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Sektenblog

Wie Glaubensgemeinschaften Familien zerstören – und was du dagegen tun kannst

29.08.2020, 08:00

Sektenführer, Gurus und radikale Glaubensgemeinschaften gebärden sich als Hüter der letzten Wahrheiten und versprechen die Erlösung für das Leben im Diesseits wie im Jenseits. Dies bedeutet für die Anhänger und Mitglieder, dass sie sich bedingungslos anpassen. Diese Anpassung hat meist die Qualität einer Unterordnung und Selbstaufgabe.

Dieser Exklusivanspruch ist sozialer Sprengstoff. Er führt in aller Regel zu einer Radikalisierung im Denken, Handeln und Fühlen. Das angebliche Heil ist geknüpft an Selbstaufgabe und Unterordnung. Zweifel und kritische Einwände gelten als Verrat. Über die vermeintlich letzten Wahrheiten gibt es nichts zu diskutieren.

Was tun, wenn eine Glaubengemeinschaft die Familie zerreisst?
Was tun, wenn eine Glaubengemeinschaft die Familie zerreisst?Bild: shutterstock.com

Solche Ansprüche führen zwangsläufig zur Entfremdung von der früheren Lebenswirklichkeit. Die Betroffenen entwickeln neue Weltbilder, Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen, die mit den herkömmlichen nicht in Einklang zu bringen sind.

Die Radikalisierung fällt den Angehörigen rasch auf, der Verdacht auf ein Sektenengagement ist meist der erste Gedanke. Für Familien schaltet die Gefahrenampel sofort auf Rot, der Friede ist gefährdet.

In den meisten Fällen folgen heftige Auseinandersetzungen. Dabei machen die Angehörigen oft den Fehler, die Betroffenen mit Vorwürfen zu überhäufen und die Glaubensgemeinschaft als gefährliche Sekte zu betiteln.

Der negative Einfluss muss weg

Die Novizen sind dann gezwungen, den Familienstreit zu beichten. Nun schaltet die Gefahrenampel auch bei der Sekte und ihren Führern auf Rot. Sie setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um den negativen Einfluss von Angehörigen und Freunden zu neutralisieren.

Die Erfahrungen zeigen, dass die Sekten den Machtkampf mit den Angehörigen in den meisten Fällen gewinnen.

Dabei ziehen sie alle Register der Indoktrination, um den Machtkampf zu gewinnen. Ihr Hauptargument: Der negative Einfluss blockiert dich auf dem Weg zur spirituellen oder religiösen Entwicklung. Das hindert dich, die Wahrheit zu erkennen und dich geistig zu befreien.

Die Erfahrungen zeigen, dass die Sekten den Machtkampf mit den Angehörigen in den meisten Fällen gewinnen. Gegen die Sehnsucht, Euphorie und die mentale Manipulation der Gurus sind die rationalen Argumente der besorgten Eltern meist machtlos.

Sanktionen bis zum Kontaktabbruch

Dieses System hat Scientology bis zur Perfektion verfeinert. Mit ihren Sicherheitsverfahren («Securitycheck») am Hubbard-Elektrometer, einer Art Lügendetektor, erfahren sie bald alle Details der Auseinandersetzung mit den Angehörigen. Die Novizen werden aufgefordert, die Eltern zu «handhaben».

Gelingt dies nicht, folgen fein abgestufte Massnahmen, die man als repressive Sanktionen interpretieren kann. In vielen Fällen führt dies zum Kontaktabbruch.

Auch esoterische Meister, Gurus und Gruppen haben wirksame Strategien, um den Einfluss der Angehörigen auszuschalten. Sie erklären den spirituellen Suchern, die Auseinandersetzungen würden zu Energieblockaden führen und die spirituelle Entwicklung verunmöglichen.

Bei mir haben im Lauf der Jahrzehnte unzählige Betroffene Rat gesucht und mir solche Geschichten erzählt. Die Auseinandersetzungen führten in den meisten Fällen zum Bruch der Beziehungen. So fielen viele Familien auseinander, die vorher gut funktioniert hatten.

Es gibt eine kleine Chance

Viel Leid erzeugen auch radikale Freikirchen. Rutscht ein Ehepartner in eine solche christliche Gemeinschaft ab, brechen die Beziehungen ebenfalls oft auseinander. Selbst Ehen zwischen Anhängern einer Freikirche und einer Landeskirche haben meist keine Chance. Denn für viele Freikirchen ist beispielsweise der Glaube der katholischen Kirche eine Irrlehre.

Wer ein Familienmitglied an eine Sekte oder Freikirche verliert, erleidet meist einen Schicksalsschlag. Die einzige kleine Chance, dieses abzuwenden, liegt im richtigen Verhalten.

Entscheidend ist, besonnen zu reagieren und Konflikte zu vermeiden. Wer einen Streit provoziert – so verständlich dies auch ist – hat in aller Regel verloren. Er treibt damit den Angehörigen förmlich in die Arme der Sekte. Denn dort erfährt er Verständnis und Unterstützung.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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210 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Bruno Wüthrich
29.08.2020 09:32registriert August 2014
Gegen einen Glauben zu argumentieren, ist schwierig. Weil ein Glaube etwas ist, für das es kaum oder gar keine erhärteten Argumente gibt. Beispiele gibt es bereits in der Bibel genug. Es werden Ereignisse gedeutet und Geschichten erzählt. Da wird beispielsweise fabuliert, dass Moses 40 Tage und 40 Nächte auf dem Berg Sinai verbrachte, weder Brot ass noch Wasser trank, und dann mit den 10 Geboten zurück kam. Das kann man glauben oder nicht. Unmöglich ist es nicht. Es gibt nicht nur Brot und Wasser. Und Zeit genug, die Tafeln selbst zu meisseln, hatte er auch. Der Rest ist jedoch Glaube.
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Spooky
29.08.2020 08:46registriert November 2015
"Und wer verläßt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wird's hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben."

Matthäus 19,29
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⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡
29.08.2020 15:34registriert Januar 2014
Diese ständigen “Warn” Artikel verstehe ich zwar, aber mich würde es interessieren, wie man einem betriffenem wirklich hilft. “Konflikt vermeiden” ist mir zu dünn.
Zudem sind viele Familien dysfunktional, wie auch meine. Wenn schreien und emotionale Manipulation in der Familie an der Tagesordnung ist, kein Wunder haben es Freikirchen, Vereine und echte Freundschaften es leicht, dass man sich von der Familie trennt.
Ich denke das ist sogar der häufige Fall, und dass jemand von einer echten Sekte aus einer glücklichen Familien gerissen wird ist sehr selten.
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June und ich haben uns geküsst! Leider war's nicht so, wie erhofft ...
Trotz den verheissungsvollen Vorzeichen und aller Gemeinsamkeiten wird das mit June und mir wohl doch nichts. Dabei hat alles so gut angefangen!

«Ding-Dong.» Mit pochendem Herzen stehe ich vor Junes Tür im Zürcher Seefeld. «Ding-doong!» Immer noch nichts. Mein Herz beschleunigt seinen Takt. Ich studiere das Poster, das an der Türe hängt. Wunderschöne nackte Frauenskulpturen des Künstlers Hermann Haller. Ich verliere mich in ihrem Anblick, zeichne gedanklich mit meinen Fingern die Konturen ihrer eleganten Körper nach und stimme mich schon mal auf einen hoffentlich sinnlichen Abend ein. – Wobei – ich weiss gar nicht, worauf ich hoffe. Hauptsache June sehen, lachen, reden, mich mit ihr verbunden fühlen, wie beim letzten Mal.

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