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Interview

Jean Ziegler über Mugabe: «Dass China dahinter steckt, ist durchaus möglich»

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler kennt Simbabwes Diktator Robert Mugabe persönlich. Im Interview spricht er über seine Gefühle für Mugabe und die Katastrophe in Simbabwe.

Samuel Schumacher / Nordwestschweiz



Kein Schweizer kennt Robert Mugabe besser als der Genfer Soziologe und ehemalige SP-Nationalrat Jean Ziegler (83). Ziegler hat den Despoten, der sich hartnäckig an der Macht zu halten versucht, zweimal persönlich getroffen – in seiner Funktion als Sonderberichterstatter der UNO. Erst kürzlich hat Ziegler Simbabwe wieder besucht. Das Land, sagt er, sei in einer «Teufelsspirale der Perversion» gefangen.

Robert Mugabe wurde in der Nacht auf Mittwoch von den Streitkräften seines Landes faktisch abgesetzt. Ein Freudentag für Simbabwe?
Jean Ziegler:
Das kann man noch nicht definitiv sagen. Sicher ist, dass Mugabes Regime über die vergangenen Jahre stets korrupter wurde. Die Situation im Land ist schlimm. Mugabe hätte längst zurücktreten und die Macht an eine demokratisch gewählte Regierung übergeben sollen. Ob die Generäle, die jetzt an den Schaltern der Macht sitzen, im Gesamtinteresse handeln, wird sich weisen.

FILE - In this June 2, 1982 file photo Zimbabwe Prime Minister Robert Mugabe is seen in Bonn, West Germany. Mugabe seemed almost untouchable for much of his nearly four-decade rule. Shrewd and ruthless, he managed to stay in power despite advancing age, growing opposition, international sanctions and the dissolving economy of a once-prosperous African nation. Now, the apparent abrupt end of the Mugabe era is launching Zimbabwe into the unknown. It's a humbling close to the career of a man who crushed dissent or sidelined opponents after leading Zimbabwe since (AP Photo/Fritz Reiss, File)

Robert Mugabe wurde abgesetzt. Bild: AP/AP

Warum passiert dieser «Putsch» gerade jetzt?
Die Korruption in Simbabwe hat einen Grad erreicht, der nicht mehr tolerabel war. Das Land steuerte auf eine soziale Katastrophe zu.

Sie kennen die Situation aus erster Hand. Wie zeigt sich diese Katastrophe im Land?
Ich war kürzlich im Rahmen einer UNO-Mission in Simbabwe. Vielerorts sieht man hungernde Kinder. In Bulawayo, der zweitgrössten Stadt des Landes, sah ich überall Bettler.

Beobachter sagen, die Streitkräfte hätten die Macht übernommen, weil sie verhindern wollen, dass Mugabes Frau Grace dessen Nachfolge antreten kann. Ist da etwas dran?
Grace Mugabes Machtanspruch hat sicher auch eine Rolle gespielt. Sie ist eine Inkarnation der Korruption Simbabwes. Auch Fremdeneinfluss ist aber nicht ganz auszuschliessen. Simbabwe ist ein strategisch wichtiges Land mit einem unglaublich fruchtbaren Boden und zahlreichen Bodenschätzen. Die Amerikaner, die Briten oder auch multinationale Gesellschaften könnten den Machtwechsel befördert haben.

Der Soziologe und Autor Jean Ziegler sitzt am 17.03.2017 in Koeln (Nordrhein-Westfalen) bei einer Probe zur Lesung seines Buches

Jean Ziegler war erst kürzlich in Simbabwe. Bild: dpa

Simbabwes Militärchef war vergangene Woche bei Chinas Verteidigungsminister Chang Wanquan in Peking zu Besuch. Es gibt Fotos des Treffens. Purer Zufall?
Dass China hinter der Entwicklung steckt, ist durchaus möglich. Das Land hat einen unglaublichen Hunger nach afrikanischen Rohstoffen und wendet alle Methoden an, um sich Handels- und Abbaurechte in Afrika zu sichern.

Ein Interesse an Mugabes Absetzung hat der vergangene Woche gefeuerte und geflohene Vizepräsident Emmerson Mnangagwa, der offenbar bereits ins Land zurückgekehrt ist. Was würde die Machtübernahme durch ihn für Simbabwe bedeuten?
Grundsätzlich ist jede Entwicklung, die das Mugabe-Regime beendet, willkommen. Ob Mnangagwa dem Land guttun würde, kann man derzeit nicht sagen. Festhalten muss man aber auch, dass in der ganzen Entwicklung eine gewisse Tragik steckt.

