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Israel: Rafah-Bodenoffensive ist hochumstritten – Fragen und Antworten

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Bereits jetzt gibt es Angriffe der israelischen Luftwaffe auf Rafah.Bild: keystone

Netanjahu sagt US-Reise ab – was das für die Bodenoffensive in Rafah bedeutet

Der UN-Sicherheitsrat verlangt eine Waffenruhe im Gazastreifen, doch Israels Premier hält an einer Bodenoffensive in Rafah fest. Eine Übersicht in sieben Punkten.
26.03.2024, 18:05
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Israel weht ein immer rauerer Wind entgegen. Am Montag verabschiedete der UN-Sicherheitsrat erstmals eine Resolution, die eine sofortige Waffenruhe im Gazastreifen forderte. Dies kam vor allem dadurch zustande, dass die USA auf ein Veto verzichteten und sich in der Abstimmung enthielten. Damit bekommt die unerschütterliche Unterstützung der USA für Israel Risse.

Was das für die drohende Bodenoffensive in Rafah bedeutet.

Verstimmung zwischen Israel und USA

Eigentlich hätten israelische Diplomaten am Dienstag in die USA reisen sollen. Die Amerikaner wollten der Delegation Alternativen zu einer drohenden Bodenoffensive in Rafah aufzeigen. Doch dazu kommt es nicht. Israels Premier Benjamin Netanjahu sagte am Montag die Reise ab und betont, dass er an der Bodenoffensive festhalte.

Mit der Bodenoffensive ist jedoch in den nächsten Tagen noch nicht zu rechnen. John Kirby, der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates der USA, sagte, es gebe keine Anzeichen dafür, «dass die Israelis sich unmittelbar darauf vorbereiten, eine Bodenoperation in Rafah durchzuführen» oder dass dies in den kommenden Tagen passieren könnte.

«Es scheint, dass sie noch weit davon entfernt sind, in Rafah einzumarschieren.»

Doch Rafah wird bereits seit Wochen aus der Luft attackiert. Wie die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA berichtet, sind bei einem Luftangriff auf Rafah am Dienstag 20 Personen ums Leben gekommen.

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Palästinenserinnen trauern in Rafah um Verwandte, die bei dem von der WAFA gemeldeten israelischen Luftschlag ums Leben gekommen sind. Das Foto wurde von der Agentur EPA zur Verfügung gestellt. Bild: keystone

Was ist das Ziel Israels?

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu behauptet, Israel könne das Ziel des militärischen Sieges über die Hamas ohne eine Bodenoffensive in Rafah nicht erreichen. Die israelischen Streitkräfte (IDF) verfügen über konkrete Pläne für eine solche Offensive.

Israel formulierte zu Beginn des Krieges zwei Hauptziele: Einerseits sollen alle in den Gazastreifen verschleppten Geiseln befreit werden. Andererseits soll die Hamas militärisch besiegt werden. Beide Ziele sind bis dato nur zu einem Teil erreicht. Noch immer befinden sich Geiseln in den Händen von Terroristen und noch ist die Hamas nicht besiegt.

Laut Israel ist Rafah die letzte verbliebene Hamas-Hochburg im Gazastreifen, nachdem die IDF bereits in Gaza, Dschabalia und Chan Junis erfolgreich gegen die Hamas vorgingen. Die Hamas habe bereits 18 von ihren 24 Bataillonen verloren. Vier Bataillone befinden sich laut israelischen Angaben in Rafah. Für ihre Zerschlagung müssten Bodentruppen eingesetzt werden, ausserdem könnten sich wichtige Hamas-Anführer dort verschanzen.

Wie würde die Offensive vor sich gehen?

Bereits seit Februar gibt es regelmässig Angriffe der israelischen Luftwaffe auf Rafah. Wie eine Bodenoffensive genau aussehen würde, ist nicht klar.

Mit Blick auf die bisherigen Bodenoffensiven, etwa in Gaza und Chan Junis, werden wohl Bodentruppen in die Stadt vorrücken, unterstützt durch Luftschläge.

Israeli soldiers drive a tank on the border with Gaza Strip, in southern Israel, Tuesday, March 19, 2024. The army is battling Palestinian militants across Gaza in the war ignited by Hamas' Oct.  ...
Israelische Panzer an der Grenze zum Gazastreifen.Bild: keystone

Wie ist die Lage in Rafah?

Die palästinensische Stadt Rafah liegt im Süden des Gazastreifens, direkt an der Grenze zu Ägypten. Dort befindet sich auch der einzige Grenzübergang zwischen Ägypten und dem Gazastreifen.

Location Rafah Karte
Bild: Screenshot Google Maps

Vor dem Krieg war sie nach Gaza, Chan Junis und Dschabalia die viertgrösste Stadt im Gazastreifen. Sie liegt etwa 30 Kilometer südwestlich von Gaza.

