Die Zeugen Jehovas gehören zu den radikalsten christlichen Freikirchen oder Gemeinschaften. Trotzdem nimmt die Öffentlichkeit sie meist anders wahr. Früher ärgerten sich viele Leute, weil die superfrommen und bieder gekleideten Gläubigen oft an die Türe klopften und von Gott und der Bibel predigten.
Insgesamt wurden sie aber meist als harmlose Stündeler mit einem missionarischen Eifer betrachtet. Den vergleichsweise guten Ruf verdanken die Zeugen Jehovas ihrer christlichen DNA. Frei nach dem Motto: Wenn christlich draufsteht, ist auch Nächstenliebe und Barmherzigkeit drin. Von wegen!
In den letzten Jahren wagten sich immer mehr Aussteiger und Ausgeschlossene an die Öffentlichkeit und gaben einen Einblick in das Innenleben der Zeugen Jehovas. Sie erzählten Horrorgeschichten, die unter die Haut gingen. Die Gläubigen verteidigten sich jeweils mit dem Argument, die Aussteiger würden aus Enttäuschung ihre Kritik zuspitzen und ein verzerrtes Bild vermitteln.
Denn eine wissenschaftliche Studie der Universität Zürich bestätigt die Schilderungen der Aussteiger. Sie hält den Zeugen Jehovas einen Spiegel vor, der das Fundament der Freikirche erschüttern müsste. Doch das wird kaum geschehen, denn es gehört zum Merkmal von sektenhaften Gemeinschaften, Kritik zu verdrängen und als Werk des Satans zu interpretieren. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Die Studie stützt sich auf die Erfahrungen von 424 ehemaligen Zeugen Jehovas vorwiegend aus Österreich, Deutschland und der Schweiz ab. Allein schon diese grosse Zahl muss hellhörig machen. Denn nur eine kleine Minderheit wagt sich, öffentlich Kritik zu üben.
Die Befragten gehörten vor ihrem Ausstieg oder Ausschluss im Durchschnitt 30 Jahre lang zu den Zeugen Jehovas. Die Hälfte verliess die Freikirche freiwillig, 21 Prozent wurden ausgeschlossen und 31 Prozent kehrten ihr den Rücken, weil sie von Kindesmisshandlung im Rahmen der Zeugen Jehovas erfahren hatten.
Laut der Studie erlebten 34 Prozent der Befragten als Kinder in ihrer Familie körperliche und 65 Prozent emotionale Misshandlungen. 18 Prozent berichteten von sexuellem Missbrauch. Das ist dreimal so viel wie im Durchschnitt in der Bevölkerung.
Eine Untersuchung staatlicher Stellen in Australien, die zu mehreren Prozessen führte, dokumentierte das tragische Ausmass der sexuellen Übergriffe ebenfalls. Wie in der katholischen Kirche wurden auch bei den Zeugen Jehovas viele Missbräuche unter den Teppich gekehrt.
Es hatte auch mit dem Umstand zu tun, dass zumindest damals die Opfer sexueller Übergriffe Zeugen für die Vergewaltigung oder Übergriffe aufbringen mussten. Nur dann gab es Sanktionen. Ein Hohn, machen die Täter doch alles, um das Verbrechen im Geheimen durchführen zu können. Die Führungskräfte der Zeugen Jehovas behaupten heute, diese Zwei-Zeugen-Regel gelte nicht mehr. Aussteiger widersprechen allerdings.
Viele Zeugen Jehovas werden nach ihrem Ausstieg geächtet. Nicht nur von den Glaubensschwestern und -brüdern, sondern auch von den eigenen Familien. 77 Prozent der Befragten gaben an, sie seien von einem verordneten Kontaktabbruch betroffen worden. Das heisst: Enge Angehörige wie Eltern oder Kinder wollten nichts mehr wissen von den Aussteigern. Sie werden denn auch angehalten, sich von den Abtrünnigen zu distanzieren. Deshalb überrascht es nicht, dass ein Drittel der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer von Suizidgedanken verfolgt wurden und zehn Prozent einen Suizidversuch unternahmen.
Bei den radikalen Dogmen und Verhaltensweisen überrascht es nicht, dass die Zeugen Jehovas ihr Leben auf ihren Glauben und ihre Gemeinschaft ausrichten. 75 Prozent der Aussteiger gaben an, während der Mitgliedschaft kaum oder keinen Kontakt zu Aussenstehenden gepflegt zu haben. Es hatte auch damit zu tun, dass sie durchschnittlich 15,8 Stunden pro Woche für ihr religiöses Engagement aufwendeten, vor allem für den Predigerdienst, wie die Freikirche die Missionstätigkeit bezeichnet. 70 Prozent der Befragten gaben an, nicht genügend Zeit für Arbeit, Familie oder Freizeit gehabt zu haben.
Die Führungsgremien der Zeugen Jehovas verfahren oft gnadenlos mit Gläubigen, die die strengen Verhaltensnormen verletzen. Wenn sie nicht Reue zeigen, droht ihnen der Ausschluss. Für viele ist dies ein Drama, denn die Endzeitgemeinschaft verkündet, dass nur stramme Zeugen Jehovas am Jüngsten Tag zu den Erretteten gehören werden. Da die Glaubensgemeinschaft schon mehrfach das Ende der Welt vorausgesagt hat, sind die Gläubigen überzeugt, dass Jesus bald wiederkehren wird. Viele Ausgestossene befürchten deshalb, in der Verdammnis zu enden.
In Deutschland wehrte sich ein Betroffener durch mehrere Gerichtsinstanzen gegen seinen Ausschluss. Dies war möglich, weil die Zeugen Jehovas in Deutschland seit 2017 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und die örtlichen Versammlungen als Vereine organisiert sind. Die Gerichte kamen zum Schluss, dass Vereine einzelne Mitglieder ausschliessen dürfen. Seither leidet der Ausgeschlossene erst recht unter Endzeitängsten.
Doch zurück zur Studie. Die Aussteigerinnen und Ausgeschlossenen leiden meist noch jahrelang unter dem Stigma. Viele kämpfen mit chronischen Krankheiten, nämlich 40 Prozent häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ähnlich verhält es sich bei den psychischen Erkrankungen.
Der Verein JZ Help, der Sektenopfer unterstützt und Aufklärungsarbeit betreibt, schreibt zur Studie: «Die alarmierenden Ergebnisse der Studie decken sich mit den Berichten von Ausgestiegenen. Diese zeigen, dass verordneter Kontaktabbruch Beziehungen und Familien zerstört und Menschen krank macht. Die Studie macht ausserdem deutlich, welch extremer Gewalt Kinder und Jugendliche bei den Zeugen Jehovas ausgesetzt sind. Die Studienergebnisse sind ein Appell an Gesellschaft und Politik, gegen verordneten Kontaktabbruch vorzugehen und Kinder in vereinnahmenden Gemeinschaften besser zu schützen.»