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Präsident John Magufuli erklärte im Juni Tansania als Corona-frei (Bild von 2015).
Präsident John Magufuli erklärte im Juni Tansania als Corona-frei (Bild von 2015).
Bild: AP
Interview

So lebt es sich in Tansania, wo Gott (angeblich) das Coronavirus vertrieb ...

Tansania meldete der WHO am 29. April letztmals einen Corona-Fall. Im Juni erklärte der Präsident, dass das Land das Virus vertrieben habe – dank vieler Gebete und Gottes Hilfe. Die Realität sieht anders aus. Und ist – selbst für Afrikakenner – verwirrend.
02.08.2020, 11:3929.09.2020, 10:48
Reto Fehr
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509 Corona-Fälle, 21 Tote. Der letzte Fall wurde vor 85 Tagen gemeldet, also am 29. April 2020. Das ist die offizielle Corona-Bilanz der WHO von Tansania.

Der Wahrheit dürfte dies kaum entsprechen.

Fakt ist: Am 29. April hörte Tansania auf, der WHO die neuen Fälle zu melden. Denn das damals einzige Testlabor wurde dann geschlossen, die leitende Virologin entlassen.

Am 8. Juni meldete Staatspräsident John Magufuli das Land als Corona-frei. Warum dies gelang, wusste er auch: «Ich möchte allen Tansanier jeglicher Glaubensrichtung danken. Wir haben gefastet und zu Gott gebetet, dass er das Virus besiegen möge.» Seine Landsleute sollen den Erfolg feiern und falls jemand aus dem Ausland Masken erhalte, könne er sie dem Spender lassen mit dem Hinweis, dass es in Tansania kein Corona mehr gäbe.

John Magufuli
John Magufuli ist seit 2015 Präsident Tansanias. Davor war er Arbeitsminister, wo er den Spitznamen «Traktor/Bulldozer» erhielt. Bei seinem Amtsantritt versprach er, gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Verschleuderung von Steuergeldern vorzugehen. So sagte er die Unabhängigkeitsfeiern ab, weil das Geld im Kampf gegen Cholera besser investiert sei oder Regierungsvertreter durften Auslandsreisen nicht mehr in der 1. Klasse absolvieren. 2018 wandte er sich gegen Verhütung und behauptete, dass Menschen, die verhüten, einfach zu faul für eine grosse Familie seien. Gegen Kritiker geht er resolut vor. Im Oktober stehen Wahlen an. Wie aus dem Nichts kam Gegenkandidat Tundu Lissu kürzlich hervor. Dieser wurde 2017 von einem Attentäter vor dem Parlament niedergeschossen, Lissu musste 19 Mal operiert werden, überlebte aber und kehrte jetzt zurück ins Land.

Mit ein Grund für die Ansage des Präsidenten ist eine verstörende Rede von ihm selbst. Er berichtete anfangs Mai darin von einem «schmutzigen Spiel mit den Tests». So habe die Regierung in seinem Auftrag Corona-Abstriche unter anderem bei Ziegen und Papayas gemacht, diese mit menschlichen Namen versehen und zum Testlabor geschickt. Die PCR-Tests hätten daraufhin unter anderem die Papaya als Corona-positiv ausgewiesen.

Wir konnten mit Ruud Elmendorp sprechen. Der in Kenia lebende holländische Video-Journalist reiste im März nach Tansania und wurde dann von der Grenzschliessung Kenias überrascht. Seither lebt er im Mikadi Beach Camp in Dar es Salaam, der grössten Stadt des Landes am indischen Ozean.

Ruud Elmendorp, wie kam es, dass du in Tanzania gestrandet bist?
Ruud Elmendorp:
Ich besuchte im März Freunde in Dar es Salaam. Am Tag meiner geplanten Rückkehr vermeldete Tansania den ersten Corona-Fall. Kenia schloss daraufhin sofort die Grenzen für Ausländer, die aus Tansania einreisen wollten. Seither bin ich hier. Es ist okay, ich habe Freunde hier und wohne eigentlich an einem paradiesischen Ort. Aber ich kann nicht weg.

