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Plagiatsjäger Stefan Weber im Interview: Er will sein Vorgehen ändern

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«Keine Jagd auf Menschen»: Plagiatsprüfer will Vorgehen nach Suizidversuch ändern

Er will kein Plagiatsjäger mehr sein, obwohl er sich bisher selber so bezeichnet hat. Stefan Weber hat die Vize-Chefin der «Süddeutschen Zeitung» beim Abschreiben erwischt und in eine Krise gestürzt. Jetzt äussert er sich selbstkritisch.
17.02.2024, 09:52
Andreas Maurer / ch media
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Der Sturm der Kritik braut sich im Dezember zusammen. Im Zentrum steht Alexandra Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredaktorin der «Süddeutschen Zeitung» (SZ). Sie hat ein Buch mit dem Titel «Journalisten müssen supersauber sein» geschrieben, doch selber hält sie sich gemäss dem «Medieninsider» nicht daran. Das Berliner Magazin wirft ihr vor, als Nahostexpertin in mehreren Artikeln ohne Quellenangabe aus anderen Texten abgeschrieben zu haben.

ABD0046_20240208 - WIEN - �STERREICH: ++ ARCHIVBILD ++ ZU APA0354 VOM 8.2.2024 - Im Inn, an der Grenze zwischen �sterreich und Bayern, hat am Donnerstag, 8. Februar 2024, eine gro�angelegte Suchaktion ...
Die Journalistin Alexandra Föderl-Schmid, hier im Frühjahr 2023 im Parlament in Wien.Bild: keystone

Die 53-Jährige verteidigt sich. Es handle sich bei diesen Passagen nicht um geistige Eigenleistungen, sondern um Faktenbeschreibungen, entgegnet sie.

Danach arbeitet die SZ-Redaktion das Thema an einer internen Konferenz auf, sieht das Problem dabei aber vor allem in einer politisch motivierten Verleumdung. Der «Medieninsider» macht auch dies publik. Darauf lässt sich die SZ-Chefredaktion zu einer Überwachungsaktion hinreissen, um in den eigenen Reihen nach der Quelle der Indiskretion zu suchen, allerdings erfolglos. Damit eskaliert der Fall.

Stefan Weber ist Kommunikationswissenschafter und «Plagiatsjäger». Mit sechs Mitarbeitern bietet er Gutachten zu Plagiaten und Lebensläufen an. In der Schweiz hat er bereits einem St. Galler Professor, einer Zürcher SVP-Kantonsrätin und dem Gewerbeverbandsdirektor Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten vorgeworfen. Insgesamt haben schon 13 Personen wegen ihm akademische Grade verloren.

Stefan Weber Plagiatsjäger
Er sorgt für Transparenz: der 53-jährige Kommunikationswissenschafter Stefan Weber aus Salzburg.Bild: Joachim Bergauer

Weber interessiert sich für die deutsche Affäre und meldet sich beim Portal «Nius» von Ex-«Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt. Für ein tiefes vierstelliges Honorar holt er sich den Auftrag, die Doktorarbeit von Föderl-Schmid zu untersuchen. Schon in der Einleitung findet er Textfragmente, welche die Autorin ohne Quellenangabe abgeschrieben habe. Zudem wirft er ihr Plagiate in weiteren journalistischen Arbeiten vor. Als «Nius» am 5. Februar in zwei Artikeln darüber berichtet, zieht sich Föderl-Schmid aus dem Tagesgeschäft zurück.

Weber macht darauf auf eigene Faust weiter und publiziert am 7. Februar auf seinem Blog weitere Plagiatsvorwürfe. Zudem schreibt er den Mitgliedern der SZ-Chefredaktion mit Ausnahme von Föderl-Schmid ein Brandmail, in dem er noch mehr Anschuldigungen erhebt. Gleichzeitig kündigt er weitere Veröffentlichungen an.

Die Chefredaktion leitet das Schreiben an die Beschuldigte weiter. Diese antwortet darauf mit einem Mail an Weber und einen Journalistenverteiler am Donnerstagmorgen, 8. Februar: «Ich habe viel über Medien, Mechanismen und Geschäfte gelernt. Zumindest diese Jagd ist vorbei.»

