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Iran

Kinder in Iran zum Tod verurteilt – ihr Vergehen: «Krieg gegen Gott»

Kinder in Iran zum Tod verurteilt – ihr Vergehen: «Krieg gegen Gott»

In Iran werden Todesurteile gegen Demonstrierende und Regime-Kritiker verhängt. Nun sind auch Kinder betroffen.
03.12.2022, 17:25

Sie heissen Mohammad und Ali Rakhshani Azad. Sie sind 16 und 15 Jahre alt. Und sie wurden in Iran zum Tode verurteilt. Ihr Verbrechen: «Krieg gegen Gott».

Und sie sind nicht die Einzigen, die wohl bald hängen werden.

Mohammad und Ali Rakhshani Azad

Die in Grossbritannien ansässige Menschenrechts-Initiative «Baloch Campaign» hat das Todesurteil von Mohammad und Ali Rakhshani Azad vermeldet. Ihr Vergehen: «Krieg gegen Gott» oder «Moharebeh» auf Persisch. Das Strafgericht der im Südosten des Landes gelegenen Stadt Zahedan in der Provinz Belutschistan habe dieses Urteil gefällt, sagte der Anwalt der Kinder, Ali Karimi gegenüber der Kampagne.

Mohammad & Ali Rakhshani Iran
Ali (links) und Mohammad.Bild: Screenshot Istagram

Der Menschenrechtsaktivist, Abdullah Aref, schrieb in einem Tweet, dass er mit dem Vater der Brüder sprechen konnte. Dieser habe gesagt:

«Ich habe seit 60 Tagen nichts von ihnen gehört, und Mohammad ist in ärztlicher Behandlung, denn er hat Anfälle. Ich weiss nicht, wie es ihm jetzt geht.»

Mohammad und Ali seien am 9. Oktober in ihrem Zuhause abgeholt worden, seither sassen sie wohl im Gefängnis, so Karimi. Die Festnahme erfolgte also kurz nach dem sogenannten «Blutfreitag» am 30. September in Zahedan. Damals gingen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Demonstrierende vor und eröffneten das Feuer auf Gläubige, die sich für das Freitagsgebet in einer Moschee versammelt hatten. Die Auseinandersetzungen mündeten in Strassenkämpfen, bei denen über 60 Demonstrierende getötet wurden – darunter auch Kinder –, wie Amnesty International meldete. Die Behörden sagten, Dissidenten hätten die Zusammenstösse provoziert.

Doch trotz der Gewalt liessen sich die Menschen in Zahedan nicht unterkriegen. Denn seit Beginn der aktuellen flächendeckenden Proteste kursieren auf den sozialen Medien Videos von Menschen, die auf den Strassen gegen das Regime skandieren.

Die Wut in Zahedan auf das Regime wurde dabei nicht nur vom Tod von Mahsa Amini angeheizt, sondern auch durch den Vorwurf, ein Polizist habe ein junges, belutschisches Mädchen vergewaltigt.

In Belutschistan, nahe der südöstlichen Grenze Irans zu Pakistan und Afghanistan, lebt eine ethnische Minderheit mit geschätzt zwei Millionen Menschen. Die Region ist Aufstands-erprobt. Denn laut Menschenrechtsgruppen sind ortsansässige Menschen seit Jahrzehnten Diskriminierung und Unterdrückung ausgesetzt. Darum war die Region immer wieder das Zentrum von Spannungsherden, wo iranische Sicherheitskräfte von belutschischen Kämpfern angegriffen wurden.

«Krieg gegen Gott»

Doch was bedeutet eine Verurteilung wegen «Krieg gegen Gott» («Moharebeh») in Iran? Pegah Bani Hashemi, Anwältin und Rechtsberaterin in den Vereinigten Staaten, sprach mit BBC Persian über die rechtliche Definition dieses Begriffs:

«Moharebeh bedeutet, dass der Einsatz von Waffen gegen eine grosse Anzahl von Menschen angewandt wurde.»

