Dass es in der Gioventù Nazionale von Rechtsextremisten nur so wimmelt, ist in Italien seit Jahren ein offenes Geheimnis. Nun hat aber das Online-Newsportal «fanpage.it» mit einer Undercover-Recherche das ganze Ausmass einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Journalisten des Portals gaben sich als Sympathisanten der Meloni-Jugend aus, haben sich so in die Gioventù Nazionale eingeschleust. Bei inoffiziellen Veranstaltungen hinter verschlossenen Türen drehten sie heimlich Videoaufnahmen und nahmen die Gespräche auf. Die veröffentlichten Ausschnitte daraus lassen dem grössten Teil des italienischen Publikums die Haare zu Berge stehen.
Zu sehen und zu hören sind junge Meloni-Anhänger, die «Sieg Heil» rufen, dem Duce und dem Nationalsozialismus huldigen, den rechten Arm zum faschistischen «Römer Gruss» recken. Zu vernehmen sind auch übelste rassistische und antisemitische Einlassungen.
Die in zwei Teilen publizierten Recherchen über die Gioventù Nazionale sorgen in Rom seit Tagen für Gesprächsstoff – und bringen Regierungschefin Giorgia Meloni zunehmend unter Druck. Am Rande des Treffens der EU-Staats- und Regierungschefs erklärte sie, dass es sich um «Einstellungen» handle, «die mit jenen der Fratelli d'Italia nicht vereinbar sind».
Schon zuvor hatte der Parlamentarier Giovanni Donzelli, Parteifreund und enger Vertrauter von Meloni, in einem ähnlich lautenden Statement betont, dass es «in unserer Partei keinen Platz für Extremisten, Rassisten und Antisemiten» gebe.
Aber die Aufzählung der unerwünschten Gesinnungen war nicht ganz vollständig: Es fehlten die Faschisten. Das hat System: Meloni weigert sich seit ihrem Amtsantritt vor knapp zwei Jahren beharrlich, sich als Antifaschistin zu bezeichnen.
Das bedeutet nicht, dass sie selber faschistisches – und damit demokratiefeindliches – Gedankengut vertritt: Selbst ihr schärfster Kritiker, der linke Journalist und Autor Roberto Saviano, attestiert Meloni, dass sie sich auf dem Boden des demokratischen Rechtsstaats bewege, auch wenn sie eine teilweise autoritäre und illiberale Linie verfolge. Aber die unvollständige Aufzählung zeigt eben auch, dass Faschisten in ihrer Partei weiterhin Platz haben.
Melonis wichtigster Grund, sich nicht ein für alle Mal und eindeutig vom Faschismus abzugrenzen, besteht darin, dass sie die Duce-Nostalgiker in ihrer eigenen Partei nicht verprellen will. Davon gibt es bei den Fratelli d'Italia immer noch viele, und einige von ihnen bekleiden hohe Ämter.
Senatspräsident Ignazio La Russa hat eine Büste von Diktator Benito Mussolini auf dem Kaminsims stehen. Melonis Schwager und Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida schwadroniert von einer «ethnischen Ersetzung», die wegen der Immigration drohe. Die Liste der rechtsextremen Entgleisungen aus Melonis Umfeld liesse sich beinahe beliebig verlängern.
Inzwischen gehen auch alte Weggefährten Melonis auf Distanz und raten der Regierungschefin, über ihren eigenen Schatten zu springen und sich aus der Umarmung der Nostalgiker zu lösen. «Meloni muss Führung zeigen und die letzten Schlammlöcher des Faschismus trockenlegen», betonte der Rechtsintellektuelle Alessandro Giuli diese Woche.
Offenbar wird sich allmählich auch Meloni bewusst, wie sehr die Videos mit den Extremisten in ihrer Jugendorganisation mit dem moderaten politischen Profil kontrastieren, das sie sich auf der internationalen Bühne bisher gegeben hat – und wie gross der Imageschaden für das von ihr regierte Italien zu werden droht, wenn sie nun nicht energisch durchgreift.
Medienberichten zufolge versuchen die Parteispitzen der Fratelli d'Italia nun, anhand der von «fanpage.it» veröffentlichten Videos die Rädelsführer der «Baby-Faschos» zu identifizieren. Dem Vernehmen nach soll gegen mindestens ein Dutzend von ihnen ein Ausschlussverfahren eingeleitet werden. (aargauerzeitung.ch)