Befanden sich vor dem Krieg noch etwa 300'000 Menschen in Rafah, sind es inzwischen 1,4 Millionen. Die Stadt wurde damit zur bevölkerungsreichsten Stadt der Palästinensergebiete. Israel forderte im Rahmen der Offensive im Norden des Gazastreifens die dortige Bevölkerung zur Flucht in den Süden auf. War Chan Junis, das zwischen Rafah und Gaza liegt, zu Beginn noch ein Ort der Zuflucht, mussten die Palästinenserinnen und Palästinenser mit der israelischen Offensive dort noch weiter in den Süden flüchten. Alle sammelten sich schliesslich in Rafah.

Was ist mit der Zivilbevölkerung?

Die Lage der Palästinenserinnen und Palästinenser in Rafah ist äusserst angespannt. Die kürzlich nach Rafah Geflüchteten leben in dicht bewohnten Zeltlagern, überfüllten Notunterkünften der UNO oder Wohnungen, die eigentlich für weniger Personen gedacht wären.

Der israelische Premier Netanjahu sagte, er habe den Plan der israelischen Streitkräfte abgesegnet, die Zivilbevölkerung zu evakuieren. Wann oder wie das umgesetzt würde, ist jedoch weiter unklar. Laut IDF sollen die Zivilistinnen und Zivilisten in der Mitte des Gazastreifens vor einer Bodenoffensive in Sicherheit gebracht werden.

Laut UNICEF sollen sich ca. 600'000 Kinder in Rafah befinden.

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Geflüchtete auf dem Weg nach Rafah. Bild: keystone

Was kommt danach?

Das hängt davon ab, ob der israelische Premier Netanjahu die Kriegsziele als erreicht definiert oder nicht. Die militärischen Operationen in Gaza, Dschabalia und Chan Junis sind zwar grösstenteils abgeschlossen, da die dortigen Hamas-Bataillone geschlagen sind. Doch noch immer kommt es zu einzelnen Gefechten mit verbliebenen Terroristen.

Israels Premier Netanjahu hat wiederholt klargemacht, dass ein unabhängiger Palästinenserstaat nicht infrage komme. Israel will auch nach dem Krieg für die Sicherheit im Gazastreifen sorgen. Dieser soll jedoch nicht erneut besetzt werden. Stattdessen gibt es israelische Pläne, dass Palästinenser, die nichts mit der Hamas zu tun hatten, die Kontrolle im Gazastreifen übernehmen sollen.

Die USA sprechen sich für eine Zweistaatenlösung aus. Dazu soll eine reformierte Palästinensische Autonomiebehörde die Macht im Gazastreifen übernehmen. Die Autonomiebehörde mit Präsident Mahmud Abbas kontrolliert heute schon Teile des Westjordanlands und hatte vor der Machtergreifung der Hamas auch die Kontrolle über den Gazastreifen.

Wieso ist die Offensive so umstritten?

Es gibt viele Stimmen, die vor einer Bodenoffensive warnen. Vor ihrem Besuch in Israel am Dienstag machte etwa die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock klar:

«Eine Grossoffensive auf Rafah darf es nicht geben.»

Dies sagte sie mit Blick auf die vielen Zivilisten in der Stadt. Diese könnten sich nicht in Luft auflösen, so Baerbock. Damit ist sie nicht alleine. Auch die USA, der wichtigste Verbündete Israels, machen mehr und mehr ihrem Unmut Luft. Die Biden-Regierung warnte wiederholt vor einer Bodenoffensive in Rafah. Die USA sehen es als unmöglich an, die Zivilisten in Rafah vor einer Bodenoffensive in Sicherheit zu bringen. Laut Aussenminister Blinken würde eine solche Offensive mehr tote Zivilisten und eine Verstärkung der humanitären Krise bedeuten.

Donald Trump, der sich gut mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu versteht und eine klare Pro-Israel-Haltung vertritt, sagte am Montag in einem Interview mit der israelischen Zeitung Hayom:

«Ihr müsst den Krieg beenden. Israel muss sehr vorsichtig sein, ihr verliert einen Grossteil der Welt. Ihr verliert viel Unterstützung.»

Ägypten wiederum warnte Israel, sollte eine Bodenoffensive die Palästinenser in Rafah nach Ägypten vertreiben, würde dies das Friedensabkommen zwischen Ägypten und Israel, das seit 1979 besteht, gefährden.

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und DPA

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tugium
26.03.2024 19:14registriert Oktober 2017
Versteheht denn Netanjahu überhaupt was er da gerade anrichtet?
Von der menschlichen Tragödie abgesehen, züchter er eine ganze Generation von neuen Israel hassenden Extremisten heran.
Der Hass auf Israel und die Juden in anderen Ländern steigt täglich, und es werden leider noch viele andere und schlimmere Taten wie die in der Schweiz passieren.
Der Hamas muss der Gar ausgemacht werden klar, aber muss man dazu 75% des ganen Gazastreifens in Grund und Boden bomben?🙈
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Hood68
26.03.2024 19:59registriert Dezember 2023
Was beweist was dieser Mann wirklich ist nämlich ein Machthungriger Despot!
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GRoA -Gruppe Russland ohne Armee
26.03.2024 18:32registriert März 2022
So oder so muss der bei der ersten Auslandsreise verhaftet werden.
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