Nach dem blutigen Bürgerkrieg nahm die Industrialisierung in den USA so richtig Fahrt auf. Eisenbahnen durchquerten das Land und riesige Stahlwerke wurden errichtet. Parallel dazu entstand eine neue, superreiche Oberschicht. Andrew Carnegie dominierte das Stahlgeschäft, Cornelius Vanderbilt wurde der Eisenbahnkönig, der Banker J.P. Morgan ordnete die Wirtschaft in monopolartige Trusts, und John D. Rockefeller riss sich nicht nur das Geschäft mit dem Erdöl unter den Nagel, er wurde auch der damals reichste Mann der Welt und das Symbol eines von allen Ketten befreiten Kapitalismus.
Mark Twain nannte dieses Zeitalter das «Gilded Age» und verfasste dazu einen Roman mit dem gleichen Titel. Er meinte dies nicht in einem positiven Sinn. Die vermeintlich goldene Ära in der amerikanischen Geschichte war geprägt von masslosem Reichtum einer schmalen Elite, von Massenelend und von Gier und Korruption. Selbst Ulysses Grant, der im Bürgerkrieg siegreiche Oberbefehlshaber der Armee des Nordens und spätere Präsident, war in einen massiven Korruptionsskandal seines engsten Mitarbeiters involviert.
Um nochmals Twain zu zitieren: «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich gelegentlich.» Bevor sie begonnen hat, weist die zweite Amtszeit von Donald Trump bereits viele Symptome auf, die Twains These bestätigten. Die Regierung des gewählten Präsidenten ist eine Ansammlung von Milliardären. Scott Bessent, der nominierte Finanzminister, und Howard Lutnick, der nominierte Handelsminister, sind beide mit Finanzgeschäften superreich geworden, der letztere unter anderem mit der dubiosen Kryptowährung Tether.
Das sind nur zwei Beispiele. Der gesammelte Reichtum des Trump-Kabinetts beläuft sich auf 35 Milliarden Dollar – und weitere Milliarden werden noch dazukommen.
Der neue Rockefeller ist selbstredend Elon Musk. Offiziell gehört er nicht der Regierung an. Sein Einfluss ist jedoch so gross, dass er bereits als der «eigentliche Präsident» betitelt wird, und sein Reichtum wird mittlerweile auf mehr als 400 Milliarden Dollar geschätzt. Das entspricht etwa der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts der Schweiz. Angesichts dieser Summe war selbst Rockefeller im Vergleich dazu ein armer Schlucker.
Trump bestückt nicht nur sein Kabinett mit Superreichen. Er wird auch alles unternehmen, ihren Reichtum noch zu vermehren. So will er seine bereits in seiner ersten Amtszeit an sie gemachte Steuergeschenke nicht nur erneuern, er will sie noch weiter ausbauen. Gleichzeitig will er die lästigen Regulierungen, die nach der Finanzkrise 2008 eingeführt wurden, wieder ausser Kraft setzen, und er will dafür sorgen, dass sich auch die Kryptos praktisch uneingeschränkt austoben können.
Trump sorgt auch dafür, dass seine Verwandtschaft nicht zu kurz kommt. Der Vater des Schwiegersohns Jared Kushner wird – obwohl einst wegen eines üblen Verbrechens verurteilt – Botschafter in Frankreich, der Schwiegervater seiner Tochter Tiffany Sonderberater für den Nahen Osten. Trump macht sich auch dafür stark, dass die Gattin seines Sohnes Eric den zum Aussenminister nominierten Marco Rubio als Senatorin in Florida ersetzen soll.
Nicht nur die Vetternwirtschaft treibt immer üppigere Blüten, auch Gier und Korruption breiten sich aus. Da der Fisch bekanntlich vom Kopf her stinkt, geht Trump mit schlechtem Beispiel voran. Er ist der sprichwörtliche «Grifter», der Abzocker, der vor gar nichts zurückschreckt. Selbst als gewählter Präsident will er seinen Fans ein Parfum zu überhöhtem Preis andrehen. Seine evangelische Basis beglückt er mit einer 60-Dollar-Bibel, die er für zwei Dollar in China drucken lässt, die jungen Männer unter seinen Fans können derweil für rund 400 Dollar Turnschuhe erwerben, die ebenfalls für einen Bruchteil diese Summer irgendwo in Asien zusammengeschustert werden.
In der Ökonomie versagt die Theorie, die besagt, dass Reichtum nach unten tröpfelt und so allen zugutekommt. Bei der Korruption hingegen trifft sie ins Schwarze. Das schamlose Verhalten der Trump-Entourage findet Nachahmer. Typisches Beispiel ist der Meme-Coin des «Hawk Tuah Girl». Eine junge Amerikanerin namens Haliey Welch landete mit einer obszönen Bemerkung über Oralsex einen Grosserfolg im Internet und nützte diesen umgehend aus, um eine eigene Kryptowährung zu kreieren. Der Wert dieses Coins stieg praktisch über Nacht auf rund 500 Millionen Dollar, bevor er implodierte und wieder wertlos wurde. In der Zwischenzeit hatte das «Hawk Tuah Girl» jedoch kräftig abgesahnt.
