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A convoy of Italian Army trucks arrives from Bergamo carrying bodies of coronavirus victims to the cemetery of Ferrara, Italy, where they will be cremated, Saturday, March 21, 2020. The transfer was made necessary since Bergamo mortuary reached maximum capacity. For most people, the new coronavirus causes only mild or moderate symptoms. For some it can cause more severe illness, especially in older adults and people with existing health problems. (Massimo Paolone/LaPresse via AP)

Weil die Friedhöfe von Bergamo voll sind, werden die Toten in Militärlastwagen nach Ferrara gebracht. Bild: AP

Vom Industrie-Motor Italiens zum Lazarett Europas – Bergamo am Abgrund

Vom industriellen Motor der Lombardei zum Wuhan Europas: Die geschäftstüchtige Stadt Bergamo ist in wenigen Wochen zum Lazarett Italiens geworden.



Bergamo und Umgebung sind mit 5869 Infizierten und fast tausend Toten das Zentrum der Pandemie in Europa. Keine italienische Stadt ist so stark vom Coronavirus betroffen. Die Zahl der Toten ist so hoch, dass seit Tagen die Lagerkapazität der Leichenhalle in Bergamo ausgeschöpft ist. Dies gilt auch für den einzigen Krematoriumofen, der derzeit 24 Stunden durchgehend läuft. Sowohl der Friedhof, als auch die Bestattungsinstitute sind seit längerem nicht mehr aufnahmefähig.

In der 120'000-Einwohner-Stadt sind Transporter der Armee pausenlos auf den Strassen unterwegs, um die Särge der Verstorbenen zu den Krematorien anderer Regionen zu bringen. Die Bilder des langen Konvois von Militärlastwagen erschütterten die Welt.

Kein Licht am Ende des Tunnels

«Leider sehen wir immer noch kein Licht am Ende des Tunnels. Ich hoffe, dass sich in den nächsten Tagen die Situation bessert», kommentierte der Bürgermeister Giorgio Gori die Lage. Soldaten sind bei der Errichtung eines Feldkrankenhauses auf dem Messegelände Bergamos im Einsatz. Hier sollen Plätze für 300 Covid-Kranke entstehen, davon 100 auf der Intensivstation.

Medical staff assist a patient in the Intensive Care Unit of the Bergamo Papa Giovanni XXIII hospital, Italy, Tuesday, March 17, 2020. For most people, the new coronavirus causes only mild or moderate symptoms. For some it can cause more severe illness, especially in older adults and people with existing health problems.(ASST Papa Giovanni XXIII via AP)

Ein Patient auf der Intensivstation von Bergamo. Bild: AP

Bergamo trauert um eine ganze Generation von Menschen, die dem Coronavirus erlegen ist. Fast jede Familie weint um einen Angehörigen, der mit Coronavirus-Symptomen in die Intensivstation eingeliefert wurde und in wenigen Tagen allein sterben musste, ohne dass Verwandte ihm zur Seite stehen konnten. Viele Menschen konnten sich nur mehr per Telefon von dem Sterbenden verabschieden. Auf eine Trauerzeremonie muss verzichtet werden, da diese jetzt verboten sind.

Einsames Sterben auf der Intensivstation

Severa Belotti (82) und Luigi Carrara (86) aus der Gemeinde Albino bei Bergamo waren seit 60 Jahren verheiratet. Sie erlagen im Abstand von nur wenigen Stunden dem Coronavirus. «Ich habe von ihnen nicht Abschied nehmen können. Sie sind allein auf der Intensivstation gestorben, so geht es mit diesem fürchterlichen Virus fast jedem. Meine Eltern waren zwar ältere Menschen, sie waren aber bisher gesund», berichtete der Sohn der Opfer, Luca Carrara.

Die lokale Zeitung «L'Eco di Bergamo» veröffentlicht statt den bisherigen drei Seiten jetzt täglich elf Seiten mit Todesanzeigen. «Da Trauerzeremonien derzeit nicht stattfinden können, sind für viele Angehörige Todesanzeigen der einzige Weg, ihrem Leid Ausdruck zu geben. Durch Traueranzeigen wird einem klar, dass die Covid-Toten Menschen und nicht nur Zahlen sind», sagt Chefredakteur Alberto Ceresoli.

