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Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder. bild: thomas schlittler

Per Autostopp um die Welt

Die Sprache der Inkas ist bedroht: «Meine Kinder sprechen ausschliesslich Spanisch»

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



In der peruanischen Stadt Cusco, der einstigen Hauptstadt des Inka-Reiches, wimmelt es von Touristen. In den engen Gassen sind Sprachen aus allen Weltgegenden zu hören. Doch ausgerechnet Quechua, die Sprache der Inkas, wird immer seltener gesprochen. Die UNESCO stuft die Quechua-Sprachfamilie – es gibt 44 verschiedene Varianten – als gefährdet ein. Die Zahl der Sprecher nimmt Jahr für Jahr ab. Stattdessen kommunizieren die Indigenas auf Spanisch.

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In Cusco – und auch an vielen anderen Orten Perus – sind traditionell gekleidete Inka-Frauen nach wie vor ein fester Bestandteil des Stadtbilds. bild: thomas schlittler

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Doch der Eindruck täuscht: Quechua, die Sprache der Inkas, ist vom Aussterben bedroht Bild: Thomas Schlittler

Von Huaraz (Peru) nach Cusco (Peru)

Wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, zeigt das Beispiel von Pedro, der meine Freundin Lea und mich nach Cusco bringt. Der 38-jährige Lastwagenfahrer erzählt uns: «Mit meinen Eltern kommuniziere ich in einer Mischform aus Spanisch und Quechua. Meine vier Kinder dagegen können kein Quechua. Sie sprechen ausschliesslich Spanisch.»

Pedro ist ein klassischer Fall: Er ist in Pasco aufgewachsen, einer Region in den Anden auf über 4000 Metern über Meer. Hier hat Quechua traditionell noch eine grössere Bedeutung und ist auch eine offizielle Amtssprache. Auf der Suche nach Arbeit ist Pedro vor einigen Jahren aber in die Hauptstadt Lima gezogen. Und im wirtschaftlichen Zentrum des Landes wird offiziell nur Spanisch gesprochen. Pedro: «Für meine Kinder gibt es deshalb keinen Grund, Quechua zu lernen.»

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Kinder in Cusco üben einen Volkstanz für das bevorstehende Stadtfest. Die Quechua-Sprache, ein wichtiger Bestandteil der Inka-Kultur, beherrschen aber immer weniger Kinder. Bild: Thomas Schlittler

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Pedros Kinder, die in der Hauptstadt Lima aufwachsen, beherrschen im Gegensatz zu ihrem Vater ausschliesslich Spanisch. Bild: Thomas Schlittler

Gemäss der Publikation «Ethnologue», welche die Verbreitung von Sprachen erfasst, gibt es heute weniger als 8 Millionen Quechua-Sprecher. Vor rund zehn Jahren war noch von 9 bis 10 Millionen die Rede. Die genaue Zahl weiss aber niemand. Denn viele Indigenas schämen sich für ihre Sprache und verschweigen, dass sie Quechua sprechen.

Um diese Scham zu verstehen, muss man bis in die Kolonialzeit zurückgehen: Die Spanier waren seit ihrer Ankunft die Stärkeren, die Erfolgreicheren, die Reicheren. Die spanische Sprache steht deshalb in Südamerika bis heute für Macht und wirtschaftlichen Erfolg. Quechua dagegen gilt als die Sprache der Bauern, der Armen, der Verlierer. «Wenn in einer Schulklasse gefragt wird, wer Quechua spricht, bleiben deshalb die meisten Hände unten – obwohl zu Hause viele Quechua sprechen», sagt Esteban, unser Trekking-Guide.

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Esteban, unser Trekking-Guide, kennt viele Indigenas, die sich dafür schämen, Quechua zu sprechen. Bild: Thomas Schlittler

Die Bilder des Trekkings in den Anden:

Weil Quechua negative Assoziationen hervorruft, haben Leute wie unser Fahrer Pedro kein grosses Interesse daran, dass ihre Kinder die Sprache ihrer Vorfahren erlernen. Schliesslich wünschen sie sich für ihre Kinder, dass sie Karriere machen und gesellschaftlich aufsteigen. Und dazu muss man in Südamerika Spanisch sprechen. Dass damit ein wichtiger Bestandteil der eigenen Kultur und Identität verloren geht, nehmen viele in Kauf.

«Aber das ist doch traurig, nicht wahr?», frage ich Pedro. Seine knappe Antwort: «Ja, aber so ist es halt.» Er sagt das ziemlich gleichgültig. Er hat die Entwicklung längst akzeptiert. Dabei ist es ein schwacher Trost, dass Quechua keine Ausnahme ist: Sprachwissenschafter gehen nämlich davon aus, dass von den weltweit 6000 bis 7000 existierenden Sprachen im Verlaufe des 21. Jahrhunderts mehr als die Hälfte verschwinden werden.

