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FragFrauFreitag

Kafi, sind Avocados wüki böse?

Hallo Frau Freitag. Ich komme mit einer vielleicht auf den ersten Blick oberflächlichen Frage auf Sie zu, aber es umtreibt und interessiert mich wirklich: Ich habe von meiner Schwiegermutter einen Smoothiemixer geschenkt bekommen und seither mache ich mir täglich( !!) einen feinen Smoothie. Meistens mache ich Spinat, Mango, ein paar Superfoods rein und jeweils immer noch eine Avocado, weil's dann cremiger wird und für Haut und Haare so super gesund sein soll ... Kürzlich war eine Freundin von mir zu Besuch, sie ist Yogalehrerin und schaut sehr auf ihre Ernährung. sie hat gesehen, dass ich eine Avocado in den Smoothie mache und war sehr schockiert. Sie sagt, das wäre die schlimmste Frucht ever, weil man für deren Anbau eine sehr schlechte Umweltbilanz in Kauf nimmt. Nun fühle ich mich aus zwei Gründen schlecht: 1. weil ich davon nichts wusste und 2. weil ich sie immer noch kaufe. Womit könnte ich sie ersetzen, was denken Sie? Hanna, 44
30.03.2017, 21:08

Liebe Hanna

Es ist für mich noch schwer zu sagen, womit Sie Ihre Yoga-Freundin ersetzen könnten, aber ich denke mal, das spielt keine so grosse Rolle. Hauptsache, Sie ersetzen Sie möglichst bald. Meiner Meinung nach dient fast jede Frau dazu, die nicht genügend Zeit hat, sich um die neusten Lebensmitteltrends zu kümmern. Das sind bevorzugt Frauen mit Kind oder noch besser: Kindern! Aber auch da gibt es welche, die den Brei nach Demeterphilosophie selber herstellen und dafür zuerst mit den Rüebli eine Beziehung auf Augenhöhe aufbauen. Mein Tipp wäre drum eine Alleinerziehende mit 3 Kindern. Die haben in der Regel weder Zeit noch Kohle für solche first World Problems und dort haben Sie keinen Zusammenschiss zu befürchten, nur weil sie eine Avocado kaufen.

Es ist in keinster Weise ein first World Problem, wenn man sich nicht darum schert, wie ein Lebensmittel hergestellt wird, sagt Ihre Yoga-Freundin? Da hat die Gute natürlich recht, liebe Hanna. Aber irgendwie auch wieder nicht. Denn wo ausser in der 1. Welt kann man sich den Luxus erlauben, sich darüber Gedanken zu machen? Und definiert sich nicht ganz genau darüber ein so genanntes first World Problem? Na also. Die Bilanz steht also öppe 1:1 zwischen Yoga-Freundin und Umweltsünder-Kafi.

In einem Film würde die besagte Freundin mit hellblonden Haaren und einem Hängerkleidli aus pastellfarbenem Chiffon präsentiert werden und ich mit den bereits vorhandenen roten Haaren, mit einem dämonischen Blick und meinen bösen Adidas-Schuhen. Aber wie wir inzwischen wissen, gibt es zwischen weiss und Adidas noch mindestens 50 shades of grey und nichts ist so einfach, wie es gegen aussen scheint. Wüki. Und auch hier ist es nicht so simpel. Ich werden Ihnen gern aufzeigen, warum.

Wir Menschen möchten möglichst als gute Wesen durchs Leben gehn. Das ist ein guter Zug an unserer Spezies. Aber er reicht meistens nur soweit, bis wir deswegen unseren eigenen Komfort einschränken müssen. Wir kaufen Bio und fairtrade, solange sich der Preis dafür nur unmerklich über dem von konventionell angebauten Produkten bewegt. Bei Klamotten sind wir schon nicht mehr ganz so open minded. Da muss es in erster Linie cool aussehen, in zweiter Linie günstig sein und erst dann kommt die Frage nach der Nachhaltigkeit und den fairen Produktionsbedingungen. Wir alle wissen, dass die grossen Billigketten ihre Preise nur darum so knapp kalkulieren können, weil die Menschen am Anfang der Produktionskette massiv ausgenutzt werden. Jedes Jahr kommt ein neues Schockvideo einer jungen ambitionierten Enthüllungsjournalistin, die sich verdeckt in eine Produktionsstätte in Fernost reingeschmuggelt hat, in Umlauf.

Und was passiert dann? Wir schauen es an, finden es furchtbar schlimm, posten es auf unserer Pinnwand, zusammen mit einem betroffenen Kommentar und loben uns feierlich, nie wieder – aber wirklich nie nie wieder – dort einzukaufen. Was wir dann ungefähr zweieinhalb Wochen durchhalten (wenn das Video kurz vor dem Zahltag viral geht, natürlich dementsprechend kürzer) und dann stehen wir wieder vor der blutjungen Kassiererin, die den ganzen Tag bei furchtbar lauter und überhaupt furchtbarer Musik an der Kasse steht und vermutlich bis abends kein Tageslicht sieht und drücken ihr die von uns ausgesuchten Lumpen in die Hand, von denen wir denken, dass wir er ohne nicht durch den Frühling schaffen. Oder den Sommer, egal.

Vergessen all die kleinen Kinderhände, die vielleicht daran genäht haben und die Arbeitsschichten von 11 Stunden mit nur einer Pinkelpause und der Tatsache, dass der Mensch an der Nähmaschine kaltblütig ausgetauscht wird, wenn er einmal krank wird oder altersmüde. Ähnlich einem Legehuhn, in der Massentierhaltung, das sich mit über 100 Tiere einen Quadratmeter Nestfläche teilen muss und mit einer 20%-Wahrscheinlichkeit die 18-monatige Legeperiode nicht überlebt.

