DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Donald Trump gab ein vielsagendes Telefon-Interview.
Donald Trump gab ein vielsagendes Telefon-Interview.
Bild: JIM LO SCALZO/EPA/KEYSTONE

Trump spricht über sein Verhältnis zur Wahrheit – und lügt wie gedruckt

US-Präsident Donald Trump hat dem Magazin «Time» ein Interview über seinen Umgang mit Fakten gegeben. Die zugehörige Titelseite sagt alles aus über den Inhalt: «Ist die Wahrheit tot?»
24.03.2017, 17:5325.03.2017, 14:46

Richard Nixon musste 1974 als bis heute einziger US-Präsident zurücktreten. Er war über den Watergate-Skandal gestolpert. In der legendären Interviewserie mit dem britischen TV-Moderator David Frost konnte er sich drei Jahre später zu einer Entschuldigung an das amerikanische Volk durchringen. Doch Nixon äusserte auch einen Satz, der sein fehlendes Schuldbewusstsein schonungslos entlarvte: «Wenn der Präsident etwas tut, ist es nicht illegal.»

Donald Trump ist nicht Nixon, oder noch nicht. Obwohl er erst zwei Monate im Amt ist, wird bereits über seinen Rücktritt oder seine Amtsenthebung spekuliert. In mindestens einem Punkt aber sind sich der 37. und der 45. US-Präsident sehr ähnlich: Trump hat zu den Fakten ein genauso problematisches Verhältnis wie Nixon zu Recht und Gesetz. Seine Maxime lautet in Anlehnung an den erwähnten Satz: «Wenn der Präsident etwas sagt, ist es wahr.»

Im konkreten Fall ist es ebenfalls ein Interview, das Donald Trumps verzerrte Sicht auf die Realität entlarvt. Er führte es am Mittwoch telefonisch mit Michael Scherer, dem Leiter der Hauptstadt-Redaktion des Nachrichtenmagazins «Time». Dabei ging es explizit um sein Verhältnis zu Wahrheit und Lüge, was Trump ausdrücklich begrüsste: «Das Konzept ist richtig», sagte er zum Auftakt und fügte den Grund sogleich an: «Ich habe vieles vorhergesagt, Michael.»

Donald Trump, der unfehlbare Prognostiker. So stellte er sich in dem 20-minütigen Gespräch dar. Und belegte dabei so anschaulich wie nie seinen kreativen Umgang mit der Wahrheit. Oder um es im Klartext auszudrücken: Er hat gelogen, und das nicht zu knapp. Was Trump nicht kümmert. Er lebt in seiner Filterblase, und kritische Reflexion ist sowieso nicht sein Ding:

«Ich bin ein sehr instinktgetriebener Mensch, doch mein Instinkt liegt richtig.»
Donald Trump

Beispiele gefällig? Gleich mehrfach erwähnte der Präsident seine Behauptung über die angeblich verheerenden Zustände in Schweden:

«Schweden. Ich habe diese Aussage gemacht, alle drehten durch. Am folgenden Tag gab es enorme Unruhen, und Tod, und Probleme.»
Donald Trump

Trump bezog sich bei einem Auftritt am 11. Februar in Florida ausdrücklich auf etwas, das «letzte Nacht in Schweden passiert ist». Es gab jedoch keine Unruhen, was in Skandinavien für Belustigung sorgte. Tatsächlich kam es zwei Tage später zu Ausschreitungen in einem überwiegend von Einwanderern bewohnten Viertel eines Vororts von Stockholm, allerdings ohne Tote. Was will Trump mit seiner Behauptung bezwecken? Stellt er sich dar als Erfinder der retrospektiven Prognose?

Devin Nunes verkündet seine Erkenntnisse.
Devin Nunes verkündet seine Erkenntnisse.
Bild: SHAWN THEW/EPA/KEYSTONE

Geradezu obsessiv beschäftigte sich der Präsident im Interview mit dem Vorwurf, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn abhören lassen. FBI-Chef James Comey wies diese Behauptung in der Anhörung vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses am Montag zurück. Am Mittwoch allerdings erklärte Devin Nunes, der Vorsitzende des Ausschusses, Gespräche von Trump seien möglicherweise durch routinemässige Abhöraktionen mitgeschnitten worden.

«Nunes sagte, also hatte ich recht, Nunes sagte, es scheint eine Überwachung gegeben zu haben … zufälliges Sammeln, das nichts mit Befürchtungen wegen Russland zu tun haben scheint.»
Donald Trump

Devin Nunes sagte, es handle sich um «normales, zufälliges Sammeln», und die Abhöraktionen hätten nichts zu tun gehabt mit der Untersuchung wegen möglicher Verbindungen des Trump-Teams zur russischen Regierung. Allerdings betonte der Republikaner, es gebe keine Hinweise, dass Trump auf Befehl von Obama abgehört wurde. Solche Vorwürfe seien «haltlos».

