«Die, die man als Putin-Versteher bezeichnet, verstehen Putin am allerwenigsten»
Welche Verantwortung trägt das russische Volk für den Krieg in der Ukraine?
Alexander Estis: Die Verantwortung des Bevölkerungskollektivs ist absolut gegeben. Ohne Rückhalt in einem grossen Teil der Gesellschaft wäre dieser Krieg nicht möglich. Zugleich nimmt die Verantwortung nach unten hin ab: Die Hauptlast tragen politische Eliten, Geheimdienste, Militär und Oligarchen. In der gewöhnlichen Bevölkerung gibt es einerseits nationalistische Hardliner, die den Krieg aktiv befürworten. Andere wünschen sich zwar Frieden, teilen aber imperiale Machtansprüche – etwa dass der Donbass zu Russland gehören müsse. Und es gibt eine Minderheit, die klar gegen den Krieg ist, aber kein Gehör findet.
Sie klagen, dass viele im Westen die Russen falsch interpretieren und nicht wirklich verstehen, wie diese russische Gesellschaft tatsächlich zum Krieg steht. Was genau werfen Sie westlichen Beobachtern vor?
Der Westen unterschätzt oft die Heterogenität der russischen Gesellschaft. Wenn von «den Russen» oder ihrem «Willen» die Rede ist, bleibt das eine Pauschalisierung, die zentrale Unterschiede in Lebensrealitäten, Ängsten und Zukunftsvorstellungen ausblendet.
Was ist die Konsequenz daraus?
Die einen verteufeln pauschal «die Russen» und suchen nach den Abgründen der russischen Seele, dem bösen russischen Bären. Das führt ebenso in die Irre wie die Apologie der Putin- und Russland-Versteher, etwa eines Roger Köppel, die nach Moskau reisen und dann behaupten, es sei alles gar nicht so schlimm und Russland sei frei – ohne jegliches Verständnis dafür, wie diese Gesellschaft auch selbst, ob bewusst oder unbewusst, leidet.
Mit «Schergenstaat Russland» haben Sie nun ein Buch vorgelegt, in dem Sie die Beschaffenheit der russischen Gesellschaft ausführlich beschreiben. War diese Aufklärungsarbeit Ihr Hauptantrieb beim Schreiben?
Es war zunächst eine Art, mit dem Krieg umzugehen. Russland tut etwas, das mich bestürzt, entsetzt, anwidert – und ich muss zumindest irgendwie reagieren. Gleichzeitig entspricht das Russlandbild vieler – auch sogenannter Russlandexperten – im Westen nicht den Tatsachen. Als jemand, der das Land von innen kennt und Kontakte in die Gesellschaft hat, wollte ich dem etwas entgegensetzen.
Von sich selbst sagen Sie im Vorwort Ihres Buches, Sie seien eigentlich Schriftsteller und kein tagespolitischer Journalist. Warum wählten Sie gerade diese Form der Berichterstattung?
Ich habe schon zwei belletristische Bücher geschrieben, die mit Russland zu tun haben. Eigentlich hatte ich damit schon fast abgeschlossen. Die literarische Beschäftigung mit solch einem Thema erfordert sehr viel Zeit, Vertiefung und eine gewisse Distanz. In dem Fall kam es aber sehr auf die Tagesaktualität an. Die Nachrichten überschlugen sich zu Kriegsbeginn, und das hält bis heute an. Die Faschisierung der russischen Politik und Gesellschaft schreitet rasend voran, ein Gesetz nach dem anderen wird erlassen, Menschen verhaftet, Medien geschlossen. Jede Nachricht führt zu einer inneren Empörung zum Gefühl, dem etwas entgegensetzen zu müssen. Das erzeugt ganz andere Arbeitsformen und Routinen, als die literarische Arbeit erfordert.
In einem Ihrer Essays rufen Sie dazu auf, «Putin-Versteher» zu werden. Wie sollen wir das denn verstehen?
Das ist natürlich ein bewusst provokativer Appell. Gerade die Menschen, die man als Putin-Versteher bezeichnet, verstehen Putin als Person und als Produkt eines bestimmten Systems in Wahrheit am allerwenigsten. Sie haben Verständnis für ihn, aber kein Verständnis seiner Natur. Vieles geht übrigens auch in der Übersetzung verloren – etwa wenn er sich kriminellen Jargons bedient.
Was können wir tun, um Putin besser zu verstehen?
Man sollte vor allem auf jene hören, die das russische System aus eigener, meist leidvoller Erfahrung kennen: oppositionelle Politiker, Journalisten und Wissenschaftler, die aus Putinrussland geflohen sind. Sie verstehen die inneren Logiken und vor allem Nuancen oft besser als westliche Experten, auch wenn einige von ihnen ein für mich zu optimistisches Russlandbild vertreten. Problematisch sind aber insbesondere hiesige Stimmen, die Putin verharmlosen oder als verlässlichen Verhandlungspartner darstellen – teils aus Fehlinterpretation, teils aufgrund der eigenen Agenda. Putin hält Vereinbarungen nicht deshalb ein, weil sie geschlossen wurden, sondern nur, wenn sie seinen Interessen dienen oder wenn er unter Zwang ist. Wer ihn anders darstellt, täuscht sich – oder das Publikum.