Local newspaper Eco di Bergamo features several pages of obituaries in its March 17, 2020 edition, in Mediglia, Italy, Wednesday, March 18, 2020. Bergamo is at the heart of the hardest-hit province in Italy’s hardest-hit region of Lombardy. For most people, the new coronavirus causes only mild or moderate symptoms. For some it can cause more severe illness, especially in older adults and people with existing health problems. (AP Photo/Luca Bruno)

Die Traueranzeigen in der lokalen Zeitung füllen Seiten um Seiten. Bild: AP

Viele Helfer bezahlen hohen Preis

Täglich berichtet Ceresoli über den Kampf seiner Stadt gegen die Pandemie. «Ein ehrenamtlicher Helfer des Roten Kreuzes, ein Arzt, ein Carabiniere, ein Dutzend Priester: Das sind nur einige der Opfer des Coronavirus in einer Stadt, die wegen dieser Epidemie einen unermesslich hohen Preis zahlt. Es handelt sich um Menschen, die im Dienst für andere standen, die gestorben sind, während sie sich um die Mitmenschen kümmerten», meint Ceresoli.

Auch Prominente beklagen Verluste. So trauert die aus Bergamo stammende Snowboard-Weltcupgesamt- und Olympiasiegerin Michela Moioli um ihre Grossmutter. «Fünf Minuten lang hat die Abschiedszeremonie von meiner Grossmutter gedauert. Und dabei hatten wir noch Glück: Viele können sich von ihren Angehörigen nicht einmal verabschieden», sagte Moioli. Auch ihr Grossvater Antonio habe Covid-19. Ihre Goldmedaille widmete sie ihrer Stadt, die sich in der Epidemie heldenhaft tapfer zeige.

Das lombardische Gesundheitssystem steht angesichts der Lawine neuer Infektionsfälle vor dem Kollaps. Daniele Macchini, Chirurg im Krankenhaus «Humanitas Gavazzen» von Bergamo, berichtet von einem täglichen Drama, das sich in den Spitälern der Lombardei abspielt. «Ein Krieg ist im Gange und wir kämpfen Tag und Nacht an vorderster Front», meint Macchini. Dabei kommen auch Mediziner ums Leben. Mindestens 17 Ärzte sind seit Beginn der Epidemie gestorben. Circa 10 Prozent aller Infizierten sind Sanitäter. (sda/apa)

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dirk Leinher 23.03.2020 13:18
    Highlight Highlight Um alles besser einschätzen zu können: Das Durch­schnitts­­alter der positiv-getesteten Verstorbenen in Italien liegt bei ca. 81 Jahren. 10% der über 90 Jahre, 90% über 70 Jahre alt. 80% der Verstorbenen hatten zwei oder mehr chronische Vorerkrankungen. 50% der Verstorbenen hatten drei oder mehr chronische Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Atemprobleme, Krebs. Bei weniger als 1% der Verstorbenen habe es sich um gesunde Personen gehandelt, d.h. um Personen ohne chronische Vorerkrankungen.
    https://www.epicentro.iss.it/coronavirus/sars-cov-2-decessi-italia
  • FCK NATO PACT 22.03.2020 14:55
    Highlight Highlight Schaut ich das Video von der Tagesschau ab 10:30 an.
    Dort sagt der Mediensprecher, dass es bei den Toten nicht nur um Tote handelt die an Corona gestorben sind, sondern um alle Toten.

    Play Icon
    • Dirk Leinher 23.03.2020 16:04
      Highlight Highlight Besser nicht aber dies nicht zu erwähnen mach es schlechter als es ist. Die Informationen sind wichtig um die Situation korrekt einzuschätzen. Es ist keine Neuigkeit, dass Menschen sterben, das war schon immer so. Dass 90% der positiv getesteten Verstorbenen über 70 Jahre alt und 10% über 90 Jahre alt sind und 80% an 2 oder mehr chronischen Vorerkrankungen litten und weniger als 1% keine chronische Vorerkrankung aufweisen sind sehr wichtige Informationen.
  • «Shippi» 22.03.2020 14:00
    Highlight Highlight Der italienische Zivilschutzleiter – der die Todeszahlen täglich aktualisiert – spricht immer von Toten «mit SARS-Cov-2» und nicht «wegen». Zurzeit sterben in Norditalien auch gehäuft Menschen wegen anderen Gründen, weil das Gesundheitssystem nicht mehr funktioniert. Bitte erwähnt das doch.
    • Posersalami 22.03.2020 17:56
      Highlight Highlight Und warum funktioniert das Gesundheitssystem auf einmal nicht mehr? Na?

