in der Schweiz etwa 212 Personen auf derselben Fläche. Das ist eng und bereits ein Ast, der vom nachbarlichen in den eigenen Garten ragt, kann zu viel des Guten sein. So dürfen denn die Kantone auch Vorschriften erlassen, wie nah an deinem Grundstück der Nachbar Büsche und Bäume pflanzen darf.

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