Die Unterkunft Elmendorps in Tansania

Tansanias Präsident John Magufuli erklärte das Land vor Wochen als Corona-frei. Warum kannst du nicht weg?
Ja, in Tansania gibt es seit Anfang Juni keine offiziellen Massnahmen mehr gegen das Coronavirus.
Einreisen kann man. Aber nach Kenia komme ich nicht. Das soll sich allerdings in diesen Tagen ändern. Dann kann ich wohl – einen negativen Corona-Test vorausgesetzt – heim.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Sprechen wir über Tansania. Gibt es noch Restriktionen wegen Corona?
Nein. Offiziell nicht. Es gab eine Awareness-Kampagne zum Thema Corona und wir wurden aufgerufen, die Hände zu waschen, Masken zu tragen und so weiter. Wie in anderen Ländern auch. Aber dann sagte der Präsident: Das ist alles vorbei.

Der holländische Journalist Ruud Elmendorp verbrachte den Lockdown in Tansania.
Der holländische Journalist Ruud Elmendorp verbrachte den Lockdown in Tansania.
bild: Ruud elmendorp

Ist alles vorbei?
Ziemlich sicher nicht. Es ist auch nicht so, dass es jetzt keine Beschränkungen mehr gibt. Es gibt hier eine Art Öffentlichen Verkehr mit Bussen. Da kommst du nicht rein ohne vorher die Hände zu waschen. Oder auch die Büros der Staatsangestellten: Da kommst du ohne Maske nicht rein.

Der Präsident sagt, es ist vorbei, aber in die Büros der Behörden kommst du nicht ohne Maske?
Ja, es ist absurd. Ich kenne Afrika seit Jahren gut. Aber diese Situation ist extrem verwirrend. Das habe ich vorher noch nie so erlebt.​

Präsident Magufuli bei einer Rede seiner Partei im Juli in Dodoma. Der Amtsinhaber kandidiert für eine Wiederwahl im Oktober.
Präsident Magufuli bei einer Rede seiner Partei im Juli in Dodoma. Der Amtsinhaber kandidiert für eine Wiederwahl im Oktober.
Bild: keystone

Wie meinst du das?
Ich war schon in vielen afrikanischen Ländern, als diese beispielsweise von Ebola oder sonst einer Krankheit heimgesucht wurden. Da merkst du dann sofort, dass Ausnahmezustand herrscht. Weil die Spitäler stellen Betten auf die Strasse und so weiter. Aber hier ist dies aktuell nicht der Fall. Spitäler scheinen nicht an ihre Grenzen zu stossen. Sie tragen zwar alle Mundschutz wegen dem Virus, aber überlastet sind sie nicht. Und auch hier im Umfeld habe ich nicht gehört, dass viele Leute Angehörige oder Bekannte verloren hätten wegen Covid-19.

Du hast einen Artikel für die «Voice of America» geschrieben, in welchem du der Frage nachgingst, ob Tansania wirklich Corona-frei sein könne. Du hast keine direkte Antwort geben.
Ja, ich kann es nicht beurteilen. Ich besuchte Friedhöfe, da sah ich nicht viele neue Gräber, in der Innenstadt von Dar läuft alles wie normal, die Fähre in der Stadt war überfüllt wie immer, die Spitäler waren nicht überfüllt, Schulen sind geöffnet. Eine Mitarbeiterin in einem Café sagte mir, das Virus sei in Italien, nicht in Tansania. Aber klar: Es gibt auch andere Anzeichen.

Die Fähre in Dar es Salaam ist überfüllt wie immer. An Abstände hält sich niemand.
Die Fähre in Dar es Salaam ist überfüllt wie immer. An Abstände hält sich niemand.
bild: Ruud Elmendorp

Welche?
NGO-Mitarbeiter sagen mir, dass das Virus noch da ist und man weiterhin vorsichtig sein muss. Und dann gibt es diese zwei Welten hier. In reicheren Gegenden sind Geschäfte geschlossen, es wird im Home Office gearbeitet und an Corona-Teststellen stehen die Menschen in Schlangen an.

