Massaker von Srebrenica: «Schlächter von Bosnien» könnte bald sterben
Der verurteilte Kriegsverbrecher Ratko Mladić ist nach Angaben seiner Anwälte schwer erkrankt. Der frühere bosnisch-serbische Militärchef habe einen medizinischen Notfall erlitten und befinde sich in einem Zustand «fortgeschrittenen, irreversiblen gesundheitlichen Verfalls», heisst es in einem Antrag an ein UN-Gericht.
Mladić, der eine lebenslange Haftstrafe in Den Haag verbüsst, soll während eines Telefonats mit seinem Sohn vermutlich einen Schlaganfall erlitten haben. Seitdem könne der 84-Jährige nicht mehr sprechen und habe Schwierigkeiten beim Schlucken, argumentiert seine Verteidigung. Das Gefängniskrankenhaus sei nicht ausreichend ausgestattet, um ihn angemessen zu versorgen.
Die zuständige Richterin Graciela Gatti Santana hat eine unabhängige medizinische Untersuchung angeordnet. Diese soll klären, wie ernst der Zustand Mladićs ist und ob sich seine Lebenserwartung verlässlich einschätzen lässt. Seine Anwälte drängen auf eine schnelle Entscheidung und fordern eine vorläufige oder vorzeitige Freilassung aus humanitären Gründen.
Ex-General organisierte Massaker von Srebrenica
Mladić war 2017 vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien unter anderem wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt worden. Er hatte während des Bosnienkriegs in den 1990er-Jahren die bosnisch-serbischen Streitkräfte geführt.
Unter seinem Kommando standen unter anderem die Belagerung von Sarajevo sowie das Massaker von Srebrenica. Während der fast vierjährigen Belagerung der bosnischen Hauptstadt wurden mehr als 13'000 Menschen getötet. In Srebrenica ermordeten bosnisch-serbische Truppen mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen. Das Verbrechen gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.
Kritik von Opferverbänden
Der Antrag auf eine mögliche Haftentlassung stösst bei Menschenrechtsorganisationen und Opferverbänden auf scharfe Kritik. Emir Suljagić, Direktor des Gedenkzentrums von Srebrenica, erklärte, es sei unerträglich, dass Mladić womöglich ein würdiges Begräbnis erhalte, während viele seiner Opfer bis heute nicht identifiziert seien.
Auch die serbische Menschenrechtsaktivistin Nataša Kandić kritisierte die Forderung nach humanitären Zugeständnissen. Für die Angehörigen der Opfer habe es keine Menschlichkeit gegeben, erklärte sie.
Unterstützung erhält Mladić hingegen vom serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić. Er zeigte sich unverständlich darüber, dass ein schwer kranker Gefangener seine letzten Tage nicht ausserhalb des Gefängnisses verbringen dürfe. Mladićs Gesundheitszustand sei «sehr ernst», sagte Vučić.

