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Elon Musk trollt Twitter-User und macht alle fassungslos

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Musk trollt Twitter-User und macht alle fassungslos

Das Twitter-Blue-Abo ist ein Flop. Elon Musk verleiht nun seinen schärfsten Kritikern und selbst Toten das blaue Häkchen – und riskiert Klagen.
25.04.2023, 09:4425.04.2023, 18:14
Carla Hermel, oliver wietlisbach
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Elon Musk schafft es immer wieder, mit seinen Aktionen als noch recht frischer Twitter-CEO für Aufsehen zu sorgen. Besonders polarisiert dabei der blaue Haken, den der Multimilliardär im Handumdrehen kommerzialisierte. So steht dieser inzwischen nicht mehr für eine seriöse Verifizierung, sondern ermöglicht auch Fake-Accounts, sich für 10 Franken monatlich als echt auszugeben.

Dieser Schritt wurde von vielen Seiten kritisiert und sorgte obendrein für Verwirrung und Missverständnisse. Musk hält jedoch an der Idee fest und versucht nun auf neuen Wegen, sein umstrittenes Twitter-Abo zu vermarkten.

Twitter Blue: Der blaue Haken ohne seriöse Verifizierung wird primär genutzt von Hardcore-Musk-Fans, rechtsextremen Parteien, Impfgegnern und antidemokratischen Propaganda-Kanälen aus Russland, Saudi- ...
Twitter Blue: Der blaue Haken ohne seriöse Verifizierung wird primär genutzt von Hardcore-Musk-Fans, rechtsextremen Parteien, Impfgegnern und antidemokratischen Propaganda-Kanälen aus Russland, Saudi-Arabien oder dem Iran.

Da abgesehen von Hardcore-Musk-Fans und rechtslibertären Kreisen fast niemand für den Haken und damit verbunden wohl mehr Reichweite bezahlen will, griff Musk in die Trickkiste. Er vergab Twitter-Blue-Abonnements für Prominente umsonst, vor allem für solche, die die Verifizierung von Twitter Blue kritisiert hatten, wie LeBron James und Stephen King. Damit sollte der falsche Eindruck erweckt werden, seine schärfsten Kritiker hätten Twitter Blue entgegen ihrer Aussage abonniert und der blaue Haken sei populär. King und viele andere mussten sich rechtfertigen und stellten klar, dass sie den Dienst nicht abonniert hatten.

Kurze Zeit später räumte Musk auf Twitter ein, aus eigener Tasche den blauen Haken für einige Stars zu zahlen. Daraufhin startete eine Gruppe von Nutzern die Kampagne «Block the Blue Checks» (Blockiert die blauen Häkchen), um jeden mit einem Häkchen zu blockieren.

Musk schaltet Twitter Blue für Verstorbene frei

Musk reagierte, indem er weitere Konten mit kostenlosen blauen Haken versah. Dabei überschritt er für viele Nutzer eine eindeutige Grenze: Er hat anscheinend allen prominenten Twitter-Nutzern mit über einer Million Followern ungefragt den Blue-Status verliehen – selbst Toten.

Der neue Werbeplan von Musk beinhaltet demnach nicht nur einen Haken für lebende Persönlichkeiten, sondern auch bereits verstorbene. Das Profil des 2020 bei einem Helikopter-Absturz verunglückten Basketballspielers Kobe Bryant etwa ist seit dessen Tod inaktiv – und erhielt nun dennoch einen blauen Haken.

Genauso bei der 2022 an Darmkrebs verstorbenen Schauspielerin Kirstie Alley und dem 2018 ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi. Um all diese Accounts ist es seit Monaten, teilweise Jahren, still.

Khashoggi wurde mutmasslich auf Anordnung des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ermordet. Die Twitter-Übernahme durch Musk wurde mit Geld aus China, Saudi-Arabien und Katar finanziert.

Musk riskiert Klagen

Zahlreiche Twitter-User kritisieren Musks Herangehensweise. Sie weisen auch darauf hin, dass die «Vorspiegelung von zahlenden Referenzkunden» strafbar sein könnte. Der Milliardär gehe so «das Risiko von Zivilklagen wegen Betrugs, Identitätsdiebstahls und irreführender Handelspraktiken» ein. Einige werten das Vorgehen als strafbare Täuschung nach US-Recht.

Das deutsche Online-Portal t3n.de fasst zusammen:

«Weil der Twitter-Blue-Haken aber suggeriert, dass hier jemand ein Abo abgeschlossen und die Telefonnummer hinterlegt hat – was Tote nicht können, könnte man das als bewusste Täuschung ansehen. Und das ist in den USA strafbar, wenn es von einem Unternehmen gemacht wird, um etwa Abozahlen zu pushen.»
t3n.det3n

Der deutsche Anwalt Chan-jo Jun schreibt:

Die US-Rechtsprofessorin Alexandra Roberts stellt hingegen klar, dass ein Rechtsstreit in dieser Sache gegen Twitter nicht einfach zu gewinnen wäre. Oder anders gesagt: Es ist nicht die Art von Fall, die man mit den Anwälten der zweitreichsten Person der Welt ausfechten möchte.

Abseits dessen kommt die Aktion auch auf menschlicher Ebene keinesfalls gut an. Es sei nicht nur irreführend und falsch, anzugeben, dass tote Personen tatsächlich für Twitter Blue zahlen, sondern auch verwerflich, diese für Werbezwecke zu instrumentalisieren, so der Tenor auf Twitter.

Musk trollt Anti-Twitter-Blue-Gemeinde

In den letzten Tagen hat Twitter auch Konten mit weniger als einer Million Followern einen blauen Haken verliehen, wenn sich diese kritisch mit ihm oder Twitter-Blue auseinandergesetzt hatten.

Zu seinen «Opfern» zählen etwa das Musk-kritische Hacktivisten-Kollektiv Anonymous oder der deutsche Blog Volksverpetzer, der sich als Faktenchecker mit Falschmeldungen auseinandersetzt und Musk häufig kritisiert.

Derweil nimmt das Satire-Portal «Der Postillon» Musks Twitter-Schlamassel in gewohnter Manier auf die Schippe.

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108 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Atavar
25.04.2023 10:09registriert März 2020
Musk hatte schon immer eine stark trollige seite (the boring company, dogecoin, etc.).
Lange Zeit war das recht lustig und zeugte von einer gewissen Selbstironie. Seine Beliebtheitswerte waren hoch; Geld & Erfolg flogen ihm quasi zu.

Er war und ist nicht in der Lage, das richtig einzuordnen. Der innere Troll hat das Kommando und seine progressiv-libertären Ideen in opportunistisch-libertären Narzissmus umgeformt.

So ist Elon eine Karikatur seiner selbst. Durch seine Reichweite und seine finanziellen Mittel erinnert er mich an einen Bösewicht aus den 1990er Batman-Animationen.
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mrmikech
25.04.2023 10:34registriert Juni 2016
Innovative firmen aufkaufen ist nicht schwierig wenn man viel geld hat. Eine firma tatsächlich führen ist etwas anderes. In ein BBC interview hat er vor kurzen erwähnt dass er Twitter gerne verkaufen würde, ich denke aber dass für Musk 250 Millionen etwas zu wenig wäre (der geschätzte Wert von Twitter). Er würde dann 43 Milliarden verlieren...
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Doppellottotreffer
25.04.2023 16:20registriert September 2021
Ihr seid alle so Anfänger! Mir bezahlt Elon Musk das blaue Häckchen bei Watson!
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