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Ich hab keinen Freund und werde gefragt, ob ich lesbisch bin

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Liebe Kafi, Ich bin 20; hatte noch nie einen Freund. Da ich nie verliebt war, stört dies mich eigentlich auch nicht.  

Jedoch werde ich an Weihnachten/Geburi immer wieder von einer Bekannten danach gefragt. Wenn ich nein sage, werde ich angeschaut, als wäre ich eine Fremde, sogar gefragt, ob ich lesbisch bin (bin ich nicht). Mich nervt dies, ich fühle mich dann so «unnormal». Auch will ich nie heiraten keine Kinder. Mich nervt es, dass dieses Klischee *Freund haben-Heiraten-Kinder haben* aufgestempelt wird ... Ist es denn so verkehrt, anders zu sein? Und ein anderes Leben zu führen als «andere»? Ich mag deinen Blog, bin auf deine Meinung gespannt. Herzlichst. Madeleine, 20
06.04.2016, 13:3307.04.2016, 14:11

Liebe Madeleine

Ihre Frage ist eine sehr spannende, weil sie so vielschichtig ist. Zum einen spüre ich Ihren Wunsch stark heraus, so angenommen zu werden, wie Sie sind. Zum anderen wollen Sie unbedingt anders sein. Warum ich das weiss? Sie schreiben es ja selber, in Ihrer Frage kommt der Begriff «anders» dreimal vor. Sie geben viel Energie drauf, so wahnsinnig ungleich zu sein.

Das äusserst sich darin, dass Sie mit 20 angeblich schon ganz genau wissen, was Sie wollen und was nicht. Das habe ich mit 20 auch gemeint. Ich wollte zum Beispiel NIEMALS auf einer Bank arbeiten, mit grosser Sicherheit kein Kind haben und fürs Heiraten habe ich mich auch nicht interessiert. Genau wie Sie. Heute bin ich doppelt so alt, habe 5 sehr spannende Jahre bei der UBS hinter mir, ein Kind auf die Welt gestellt und zwei Ehen hinter mir. Wenn ich zu jener Zeit Tagebuch geführt hätte, dann wären es sicherlich noch einige Dinge mehr, die ich niemals tun wollte. Und dann doch tat. Und kein bisschen bereue.

Warum also dieser ganze Aufwand? Wofür diese Rebellion? Ich denke zu ahnen, was es Ihnen gibt: Aufmerksamkeit! Denn wenn Sie, wie Sie es so schön beschreiben «normal» wären und einen Freund hätten, dann würde kein Hahn danach krähen. Es würden keine Fragen gestellt und die Aufmerksamkeit wäre auch nicht bei Ihnen. So aber stehen Sie mit Ihrem Anderssein ganz schön im Mittelpunkt. Und dort stehen Sie ganz gern. Daran ist nichts verkehrt, liebe Madeleine. Ich stehe auch gern im Mittelpunkt, sonst würde ich diesen Blog nicht schreiben. Es geht nur darum, dass man dazu steht und dann nicht so tut, als wäre es einem unangenehm.

Wenn ich zu jener Zeit Tagebuch geführt hätte, dann wären es sicherlich noch einige Dinge mehr, die ich niemals tun wollte. Und dann doch tat. Und kein bisschen bereue.

Soviel zum einen. Sie dürfen sich entspannen. Mit 20 muss man noch nicht wissen, was man genau will. Im Gegenteil, man kann es noch gar nicht. Vielleicht wird Ihr Leben genau so verlaufen, wie Sie es sich jetzt denken. Vielleicht werden Sie aber auch irgendwann mit Haus, Hund, Auto, Karpfenteich, Ehemann oder -frau und 8 Kindern dastehen und es grossartig finden, wie es ist. Lassen Sie sich doch die Freiheit, herauszufinden, wie Sie leben möchten! Sie beschränken sich selbst und Ihr Umfeld reagiert darauf, indem es Ihnen gleich tut. Das ist immer so, das können Sie sich merken. Im Äusseren spiegelt sich immer das, was im Inneren abgeht. Wenn Sie anfangen, sich so zu akzeptieren wie Sie sind, dann werden es die anderen auch tun.

Und wenn es Ihnen so furchtbar auf den Sack geht, warum genau geben Sie dann Auskunft? Warum stehen Sie Red und Antwort und lassen sich über Ihr Liebesleben löchern? Das geht doch niemanden was an, gopf! Sie dürfen die Aussage verweigern oder meinetwegen das Blaue vom Himmel lügen und 4 Lover und eine lesbische Affäre aus dem Hut zaubern. Aber wie bereits angetönt; ich vermute ein bisschen mögen Sie das Ganze auch, gell?

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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