«Moharebeh» umfasst unter anderem Verbrechen wie Terrorismus. Gerade in Iran wird die Anklage auch gegen Personen erhoben, die Handlungen gegen die Regierung begehen und sie gilt als Kapitalverbrechen, das mit dem Tod bestraft werden kann.

Laut Menschenrechtsexperten benutze die iranische Regierung gerne Kriegs- und Korruptionsvorwürfe, die mit Todesurteilen geahndet werden können, um Proteste zum Schweigen zu bringen, so BBC Persian.

Todesstrafe als Form der politischen Unterdrückung

Die Iranerin Mahsa Amini starb am 16. September 2022. Ihr Tod war der Funke, der in Iran ein landesweites Feuer entfachte: Die Menschen begehren gegen das Regime auf. Sie protestieren und fordern mehr Freiheiten sowie den Sturz der Regierung.

«Frau, Leben, Freiheit!»

Während der anhaltenden Proteste hat das Regime mittlerweile Tausende Menschen festgenommen. Einige dieser Festgenommenen wurden bereits verurteilt, anderen droht wohl noch dieselbe Verteilung wie Mohammad und Ali Rakhshani Azad: Todesstrafe wegen «Krieg gegen Gott».

«Nieder mit den Mullahs!»

Die Todesstrafe, die manchmal während Schauprozessen ausgehandelt wird, ist in Iran wieder eine Form der politischen Unterdrückung – genau wie nach der Grünen Bewegung 2009, als die Justiz Regimekritikern öffentlich den Prozess machte. Es sind bereits Fälle von Inhaftierten bekannt, die gezwungen wurden, vor laufender Kamera Geständnisse abzulegen.

Aktuell für Aufsehen sorgt der Rapper Toomaj Salehi, dem in Isfahan der Prozess gemacht wird – allerdings hinter verschlossenen Türen und ohne die Anwesenheit seines Anwalts, wie auf seinen Social-Media-Kanälen gesagt wird. Auch Salehi wird «Krieg gegen Gott» vorgeworfen.

Der bekannte Musiker hatte zuvor öffentlich die politische Führung kritisiert und mit seiner Musik gegen die Brutalität der Islamischen Republik angesungen. Regimetreue Medien veröffentlichten vor kurzem ein Video, das den Rapper zeigen soll, wie er sich mit verbundenen Augen für seine Worte entschuldigt. Familienangehörige sagen, Salehi habe diese Aussagen unter Folter gemacht.

Die stellvertretende Direktorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International, Diana Eltahawy, sagt:

«Die Todesstrafe ist eine grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe, deren Abscheulichkeit durch ein grundlegend unfaires Strafverfahren ohne jegliche Transparenz oder Unabhängigkeit noch verstärkt wird.»

Die (drohenden) Todesurteile unterstreichen, dass die Führung Härte demonstrieren will, um die Bevölkerung von weiteren Protesten abzubringen. Und sie schreckt dabei nicht davor zurück, auch die Zukunft des Landes an den Galgen zu bringen.

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96 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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miklapp
03.12.2022 17:48registriert Juli 2022
Krieg gegen Gott?
Kinder hinrichten???!!!
Sorry aber ich verspüre gerade nur Wut!!😡😡😡🤬🤬🤬
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miklapp
03.12.2022 18:00registriert Juli 2022
Nachdem sich die Wut etwas gelegt hat…
… bricht mein Herz 💔! Es blutet. Stellt euch vor die Kantonspolizei klopft an eure Tür, holt eure Kinder ab um sie hinzurichten!
Es is sooo schlimm und traurig!😥😢😭
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Händlmair
03.12.2022 17:44registriert Oktober 2017
Menschenverachtung im Namen von Allah! Wann merken die Menschen endlich, dass Religionen oft eine Geissel ist und keine Hilfe.
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