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Eurovision Song Contest

Erdogan stichelt gegen den ESC – und gegen Nemo

Nemo gewinnt den ESC. Der türkische Präsident zieht deswegen eine Schnute.
Nemo gewinnt den ESC. Der türkische Präsident zieht deswegen eine Schnute.Bild: keystone / watson

Erdogan gibt Nemo 0 Punkte – und der LGBT-Community in der Türkei ebenso

21.05.2024, 15:5721.05.2024, 17:06
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan findet den Sieg von Nemo am ESC so anstössig, dass er ihn sogar zum Thema in seinem Kabinett macht.

Was das mit den Schuhen von Emine Erdogan zu tun hat und warum die Haltung des Präsidenten zum ESC sinnbildlich ist für die LGBTI*-Rechte im Land:

Erdogan schiesst gegen Nemo

Recep Tayyip Erdogan hält die konservativen Familienwerte fast so hoch wie seine Frau Emine ihre Absätze.

VILNIUS, LITHUANIA - JUNE 11, 2023: 
President of Turkiye Recep Tayyip Erdogan and first lady Emine Erdogan arrive at the Presidential Palace in Vilnius, ahead of a social dinner hosted by on the firs ...
Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine am 11. Juli 2023 in Vilnius, Litauen.Bild: getty
VILNIUS, LITHUANIA - JUNE 11, 2023: 
President of Turkiye Recep Tayyip Erdogan and first lady Emine Erdogan arrive at the Presidential Palace in Vilnius, ahead of a social dinner hosted by on the firs ...
Die Schuhe von Emine Erdogan – ebenfalls in Vilnius, Litauen. Bild: getty

Um vor dem türkischen Volk zu betonen, wie ernst es ihm mit seinem Konservatismus ist, wetterte Präsident Erdogan am Montag im Anschluss an die Kabinetts-Sitzung gegen das Schweizer Musik-Talent Nemo.

Dies nicht etwa, weil es Nemo genauso schwindelerregend mag wie Emine …

Nemo of Switzerland performs the song The Code during the Grand Final of the Eurovision Song Contest in Malmo, Sweden, Saturday, May 11, 2024. (AP Photo/Martin Meissner)
Bambie Thug
Nemo saust auf einer Drehscheibe im Kreis auf der Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität.Bild: keystone

… sondern weil Nemo ein «trojanisches Pferd der sozialen Korruption» sei, wie Erdogan findet. Und ohnehin sei der gesamte Eurovision Song Contest (ESC) eine Veranstaltung, die die «Geschlechtsneutralisierung» fördere und somit die traditionelle Familie bedrohe.

Dass die traditionelle Familie in der Türkei derzeit leidet, wurde erst vergangene Woche in Zahlen bekannt gegeben. So ist die Geburtenrate des Landes im Jahr 2023 auf 1,51 Kinder pro Frau gesunken. Das sei historisch tief und komme einer «existenziellen Bedrohung» für die Türkei gleich, so Erdogan in seiner Rede vom Montagabend vor dem Kabinett.

Bereits 2016 sagte er in einer Rede:

«Starke Familien führen zu starken Nationen.»

Damals erklärte er auch, dass jede türkische Frau mindestens drei Kinder haben sollte. Und er behauptete, dass die Türkei auch viel unternommen habe, damit Frauen Mütter und arbeitstätig sein können.

Doch wenn man genau hinschaut, dann haben Erdogan und seine Politiker wohl nicht genug getan für die Familien und Mütter im Land. Denn die derzeitige Geburtenflaute lässt sich tatsächlich mit Erdogans Politik erklären – und nicht etwa mit Nemos Geschlechtsidentität.

Die Türkei bildet das Schlusslicht aller OECD-Staaten, was die Unterstützung von Familien angeht. Im Jahr 2019 wurden nur 0,2 Prozent des BIP (gesamtes BIP 2019: 761 Milliarden USD) als finanzielle Unterstützung für Familien aufgewendet und 0,3 Prozent des BIP in Angebote für Familien investiert.

epa10783216 People shop at the old city bazaar in Istanbul, Turkey, 03 August 2023. According to the data released by the Turkish Statistical Institute, Turkey's official inflation rate stood at  ...
Türkinnen schieben Kinderwagen durch einen Basar in Istanbul.Bild: keystone

Zum Vergleich: Die Schweiz investierte im gleichen Zeitraum 1,2 Prozent des BIP (gesamtes BIP 2019: 721,4 Milliarden USD) als finanzielle Unterstützung für Familien, 0,5 Prozent in Angebote für Familien und weitere 0,5 Prozent des BIP in Steuererleichterungen für Familien. Damit tummelt sich die Schweiz im Mittelfeld. Spitzenreiter bei den OECD-Staaten, wenn es um die Unterstützung von Familien aus den öffentlichen Ausgaben geht, sind Frankreich, Schweden und Luxemburg.

