«Das gab es noch nie» – beispielloses Informations-Blackout im Iran
Wenn Proteste im Iran ausbrechen, reagiert das Mullah-Regime mit der immer gleichen Taktik: einem Informations-Blackout. Die Menschen im Land werden vom globalen Internet abgeschnitten, mit dem Ziel, den Informationsfluss im In- und Ausland in der Bevölkerung zu unterbinden oder zumindest zu steuern. Die iranische Regierung nutzt das Internet längst als politische Waffe.
So war das bei den Protesten 2019 oder 2022 oder auch beim Krieg gegen Israel im Sommer 2025. Damals wurde das Land vom globalen Internet abgekapselt.
Allerdings mussten die Menschen nicht vollständig auf das Internet verzichten. Damals blieben Dienste innerhalb des Landes weiterhin erreichbar, nur die Kommunikation ins Ausland wurde unterbunden. Dies möglich macht das sogenannte National Information Network (NIN). Das NIN wurde massgeblich unter dem früheren Kommunikationsminister Mohammad-Javad Azari Jahromi, einem früheren Geheimdienstler, aufgebaut.
Es ist sozusagen das Intranet des Iran. Verschiedene digitale Dienste wie zum Beispiel Bankensysteme oder auch banalere Sachen wie Taxidienste oder Onlinemärkte, ähnlich wie Amazon, werden dann nur noch über dieses Intranet abgewickelt. Dies lief bei vergangenen Protesten meist uneingeschränkt weiter.
Das Ziel dabei ist eine autarke Infrastruktur: nur eigene Messenger-Dienste und Suchmaschinen, E-Mail- und Banking-Systeme. Die Idee kam erstmals 2005 auf, seit 2013 ist das Projekt am Laufen. Der Iran soll sich vollständig vom globalen Internet lösen können, falls die Situation dies nach Ansichten des Regimes verlangt.
«Das gab es noch nie»
Doch die Massnahmen für ein Informations-Blackout, die die Regierung bei den jetzigen Protesten ergriffen hat, sind selbst für das Mullah-Regime beispiellos. Denn bei den aktuellen Protesten wurde sogar das NIN abgeschaltet, wie das Tech-Portal «Iran Wire» berichtet. Das heisst: Selbst im Iran entwickelte Internetdienste waren nicht mehr erreichbar.
Gegenüber der «Zeit» sagt Mark Pashmfouroush, ein Informatiker und Internetaktivist:
Die Abkopplung von Rechenzentren und Netzbetreibern führt momentan dazu, dass nicht mal mehr VPN-Dienste weiterhelfen. Zudem ist es gemäss Pashmfouroush zu DNS-Abschaltungen gekommen. Kurz gesagt heisst das: Aufrufe von Websites laufen ins Leere, es kommen keine Informationen mehr durch. Auch internationale Telefonverbindungen sind unterbrochen.
Für das iranische Regime dürfte die Sperre allerdings enorme Kosten verursachen. Wie die NZZ schreibt, dürfte der totale Shutdown stündlich rund 1,15 Millionen Dollar kosten. Ewig kann sich das Mullah-Regime das Blackout also nicht leisten.
Die Regierung fährt mittlerweile ausgewählte Informationsdienste schrittweise wieder hoch, wie Amir Rashidi, Menschenrechtsaktivist und Leiter der iranischen Organisation Miaan, gegenüber der NZZ sagt. So seien zum Beispiel Regierungsseiten für die Bevölkerung wieder aufrufbar.
Regierung geht auch gegen Starlink vor
Ein weiterer Punkt, in dem sich das Blackout von früheren Shutdowns unterscheidet, ist die teilweise Störung des Satelliteninternets.
Im Iran gibt es gemäss «Iran Wire» schätzungsweise 40'000 bis 50'000 Starlink-Terminale. Von diesen zehntausenden Geräten funktionieren einige gemäss Rashidi immer noch. Doch nicht überall: «Die Lage ist in jedem Quartier, in jeder Stadt anders», sagt er in der NZZ.
Und gegenüber «Iran Wire» sagt Rashidi, dass er in 20 Jahren Forschung noch nie eine solche Störung erlebt habe, die durch militärische Geräte, sogenannte Jammer, verursacht wird.
«Die verwendete Technologie ist hoch entwickelt und militärtauglich und wurde wahrscheinlich von Russland oder China geliefert, sofern sie nicht im Inland entwickelt wurde», sagt er.
Gegenüber der NZZ erklärte Manuel Eichelberger, der zu diesem Thema an der ETH geforscht hat, dass dies technisch gesehen einfach machbar sei.
Da die Störsender über das ganze Land verteilt sind, variiert die Qualität des Starlink-Dienstes je nach Standort. In manchen Gebieten ist die Verbindung relativ gut, in manchen deutlich schlechter.
Während also die Bevölkerung mehrheitlich im Dunkeln sitzt, protestiert die iranische Diaspora im Ausland gegen das Informations-Blackout. Viele fragen sich natürlich, wie lange die Zensur andauern wird.
Verschiedene Aktivisten und Menschenrechtsorganisationen zeigen sich jedenfalls besorgt. Die deutsche Europaabgeordnete Hannah Neumann sagt gegenüber der «Zeit»: «Internetabschaltungen führen zu mehr Gewalt, mehr Verhaftungen und mehr Verschwindenlassen. Es ist eine gezielte Strategie, um Gewalt zu verschleiern.»
Auch Reporter ohne Grenzen warnt vor der vollständigen Isolation der iranischen Bevölkerung:
