Trumps schlimmster Feind heisst Donald J. Trump
Beispiel 1: In seiner Late Night Show interviewte Stephen Colbert am Montag James Talarico, einen aufgehenden Stern am amerikanischen Polithimmel. Als Antwort auf die christlichen Nationalisten hat er intakte Chancen, demokratischer Senator von Texas zu werden, denn er ist gleichzeitig gläubig und liberal und kann dies auch authentisch vermitteln.
Der Verlust eines Senatssitzes in Texas wäre für die Republikaner eine mittlere Katastrophe. Deshalb setzte die Trump-Regierung sogleich alle Hebel in Bewegung, um das Talarico-Interview zu verhindern, und benutzte dabei den Vorwand, man müsse allen Kandidaten gleiche Sendezeit einräumen.
Die TV-Station CBS, die Mutter von Colberts Show, gehört inzwischen dem Trump-freundlich gesinnten Tech-Oligarchen Larry Ellison und wird von dessen Sohn David gemanagt. Deshalb wurde das Interview mit Talarico nicht live ausgestrahlt. Doch Colbert griff zu einer List: Er schaltete es auf YouTube. Dort hatte es innert Kürze mehr als drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer.
«Hätte ich es in der Sendung gezeigt, hätte kein Mensch zugeschaut», witzelte Colbert tags darauf. Dazu kommt, dass die Affäre mittlerweile landesweit für Schlagzeilen sorgt. Eine bessere PR hätte sich Talarico nicht träumen lassen können.
Beispiel 2: Mark Kelly ist bereits Senator für den Bundesstaat Arizona. Er ist auch ein Kriegsheld, der im Irak als Kampfjet-Pilot mehrere Einsätze geflogen hat und als Astronaut im Weltall unterwegs war. Zusammen mit ein paar weiteren demokratischen Abgeordneten hat Kelly in einem Video-Clip die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte darauf aufmerksam gemacht, dass sie illegale Befehle verweigern können, ja müssen.
Das hat Trump und seinen Verteidigungsminister Pete Hegseth derart auf die Palme gebracht, dass sie Kelly vor den Kadi zerren und ihn gleichzeitig nach seiner Pensionierung degradieren wollten. Beides ist gründlich schiefgegangen. Ein von Trump eingesetzter Richter hat Hegseth ausgelacht und das konservative «Wall Street Journal» hat ihn scharf kritisiert. Kelly hingegen wird inzwischen als heisser demokratischer Präsidentschaftskandidat für 2028 gehandelt.
Okay, das mögen bloss zwei Anekdoten sein, doch sie zeigen ein sich fast täglich verschlimmerndes Problem der Grand Old Party (GOP) auf, auf das Thomas Edsall in der «New York Times» wie folgt hinweist: «Präsident Trump scheint entschlossen zu sein, zu verhindern, dass seine Partei eine dauerhafte Mehrheitskoalition erzielen kann.»
Die gleiche Befürchtung breitet sich im rechten Spektrum aus. Edsall zitiert auch Rich Lowry, den Chefredaktor des konservativen Magazins «National Review», wie folgt: «Seine (Trumps) Umfragewerte stürzen ab. Ebenso die Zustimmung zu seiner Politik. (…) Es fällt schwer, sich ein anderes Beispiel eines Präsidenten vorzustellen, der ein positives Momentum so schnell in ein negatives verwandelte. Trump hat dies buchstäblich innert Tagen geschafft.»
Im November 2024 hat Trump die Wahlen gewonnen, weil es ihm gelungen war, eine Koalition von frustrierten Arbeiterinnen und Arbeitern, Jugendlichen, Schwarzen und Hispanics zu bilden. Mit seiner chaotischen Politik ist er jedoch im Begriff, diese Koalition zu sprengen.
Die Jungen sind enttäuscht
2024 konnten die Vertreterinnen und Vertreter der Generation Z erstmals an die Urne gehen. Die meisten von ihnen hatten bloss verschwommene Erinnerungen an die chaotische erste Amtszeit von Trump und verfügten über keine Erfahrung in der Politik. Viele waren ganz einfach von der Wirtschaftspolitik Joe Bidens enttäuscht. Deshalb konnte Trump in diesem normalerweise mehrheitlich demokratisch wählenden Segment überdurchschnittlich viele Stimmen einsammeln.