Spanisch dürfte nicht dazugehören – auch wenn man von den Strassenverkäufern, Hostelangestellten und Kellnern in Cusco fast immer auf Englisch angesprochen wird.

Die Fahrerselfies dieser Woche:

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pasionaria 13.06.2017 01:36
    Highlight Highlight Wirklich sehr traurig, denn ich meinte, dass einer Kultur kein groesserer Schaden zugefuegt werden kann, als wenn ihr die Sprache abhanden kommt. Selbst die Eigenheiten ihres Denkens werden damit verschwinden. Deshalb ist/waere ja auch Erziehung/Bildung so wichtig.
    Logisch steht fuer einen wie Pedro das Ueberleben seiner Familie an erster Stelle. So kann man seinen Entscheid irgendwie verstehen.
    Es ist/waere an den Regierungen die Verantwortung fuer Bildung wahrzunehmen, und den Erhalt der Kulturen in ihrem Lande zu schuetzen.
    Aber das bringt ihnen eben nichts ein......
    Wirklich betrueblich.
  • Str ant (Darkling) 11.06.2017 02:52
    Highlight Highlight Ein schleichender Prozess der Verlust der indigenen Sprachen vorallem wenn er noch mit Stimgata beladen wird.

    Der einheimische Dialekt wird langsam ersetzt
  • pamayer 10.06.2017 22:45
    Highlight Highlight Da ist es lobenswert, dass in der Schweiz das Rätoromanisch als 4. Landessprache immerhin aufgeführt ist. Zumal das Rätoromanisch aus 4 verschiedenen Dialekten/Sprachräume besteht.

    Unterdrücken der Sprache geht oft mit Machtausübung einher.
    Vgl Biografie Toni Ungerer

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tomi_Ungerer
  • Spooky 10.06.2017 21:22
    Highlight Highlight Na ja, also schlimm ist das nicht.

    Sprachen leben, und darum sterben sie auch.

    Latein hat gelebt und ist dann gestorben.

    Sanskrit auch, soviel ich weiss.

    Wir Alemannen reden ja auch nicht mehr gleich wir im Mittelalter.

    Die einzige Sprache, die überleben wird, ist der Walliser Dialekt. Der Walliser Dialekt ist dermassen daneben, dass er nicht auszuROTTEN ist.

    😂💪👺

    • Euskalduna 11.06.2017 10:23
      Highlight Highlight Streng genommen ist Latein nicht wirklich ausgestorben, sondern hat sich einfach weiterentwickelt. Heute haben wir die modernen romanischen Sprachen, dir aus diesem Prozess hervorgekommen sind. Gleiches gilt für Sanskrit.
    • Thomas Schlittler 11.06.2017 15:03
      Highlight Highlight Natürlich ist es ein Stück weit ein natürlicher Prozess. Aber das heisst meiner Meinung nach nicht, dass es nicht traurig ist ...
    • Spooky 11.06.2017 21:09
      Highlight Highlight @Thomas Schlittler

      Ja klar, traurig ist es schon, aber so ist nun einmal das Leben. Mir - als älterer Jahrgang - kommt dabei ganz spontan diese schöne Lied von einem grossen Künstler (ganz ohne Ironie) in den Sinn:
      ⬇︎☟⬇︎
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  • Luca Brasi 10.06.2017 20:58
    Highlight Highlight Es ist immer traurig wegen eine Sprache und somit ein Stück Kultur ausstirbt (auch in der Schweiz, z.B. das Patois)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Französisch

    Was kann man dagegen machen? Sie nicht stigmatisieren und fördern, aber ökonomische Interessen und die heutige Mobilität erschweren den Erhalt zusätzlich. Zudem wollen heute viele nur noch englisch in der Schule als Fremdsprache lernen und interessieren sich nicht sonderlich für andere Landessprachen (siehe Thurgau). :(

    PS: Bild 3 der unteren Bildstrecke: Das Nachbarland der Schweiz schreibt sich Liechtenstein. ;)
    • Thomas Schlittler 11.06.2017 15:08
      Highlight Highlight "Lichtenstein" ...
      Da stellt sich doch die Frage, ob es überhaupt erlaubt sein sollte, fremde Sprachen zu lernen, wenn es sogar mit der Muttersprache noch hapert .... ;-)
    • Luca Brasi 11.06.2017 15:36
      Highlight Highlight Vielleicht haben Sie ja als Fussball-Fan zu sehr an Lichtsteiner gedacht. ;P
  • John Smith (2) 10.06.2017 20:44
    Highlight Highlight Das ist ja bei uns auch nicht anders: Auch hier schämen sich viele Leute, ein deutsches Wort zu verwenden, wenn sich dafür ein halbwegs passender Anglizismus findet. (Beispiel aus obigem Text: Trekking-Guide.)
    • Thomas Schlittler 11.06.2017 15:11
      Highlight Highlight Dieser Kommentar lässt sich am treffendsten mit einem weiteren Fremdwort beantworten: touché! :-D

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