America 250: Das Jubiläum wird zum Schicksalsjahr für die USA
Der «Ball Drop» an Silvester auf dem New Yorker Times Square war dieses Jahr spezieller als üblich. Denn die grosse Kugel fiel nicht nur um Mitternacht, sondern kurz darauf ein zweites Mal, um das Jubiläum «America 250» zu lancieren. Am 4. Juli 2026, dem Independence Day, soll es sogar einen ausserordentlichen «Ball Drop» geben.
Die Vereinigten Staaten werden 250 Jahre alt. Am 4. Juli 1776 verabschiedete der sogenannte Kontinentalkongress in Philadelphia die von Thomas Jefferson verfasste Unabhängigkeitserklärung, mit der sich die 13 Gründerstaaten von der britischen Krone lossagten. Es war der Ursprung einer Nation, die der Welt ihren Stempel aufdrücken sollte.
Das muss entsprechend gefeiert werden, mit unzähligen Veranstaltungen quer durch das ganze Land. Doch längst nicht alle Amerikanerinnen und Amerikaner sind in Feierlaune. Vielmehr ist der für Aussenstehende oft irritierende US-Patriotismus auf ein Rekordtief gefallen. Nur noch 58 Prozent sind «extrem» oder «sehr» stolz darauf, Amerikaner zu sein.
Trump lässt sich feiern
Dies zeigt eine seit 2001 durchgeführte Langzeit-Erhebung des Instituts Gallup. Anfangs waren es noch 87 Prozent, seither ging es stetig bergab. Bei Anhängern der Demokraten sowie unabhängigen Wählerinnen und Wählern ist der Nationalstolz seit dem erneuten Wahlsieg von Donald Trump vor einem Jahr regelrecht in den Keller gefallen.
Ausgerechnet Trump wird als Präsident im Zentrum des Jubiläumsjahres stehen, und das kann man wörtlich verstehen. Denn nicht Gründerväter wie George Washington oder Benjamin Franklin – sie wären über Trumps schamlosen Machtmissbrauch entsetzt – sollen gefeiert werden, sondern er selbst. Er hat dies mehr als einmal ungeniert erklärt.
Zurück zur Monarchie
Der in Washington geplante Triumphbogen soll nicht etwa zum Ruhm der Nation errichtet werden, sondern «für mich». Spötter sprechen vom «Arc de Trump», aber eigentlich ist dies nicht zum Lachen. 250 Jahre, nachdem die Ex-Kolonisten die erste moderne Demokratie der Welt errichtet hatten, hat sich im Weissen Haus ein De-facto-Monarch breitgemacht.
Wie konnte das passieren? Dafür lohnt sich ein Rückblick auf das letzte grosse Jubiläumsjahr 1976, als die USA ihren 200. Geburtstag gefeiert hatten.
Ein tief verunsichertes Land
Schon damals war die Festfreude gedämpft, denn das Land war tief verunsichert. Der demütigende Abzug aus Vietnam lag nur ein Jahr zurück. Präsident Gerald Ford war eine schwache Figur, berühmt-berüchtigt für seine verbalen und realen Ausrutscher. Hinzu kam, dass der beispiellose Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende war.
Stattdessen litten die USA unter einer galoppierenden Inflation, angeheizt durch eine Tiefzinspolitik, mit der Notenbank-Chef Arthur Burns die Wirtschaft ankurbeln wollte. Die Parallelen zu heute sind unübersehbar. Erneut beschäftigt die Teuerung das Land, und als Nachfolger von FED-Chef Jerome Powell möchte Donald Trump einen neuen Arthur Burns.
Dunkle Seiten ausgeblendet
Die US-Wirtschaft hat seither stark zugelegt, doch mental scheinen viele Amerikanerinnen und Amerikaner die tiefe Krise der 1970er Jahre nie überwunden zu haben. Die Angst vor dem Niedergang ist eine Erklärung dafür, warum der Slogan «Make America Great Again» so viele anspricht, obwohl Donald Trump die damaligen Irrtümer wiederholen könnte.