Wer es an seinen Hof in Mar-a-Lago geschafft hat, der kann damit rechnen, dass das Manna für ihn vom Himmel fällt. Die 270 Millionen Dollar, die Musk für den Wahlkampf von Trump ausgegeben hat, erweisen sich bereits jetzt als extrem ergiebige Investition. Musk hat bisher schon gewaltig vom amerikanischen Staat profitiert. Tesla wäre ohne die Subventionen für Elektroautos niemals auf die Beine gekommen, und SpaceX und Starlink profitieren von Staatsaufträgen in der Höhe von rund 15 Milliarden Dollar.
Dieser Betrag dürfte sich bald noch erhöhen. Soeben ist bekannt geworden, dass es bei der Rüstungsindustrie zu einem Mega-Deal kommen soll. Palantir und Anduril sollen sich zu einem Konsortium zusammenschliessen. Beide Unternehmen sind von Musk-Kumpel Peter Thiel mitbegründet worden. Ebenfalls diesem Konsortium anschliessen sollen sich Musks SpaceX, OpenAI und Scale AI, eine auf künstlicher Intelligenz gründende Datenfirma. Das Ziel dieses Zusammenschlusses soll es sein, eine Konkurrenz zu Lockheed Martin, Raytheon und Boeing zu bilden. Dank des direkten Drahts, den Musk und Thiel ins Weisse Haus haben, sollte dies auch gelingen.
Rockefeller war zwar sagenhaft reich, direkt in die Politik eingemischt hat er sich jedoch nicht. Elon Musk hingegen kostet seine neue Macht bedenkenlos aus. Er besitzt mit X – ehemals Twitter – die bedeutendste Informations-Plattform der Gegenwart. 200 Millionen Menschen folgen ihm auf X, und er setzt täglich enorme Mengen an Posts ab. Diese zeigen Wirkung. So hat Musk an einem Tag 140 Posts abgesetzt und so erreicht, dass das Abgeordnetenhaus im letzten Moment einen bereits ausgehandelten Budget-Kompromiss wieder platzen liess.
Viele andere Tech-Milliardäre küssen mittlerweile ebenfalls Trumps Ring. Mark Zuckerberg und Jeff Bezos sind nicht nur nach Florida gepilgert, sie haben auch je eine Million Dollar für den Fonds zur Finanzierung der Inauguration am 20. Januar 2025 gespendet. Auch Google-Gründer Sergey Brin soll sich dieser Spende anschliessen.
Netflix-CEO Ted Sarandos, lange ein prominenter Mäzen der Demokraten, ist ebenfalls nach Palm Beach geflogen, genauso wie Shou Zi Chew, der CEO von TikTok. Trump-Berater Jason Miller erklärt dazu: «Es werden noch eine ganze Menge einheimische und internationale CEOs antanzen.»
Die neue Trump-Regierung wird alles daransetzen, kritische Medien zum Verstummen zu bringen. Einen ersten Erfolg konnte der gewählte Präsident dabei bereits erzielen. Der TV-Sender ABC, eine Tochter des Disney-Konzerns, hat eingewilligt, mit 15 Millionen Dollar Entschädigung eine Verleumdungsklage abzuwenden. Grund dafür war eine Bemerkung des Star-Moderators George Stephanopoulos. Er hatte Trump indirekt der Vergewaltigung bezichtigt. Ein Richter hatte dem gewählten Präsidenten jedoch bloss «sexuellen Missbrauch» vorgeworfen.
Normalerweise hätte die haarspalterische Klage in den USA keine Chance gehabt. Das Verhalten von Disney hat daher in der liberalen Medienszene grosse Empörung ausgelöst. «Dass ABC so schnell nachgegeben hat, wird zur Folge haben, dass weitere Klagen folgen werden», befürchtet etwa Genevieve Lakier, Rechtsprofessorin an der University of Chicago.
Tatsächlich hat Trump dies bereits angekündigt. «Die Fakenews-Medien müssen dafür bezahlen, was sie unserem grossen Land angetan haben», postete er auf seiner Plattform Truth Social.
Für Michelle Goldberg, Kolumnistin bei der «New York Times», stehen die Zeichen auf Sturm: «Zusammengenommen erwecken all diese Entscheidungen der Elite, vor Trump in die Knie zu gehen, den Eindruck, dass die Luft aus der liberalen Ordnung entweicht. Sie wird ersetzt durch etwas, das rücksichtsloser ist und sich Nietzsche-haft anfühlt.»
Mark Twains «Gilded Age» ging zu Ende, als Präsident Theodore Roosevelt damit begann, die Monopole der Räuberbarone zu zerschlagen und als die Gewerkschaften und die Progressiven an Macht und Einfluss gewannen. Wie lange das neue goldene Zeitalter von Donald Trump dauern wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Auf die Demokraten und die Gewerkschaften ist kein Verlass. Sie sind zu schwach. Hoffen darf man, dass sich die beiden Egomanen Trump und Musk heillos zerstreiten und dass die Regierung an ihren eigenen Widersprüchen und ihrer Inkompetenz scheitern wird.
Diese superreichen Milliardäre sind Vertreter des Libertarismus und Ultraliberalismus wie z.B. Milei.
Mit Politik können diese Leute nichts anfangen, in ihrem Selbstverständnis geht's nur um die "Macht des Stärkeren" gemäss dem Credo „Wer zahlt, befiehlt“. Im Prinzip wollen sie den Staat nicht nur zurückbinden, sondern de facto abschaffen.
Vance wird nun aufgebaut, so dass er den "Übergangspräsidenten" Trump vorzeitig ablösen kann, um den Plan weiter umzusetzen.