Mag sein, dass Sie sich jetzt am liebsten ab- und stattdessen wieder Ihrem Smoothiemixer zuwenden würden, liebe Hanna. Und auch das wäre verständlich, weil wir Menschen uns nicht in letzter Konsequenz mit all diesen Tatsachen konfrontieren und auseinandersetzen wollen. Auch Ihre Yoga-Freundin nicht! Denn mit ganz grosser Sicherheit trägt auch sie ein superstylisches Yoga-Outfit, das in Zusammenarbeit mit einem superstylischen Ex-Supermodel und einer superstylischen Turnschuhersteller entstanden ist. Und genau dort liegt doch der Hund begraben, liebe Hanna. Wir sind alle nicht perfekt und wir sind alle nicht moralisch einwandfrei. Niemand von uns. Sie nicht. Und ich nicht. Und Ihre Schwiegermutter schon gar nicht.

Denn was wissen wir beide, woher Ihr Mixer kommt? Der wird mit 100-prozentiger Sicherheit nicht in der Schweiz hergestellt und mit recht grosser nicht in Mitteleuropa. So wie praktisch alle elektronischen Geräte bei Ihnen und mir zu Hause. Wir haben also keinerlei Ahnung, wer ihn zusammengebaut hat und unter welchen Umständen.

Ihnen wird grad bitz anders, sagen Sie? Und ich soll doch bitte endlich mit meiner Predigt aufhören und Ihnen sagen, ob Sie tamminomoll weiterhin elende Avocados kaufen können, oder nicht?

Nun gut, liebe Hanna: Ja, Sie dürfen.
Zufrieden? Nein?

Was wollen Sie denn sonst noch hören? In der Unübersichtlichkeit der globalen Welt kann ich Ihnen vermutlich kein einziges Produkt oder Lebensmittel in die Hand drücken, das unter absolut einwandfreien Umständen und zu absolut einwandfreien Konditionen produziert und angeliefert wird. Warum? Weil diese Welt keine gerechte ist. Wir Menschen in der 1. Welt leben auch auf Kosten der Menschen in der 2. und 3. Welt. Wir tun das nicht mit böser Absicht, aber es geschieht nun mal. Das ist nicht per se Ihr Fehler, Sie haben sich nicht ausgesucht, wohin Sie der Storch abwerfen soll, stimmt. Aber wir sind uns hoffentlich einig, wenn ich behaupte, dass es vermutlich kein grösseres Glück gibt, als genau hier zu landen, wo Sie und ich leben dürfen. Wir sind hier und es geschehen auf dieser Welt Dinge, die uns nicht gefallen dürfen. Dennoch sind wir nicht in der Lage, alle zu verhindern. Wir können aber als Konsumenten Einfluss üben und mit Verantwortungsbewusstsein entscheiden, wem wir unsere Kohle in die Hand drücken.

Die meisten von uns tun das in einem Bereich unseres Lebens. Ihre Freundin schaut penibel darauf, welchen Food sie kauft. Sie haben vermutlich einen anderen Bereich, in dem Sie sensibilisiert sind und ich bin eine perverse Zwitterkonsumentin, die sich Produkte aus der Hölle (eben Turnschuhe aus zwielichtiger Produktion) kauft, die dann aber so lange trägt und hegt und pflegt, bis diese auseinanderfallen. Jemand anders würde in der gleichen Zeit vielleicht 5 paar ähnliche Sneakers kaufen und wieder jemand anders kauft sich aus Prinzip keine, weil sie das sich gegenüber nicht verantworten kann.

Jeder von uns muss für sich selber entscheiden, was für ihn stimmt. Ich mag auf nichts verzichten, weil ich der Meinung bin, dass der Verzicht mich nur noch mehr anfixt. Aus diesem Grund habe ich auch noch nie eine Diät gemacht. Ich weiss genau, dass ich auf nichts anderes Lust hätte als auf Schokolade, wenn ich mir diese verbieten würde. Und dabei mag ich gar keine Schokolade und esse auch nie welche. Aber wenn man mir sagen würde, dass ich ab sofort keine mehr essen soll, dann würde ich mich vermutlich von nichts anderem mehr ernähren. Das ist pervers? Ja total! Aber wir Menschen sind pervers! Nicht nur ich! Sie auch! Und Ihre Yoga-Freundin auch! Und Ihre Schwiegermutter erst!

Statt den Verzicht zu üben, schaue ich lieber auf die Frequenz. Statt häufig billiges und unter fragwürdigen Umständen produziertes Fleisch zu kaufen, esse ich lieber selten welches, dann aber das Beste! Und für mich persönlich muss nicht unbedingt Bio das Beste sein, wenn ich weiss, dass ein anderes Label sich noch mehr für die Tierhaltung einsetzt, den kranken Tieren dafür Antibiotika verabreicht. Da stelle ich meine eigene Gesundheit zuweilen sogar hinten an zugunsten vom Wohle des Tiers, das auf meinem Teller liegt. Und bei Gemüse warte ich auf die richtige Saison, anstatt Produkte, die von weit her eingeflogen werden, zu kaufen. Dafür fliege ich dann im Sommer um die halbe Welt in den Urlaub, ohne mir ein Gewissen zu machen!

Inkonsequent sagen Sie? Absolut, antworte ich. Und ich stehe dazu.

Mit herzlichem Gruss, Ihre Kafi

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Kafi Freitag (41!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 12-jährigen Sohn in Zürich.

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