Wie meinen Sie das?
Mugabe, von Haus aus ein armer Dorfschullehrer, war einst ein Revolutionär mit einer grossen, bewundernswerten Energie. Er hat im Exil im benachbarten Moçambique die Befreiungsarmee aufgebaut und mit seinen Truppen erfolgreich gegen die weisse Minderheitsregierung gekämpft, die unter dem Tabakpflanzer Ian Smith in den 70er-Jahren die Macht im Land innehatte – unterstützt vom Apartheidsregime in Südafrika.

Vom Freiheitskämpfer zum Despoten: Robert Mugabe

Video: srf

Dafür bewundern Sie Mugabe. Das hat Ihnen einige Kritik eingebracht.
Mugabe gewann den Krieg gegen die unterdrückerische Regierung von Ian Smith unter schrecklichen Opfern. Nach seiner Machtübernahme 1980 entwickelte er sich aber mehr und mehr von einem bewundernswerten Befreiungsführer zu einem Despoten. Die Teufelsspirale der Perversion drehte sich immer schneller, Menschenrechte wurden aufs Schwerste verletzt.

Die Besitzverhältnisse im Land blieben aber vorerst dieselben. Die weisse Minderheit behielt das gute Land, die schwarze Mehrheit litt weiterhin.
Der Friedensvertrag, das Lancaster-House-Abkommen, sicherte der weissen Minderheit die Besitzrechte zu. Mugabe hat vor sechs Jahren schliesslich trotzdem durchgegriffen und die weissen Bauern enteignet. Statt das Land an die von Armut geplagte Bevölkerung zu verteilen, schanzte er es aber seinen eigenen Kumpanen zu. Das zeigt die Perversion des Systems Mugabe. Viele, die ihm bis dahin loyal waren, wandten sich von ihm ab. Die Entwicklungen der letzten Tage sind die längst fälligen Spätfolge davon. Simbabwe hat eine unerhört arbeitsame, pluriethnische, uralte, kultivierte Bevölkerung. Ihr wäre eine Zukunft des Glücks und der Menschenwürde zu gönnen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • DerElch 17.11.2017 09:40
    Highlight Highlight Zimbabwe ist für mich eines der faszinierendsten Ländern. Es ist bzw war unglaublich hoch entwickelt, hatte Schulpflicht und eine hohen Bildungsgrad, die Zimbabwer sind im südlichen Afrika hochangesehene, arbeitsame Leute und gerngesehene Arbeitskräfte. Es hatte einen gut entwickelten Tourismus. Mugabe hat vieles kaputt gemacht – aber es ist in den Grundzügen noch da und kann mit der richtigen Regierung reaktiviert werden.

    Ich bin oft in Zimbabwe und im gesamten süd- und mittelafrikanischen Raum gereist und habe auch dort gelebt, kenne das Land und die Geschehnisse aus eigener Erfahrung.
  • rodolofo 17.11.2017 07:45
    Highlight Highlight In den Philippinen hatte ich vor langer Zeit mal die Gelegenheit, eine alternative Fair Trade-Handelsorganisation zu besuchen, auf der "Zucker-Insel" Negros.
    Die idealistischen und Links-Revolutionären Aktivisten gaben mir einen kleinen Einblick in ihre Welt.
    Sie bewegten sich zwischen skrupellosen Landlords und deren Privat-Armeen, irren Kanibalen, Massen-Armut und Massen-Arbeitslosigkeit und der Kommunistischen Guerilla.
    Nicht einfach!
    Sogar die ansonsten hochgradig korrupte Katholische Kirche engagierte sich angesichts eines solchen Elends in Christlichen Basis-Gemeinden...
    • Khoris 17.11.2017 08:59
      Highlight Highlight Auch wenn Korruption in der Kirche ein Problem sein mag, sie tut viel mehr gutes, als Sie der Kirche mit ihrem Beitrag zugestehen. Allerdings hängt sie das nicht an die grosse Glocke ganz im Sinne von: Deine linke Hand soll nicht wissen was deine Rechte tut (Mt, 6:3)
    • rodolofo 17.11.2017 09:40
      Highlight Highlight Ach was!
      Diese Barmherzigen Spenden für die "Armen Negerli" sollen doch vor allem das schlechte Gewissen der Gläubigen beruhigen, die im teuren Nerzmantel in der schlecht geheizten Kirche ausharren, bis die Priesterliche Standpauke vorbei ist und sie sich ihrem Sonntagsbraten widmen können!
      Und wieviel kostet nur der Unterhalt dieser protzig-prächtigen Kirchenbauten, in denen die Bischöfe mit demütig gefalteten Wurstfingern herum wandeln und uns ihr gütiges Lächeln präsentieren?
      Aber gegen solche gut gemeinten Basisprojekte habe ich überhaupt nichts einzuwenden!
      Wie Naturaplan von COOP.

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