Sie selbst bezeichnen ihn als «Strassenschläger» mit Geheimdienstausbildung. Wie gefährlich ist diese Kombination?
Extrem gefährlich. Persönlich kommt er aus einem kriminellen Milieu, geprägt von Gewaltbereitschaft, Prinzipienlosigkeit, dem Recht des Stärkeren. Durch seine Ausbildung in den Geheimdiensten wurde diese Aggressivität professionalisiert und strategisch nutzbar gemacht. Er kann sich zugleich als volksnaher Typ inszenieren, der die einfache, direkte, aggressive Sprache des Volkes spricht, und doch auch als kalkulierender Stratege agieren. Was er sagt, ist selten genau so gemeint, sondern steht im Dienste innen- oder aussenpolitischer Kommunikationsziele. Westliche Politiker nehmen seine Aussagen oft viel zu wörtlich.
Was treibt ihn an?
Ich versuche, psychologische Deutungen zu vermeiden. Ob Putin narzisstisch, soziopathisch oder paranoid ist, sollen Psychologen beurteilen. Was ihn antreibt, ist aus meiner Sicht trivial: unstillbarer Machthunger. Seine Motivationen und seine Methoden sind die eines Strassenschlägers, der noch mehr Häuserblocks kontrollieren will, und die eines korrupten Behördenmitarbeiters, der sich im System hochintrigiert. Putin folgt keiner festen Ideologie. Seine Widersprüche sind kein Zufall, sondern Ausdruck von Opportunismus: Er sagt jeweils das, was seinem Machtinteresse in der konkreten Situation nützt. Es gibt natürlich ideologische Bestandteile, etwa seine Vorstellung von russischer Grösse und die Kränkung der zerfallenen Grossmacht. Aber auch all das kreist offensichtlich um den Wunsch, als mächtig und gefährlich wahrgenommen zu werden – ob als Person oder bezogen auf das eigene Land. In diesem Sinne ist Putin für mich ein absolut trivialer Tyrann.
Irgendwann muss doch der Punkt kommen, an dem ihm die Russen die Gefolgschaft verweigern.
Das ist ein ganz zentraler Punkt: Die Russen sind seit der Zarenzeit eine extrem leiderprobte Gesellschaft. Das Leben des gewöhnlichen Bürgers hatte und hat kaum Wert. Zugleich ist die Bevölkerung massiv eingeschüchtert. Die meisten sagen sich: Solange ich nicht direkt betroffen bin, halte ich mich raus. Und wenn sie dann direkt betroffen sind, ist es natürlich zu spät. Das führt zu Vereinzelung, Apolitismus und einem Rückzug ins Private. Hinzu kommt, dass viele ums tägliche Überleben kämpfen. Für sie erscheint der Krieg gegenüber ihrem jämmerlichen Alltag manchmal gar nicht als der Abgrund, der er ist.
Mütter schicken ihre Söhne bewusst in den Krieg – im Wissen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben, aber auch in Aussicht auf finanzielle Entschädigung. Am Ende heisst es, der Sohn habe eben was fürs Vaterland und für die Familie getan. Es gibt diese bekannten Interviews mit Müttern: Wie kühl, gefasst und emotionslos manche über ihre getöteten Kinder sprechen, ist aus humanistischer, westlicher Sicht kaum zu begreifen. Das zeigt, wie tief diese Abstumpfung reicht. Deshalb muss man verstehen, dass grösserer Protest kaum je zu erwarten ist. Die meisten Oppositionellen sind längst im Exil. Und es gibt seit Nawalnys Tod keine Galionsfigur mehr, die Menschen hinter sich versammeln könnte. Diese Figur ist ermordet worden.
Die Entstehung einer echten Opposition wird durch Repression unterdrückt, aber Sie schreiben auch, dass dieser Prozess schon viel früher anfing. Welche Rolle spielt die Propaganda?
Repression und Indoktrination wirken wie eine Zange zusammen. Dies macht gesellschaftlichen Widerstand beinahe unmöglich und äusserst unwahrscheinlich. Selbst grosse Netzwerke von Oppositionellen, wenn es sie gäbe, könnten kaum handlungsfähig werden, weil der Staat sehr erfahren darin ist, Protest zu zerschlagen. Menschen werden bisweilen aufgrund ihrer Online-Posts verhaftet, noch bevor sie zu einem Protest auf die Strasse gehen können. Veränderung wäre allenfalls denkbar, wenn sich Teile des Militärs gegen die Führung wenden – doch auch das ist wenig wahrscheinlich. Unzufriedenheit nimmt nach oben hin ab: Es gibt es vor allem bei einfachen Soldaten, kaum in den höheren Rängen. Am ehesten kann sich in Russland etwas durch militärische Erfolge der Ukraine ändern.
Alexander Estis liest am 25. Februar in der Aargauer Kantonsbibliothek in Aarau aus seinem neuesten Buch «Schergenstaat Russland».