      Tut mir leid für dich, aber man die (direkte und indirekte) Gefährlichkeit des neuen Virus nicht weg relativieren.
    • «Shippi» 22.03.2020 23:04
      Highlight Highlight Es funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Man muss sich bloss informieren und nicht nur stundenlang im Newsticker verweilen.
    • Toni Müller 23.03.2020 12:49
      Highlight Highlight Und weshalb sind's dann 10x so viele Tode wie normal? Diese Menschen wären ohne das Virus noch nicht gestorben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • rodolofo 22.03.2020 12:36
    Highlight Highlight Vielleicht brauchte es diese Lektion an die Adresse der faschistoiden und selbstherrlichen Lega und ihren "Starken Mann", Salvini der Schiffe mit afrikanischen Flüchtlingen an Bord, die durch beherzte RetterInnen vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet wurden, nicht in die Häfen einlaufen liess und der Kapitänin Rakete den Prozess machte, WEIL sie so "kriminell" war, Menschenleben zu retten...
    Aber mit allen anderen ItalienerInnen leide und fühle ich mit!
    Die Corona-Viren unterscheiden ja nicht zwischen guten und schlechten Menschen, so wie ein Erdbeben alles erschüttern kann.
    Buona fortuna!
    • foreva 22.03.2020 17:10
      Highlight Highlight Bei so einem abscheulichem Kommentar frage ich mich wo ihr Mitgefühl gebliebenen ist. Jeder Tote egal ob durch Ertrinken oder durch das Virus ist einer zuviel!
    • rodolofo 22.03.2020 17:32
      Highlight Highlight @ forecast
      Diese Reaktion kenne ich...
      Abscheulich ist wie gesagt, was Salvini und seine rechtsnationale bis faschistische Lega gemacht hat!
      Gewisse Täter-Gruppen lernen leider erst Mitgefühl, wenn sie selber in die Lage von Opfern geraten.
      Mir dieses fehlende Mitgefühl jetzt vorzuwerfen kann diese Tatsache nicht ändern.
      Tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber manchmal ist das Leben hart und muss auch hart sein.
      Ich hoffe, Leute wie Salvini und seine Lega lernen etwas daraus.
      Aber Ihrem Kommentar nach zu schliessen, wird diese Chance ein weiteres Mal verpasst...
    • Max Dick 22.03.2020 17:46
      Highlight Highlight Jeder, der die Corona-Krise für irgendwelche politischen Statements missbraucht, sollte sich SCHÄMEN. Wer es dann auch noch schafft, seinen politischen Gegnern Corona zu wünschen, wie es der Schreiber hier tut, der sollte sich echt fragen, was für eine Art Mensch er/sie ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Posersalami 22.03.2020 12:24
    Highlight Highlight „ Mindestens 17 Ärzte sind seit Beginn der Epidemie gestorben.“

    Die waren sicher auch schon alt und hatten ganz viele Vorerkrankungen, nehme ich an?
    • Zyniker haben es leichter 22.03.2020 20:57
      Highlight Highlight Ziemlich sicher, ja. Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
  • Gopfridsenkel 22.03.2020 12:03
    Highlight Highlight Vielen Dank für diesen rührenden Beitrag. Durch die täglichen Meldungen mit Zahlen vergisst man leider, dass da einzelne schlimme Schicksale dahinter stecken. Hinter jeder einzelnen Zahl. Mein Beileid an alle, die bisher Verluste erleiden mussten und mögen diese traurigen Nachrichten möglichst bald ein Ende finden :-(
  • Füürtüfäli 22.03.2020 12:01
    Highlight Highlight In norditalien kam es schon im Dezember 2019 zu einer ungewöhnlich hohen Anzahl an krankenhausbedürftigen Lungeninfektionen.
    Es gibt da eine Artikel in der la repubblica.

    Ich denke, daß waren bereits Covid19 Fälle.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Imfall 22.03.2020 11:55
    Highlight Highlight und bei uns gibt's immer noch Leute, die meinen es sei alles im normalen Bereich... 😕

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