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Aufruf zum Völkermord in Tel Aviv? Ein verstörendes Bild und seine Geschichte 



Die Erschiessung eines am Boden liegenden palästinensischen Angreifers durch einen Soldaten wühlt Israel noch immer auf. Am Montag entschied ein Militärgericht, den 19-jährigen Armeeangehörigen wegen Totschlags anzuklagen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist aufgeheizt, viele empfinden es als ungerecht, dass ein Soldat für die Liquidierung eines «Terroristen»* belangt werden kann.

Am Dienstag fand in Tel Aviv auf dem Rabin-Platz eine Kundgebung für den angeklagten Soldaten statt. Dabei entstand ein Bild, das seither in den Sozialen Medien die Runde macht.

epa05267552 A woman holds up a placard that reads 'Kill Them All', as people gather in Rabin Square in Tel Aviv, Israel, 19 April 2016 to support an Israeli soldier who killed a Palestinians and was indicted for manslaughter. The Israeli soldier, Elor Azaria, age 19, was charged yesterday in court with manslaughter and 'violation of the rules of engagement' in the shooting of a Palestinian Abdel Fattah al-Sharif as he lay wounded on the ground in Hebron on March 24, 2016. Azaria shot al-Sharif in the head with one bullet. On the other side of the placard is says 'Too many terrorists in prison'.  EPA/JIM HOLLANDER

Bild: JIM HOLLANDER/EPA/KEYSTONE

Eine Demonstrantin hält ein Plakat in die Höhe, auf dem «KILL THEM ALL» (Tötet sie alle!) steht. Auf Twitter gehen einige davon aus, dass damit Araber im Allgemeinen gemeint sind – was einem Aufruf zum Genozid gleichkäme.

Grossbritannien: Schweigen über Demo in Tel Aviv, wo der Tod aller Araber gefordert wird – Zitat «Tötet sie alle» – aber Empörung über eine linksgerichtete Präsidentin des nationalen Studentenverbands.

Anhänger eines Soldaten, der einen verwundeten Palästinenser ermordete, tragen Plakate mit der Aufschrift «Tötet sie alle». Das nenne ich Aufwiegelung!

Über 3000 Israelis demonstrieren im liberalen Tel Aviv für eine gemeinsame Sache. «Tötet sie alle»-Plakat bezieht sich auf Araber und Linke. 

Trita Parsi, Vorsitzender des National Iranian American Council in Washington D.C. erinnerte das Foto an eine Unterhaltung mit einem israelischen General: 

Ein israelischer General sagte mir einmal, was seine grösste Angst ist: Dass die Besatzung dazu führe, dass die israelische Gesellschaft ihre Moral verliere.

Wie so oft erzählt ein Bild nicht die ganze Geschichte. Das Schild, das besagte Demonstrantin in die Höhe hielt, war beidseitig beschrieben:

epa05267554 A woman holds up a placard that reads 'Too many terrorists in prison' as people gather in Rabin Square in Tel Aviv, Israel, 19 April 2016 to support an Israeli soldier who killed a Palestinian and was indicted for manslaughter. The Israeli soldier, Elor Azaria, age 19, was charged on 18 April in court with manslaughter and 'violation of the rules of engagement' in the shooting of a Palestinian Abdel Fattah al-Sharif as he lay wounded on the ground in Hebron on 24 March 2016. Azaria shot al-Sharif in the head with one bullet. On the other side of the placard is says 'Kill Them All.'  EPA/JIM HOLLANDER

Bild: JIM HOLLANDER/EPA/KEYSTONE

«Zuviele Terroristen im Gefängnis», hiess es auf der Vorderseite. Die Aufforderung «Tötet sie alle!» richtet sich demnach nicht an alle Araber, sondern an jene, die israelische Soldaten und Zivilisten angreifen. Eine solche Haltung ist keineswegs mit einem Rechtsstaat vereinbar, aber sie entspricht auch keiner Aufforderung zum Genozid. Laut der Zeitung «Times of Israel» sei das Plakat «innert Minuten entfernt» worden. 

