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Wie Indiens Medien den Konflikt mit Pakistan anheizen

epa12079711 A newspaper carries a front page reporting the Indian missile strikes in Pakistan, in Karachi, Pakistan, 07 May 2025. India said it conducted military strikes on nine sites in Pakistan in  ...
Gemässigte Medien finden in Indien immer weniger Zustimmung, Emotionen und Hetze beherrschen den Diskurs. Bild: keystone
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«Journalisten müssen Nationalisten sein»: Wie Indiens Medien den Konflikt anheizen

Rechtspopulistische Medien in Indien befeuern den Konflikt mit Pakistan, unabhängige Publikationen verlieren seit Narendra Modis Wahl zum Premierminister 2014 immer mehr an Bedeutung. Es droht die Eskalation.
07.05.2025, 13:2707.05.2025, 16:00
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Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan hat am Dienstagabend eine neue Eskalationsstufe erreicht, das indische Militär griff verschiedene Ziele in Pakistan an, die Sorge vor einer noch grösseren Auseinandersetzung steigt.

Mitunter ein Grund für die Eskalation in der Region sind auch die (sozialen) Medien. In Indien hat sich seit der Machtübernahme 2014 durch Narendra Modi und dessen nationalistischer Regierung auch die Medienwelt in der grössten Demokratie der Welt stark verändert.

Rund 400 TV-Stationen kämpfen um die Gunst des Publikums, dabei gilt oft: Je schriller und radikaler, desto höher die Einschaltquoten und grösser die Reichweite. Ausschnitte aus TV-Sendungen werden in den sozialen Medien breit gestreut und beachtet.

Ein perfektes Beispiel dafür ist der rechtspopulistische Journalist Arnab Goswami und dessen Sender Republic TV. Wenn der 52-Jährige auf Sendung geht, hören Millionen Menschen in Indien zu. Und das hört sich dann so an:

Das Ziel von Republic Media Network, zu dem Goswamis Sender gehört, ist klar: Stimmung machen, gegen die Opposition (vor allem Muslime) wettern, den Diskurs mit Emotionen statt mit Fakten beherrschen. Wer nicht spurt, gilt schon mal als Verräter und Feind des Hinduismus und Indiens.

Einer, der das weiss, ist Ravish Kumar. Der 50-Jährige war lange eines der Aushängeschilder des nationalen Senders NDTV. Einst unabhängig, ist NDTV heute in der Hand des indischen Multimilliardärs Gautam Adani. Adani werden enge Beziehungen zu Premierminister Modi nachgesagt. Nach der Übernahme NDTV's durch Adani verliess Kumar den Sender.

Gegenüber der NZZ sagte er letztes Jahr, dass sich seit der Wahl Modis alles geändert habe. «Plötzlich sangen alle Sender mit derselben Stimme, alle feierten Modi, alle attackierten die Opposition.»

«Journalismus ist Kampf zwischen Schwarz und Weiss»

Der Rechtspopulist Goswami macht auch keinen Hehl aus seiner journalistischen Parteiigkeit: «Um Journalist zu sein, musst du Nationalist sein», lässt er sich in der NZZ zitieren. Es sei ein Kampf zwischen Schwarz und Weiss, zwischen Richtig und Falsch:

«Du kannst es ideologisch getriebenen Journalismus nennen. Linientreuer Journalismus, aber wir sind auf Linie mit einem Anliegen, nicht mit einer Partei oder einer Person. Wir sind auf Linie mit dem andauernden Kreuzzug, aus Indien ein besseres Land zu machen, ein grossartigeres Land.»
Arnab Goswaminzz

Goswami wurde wegen seiner Berichterstattung bereits mehrere Male angezeigt und war für kurze Zeit auch im Gefängnis. Das Verfahren wurde allerdings später eingestellt, Goswami macht unverändert weiter. Und mittlerweile sind seine Ansichten in Indien weit verbreitet.

Ruf nach Vergeltung

Nach dem Angriff von Terroristen auf mehrheitlich indische Touristen nahm darum der Ruf nach Vergeltung nicht nur in den indischen Medien zu, auch in den sozialen Medien wollen die Leute vor allem eines sehen: Rache an Pakistan.

Als dann die News zum Angriff Indiens am Dienstagabend die Runde machten, wurde die militärische Aktion auf «X» abgefeiert. Zahlreiche Posts applaudieren der Regierung Modis und dem indischen Militär zur Operation Sindoor.

Rechte Propaganda ist in Indien in den Sozialen Medien weit verbreitet.
Rechte Propaganda ist in Indien in den Sozialen Medien weit verbreitet. Bild: X

Für unabhängige indische Medien wird es währenddessen immer schwieriger, Fakten zu schaffen und damit ein breites Publikum zu erreichen. Zu emotional und damit erfolgreich sind die populistischen Publikationen. «Es gibt keine Einordnung, keine Entwicklung und am Ende kein Gedächtnis», schreibt die NZZ.

Für den weiteren Verlauf des Konflikts stellt dies eine grosse Bedrohung dar. Denn auch in Pakistan beherrschen nationalistische Meinungen den Diskurs. Auf beiden Seiten wird gegen den Feind aufgewiegelt, die möglichen Konsequenzen einer grösseren Auseinandersetzung grösstenteils ausgeblendet.

Der Konflikt droht momentan weiter zu eskalieren. Und die Medien tragen eine grosse Mitschuld daran.

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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En Espresso bitte
07.05.2025 13:44registriert Januar 2019
Tragisch daran ist ja, dass zurzeit weder auf indischer noch auf pakistanischer Seite eine mässigende Kraft genügend stark ist, um überhaupt Einfluss nehmen zu können. Die werden einfach niedergeschrien, weil die populistischen Hetzer und ihre Gehetzten anscheinend die Welt schon zu lange nicht mehr brennen gesehen haben.
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Luna Merlin
07.05.2025 14:10registriert Dezember 2021
„Um aus Indien ein GROSSARTIGES Land zu machen“.

Weshalb kommt mir dieser Satz bloss so bekannt vor?

Der Flächenbrand ist angerichtet. Eine Grossmacht nach der anderen - dazu kann Indien als bevölkerungsreichstes Land der Erde, Atommacht und wirtschaftlich-technisch auf der Überholspur - inzwischen durchaus gerechnet werden, will noch „grossartiger“ sein!

Und Putin macht seit über drei Jahren vor, dass man einen (ingesamt mehrere) Krieg vom Zaun brechen und ein souveränes Land überfallen kann, ohne GESTOPPT zu werden 😨.

Die machtgierigen Nationalisten schauen zu und lernen.
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