Inzwischen jedoch hat die Stimmung bei der Generation Z wieder umgeschlagen. Sie spüren am eigenen Leib, dass ihre wirtschaftliche Situation sich nicht verbessert, ja teilweise gar verschlechtert hat. Trump konnte seine Wahlversprechen nicht einlösen. Deshalb wenden sie sich von ihm ab. «Das deutet darauf hin, dass Trump diese Wähler nicht besessen, sondern bloss gemietet hat», stellt Sarah Longewell im «Atlantic» fest.
Schwarze und Hispanics wenden sich ab
Auch in diesen beiden Wählersegmenten hat Trump 2024 überdurchschnittlich gepunktet, denn sowohl die Schwarzen als auch die Hispanics waren es leid, von den Demokraten als sichere Werte angenommen zu werden, um deren Stimmen man sich nicht mehr gross bemühen muss.
Inzwischen jedoch hat sich das Blatt wieder gewendet. «Bei den Schwarzen ist Trumps Beliebtheit um 13 Prozent, bei den Hispanics um 14 Prozent gefallen», stellt Edsall fest.
Ähnlich wie bei den Jungen spielt dabei die Erschwinglichkeitskrise eine Rolle. Bei den Schwarzen dürfte es Trump zudem nicht helfen, dass er Videos verbreitet, in denen die Obamas als Affen dargestellt werden. Das brutale Vorgehen der Immigrationspolizei ICE stösst derweil die Hispanics ab.
Wie gross der Unmut dort inzwischen ist, zeigt wiederum ein Beispiel aus Texas: Um bei den Zwischenwahlen zusätzlich fünf Sitze im Abgeordnetenhaus zu erringen, hat Trump von Texas verlangt, die Wahlkreise neu aufzuteilen. Dieses sogenannte Gerrymandering droht nun zu einem Bumerang zu werden. Weil der Frust der Hispanics so gross ist, könnten die vermeintlich sicheren Sitze gar den Demokraten zufallen.
KI stösst MAGA vor den Kopf
Ohne künstliche Intelligenz wäre die amerikanische Wirtschaft derzeit deutlich schwächer. Deshalb unternimmt Trump alles, um seine Tech-Oligarchen bei Laune zu halten. Er will keinerlei Gesetze, die Elon Musk, Jeff Bezos & Co. einschränken oder verhindern könnten, dass stromfressende Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden schiessen.
Bei der MAGA-Basis hingegen ist die Liebe zu KI überschaubar. So berichtet die «Financial Times», dass der Unmut über die KI selbst im tiefroten Bundesstaat Louisiana um sich greift. Steigende Strompreise und eine dumpfe Angst vor den Auswüchsen der KI sind der Grund. «Umfrage nach Umfrage zeigt, dass ein wachsender Teil der Trump-Basis nicht mehr mit seiner Politik einverstanden ist», so die «Financial Times».
Das bedingungslose Erfüllen aller Wünsche der Tech Bros wird selbst von erzkonservativen Gouverneurinnen und Gouverneuren in Frage gestellt. In Florida stuft Ron DeSantis die Auswüchse von KI als sehr gefährlich ein, Sarah Huckabee Sanders, Trumps ehemalige Pressesprecherin und aktuell Gouverneurin von Arkansas, will in dieser Frage mit ihrem ehemaligen Boss brechen, genauso wie Spencer Cox, Gouverneur von Utah.
Die durchsichtigen Bemühungen des Justizdepartements schliesslich, die Aufklärung der Epstein-Affäre zu verhindern, schaden dem Präsidenten ebenfalls. Für die Late Night Comedians wie Colbert hingegen sorgen sie täglich für neue und bissige Sprüche, beispielsweise diesen: Trump wird in den Epstein-Files mehr erwähnt als Gott in der Bibel.