Kilimandscharo, Safari und Sansibar
Der Schweizer Dominik Abt war anfangs Juli für Aktivferien.com in Tansania, bestieg den Kilimandscharo, ging auf Safari und besuchte Sansibar. Auch er berichtet von keinen Einschränkungen, aber Massnahmen wie bei uns betreffend Abstände, Hände waschen und wenn nötig Masken tragen. Die Menschen seien sich der Problematik sehr bewusst, selbst in der Kibo-Hütte auf 4700 Metern hängt ein Handdesinfektionsmittelspender. Im Ngorongoro-Krater, einem der Safari-Hotspots Afrikas, waren sie alleine unterwegs. Die Guides und Fahrer trugen Masken.

Ich dachte, das einzige Testlabor des Landes sei geschlossen worden?
Ja, das sind keine offiziellen Tests der Regierung. Aber jeder hier kann sich an gewissen Stellen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen – und das wird rege genutzt.

Du sagst, in reicheren Gegenden schützt man sich mehr gegen das Virus als in ärmeren. Wieso?
Die Leute können es sich leisten. In ärmeren Gegenden leben die Menschen von der Hand in den Mund. Sie können sich nicht erlauben, ihr Geschäft zuzumachen oder nicht zum Markt zu gehen.

Corona-gerechte Waschstelle beim Kilimandscharo. Funktioniert mit Fusspedalen.
Corona-gerechte Waschstelle beim Kilimandscharo. Funktioniert mit Fusspedalen.
bild: dominik abt

Könnte es auch mit der Möglichkeit zu tun haben, dass nicht alle an Informationen zum Virus kommen?
Kaum. Die Leute sind nicht dumm. Sie haben Internet, schauen TV. Nur weil der Präsident etwas sagt, heisst es nicht, dass alle ihm blind folgen.

Steht er in der Kritik?
Es ist eine schwierige Situation. Die Mehrheit steht hinter ihm und sieht ihn als guten Führer. Aber in der Corona-Frage
sind sich nicht alle einig.

Wie ernst wird das Virus in Tansania genommen?
Allgemein habe ich das Gefühl, nicht sehr. Aber das kommt auf den Ort und die Umstände an.

An der Landgrenze zu Kenia wurden viele Fälle von Lastwagenfahrern gemeldet, die aus Tansania kommend mit dem Virus infiziert waren.
Ja, das habe ich auch gehört. Gut möglich. Ich habe mich in den letzten Wochen nur in Dar es Salaam aufgehalten.

Lastwagenfahrer aus Tansania werden auf der kenianischen Seite auf das Coronavirus getestet.
Lastwagenfahrer aus Tansania werden auf der kenianischen Seite auf das Coronavirus getestet.
Bild: keystone

Schützt du dich, wenn du dein Beach Camp verlässt?
Ja, ich trage beispielsweise eine Maske und versuche Abstand zu halten. Da kassiert man dann auch mal schräge Blicke von Leuten im Stil von «Warum trägst du eine Maske? Hier gibt es kein Corona».

Ich las von einem «Wundermittel» in Tansania, das Corona bekämpfen kann.
Ja, es heisst «Covidol» und wurde aus Kräutern hier in Tansania gebraut. Ich habe es getestet. Ob es mich vor Corona geschützt hat, weiss ich nicht. Geschadet hat es mir nicht, schmecken tut es nicht sonderlich. Die Verkäuferin sagt mir, dass sie sehr viel davon verkaufe.

Das angebliche Wundermittel Covidol.
Das angebliche Wundermittel Covidol.
bild: ruud elmendorp

Wie sicher fühlst du dich im Beach Camp?
Eigentlich sicher. Ich bin seit vier Monaten hier. Ich weiss nicht, ob ich zuhause in Kenia oder hier sicherer bin vor dem Virus. Ich hatte hier auch mal Tage, an denen es mir nicht gut ging, ich mich kränklich fühlte. Vielleicht hatte ich mich infiziert und einen milden Verlauf. Ich weiss es nicht.

Wie wird sich die Situation in Tansania entwickeln?
Ich kann es nicht sagen. Wie erwähnt, es gibt hier viele Widersprüche, ich bin wirklich unsicher, was ich glauben kann. Aber ich freue mich, wenn ich hoffentlich bald heim nach Kenia kann.

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