Weber veröffentlicht diese Antwort auf der Plattform X, weil er meint, es handle sich um die Androhung einer Klage. Doch Föderl-Schmid hat damit einen Suizidversuch angekündigt. An diesem Donnerstag verschwindet sie und wird vermisst. Weber löscht seinen Tweet. Am Tag darauf findet ein Rettungsteam sie unterkühlt in einem Fluss.

Herr Weber, was ging Ihnen am Donnerstag vor einer Woche durch den Kopf?
Stefan Weber: An diesem Tag, als wir alle noch davon ausgehen mussten, dass Alexandra Föderl-Schmid tot sei, gingen mir ständig folgende Worte wie ein Mantra durch den Kopf: «Was ich in meinem Arbeitsleben bisher gemacht habe, war sinnlos.» Mittlerweile bin ich im Verarbeitungsprozess aber weiter und sehe das nicht mehr so. Und es gibt ja viele neue Erkenntnisse.​

Werden Sie sich bei ihr entschuldigen?
Es wäre doch verlogen, wenn ich jetzt zu ihr sagen würde: «Es tut mir leid, dass ich in deiner Dissertation geschnüffelt habe.» Denn diese ist öffentlich zugänglich - wie auch ihre journalistischen Artikel. Wir haben nichts Illegales gemacht, sondern nur die Einhaltung der Zitierregeln überprüft. Hinter meinen Vorwürfen stehe ich natürlich weiterhin, weil ich alle belegen kann. Aber mein Vorgehen hinterfrage ich jetzt.

Was würden Sie rückblickend anders machen?
Ich ziehe aus dem Fall zwei Lehren. Erstens: Wir werden unsere Ergebnisse nicht mehr häppchenweise publizieren. Denn das erhöht den Leidensdruck auf die Plagiatoren stetig und treibt sie immer mehr in die Enge. Künftig werden wir die Vorwürfe zuerst sammeln und dann gleichzeitig publizieren. Zweitens: Wir werden die Beschuldigten künftig vorher mit den Vorwürfen konfrontieren.​

Das ist ein Gebot der Fairness. Warum haben Sie bisher darauf verzichtet?
Bisher bin ich davon ausgegangen, dass eine vorangehende Anfrage nichts bringt. Entweder äussern sich die Plagiatoren nicht oder sie versuchen, eine Publikation mit einer Unterlassungsklage zu verhindern. Doch diesem Prozess werde ich mich nun stellen. Vielleicht hätte der Fall von Alexandra Föderl-Schmid nicht diese dramatische Wende genommen, wenn ich zuerst ein persönliches Gespräch mit ihr gesucht hätte. Das tut mir leid.​

Warum haben Sie sich überhaupt bei «Nius» gemeldet und Ihre Dienste nicht direkt der SZ angeboten?
Die Frage ist berechtigt. Warum habe ich meine Expertise nicht zuerst der SZ angeboten? Ich müsste meine Gutachten eigentlich nicht immer hinterrücks machen. Wahrscheinlich hätte die SZ zwar nie geantwortet. Ich hätte es aber zumindest versuchen können. Vielleicht hätten wir uns dann viel ersparen können.​

Sie haben die Vorwürfe häppchenweise publiziert, um die Aufmerksamkeit zu maximieren. Als Gutachter sollten sie aber neutral sein.
Ja, da haben Sie vollkommen Recht. Darüber kann und soll man eine moralische Diskussion führen. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Mein Hauptproblem ist meine Ungeduld. Wenn ich eine Plagiatsstelle finde, ist meine Empörung heute immer noch so gross wie bei meinem ersten Fall vor 16 Jahren. Dann will ich sofort einen Teil der Öffentlichkeit daran teilhaben lassen.​

Wenn Sie darauf verzichten, verlieren Sie eine Werbemöglichkeit für Ihr Geschäft.
Ob Sie es mir glauben oder nicht: Ich brauche die Medienaufmerksamkeit eigentlich nicht mehr. Mein Geschäft funktioniert auch so. Die grossen Medienfälle sind ohnehin nicht die Cash Cows. Im Gegenteil: An diesen arbeite ich oft unbezahlt. Das Problem liegt wirklich in meiner Ungeduld. Diese muss ich jetzt irgendwie in den Griff kriegen.​

Seit wann läuft Ihr Geschäft gut?
Bis ins Jahr 2020 habe ich von der Hand in den Mund gelebt und mich von einem Auftrag über tausend Euro zum nächsten gehangelt. Dann kam der Plagiatsfall der österreichischen Arbeitsministerin. Meine Aufträge haben sich verzehnfacht. Ich konnte deshalb ein Team aufbauen. Selbst jetzt in der Krise, in die ich wegen des Falls Föderl-Schmid geraten bin, läuft das Business genau gleich weiter. Meine Kunden interessieren sich nur für eines: Trägt eine bestimmte Person zurecht einen Doktortitel oder nicht?​

Was für Reaktionen haben Sie sonst erhalten?
Der Wirt des «Sternbräu» in Salzburg hat mir Hausverbot erteilt. Und in meiner Mailbox habe ich eine noch nie dagewesene Flut an Beschimpfungen erhalten. In Österreich bin ich zudem ins Visier der «Kronen Zeitung» geraten. Bis vor kurzem war ich der coole Typ, der es regelmässig den Mächtigen zeigt. Und jetzt bin ich ein bezahlter Existenzenvernichter. Meine Angehörigen habe ich damit in eine schwierige Situation gebracht.​

Jetzt klingen sie plötzlich dünnhäutig. Dabei erleben Sie nur, was Sie den Plagiatoren bisher angetan haben.
Tatsächlich habe ich das Leid eines ertappten Plagiators noch nie gespürt. Der Grund ist einfach: weil ich selber nie plagiiert habe. Aber Sie haben schon Recht: Ich habe auch etwas Weinerliches, wenn ich mich über die Medienkampagne gegen mich beklage. Ich werde das überstehen. Das ist auch eine Alterserscheinung. Mit 53 Jahren habe ich jetzt andere Dinge, die mir Halt geben im Leben. Ich lebe nicht davon, dass die Plagiatsprüfung endlich die gesellschaftliche Anerkennung erhält, die sie verdient hätte.​

Sie bezeichnen sich selber als Plagiatsjäger. Ein Jäger erlegt seine Beute. Warum so brutal?
Der Begriff hat sich über die Jahre entwickelt. Für mich war nicht absehbar, dass er solche realen Folgen haben wird. In Anbetracht des aktuellen Ereignisses muss ich die Begrifflichkeit überdenken. Denn ich mache nicht Jagd auf Menschen. Ich habe die Jagdmetapher bis am Donnerstag vor einer Woche augenzwinkernd verwendet. Auf meinem X-Profil hatte ich zum Beispiel die Bachkantate «Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd» zitiert. Dies habe ich nun gelöscht. Mir ist es am liebsten, wenn man mich als Plagiatsgutachter bezeichnet.​

Ihre Vorwürfe gegen Föderl-Schmid waren teilweise übertrieben. Sie haben Ihr zum Beispiel vorgeworfen, in der Personenbox zu einem Interview aus Wikipedia abgeschrieben zu haben. Dabei muss Allgemeinwissen nicht zitiert werden.
Beschreibt man Allgemeinwissen in eigenen Worten, muss man es tatsächlich nicht belegen. Das heisst aber nicht, dass man dieses einfach abschreiben darf. Wer Textstellen einfach kopiert, muss die Quelle auch bei Allgemeinwissen angeben. Wenn ein Printmedium die Fakten für eine Box aus Wikipedia abschreibt, ist das zwar noch keine Sünde, an der die Welt zugrunde geht. Aber ich halte es für falsch. Von einer Bezahlzeitung erwarte ich einen professionellen Umgang mit Quellen.​

Werden Sie in diesem Fall wie angekündigt weitere Vorwürfe bekannt machen?
Das Ausmass der Plagiate in diesem Fall ist noch nicht bekannt. Solange die Frau aber nicht wieder fit ist, werde ich mich zurückhalten. Mein Team und ich bleiben in dieser Sache allerdings neugierig und wollen herausfinden: Wie verbreitet sind Plagiate im Journalismus tatsächlich? Am besten wäre, wenn ich mit der SZ-Chefredaktion und der Untersuchungskommission zusammensitzen könnte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.​

Eine weitere Kritik an Ihrer Arbeit: Sie untersuchen wissenschaftliche Arbeiten nur auf der textlichen Ebene. Die gedankliche Eigenleistung können aber nur Fachleute des jeweiligen Fachgebiets beurteilen.
Sie haben Recht: Ich interessiere mich überhaupt nicht für den Inhalt. Die Plagiatsprüfung muss aus meiner Sicht immer vor der inhaltlichen Bewertung gemacht werden. Das ist auch meine Botschaft an alle Begutachter von wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn ich mit meiner Software eine Plagiatsprüfung mache und sehe, dass ganze Abschnitte ohne Quellenangabe abgeschrieben sind, dann interessiert mich der Inhalt nicht mehr, sondern nur noch das Ausmass der Plagiate. Ich gehe aber anders vor, wenn ich eine Arbeit aus der Zahnmedizin auf meinem Tisch habe, als bei einer aus der Theologie. Ich berücksichtige dabei, dass die Vorgaben für die Zitierweise in diesen Fächern unterschiedlich sind.​

Sie hätten selber auch gerne eine universitäre Karriere gemacht, doch Sie sind damit gescheitert.
Ich habe ein Leben lang an den sozialen Strukturen innerhalb der Wissenschaft gelitten. Ich bin ein Individualist. Ich war nie der Vereinsmeier. Mit fehlen das Parteibuch und die Verbindungen zu diesen sozialen Netzwerken, zu Freimaurern, Burschenschaften et cetera. Deshalb habe ich es in der universitären Welt nicht weit gebracht. Trotz dieser Enttäuschung brenne ich für die Themen der Wissenschaft. Ich habe zwar keine universitäre Karriere gemacht, aber in der Wissenschaft, das heisst für mich im Denken und Schreiben, habe ich es dennoch weit gebracht. Derzeit arbeite ich an einem neuen Band zum Radikalen Lingualismus. Darum geht es mir eigentlich.

Viele Plagiatoren, die Sie überführt haben, wollten sich mit einem Doktortitel schmücken. Warum aber betonen auch Sie Ihren eigenen Doktortitel?
Ja, es stimmt: Auf meiner Website stelle ich mich als Dozent Dr. Stefan Weber vor. Das mache ich aus Marketinggründen. Ich möchte damit betonen, dass ich der Wissenschafter Stefan Weber bin und nicht irgendein Freak oder jemand wie der österreichische «Pornojäger». Wenn mich aber Kunden anrufen und als «Herr Doktor Weber» ansprechen, dann sage ich immer sofort: «‹Weber› genügt». (aargauerzeitung.ch)

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38 Kommentare
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basilikumier
17.02.2024 10:23registriert November 2018
Ich habe grosse Vorbehalte mit dem öffentlichen Anschwärzen von Dissertationen. Ich würde mal behaupten es gibt keine einzige Doktorarbeit wo man nicht mindestens ein paar Stellen findet welche anders zitiert werden könnten.

Gerade in naturwissenschaftlichen Arbeiten ist die eigentliche Leistung z.B. nicht das schreiben einer Intro welche es schon 1000x in ähnlicher Form gibt, sondern der Resultateteil an sich.

Fachleute würden das auch so beurteilen, durch Veröffentlichung in Medien umgeht man jedoch jeglichen Filter und schadet der Person sofort. Ob gerechtfertigt oder eben auch nicht.
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FACTS
17.02.2024 10:49registriert April 2020
Man kann von der Vorgeschichte halten was man will. Aber ich habe Achtung vor Menschen, die auch sich selbst kritisch hinterfragen und öffentlich Fehler einräumen, die sie auch weiter abstreiten und relativieren könnten.
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olaus
17.02.2024 10:54registriert August 2018
Nur kurz: Die in der betreffenden Einleitung nicht angegebenen Quellen sind in der Arbeit dann vollständig und korrekt angegeben. Somit kein Plagiat. Die meisten gefundenen Stellen sind einfach der Umstand, dass nicht in der Einleitung referenziert wurde, sondern erst später im ausführlichen Text.
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