Gleichzeitig ist die Inflation in der Türkei seit Jahren astronomisch. Auch im April wurde dieser Trend nicht gebrochen: Waren und Dienstleistungen kosteten durchschnittlich 69,80 Prozent mehr als im Vorjahr. Betroffen von den steigenden Preisen sind auch Lebensmittel.

Erdogan hat mit seiner Frau Emine übrigens zwei Töchter und zwei Söhne. Seine Jüngste, Sümeyye, trägt manchmal sogar Sneaker:

ISTANBUL, TURKEY - SEPTEMBER 20: Turkey Technology Team Foundation (T3 Foundation) Chairman of the Board of Trustees Selcuk Bayraktar (R) and Sumeyye Erdogan Bayraktar (L), the vice chairman of the Wo ...
Sümeyye Erdogan mit Ehemann Selcuk Bayraktar im Jahr 2018. Sümeyye hat in den USA studiert. Bild: Anadolu

Die Türkei und die trojanischen Pferde am ESC

Die Türkei nahm bislang 34 Mal am Musikwettbewerb teil. 2003 holte Sertab Erener den Sieg mit dem Hit «Everyway That I Can» (zu Deutsch: auf jede erdenkliche Weise).

epa11327267 Sertab Erener who represented Turkey in 2003 and won with the song "Everyway that I can", performs as an interlude during during the first rehearsal of the second semi-final of t ...
Sertab Erener zeigt neckisch Bein beim ESC.Bild: keystone

Eine Dekade später, 2013, zog sich die Türkei vom Wettbewerb zurück. Als Grund wurde das Abstimmungsverfahren bemängelt sowie die Tatsache, dass die fünf zahlstärksten Nationen auch ohne Halbfinale in der grossen Samstagabendshow teilnehmen dürfen.

Dass die Türkei nach dieser Kritik nicht mehr zum ESC zurückkehrte, hat dann aber nicht mit Geld, sondern mit den «trojanischen Pferden der sozialen Korruption» zu tun, wie es Erdogan am Montagabend ausdrückte. Denn 2013 war auch das Jahr, als die finnische Sängerin Krista Siegfrids auf der Bühne ihre Backgroundsängerin küsste.

ESC 2013 in Malmö - Grand Final Dress Rehearsal Malmö, Schweden, 17.5.2013. Sängerin Krista Siegfrids präsentiert den Song Marry Me für Finland beim Grand Final des Eurovision Song Contest. Malmö Malm ...
Sängerin Krista Siegfrids präsentiert den Song «Marry Me» für Finnland beim Grand Final des Eurovision Song Contest 2013.Bild: www.imago-images.de

Und dann ist da noch die Sache mit Conchita Wurst, die 2014 den ESC gewann. Diese ist dem Präsidenten und seinen Anhängern ein Dorn im Auge. Ibrahim Eren, der General Manager des türkischen Staatsfernsehens TRT, sagte 2018:

«Als öffentlich-rechtlicher Sender können wir nicht um 21 Uhr – wenn die Kinder noch wach sind – jemanden wie den bärtigen Österreicher übertragen, der einen Rock trägt, nicht an Geschlechter glaubt und sagt, dass er sowohl ein Mann als auch eine Frau ist.»
epa04200236 Conchita Wurst represending Austria performs during the 59th annual Eurovision Song Contest (ESC) at the B&W Hallerne in Copenhagen, Denmark, 10 May 2014. Sixteen countries are competi ...
Conchita Wurst trägt Bart und Kleid.Bild: EPA/SCANPIX DENMARK

Und jetzt also Nemo. Das Bieler Musiktalent fördert die «Geschlechtszentralisierung», wie Erdogan überzeugt ist. So sagte er am Montagabend in seiner Kabinettsrede:

«Es bestätigt sich je länger, je mehr, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben, indem wir die Türkei in den vergangenen zwölf Jahren aus diesem schändlichen Wettbewerb herausgehalten haben.»

