Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

170 Kilometer (plus 50 Kilometer Umweg zu einem Tempel) – und ganz viel Karma: Die fünf buddhistischen Mönche nehmen mich mit.
bild: thomas schlittler

Per Autostopp um die Welt

Meditieren war einmal: Buddhistische Mönche lieben Smartphones (Tinder?), Tattoos und Zigaretten

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Es war wohl nicht Gott, der Tao und seine vier thailändischen Mönchskollegen zu mir geführt hat. Denn die buddhistische Lehre kennt im Gegensatz zum Christentum oder dem Islam keinen allmächtigen Gott.

«Keine Sorge, wir müssen nur nochmals kurz zurück zum Tempel, weil wir etwas vergessen haben.»

Tao, 39, buddhistischer Mönch in Nakhon Ratchasima

Nennen wir es also einfach Glück, dass die Männer mit den orangefarbenen Gewändern am Stadtrand von Nakhon Ratchasima an mir vorbeifahren und mich mitnehmen – nur um gleich wieder umzukehren und zurück ins Stadtzentrum zu fahren.

«Wieso drehen wir um?», frage ich Tao, der als einziger der Mönche etwas Englisch spricht. Ich bin verwirrt, denn ich habe gedacht, sie hätten verstanden, dass ich die Stadt Richtung Süden verlassen will. «Keine Sorge», sagt der 39-Jährige. «Wir müssen nur nochmals kurz zurück zum Tempel, weil wir etwas vergessen haben.»

Die Mönche zünden sich eine Zigarette an

Zwei Ordensbrüder holen ein Formular, das sie brauchen, um ein Visum für Indien zu beantragen. Im März reisen sie in das Ursprungsland des Buddhismus.

Mönche sind bürokratischen Quälereien genau gleich ausgeliefert wie wir. Und manche haben gar die gleichen menschlichen Schwächen: Tao und ein junger Mönch, auf dessen entblösster Wade sowie dem Handrücken Tattoos prangen, zünden sich beim Warten eine Zigarette an.

Doch nicht nur ihrem eigenen Körper tragen einige buddhistische Mönche keine Sorge, auch das Herz für Tiere scheint nicht bei allen überdurchschnittlich gross zu sein. Als nämlich eine streunende Hündin beim Vorbeilaufen einen Welpen wirft, interessiert sie das nur mässig.

Töffs, Trucks und Ladyboys: Das waren meine Fahrer in dieser Woche

Sie heben das Neugeborene zwar vom heissen Asphalt auf und legen es in den Schatten, danach fahren sie aber ohne zu zögern los. Eine Säuglingsstation für Welpen wird nicht eingerichtet.

Regenwürmer pflegen – das gibt's nur im Film

Ich bin etwas enttäuscht, hatte ich betreffend Umgang mit Tieren im Buddhismus doch immer den Film «Sieben Jahre in Tibet» im Kopf, in dem Brad Pitt bei einem Bauprojekt schier verzweifelt, weil die Einheimischen jeden einzelnen Regenwurm in Sicherheit bringen wollen.

Während der Fahrt fragt mich Tao nach Familie und Freundin. Ich hole die Fotos aus meinem Portemonnaie und stelle ihm alle der Reihe nach vor. Die anderen schauen neugierig herüber.

Auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Tinder könnten die Mönche theoretisch schon während ihrer Zeit im Kloster auf Partnersuche gehen – die passenden Smartphones dazu haben sie zumindest.

Am Foto von Andrea, der zweitältesten meiner drei Schwestern, ist der Tattoo-Mönch besonders interessiert. «Er will wissen, ob sie verheiratet ist», übersetzt Tao lachend. «Noch nicht, aber schon bald», begrabe ich die Hoffnungen des Tattoo-Mönchs.

Beim Halt an einer Tankstelle zeigt der gleiche Mönch erneut sein ausgeprägtes Interesse am anderen Geschlecht. Er packt einen noch jüngeren Mönch auf dem Rücksitz an der Schulter und deutet durch das Fenster hindurch auf eine hübsche junge Frau, die auf einem Roller sitzt. «Das wär' doch eine», ist seine Botschaft, die ich auch ohne Thai-Kenntnisse verstehe.

Rückkehr ins Leben nach dem Kloster

Der Tattoo-Mönch ist wohl einer der vielen jungen Männer, die nur zeitweise (enthaltsam) im Kloster leben. Es ist in Thailand üblich, dass Mönche nach ein oder zwei Jahren ins normale Leben zurückkehren – dann dürfen sie auch auf Frauensuche gehen und heiraten.

Auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Tinder könnten die Mönche theoretisch schon während ihrer Zeit im Kloster auf Partnersuche gehen – die passenden Smartphones dazu haben sie zumindest. Auf der 170 Kilometer langen Fahrt schauen sie die meiste Zeit auf ihren Bildschirm. Meditieren war gestern.

Eigentlich haben sich die Bettelmönche ja einem Dasein in Armut verpflichtet. Sie leben von Almosen, die sie von Gläubigen erhalten. Geld und Schmuck dürfen die Mönche nicht annehmen, ein nigelnagelneues Smartphone ist aber offensichtlich kein Problem. Die Spender erhoffen sich von ihrer Grosszügigkeit gutes Karma.

Karma für die Mitfahrgelegenheit

Die Mönche haben keine Hemmungen, die teuren Gaben in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie machen mehr Fotos und Selfies als ich, als sie mit mir zusammen einen Tempel besichtigen.

Was der historische Buddha Siddhartha Gautama von ihrem Treiben halten würde, weiss ich nicht. Ich persönlich habe mit dem Lebensstil seiner Schüler aber kein Problem. Ich hoffe, ihre gute Tat – mich mitzunehmen und gar einen 50 Kilometer langen Umweg zum Tempel zu fahren – bringt sie ihrem Ziel der Erleuchtung näher. Und sonst war es zumindest gut für ihr Karma.

Zelten im Park, Feiern im Club und meine Fahrt nach Kambodscha: Die Bilder der Woche

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Belästigungsvorwürfe beim Tessiner Fernsehen RSI

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Rauszeit

7 alte Häuser der Schweiz, die es (vermutlich) kein zweites Mal geben wird

Wenn du Filmkulissen à la «Outlander» oder «Peaky Blinders» magst, gefallen dir sicherlich auch diese historischen Häuser der Schweiz. Sie alle haben eines gemeinsam: sie sind uralt. Und eine Reise wert! Okay, das sind jetzt schon zwei Gemeinsamkeiten.

Drum lasst uns gleich mit den Häusern, deren Geschichte für manch eine Netflixserie herhalten könnte, beginnen.

Sagt dir das Langnauer Handörgeli etwas? Wenn nicht, wirst du es spätestens im «Chüechlihus» erfahren. Das «Chüechlihus» ist …

Artikel lesen
Link zum Artikel