Das Jubiläum «America 250» will er in seinem Sinn gestalten, mit «Patriot Games», die Kritiker mit den «Hunger Games» vergleichen. Dazu passt, dass die Trump-Regierung von geplanten Vierteldollar-Gedenkmünzen (Quarters) alle Sujets streichen liess, die an die dunkleren Seiten der Geschichte erinnern: Sklaverei, Frauenwahlrecht, Bürgerrechte.
Wie resilient ist die Demokratie?
Im Trumpismus werden diese Dinge verharmlost oder diskreditiert. «Kriegsminister» Pete Hegseth etwa hat auf X ein Video geteilt, in dem mehrere evangelikale Prediger forderten, den Frauen das Wahlrecht zu entziehen. Auch Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung sind unter Druck, und für die Sklaverei gilt in der Trump-Welt das Motto «Shit happens».
Dies trägt dazu bei, die Spaltung des Landes zu vertiefen. Das Jubiläums- wird deshalb zum Schicksalsjahr und zum Härtetest für die amerikanische Demokratie. Ihre Strukturen sind alles andere als solide, und Trump setzt in seiner zweiten Amtszeit alles daran, sie zu schwächen. Doch vielleicht ist sie resilienter, als man befürchten musste.
Risse in der MAGA-Bewegung
So zeigen sich in Donald Trumps MAGA-Bewegung tiefe Risse, die Vizepräsident J.D. Vance, der sich unverhohlen als «Thronfolger» empfiehlt, mit Mühe und Not zu kitten versucht. Auch in der Republikanischen Partei gibt es Indizien dafür, dass man nicht länger bereit ist, sich dem Präsidenten und seinen Wünschen bedingungslos zu unterwerfen.
Niemand verkörpert dies besser als Marjorie Taylor Greene, die sich von der schrillsten Trumpistin zur Kritikerin gewandelt hat und nun ihren Sitz im Repräsentantenhaus aufgibt. Trumps Hasstirade gegen die Opposition an der Trauerfeier für den ermordeten Charlie Kirk habe sie in ihrem christlichen Glauben erschüttert, sagte sie der «New York Times».
Republikaner fürchten Midterms
Noch sind Taylor Greene und ihre Kollegin Elise Stefanik Einzelfälle. Doch unter den Republikanern wächst nach den teilweise brutalen Wahlniederlagen gegen die Demokraten die Nervosität, gerade im Hinblick auf die Midterms, die Kongresswahlen im November, die zum eigentlichen Kulminationspunkt von «America 250» werden dürften.
Sie könnten für die Republikaner zu einem Blutbad werden, doch Trump-Kritiker äussern in Interviews die Befürchtung, dass Soldaten, Nationalgardisten und ICE-Schergen vor oder in die Wahllokale entsandt werden. An sich ist dies verboten, doch Präsident Trump müsste nur den nationalen Notstand ausrufen. Einen Grund dafür gibt es immer.
Juristische Querelen
Auch sonst gibt es beunruhigende Hinweise darauf, dass Trump versuchen könnte, die Midterms zu manipulieren, vom sogenannten Gerrymandering in den Gliedstaaten bis zu einer «Säuberung» der Wahlregister. Auf wichtigen Positionen hat der Präsident Leute installiert, die seine Lüge von der gestohlenen Wahl 2020 eifrig weiterverbreiten.
Im vermeintlichen Jubeljahr drohen deshalb heftige juristische Querelen. Noch versuchen Gerichte, sich Trumps Allmachtsfantasien zu widersetzen. Die grosse Frage bleibt, ob sich der Supreme Court als oberste Instanz als Verteidiger von Demokratie und Verfassung versteht, oder ob er endgültig zum verlängerten Arm von Trumps Politik wird.
Am Ende lässt sich hier nur das Fazit der Analyse zum 4. Juli 2025 wiederholen:
