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Ein Konvoi von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf dem Weg von ihrer damaligen

Ein Konvoi von Kämpfern des «IS» 2014 auf dem Weg von ihrer damaligen «Hauptstadt» Rakka in Syrien in den Irak. Bild: AP

Interview

«Er ist lieber gestorben, als sich zu ergeben – das wird der IS zu seinen Gunsten nutzen»

Der Chef des «IS», Abu Bakr al-Baghdadi, ist tot – die Terrormiliz nicht, sagt Terrorismus-Experte Jean-Paul Rouiller.



Der Chef des sogenannten «Islamischen Staates» («IS») Abu Bakr al-Baghdadi ist tot. Was bedeutet das für die Terrormiliz?
Jean-Paul Rouiller:
«Das ist ein schwerer Schlag für den IS. Al-Baghdadi war das Symbol der Organisation, die die letzten Jahre die Welt zittern liess. Er hat den IS gross gemacht – und zwischen 2013 und 2017 ein vollkommen neues dschihadistisches Modell entwickelt.

Ist das nun das Ende des «IS» oder führt der Tod al-Baghdadis im Gegenteil dazu, dass sich zusätzliche Sympathisanten dem «IS» anschliessen?
Mit dem Tod des Chefs ist man nicht die Organisation los. Zwar ist die lokale Struktur weg, doch der IS hat zahlreiche Ableger. Er verschwindet also nicht, aber es kommen unklare Zeiten auf ihn zu. Die höchsten Akteure innerhalb der Terrormiliz werden sich nun innerhalb der Schūrā (Anm. d.Red.: Ratgebergremium) beraten und einen neuen Chef bestimmen. Dann folgt ein Validierungsprozess und die verschiedenen Parteien werden dem neuen Chef einen Treueeid ablegen müssen.

Wir sind den «IS» also nicht los?
Nein. Wie die Zukunft der Terrormiliz konkret aussieht, kommt dann darauf an, wie der neue Kalif die lokale Dimension in Syrien und Irak leiten wird.

Zur Person:

Jean-Paul Rouiller ist Direktor des Genfer Zentrums für Terrorismusanalyse und war bis 2010 bei der Bundeskriminalpolizei für den Aufbau der ersten Antiterror­einheit zuständig.

Bild

bild: www.gcsp.ch

«Er ist lieber gestorben, als sich zu ergeben – das wird der IS natürlich zu seinen Gunsten nutzen.»

Al-Baghdadi hat beim US-Angriff eine Sprengstoffweste gezündet und sich selbst sowie drei seiner Kinder getötet. Werden seine Anhänger dies als Märtyrertod feiern?
Es ist bekannt, dass hohe IS-Führungskräfte für alle Fälle immer eine Sprengstoffweste übergezogen haben. Bis jetzt konnten die Streitkräfte die Terroristen aber neutralisieren, bevor sie selbst die Weste zünden konnten. Al-Baghdadi scheint nun der Erste zu sein, der sich selbst getötet hat. Er ist lieber gestorben, als sich zu ergeben – das wird der IS zu seinen Gunsten nutzen.

Frankreichs Innenminister Christophe Castaner warnte kurz nach der Bekanntgabe des Todes von al-Baghdadi vor Racheakten. Auch in den Philippinen, wo «IS»-Verbündete wie die Terrorgruppe Abu Sayyaf aktiv sind, fürchtet man Vergeltungsangriffe. Wie schätzen Sie dieses Risiko ein?
Das Risiko besteht. Doch ich muss betonen, dass man bisher keine signifikante Erhöhung der Gefahr feststellt. Aktuell dürften zudem in erster Linie die USA im Visier sein, da sie al-Baghdadi getötet haben.

Sind wir in der Schweiz bedroht? Oder schützen uns unsere Banken oder unsere Neutralität?
Letzteres ist eine absolute Illusion. Auch bei uns gibt es IS-Anhänger, gewisse sind nach Syrien gereist. Sie stellen ein reales Risiko dar. Dennoch sind wir sicher nicht das Ziel Nummer eins der Terroristen.

«Bevor wir uns über IS-Kämpfer in syrischen Gefängnissen Gedanken machen, sollten wir uns erstmal um die in Europa vom Radar verschwundenen sorgen.»

Nachdem sich die USA aus Syrien zurückgezogen hatten, hat die Türkei eine Militäroffensive gegen die kurdische YPG-Miliz in Nordsyrien gestartet. International gibt es Befürchtungen, dass die von den Kurden zu Tausenden in Lagern inhaftierten «IS»-Kämpfer und deren Angehörige flüchten könnten. Eine zusätzliche Gefahr?
Ja. Aber Ihre Frage zeigt bereits ein verbreitetes Problem auf: Wir fokussieren uns auf die Terroristen in Syrien. Aber in Europa oder Nordafrika sind unzählige Sympathisanten des IS vom Radar verschwunden. Es kann sein, dass gewisse davon tot sind. Die anderen? Das weiss niemand. Bevor wir uns also über IS-Kämpfer in syrischen Gefängnissen Gedanken machen, sollten wir uns erstmal darum sorgen.

US-Präsident Donald Trump zelebriert den Tod al-Baghdadis als seinen «Bin Laden Moment». Hat er Grund dazu?
Trump hat sich seit Längerem zum Ziel gesetzt, al-Baghdadi zu stürzen. Aber in erster Linie handelt es sich hier um einen Erfolg der US-Geheimdienste. Tut mir leid für ihn, das so zu sagen.

Kann man Bin Laden und al-Baghdadi überhaupt vergleichen? Wo unterscheiden sich die beiden?
Al-Kaida und der IS beruhen auf derselben religiösen Ideologie und haben eine ähnliche Struktur. Mehrere Ex-Al-Kaida-Mitglieder gehören der IS-Führung an. Was die beiden aber grundsätzlich unterscheidet, ist das Bestreben des IS, ein Kalifat, also einen eigenen Staat, zu gründen. Al-Kaida kann zudem auf 30 Jahre Erfahrung zurückgreifen, während der IS rigoros organisiert ist und auf die neuen Medien zählt. Die IS-Terroristen erstellen beispielsweise Organigramme, die die neuen Ziele festlegen, und bespielen regelmässig und gekonnt die sozialen Netzwerke. Letzteres hat massiv zu seinem Wachstum beigetragen.

Jeder kannte Osama Bin Laden. Warum ist der Name al-Baghdadi der breiten Bevölkerung weniger ein Begriff?
Ich denke, es war ein bewusster Entscheid des IS, dass al-Baghdadi im Hintergrund blieb. Er war damit nicht so sehr die Zielscheibe, wie das bei Bin Laden der Fall war. Ausserdem ist das Risiko tiefer, dass sich eine Organisation auflöst, wenn eine einzige Person sie in der Öffentlichkeit verkörpert.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Vecchia 29.10.2019 10:26
    Highlight Highlight Ausser jeweiliger Selbstbeweihräucherungs- und Glorifizierungsaktionen für amerikanische Präsidenten haben weder Bin Ladens noch Saddams Tod irgendetwas gebracht. Wieso sollte der neueste Fall etwas ändern?