Sollte dadurch der Eindruck entstehen, dass diese Frau sich komplett ausserhalb des israelischen Mainstreams bewegt, wäre das allerdings auch falsch. Bei einer Veranstaltung für den angeklagten Soldaten in dessen Heimatort Anfang April erhielt er Unterstützung von einem Abgeordneten der regierenden Likud-Partei.

«Es ist Zeit, mit der politischen Korrektheit aufzuhören und auszusprechen, was alle sagen wollen: Jeder Angriff muss mit einer Kugel im Kopf des Terroristen enden. Punkt.»

Oren Hazan, Abgeordneter der Likud-Partei (02.04.2016) quelle: youtube

Nicht dass es in Israel keine Leute gäbe, welche die Erschiessung aller Araber fordern und sich auch nicht scheuen, dies in die Kamera zu sagen: «Jeder Araber verdient eine Kugel in den Kopf», sagte ein jüdischer Extremist im Anschluss an die Veranstaltung im Heimatort des Angeklagten.

Der Hass dieser Leute richtet sich allerdings nicht nur gegen Araber und arabische Angreifer und Terroristen, sondern zunehmend auch gegen die Regierung Netanjahu. Diese war von der Unterstützung für den Soldaten aus der Bevölkerung auf dem falschen Fuss erwischt worden. In einer Umfrage eines israelischen TV-Senders sprachen sich 57 Prozent gegen eine Verhaftung des Soldaten aus – geschweige denn eine Verurteilung oder Anklage. Netanjahu betont seither unablässig, dass er ein faires Verfahren erhalten werde und alle Faktoren berücksichtigt würden.

Besondere Verachtung schlägt Verteidigungsminister Moshe Ya’alon entgegen. Er macht sich Sorgen um das Image der israelischen Armee, wenn breite Bevölkerungsschichten das Verhalten des besagten Soldaten gutheissen. Diese verglich er indirekt mit dem «IS», der für seine Exekutionen bekannt ist. Der Vergleich erscheint im Widerspruch zu früheren Aussagen Ya'alons. Nach einer Messerattacke 2014 hatte er etwas kryptisch gesagt, dass «alle Terroristen getötet werden müssen», «abhängig von den Umständen».

* Der Autor verzichtet in diesem konkreten Zusammenhang auf die Bezeichnung «Terrorist», wie sie in Israel üblich ist. Der besagte Vorfall ereignete sich in Hebron, also im besetzten Westjordanland. Der Angriff galt nicht Zivilisten, sondern Soldaten, also Angehörigen einer Besatzungsarmee. Das mag den Angriff nicht rechtfertigen, gleichzeitig erscheint die Bezeichnung «Terrorist» übertrieben.

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93 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
rodolofo
22.04.2016 08:07registriert February 2016
Traurig, enttäuschend aber menschlich:
Aus (jüdischen) Opfern des Holocaust sind (israelische) Täter geworden...
Das ist der Teufelskreis der Blutrache.
Aber heute ist ein neuer Tag!
Wir haben gesehen, wohin die Eskalation der Gewalt führt, und wir sehen es wieder einmal überdeutlich in Syrien!
Hört endlich auf mit dem Scheiss!
Seht ihr denn nicht, wie die Kinder weinen?
Was spielt es denn für eine Rolle, ob ihr "Israeli", oder "Palästinenser" seid?!
Das sind doch Äusserlichkeiten, wie Kleider!
Wichtig ist nur, dass ihr ein HERZ habt!
Hört Ihr, wie es pulsiert?
Wie die Brandung des Meeres.
8826
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Sapere Aude
22.04.2016 12:03registriert April 2015
Wehrlose Gefange zu erschiessen ist ein Kriegsverberchen, dies ist mit nichts zu entschuldigen oder zu begründen.
6510
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flyingdutch18
22.04.2016 08:14registriert December 2014
"Kill them all" - Das sind die Geister, die Netanyahu mit seiner Politik des Hasses und der Abgrenzung von den Palästinensern gerufen hat. Selbst wenn das Plakat auf seiner Vorderseite den Spruch relativiert, ist er ein Aufruf zu Kriegsverbrechen und Völkermord.
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93

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