Das Wegbleiben der Türkei ist vorwiegend für Aserbaidschan schade, das regelmässig 12 Punkte vom türkischen Nachbarn einheimste.

LGBTI* in der Türkei

Erdogans Aussagen zum ESC stehen sinnbildlich dafür, wie mit der LGBTI*-Community in der Türkei umgegangen wird. Dabei sang Sertab Erener vor über 20 Jahren in ihrem Siegersong noch:

«You make me feel just like I should (...). Now the rest of the world is overruled.»
Du gibst mir das Gefühl, genau so zu sein, wie ich es sollte. Jetzt wird der Rest der Welt überstimmt.

So zu fühlen, dass es sich gut anfühlt, gilt in der Türkei allerdings nur für die heterosexuelle Liebe. Denn Erdogans rechtspopulistische «Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung», mit ihren islamischen Werten, hat in den vergangenen Jahren immer weniger Toleranz gegenüber LGBTI*-Rechten gezeigt.

Rechtlich gesehen ist Homosexualität zwar seit 1852 kein Strafbestand mehr, trotzdem werden homosexuelle Menschen gesellschaftlich geschnitten. Seit 2015 werden Pride-Veranstaltungen – und mögen sie noch so klein sein – in der Türkei systematisch verboten. Immer wieder werden LGBTI*-Personen an Veranstaltungen festgenommen. Im Juni 2023 gingen Bilder um die Welt, die zeigten, wie die Polizei an der Trans Pride in Istanbul zehn Personen festnahm und dabei exzessive Gewalt anwandte.

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Festnahmen während der Trans Pride in Istanbul am 18. Juni 2023.Bild: keystone
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Die Polizei blockiert die Trans Pride in Istanbul im Juni 2023.Bild: keystone

Für einen regelrechten Eklat sorgte der türkische Innenminister Süleyman Soylu im Jahr 2021, als er vier Studierende auf Twitter als «LGBT-Perverse» bezeichnete. Der Post ist zwar noch online, hat aber den Vermerk, dass er gegen die X-Regeln verstosse. Die Studierenden waren zuvor festgenommen worden, weil sie in einer Kunstausstellung auf dem Campus ein Werk zeigten, auf dem das zentrale Heiligtum des Islam, die Kaaba in Mekka, mit einem Symbol der LGBTI*-Gemeinschaft abgebildet war.

2022 unterstützte die türkische Rundfunkaufsichtsbehörde RTÜK einen Werbespot, in dem LGBTI* als «Virus» bezeichnet und für die «Zerrüttung von Familien» verantwortlich gemacht wird.

Dies sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, wie die LGBTI*-Community in der Türkei in Gefahr ist. Im Juni 2023 schrieb Amnesty International dazu:

«Durch die Verschärfung der Anti-LGBTI*-Rhetorik hat die türkische Regierung dazu beigetragen, Vorurteile zu schüren und Anti-LGBTI*-Gruppen zu ermutigen; einige unter ihnen haben gar zu Gewalt gegen LGBTI*-Communitys aufgerufen.»

Erdogans Statement gegen Nemo und den ESC passt in diese Entwicklung.

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273 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wespenstich
21.05.2024 16:14registriert August 2022
Kind: "Mama, weshalb trägt dieser Mann einen Rock?"
Mama: "Weil ihm das gefällt."
Kind: "Kann ich noch mehr Kekse haben?"

Kind: "Mama, die beiden Männer küssen sich!"
Mama: "Jap, die haben sich lieb."
Kind: "So wie du und Papa?"
Mama: "Genau, so wie ich und Papa."
Kind: "Gibt es heute Spaghetti?"

Thema erledigt. Kinder muss man nicht vor dem Anblick von Männern in Drag oder nonbinären Menschen oder Homosexuellen schützen. Die interessieren sich sowieso nicht länger als 5 Sekunden dafür - vor allem dann nicht, wenn man solche Themen ganz pragmatisch normalisiert abhandelt.
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Dä isches gsi
21.05.2024 16:15registriert März 2017
Wir die Kurden feiern Nemo und sind stolz auf ihn💐😊❤️
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Project47North
21.05.2024 16:04registriert August 2022
Ein alter, störrischer Bock... Dem ist nichts mehr beizubringen.
Alles was man tun kann ist abwarten, bis das türkische Volk ihn nicht mehr wählt oder er ins Gras beisst.
Und egal was von beidem, man kann nur hoffen, dass es zeitnah passiert.
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