    Die Seebestattung hatte bei Bin Laden schon Probleme gegeben, die neuere selbe Aktion ist wieder Provokation. Ignoranz gepaart mit historischer Dummheit amerikanischer Staatsoberhäupter; das wird maximal die Waffengeschäfte und Flüchtlingszahlen erhöhen.
  • Rumbel the Sumbel 29.10.2019 09:12
    Highlight Highlight Letzteres ist eine absolute Illusion. Auch bei uns gibt es IS-Anhänger, gewisse sind nach Syrien gereist. Sie stellen ein reales Risiko dar. Dennoch sind wir sicher nicht das Ziel Nummer eins der Terroristen......die IS intressiert die Herkunft bei Anschlägen keinen Deut. Hauptsache es sei gegen Ungläubige. Darum stellt sich die Frage des Zieles überhaupt nicht.
  • rodolofo 29.10.2019 08:04
    Highlight Highlight Baghdadi gewinnt den Wanderpreis des "Darwin-Award"!
    Der "Darwin-Award" wird Menschen verliehen, die es auf besonders originelle Art und Weise schaffen, sich selber aus der Evolution heraus zu nehmen und die damit den Genpool der Menschheit verbessern.
    Nun habe ich aber gelesen, dass Baghdadi mehrere Frauen gehabt haben soll!
    Aber seine Kinder sind ja nicht mit Bart geboren worden.
    Die haben doch noch die Chance, etwas anständigeres zu werden, als Selbstmord-Attentäter...
  • Posersalami 29.10.2019 00:10
    Highlight Highlight Während wir das hier lesen der IS so: Der König ist tot, lang lebe der König!

    Natürlich ist das Ableben von Baghdadi zu begrüssen, das ist absolut kein Verlust für die Menschheit. Leider wird sein Tot das Problem nicht lösten. Man wird sich demnächst einfach mit einem etwas anderen IS herumschlagen müssen. Ideen können von Bomben nicht zerstört werden, das hat leider noch nie funktioniert.
  • JaneSodaBorderless 28.10.2019 21:29
    Highlight Highlight Bitte Leute, verwendet doch den Begriff DAESH statt IS!

    https://www.sueddeutsche.de/politik/terrororganisation-warum-der-name-daesch-den-islamischen-staat-aergert-1.2745175

    Und hey watson, wenn ihr schon nen Artikel dazu postet, fände ich es klasse, wenn ihr ebenso die Bezeichnung Daesh verwendet.
    Thanks!

    https://www.watson.ch/international/angriff%20auf%20paris/314497021-was-daesh-heisst-und-warum-der-name-fuer-den-is-dessen-terroristen-erbost

    • Nurmalso 29.10.2019 01:58
      Highlight Highlight Ich haben mich halt inzwischen an IS gewöhnt. Wenn ich IS höre weis ich schon Bescheid dass gleich wieder eine Meldung über diese menschlichen Tiefflieger kommt.
    • Hamudi Dudi 29.10.2019 10:04
      Highlight Highlight Ich glaube, den verbliebenen IS-Kämpfern kann es ziemlich egal sein, wie wir sie nennen, da sie wesentlich grössere Probleme haben. Warum ist dir das denn so wichtig?
    • JaneSodaBorderless 29.10.2019 19:49
      Highlight Highlight Hamudi: Der verlinkte Link der Süddeutschen Zeitung legt es dir dar ;-)
  • flausch 28.10.2019 21:18
    Highlight Highlight Interessant ist vor allem das er in einem Gebiet starb das durch die Türkei und ihre dschihadistischen Verbündeten kontrolliert wird.
    • Posersalami 29.10.2019 00:06
      Highlight Highlight Wieso ist das interessant? Ist doch schon länger bekannt, das die Türken praktisch alles und jeden unterstützen, der irgendwie ihren Zielen dient. Genau wie die Golfstaaten, die USA oder Russland.