Michael Scherer spricht über das Trump-Interview.

Michael Scherer konfrontierte Trump auch mit Aussagen aus dem Wahlkampf. Etwa der Behauptung, Muslime in New Jersey hätten die Terroranschläge vom 11. September 2001 gefeiert.

«Beachten Sie den Reporter, er hat die Story in der ‹Washington Post› veröffentlicht.»
Donald Trump

Serge Kovaleski, der besagte Reporter, hat nie eine solche Story geschrieben. Die Behauptung, Muslime hätten in New Jesery gefeiert, basiert auf Gerüchten. Zahlreiche Medien sind ihr nachgegangen und haben nicht den geringsten Beweis dafür gefunden.

Ein besonders hübsches Schmankerl ist die im Wahlkampf geäusserte Behauptung, der Vater von Trumps innerparteilichem Rivalen Ted Cruz habe Lee Harvey Oswald gekannt, den mutmasslichen Mörder von Präsident John F. Kennedy. Trump dazu:

«Das stand in einer Zeitung. Ich habe das nicht gesagt, ich bezog mich auf eine Zeitung. Es gab eine Story mit einem Bild von Ted Cruz, seinem Vater, und Lee Harvey Oswald beim Frühstück.»
Donald Trump

Besagte «Zeitung» ist der «National Enquirer», ein berüchtigtes Revolverblatt. Es hat vor einigen Jahren einen Scoop gelandet mit der Enthüllung, dass der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Edwards ein uneheliches Kind gezeugt hat. In erster Linie aber besteht sein Inhalt aus aufgebauschten Gerüchten. Für eine angebliche Liaison Cruz-Oswald gibt es null Beweise. Ein Experte für Gesichtserkennung stellte fest, dass der Mann im Foto nicht der Vater von Cruz sein könne.

Man könnte weitere Beispiele anführen, in denen Trump standhaft blieb, obwohl seine Aussagen zweifelhaft oder widerlegt sind. «Ich habe viele Dinge vorhergesagt, die etwas Zeit brauchten», meinte er nur. Das Interview liefert am Ende eine Erkenntnis: Der Anführer der freien Welt, der die vielleicht grösste Verantwortung trägt, ist ein Rechthaber, der sich einen Deut schert um Tatsachen, die nicht in sein Weltbild passen. Er zieht «alternative Fakten» vor.

Seine Fans scheint es nicht zu kümmern, oder sie leben selber in einer postfaktischen Welt. Was «Time» auf dem Cover der aktuellen Ausgabe mit einer resignativen Frage auffängt: «Ist die Wahrheit tot?». Die Titelseite ist eine Art Selbstzitat. 1966 hatte das Magazin in ähnlichem Look gefragt: «Ist Gott tot?»

Zum Thema «Time»-Cover hatte Trump übrigens auch etwas zu sagen:

«Offensichtlich verkaufe ich gut. Ich nehme an, dies wird die Titelseite sein. Habe ich den Rekord aufgestellt? Ich nehme es an, oder? Cover, niemand hatte mehr Cover.»
Donald Trump

Michael Scherer musste ihn enttäuschen. Richard Nixon liege immer noch vorne. Tatsächlich war es Nixon, der in seiner schillernden Karriere nicht weniger als 55 Mal auf dem Titel von «Time» erschienen ist. Trump hat einiges aufzuholen, er war erst rund ein Dutzend Mal drauf. Im Schlusswort des Interviews brachte er seine Befindlichkeit auf den Punkt.

«Mir kann es nicht schlecht laufen, denn ich bin Präsident, und Sie sind es nicht.»
Donald Trump

Zumindest dieser Behauptung kann niemand widersprechen.

Obama vs. Trump

1 / 9
Obama vs. Trump
quelle: national park service / national park service
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wenn Influencer Fake News verbreiten – und damit Tausende erreichen

Der Berner Gabirano Guinand erlangte als Comedian nationale Bekanntheit. Nun füttert er seine Follower vorwiegend mit Verschwörungserzählungen und pseudowissenschaftlichen Gesundheitstipps. Ein Medienpsychologe rät jugendlichen Fans, kritisch zu bleiben.

Der Berner Gabirano Guinand, 22 Jahre alt, ist ein sympathischer junger Mann, mit viel Witz und ursprünglich grossen Plänen. Vor einem Jahr sagte er im Interview mit watson, irgendwann wolle er im ausverkauften Hallenstadion auftreten. Die Chance, dass er den Durchbruch auf der Bühne schaffen könnte, stand damals gut. Gabirano hatte sich in jüngeren Jahren mit lustigen Kurzvideos im Internet eine beachtliche Fan-Basis aufgebaut und war daran, sich als ernstzunehmender Comedian einen Namen …

Artikel lesen
Link zum Artikel