      Werd erwachsen, die Welt ist schlecht. Es gibt keine befreundeten Länder sonder nur solche, die temporär ähnliche Ziele verfolgen.
    • flausch 29.10.2019 13:01
      Highlight Highlight Ich glaube es ist ziemlich Unerwachsen nicht zu erkennen das Erdogan Daesh ziemlich direkt nährt und hegt. Es sind seine Verbündeten und Brüder im Geiste.
  • Knäckebrot 28.10.2019 21:07
    Highlight Highlight Wenn wir die Kalifengeschichte anschauen, gäbe es wohl keinen Grund zur Annahme, dass nach einem "Abu Bakr al Baghdadi" nicht auch ein "Omar ibn al Khattab al Baghdadi" auftreten könnte...
  • Do not lie to mE 28.10.2019 20:44
    Highlight Highlight Der auf gefundenen Dokumente basierende Artikel von New York Times ermöglicht uns einen interessanten Einblick in die IS Regierung / Administrationsstrukturen. So ist z.B. zu entnehmen das die Steuern und nicht das Öl zu den haupteinahmen quellen zählten, das Land von Nichtgläubigen (Shia, Apostate, Christen, Nusayri and Yazidi) beschlagnahmt und gewinnbringt an Sunni weiter vermietet wurde. Sie hatten sogar ihr eigenes Strassenverkehrsamt.
    https://www.nytimes.com/interactive/2018/04/04/world/middleeast/isis-documents-mosul-iraq.html
  • raues Endoplasmatisches Retikulum 28.10.2019 18:38
    Highlight Highlight "Oder schützen uns unsere Banken oder unsere Neutralität?"
    Sorry aber was ne blöde Frage.
    Weshalb sollen Islamisten keine Anschläge auf die Schweiz verüben, wegen ihrem Jugendsparkonte bei der UBS?
    Und die Neutralität ist ein Völkrerrechtliches Konzept, um das gar nicht auf nicht-staatliche Akteure wie den IS angewendet werden kann und für diese wohl auch keine gültigkeit hat.
    Wenn uns irgendwas schützt, dann wohl, dass wir nirgends irgendwelche nennenswerte Truppen stationiert haben und ein Anschlag auf ein Land wie D oder F mehr symbolgehalt hat.....
    • raues Endoplasmatisches Retikulum 28.10.2019 18:39
      Highlight Highlight Ansonsten ein durchaus informatives Interwiev, danke dafür!
    • Saraina 28.10.2019 19:52
      Highlight Highlight „Schützen uns unsere Banken oder unsere Neutralität?“ Im Klartext: sind wir als ewige Kriegsgewinnler sicher?
    • Knäckebrot 28.10.2019 21:03
      Highlight Highlight Warum blitzt ihr Saraina?

      Das ist tatsächlich ein Punkt, der der Schweiz angekreidet wird und vorgeworfen wird, dass sie somit indirekt der islamischen Welt Schaden zufügen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Liselote Meier 28.10.2019 18:36
    Highlight Highlight „Terrorexperte“ nicht wirklich. Der hat keine Ahnungen von den Inneren Strukturen des IS

    Verhält sich genau umgekehrt. Baghdadi war das ideologische Aushängeschild eingesetzt von ehemaligen irakischen Geheimdienstler wie Bakr, welche das effektive Machtzentrum sind/waren und die Entscheidungen treffen/trafen und eine Parallel-Struktur in Geheimen bilden und nicht der Schura-Rat

    Der „Terrorexperte“ sollte sich mal Fragen woher der IS sein Strategisches und Militärisches Know-How den her hat, vom Himmel ist das nicht gefallen. B. war ein Laienprediger ohne Militärische Ausbildung











    • Suppentopf 28.10.2019 20:27
      Highlight Highlight "war ein Laienprediger"

      Immerhin hat er islamisches Recht studiert und anscheinend mit "Doktorat" abgeschlossen. In religiöser Hinsicht war er sicher kein Laie.
    • Hierundjetzt 28.10.2019 21:04
      Highlight Highlight Meier: ganz ehrlich. Ich glaube jemandem von der BKP mehr als youtube.

      Tut mir leid 😌
    • Liselote Meier 29.10.2019 09:21
      Highlight Highlight Nein, das ist eine Tatsache und nicht von einem Youtube Clipchen. Gab vor ein paar Jahren mal den DoK Sendung mit einem vernünftigen Experten der auch was von Geopolitik verstand.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Haji_Bakr
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